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EDITORIALE
Aus Nr. 04 - 2004

HEILIGE. Annibale Maria di Francia und Luigi Orione

Der Heilige des Erdbebens


Annibale Maria Di Francia repräsentiert den Aufbruch von Leben vor dem Hintergrund einer der verheerendsten Tragödien, wie es das Erd- und Seebeben in Messina 1908 gewesen ist. Ein Vortrag unseres Chefredakteurs bei der Tagung an der Lateranuniversität in Rom am 6. Mai.


Giulio Andreotti


Annibale Maria Di Francia

Annibale Maria Di Francia

Ich bin den Rogationistenpatres dankbar, dass sie mir die Gelegenheit gegeben haben, die, zuvor sehr oberflächliche, Kenntnis einer großen Gründergestalt und der beiden von ihm ins Leben gerufenen Ordensfamilien zu vertiefen: Don Annibale Di Francia.
Manchmal ist Verwunderung zu vernehmen über die Vervielfachung der Tätigkeit der Kongregation für die Heiligsprechungsprozesse unter dem Pontifikat des jetzigen Papstes. Doch ich glaube, dass man darin eine doppelte, äußerst positive Botschaft sehen muss. Einerseits die Einladung, die Modernität, oder besser: die Aktualität, vieler dieser Gestalten zu betrachten, denen Tugenden in heroischem Grad zuerkannt wurden. Anderseits empfinden wir viele der Heiligen von Johannes Paul II. als uns besonders „nahe“: Heilige jeden Alters, aus jedem kulturellen und sozialen Milieu und jeder geographischer Provenienz. In ihnen haben wir Stützpunkte der Meditation und des Kontrastes gegenüber den Charakteristiken eines bestürzenden Konzeptes von Fortschritt in Unordnung, der die Welt friedlos macht.
Aber es geht um mehr noch. In der Tradition herkömmlicher Frömmigkeit war Heiligkeit im wesentlichen auf die Märtyrer der ersten Jahrhunderte oder jedenfalls Gestalten weit zurückliegender Jahrhunderte bezogen. Und wenn man der Jugend, abgesehen vom kleinen hl. Tarzisius (der stets im Zusammenhang mit der Erstkommunion aufgeboten wurde), Vorbilder vorstellte, wie die drei Jesuitennovizen Aloysius Gonzaga, Stanislaus Kostka und Johannes Berchmans, weckte man gewiss Verehrung, jedoch in einem Vergangenheitskontext. Nicht leicht war beispielsweise die Entscheidung von Pius XI. zu begreifen ­– ich spreche natürlich im allgemeinen –, die kleine Schwester Theresia, in ihrem Konvent in Lisieux eingeschlossen, zur Patronin der Missionen zu erklären, während man leichterdings die Freude teilte, Don Giovanni Bosco auf den Altären zu sehen.
Der Heilige, den wir hier heute feiern, scheint mir drei Merkmale zu besitzen. Das erste: er ist tief verbunden mit der Geschichte der italienischen Nation. Das zweite: er repräsentiert den Aufbruch von Leben vor dem Hintergrund einer der verheerendsten Tragödien, wie es das Erd- und Seebeben in Messina 1908 gewesen ist. Das letzte: es ist schon besonders, unseren Heiligen als Freund eines anderen Heiligen – Don Orione – zu sehen und als frommen Pilger bei einem dritten Heiligen, Pater Pio, bei der Reise von Pater Annibale nach San Giovanni Rotondo im Jahr 1919. Er war in eine aristokratische Familie hineingeboren worden, doch er ermahnt uns, wenn er in Einfachheit schreibt: „Adelig, reich oder arm geboren zu werden, ist nicht wesentlich für die Heiligkeit; aber der Glanz der Tugend ist freilich noch bewundernswerter, wenn er sich verbindet mit dem des Adels.“ Doch im Kontrast des sozialen Status – zwischen seiner Herkunft und dem Objekt seines Apostolats – haben wir vielleicht den Schlüssel zum Verständnis der Originalität und der Dichte der Persönlichkeit; er verspürt, nicht berufen zu sein zu den sozusagen bürokratischen Funktionen des Diözesanklerus, sondern dass er einen Höhenflug beschreiben muss mit kreativen Initiativen.
Erste Hilfe für die Erdbebenopfer von Messina.

Erste Hilfe für die Erdbebenopfer von Messina.

Die sizilianische Adelsabstammung des Vaters lässt denken, dass unser Heiliger ohne einen besonderen Anruf Gottes, auch mit Priesterberufung, etwa ein Hauskaplan des Typs von Don Pirrone im Gattopardo hätte sein können. Die Begegnung des jungen Diakons mit dem Armen des Avignone-Viertels bezeichnet hingegen, nicht nur für ihn, sondern für die Gesellschaft und für die Kirche, eine außerordentliche kreative Wende in zwei Richtungen: die Sorge für die Waisen und die Verbreitung des Gebets für geistliche Berufe. Ich will mich nicht auf das heikle Terrain eines für ihn möglichen literarischen Erfolgs begeben, sofern er sich vorwiegend der Poesie gewidmet hätte. Ich bin kein Kritiker, und ich hüte mich davor, ein Urteil abzugeben über die in seinen Biographien gelesenen Gedichtsproben. Es finden sich jedoch in der von Pater Sapienza zusammengetragenen Maximensammlung einige Punkte, die wirklich faszinieren. Die Definition der Zeit zum Beispiel: „Alles vergeht, alles endet, die Zeit fliegt in rasendem Tempo dahin. Heute seid ihr Kinder, morgen junge Leute, übermorgen werdet ihr alt sein, und dann kommt die Ewigkeit.“ Sein Inspirationsgedanke war es, Waisen – zuerst Mädchen und später Jungen – aufzunehmen, um ihnen eine Lebensperspektive zu geben. Er selbst wird sagen: „Man bedenke, dass ein Waisenkind einer fatalen Zukunft zu entreißen und ihm das Gedeihen des geistlichen und zeitlichen Lebens zu geben, ein Gut wahrer Erlösung ist.“
Wie viele Gründer begegnete er ungeheuren Schwierigkeiten nicht nur (und vielleicht nicht so sehr) durch die Auswirkungen einer zivilen Gesellschaft, die von militantem Antiklerikalismus geprägt war, akzentuiert auch durch die leidvolle Geschichte des italienischen Risorgimento mit ihrem post-temporalistischen Nachhall.
Schweres Unverständnis und Hindernisse wurden ihm auch von Seiten der katholischen Welt auf allen Ebenen entgegengebracht. Die Beschreibung der „apostolischen Visitation“ des Rota-Auditors Msgr. Parrillo ist erschütternd, wenn auch eine Klärung fast unmittelbar erfolgte. Spontan kommt einem der Vergleich mit den Inspektionen von Pater Gemelli und Msgr. Maccari bei Pater Pio.
Die Erwähnung von Pater Pio lässt mich eine respektlose Betrachtung anstellen. Die weltweite Verbreitung der Gebetsgruppen und auch der Erfolg der Pater Pio gewidmeten Fernsehproduktion haben zum Teil die jahrhundertelange Popularität des hl. Antonius von Padua geschmälert, der eine Symbolgestalt der Liebe zu den Armen und, davon abgesehen, Kirchenlehrer ist.
Pater Annibale nahm den hl. Antonius zum Vorbild für sein karitatives Werk und überließ diese charakteristische Inspiration, die sich niemals abnützen wird, seinen Kindern.
Während der Staat sich auf hochrangige Untersuchungen über Sizilien konzentrierte (siehe die Depretis-Kommission von 1875, den Bonfadini-Bericht von 1876 oder den außerparlamentarischen Sonnino-Franchetti-Bericht gleich darauf), waren im Namen Jesu Pater Annibale und andere Männer der Kirche tätig: Sie studierten nicht, sondern verwirklichten konkrete Hilfsinitiativen für die Verlassenen und Kranken.
Es hat mich getroffen, in der Chronik Ihres Heiligen, den Namen eines Erzbischofs von Messina, Msgr. Angelo Paino, zu lesen, dessen Bekanntschaft ich machte, als er in der Nachkriegszeit zu Präsident De Gasperi kam, um bei ihm die Anliegen der Bevölkerung von Messina deutlich zu machen, das damals infolge der Bombardierungen verwüstet war. Seltsame Zyklen der Zerstörung, die ein Volk heimsuchen: 1854 die Cholera, 1908 das Erdbeben und in den Vierzigerjahren die Bomben.
Waisenjungen bei der Arbeit in der Druckerei.

Waisenjungen bei der Arbeit in der Druckerei.

Es sei mir gestattet, hier am Rande zu erwähnen, dass eine organische Gesetzgebung für den Mezzogiorno und ein Sonderstatut für Sizilien erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts kommen sollten, gerade durch die Initiative von Präsident De Gasperi.
Die Haltung der Zivilbehörden gegenüber den antonianischen Waisenhäusern und ihrem Gründer war irrational und ungerecht. Anstatt den Männern und Frauen, die die Waisen dem Elend entrissen und ihnen ein Heim und berufliche Ausbildung gaben, Dankbarkeit zu bekunden, ergingen sie sich in peniblen Kontrollen und verübten bisweilen eine regelrechte Verfolgungstaktik bis auf die Justizebene. Der Staat meinte überdies, das Problem durch das sogenannte Betteleiverbot mit strafrechtlicher Belangung zu lösen.
Es sei jedoch gesagt, dass eine gewisse Mentalität sich abgeschwächt hat, aber nicht verschwunden ist. Man denke nur an die ganzen Polemiken zur katholischen Schule, die nur die – nicht einmal totale – Gleichstellung will, die vom Grundgesetz des Staates vorgesehen ist.
Aldo Moro sah sich vor eine Regierungskrise gestellt, weil er vorgeschlagen hatte, den von Schwestern geführten Kindergärten kleine Beihilfen zu geben. Vielleicht sollten wir hier mehr reagieren und Anerkennung verlangen für das, was die katholischen Schulen – aber das gilt noch mehr für die karitativen Werke – für die Bildung der Italiener geleistet haben ohne irgendwelche, oder bestenfalls sehr geringe, Unterstützung durch die öffentliche Hand.
Schwierigkeiten und Hindernisse vermochten die Pläne unseres Heiligen niemals aufzuhalten. Eine seiner Maximen – ich habe sie in der von Pater Leonardo Sapienza (mit der wirksamen, schon bei Paul VI. angewandten Methode) zusammengetragenen Sammlung gelesen – sagt: „Wenn in unseren Unternehmungen alles drunter und drüber geht, bleibt kein anderer Trost als die Fügung in Gottes Willen, der alle Dinge gut macht, auch wenn wir es nicht verstehen.“
In der Jugend verfolgte Pater Annibale die letzten Ereignisse um Pius IX. dank einer konsularischen Aufgabe, mit der sein Vater vom Kirchenstaat beauftragt worden war. Was ihn persönlich angeht, ist nichts bekannt, gewiss jedoch hegte man in seiner familiären Umgebung kaum Sympathien für Garibaldi, der das Königreich beider Sizilien liquidierte, und den Piemont, der Rom einnahm. Direkt war hingegen die Beziehung zu Pius X., dessen Pontifikat begann, als Pater Annibale 27 Jahre alt war.
Dramatisch sind die Seiten, welche die Bestürzung unseres Heiligen beim Erhalt der Nachricht vom Erdbeben beschreiben, als er am Tag nach Weihnachten in Rom eintraf, um gerade von Pius X. empfangen zu werden. Achttausend Tote, so war durch die Ausrufer der Zeitungen zu vernehmen.
Pater Annibale bricht unverzüglich auf, muss aber einen ganzen Tag lang auf dem Bahnhof Termini auf einen Zug nach Neapel warten; die Einschiffung dort gelingt fast wie durch ein Wunder (ein Passagier verzichtet auf die Überfahrt); die Unmöglichkeit für das Schiff, in Messina anzulegen, und der quälende Blick von Bord auf die zerstörte Stadt; Ankunft schließlich in Catania und Benachrichtigung durch geflüchtete Franziskaner, dass seine Waisen am Leben sind, leider aber dreizehn Schwestern unter den Trümmern den Tod gefunden haben.
Das Avignone-Viertel in Messina auf einem Foto aus dem 19. Jahrhundert.

Das Avignone-Viertel in Messina auf einem Foto aus dem 19. Jahrhundert.

Der Bericht an den Senat des Königreiches über das Erdbeben von Messina – datiert von 1909 – ist erschütternd: „Ein Augenblick der Macht der Elemente hat zwei edle, teure Provinzen verwüstet; zunichte gemacht sind viele Jahrhunderte an Werken und an Zivilisation. Es ist nicht nur ein Unheil für das italienische Volk; es ist ein Unheil für die Menschheit, denn der erbarmungsvolle Aufschrei erschallte diesseits und jenseits der Alpen und der Meere und vereinigte und mischte zu einem Wettstreit des Opfers und der Brüderlichkeit, alle Person, Klasse, Nationalität. Das Erbarmen der Überlebenden versucht die Revanche der Menschheit über die Gewalten der Erde. Vielleicht ist weder das Schreckensbild in unserem Verstand vollständig, noch der Begriff von dem großen Unheil klar, ebensowenig mögen wir in der Lage sein, die Proportionen des Abgrundes auszumessen, aus dessen fürchterlicher Tiefe wir auferstehen wollen. Wir wissen, dass der Schaden immens ist und dass große und unverzügliche Hilfe not tut.“
Der Staat stellte augenblicklich 30 Millionen Lire bereit und verfügte auch einen Steueraufschlag für die beitragspflichtigen Bürger der ganzen Nation. In den öffentlichen Akten nicht erwähnt wurde der private Beitrag von Menschen und Institutionen, ohne den jeder Wiederaufbauplan unmöglich gewesen wäre. Von Pater Annibale wird natürlich in den öffentlichen Akten nichts gesagt.
Die Zerstörungen des Erdbebens öffneten den Töchtern des Göttlichen Eifers und den Rogationisten vom Herzen Jesu den Weg zu einem obligaten Exodus und ließ konstruktive Niederlassungen in Apulien entstehen, wo – wenn auch nicht ohne gewisse Schwierigkeiten – die Aufnahme herzlich war und die Wurzeln soliden Halt fanden. Messina blieb jedoch stets das geistliche Zentrum der beiden Gemeinschaften auch als diese, was recht und logisch war, in die Ewige Stadt kommen sollten, um die religiöse und zivile Physiognomie Roms zu bereichern.
Zu Pius X. war Pater Annibale bald nach der abgesagten ersten Audienz jenes schrecklichen 28. Dezembers gegangen. Er wurde herzlich empfangen, und der Papst billigte, wenn auch mit Einschränkungen, den Vorschlag, die Bitte um geistliche Berufungen unter die Bitten der Heiligenlitanei aufzunehmen. Das statutengemäße Interesse Ihrer Kongregation für dieses Thema kann nicht auf den ersten Blick verstanden werden.
Annibale Maria Di Francia mit seinen ersten Mitarbeitern in Messina (1897).

Annibale Maria Di Francia mit seinen ersten Mitarbeitern in Messina (1897).

Wenn die geistliche Berufung ein Anruf Gottes ist, wie wir bei jeder Priesterweihe immer wieder hören, einschließlich der letzten unter dem Vorsitz des Heiligen Vaters im eindrücklichen Rahmen der Vatikanbasilika, als der Papst den Weihekandidaten in Erinnerung brachte: „Non vos me elegistis, sed ego elegi vos“, so mag ein Gebet ad hoc als überflüssig, wenn nicht gar aufdringlich erscheinen. In wunderschöner Einfachheit gibt uns Pater Annibale mit seinem Ausspruch „Gott will, dass man ihn bittet“ darauf die Antwort.
Die tröstliche Landkarte der Ausbreitung Ihrer beiden Ordensfamilien in den verschiedenen Kontinenten entspricht einer zweifachen Notwendigkeit, die gewiss nicht dazu bestimmt ist, sich zu erschöpfen. Sowohl die zivile und religiöse Erziehung der Jugend als auch das Gebet, dass es der Herr nicht an Arbeitern in seinem Weinberg fehlen lasse, sind Anliegen, die niemals untergehen werden.
Es sei mir gestattet, eine persönliche Note hinzuzufügen. Die Biographie von Pater Annibale und die Lektüre des kanonischen Prozesses hat bei mir eine lebhafte Gefühlsregung hervorgerufen. Auch ich habe meinen Vater verloren, als ich zwei Jahre alt war; und auch ich bin einer Ordensgemeinschaft in großer Dankbarkeit verbunden: den Somaskerpatres des hl. Girolamo Emiliani. In ihrem römischen Waisenhaus beherbergten diese meinen Bruder, und durch den benachbarten Pfarrer von Santa Maria in Aquiro empfingen meine Mutter und ich wesentliche Hilfe. Doch nicht nur das: Wenn ich lese, dass das Wunder für die Heiligsprechung die Genesung der kleinen Nicole betrifft, die an Gehirnhautentzündung erkrankt war, so denke ich voller Zärtlichkeit an meine einzige Schwester, die in jungen Jahren durch diese schreckliche Krankheit dahingerafft wurde. Wenn wir damals Pater Annibale, der acht Jahre zuvor gestorben war, gekannt und zu ihm gebetet hätten, wäre es vielleicht anders gekommen und auch seine Seligsprechung wäre beschleunigt worden.


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