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NEUE SELIGE
Aus Nr. 01/02 - 2011

Mutter Pierina und das Antlitz Jesu


Die Geschichte einer Nonne, die den Glauben lebte als Blick auf das süße Antlitz Jesu: In Argentinien, Mailand und in Rom.


von Davide Malacaria


Rom, Basilika Santa Maria Maggiore (30. Mai 2010): die Seligsprechung von Mutter Pierina. [© Romano Siciliani]

Rom, Basilika Santa Maria Maggiore (30. Mai 2010): die Seligsprechung von Mutter Pierina. [© Romano Siciliani]

 

Vom Erdgeschoss, in dem sich der Kindergarten befindet, dringt fröhliches Kinderlachen herauf. Hier im Obergeschoss dagegen herrscht meditative Stille. Zwischen dieser Stille in den Zellen der Schwestern und dem fröhlichen Lärm spielender Kinder scheint eine Art stillschweigende Harmonie zu herrschen. Mitten im Grünen, gleich hinter dem charakteristischen römischen Viertel Testaccio, liegt das Heilig-Geist-Institut, in dem die Töchter von der Unbefleckten Empfängnis von Buenos Aires leben und wirken. Auch Mutter Pierina De Micheli, mit weltlichem Namen Giuseppina, gehörte diesem Frauenorden an. Sie wurde am 30. Mai 2010 seliggesprochen. Ihre Habseligkeiten sind noch immer hier, im ersten Stock, in dem Zimmer, das sie in den ersten Jahren bewohnt hat: es ist aufgeräumt, ordentlich, alles in Reih und Glied, wie in einem Ausstellungssaal. Eine Schwester führt uns herein und deutet auf einen Schaukasten gleich bei der Eingangstür. Hier befinden sich die Gegenstände, die der Seligen teuer waren: eine kleine Jesuskind-Figur aus Keramik erregt unsere besondere Aufmerksamkeit. Unsere Begleiterin erzählt uns, dass die Selige sie oft umarmt hat. Der Schaukasten daneben enthält weniger erfreuliche Erinnerungsstücke: das zerbrochene Kruzifix der Seligen, die Reste einer verbrannten Decke. Gegenstände, die man in ihrer Zelle gefunden hat und die – wie die Schwestern sagen – zeigen, wie sehr der Teufel sie gehasst hat. Nur wenige Schritte weiter, am Ende des Korridors, befindet sich die kleine Instituts-Kapelle, in der die sterbliche Hülle der Seligen ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. So ist sie immer noch hier bei ihren Mitschwestern, in ihrer Mitte. Vor dem Sarkophag steht eine Kniebank für die Gläubigen, die aus allen Teilen Roms kommen, um hier zu beten. Das Grab befindet sich in einer Seitennische, als wolle die Selige auch im Tod noch der schlichten  Regel gehorchen, der sie im Leben so treu war: verborgen zu bleiben vor der Welt, bei Jesus und Ihm nah.
Giuseppina De Micheli war das, was man als Wahlrömerin bezeichnet. Geboren wurde sie 1890 in Mailand. Sie entstammte einer kinderreichen Familie, die der Kirche zwei Nonnen schenken sollte: Teofila und Luigia, und einen Priester, Don Riccardo. Um ihr Leben zu erzählen, das seit frühester Kindheit von einer besonderen Freundschaft mit Jesus geprägt war, wollen wir uns auf einen Brief stützen, den sie 1943 anlässlich eines Rom-Besuches an Papst Pius XII. geschrieben hat: „Ich war 12 Jahre alt; es war Karfreitag und ich wartete in meiner Pfarrkirche, bis ich an der Reihe war und das Kruzifix küssen durfte. Da hörte ich auf einmal ganz deutlich eine Stimme, die sagte: “Gibt mir denn niemand einen Kuss auf die Wange, um den Kuss des Judas zu sühnen?”. In meiner kindlichen Unschuld glaubte ich, auch die anderen hätten die Stimme gehört und war erstaunt, beobachten zu müssen, dass alle weiterhin nur seine Wundmale küssten, niemand aber sein Gesicht. Den Kuss der Liebe werde ich Dir geben, Jesus, hab Geduld, der Moment ist gekommen. Und dann drückte ich ihm mit der ganzen Inbrunst, zu der ein kleines Mädchen fähig ist, einen dicken Kuss auf die Wange. Ich war glücklich, überzeugt davon, dass Jesus nun zufrieden war und sich seiner Sorge entledigt hätte.“ Seit diesem Tag empfand Giuseppina eine tiefe Verehrung für das Antlitz Jesu. „Von da an galt mein erster Kuss des Kruzifixes Seinem Antlitz“, schreibt sie in dem Brief weiter.
Als junges Mädchen gab sie den Kindern gerne Katechismus-Unterricht und pflegte den Priester zu begleiten, wenn er den Todkranken die Letzte Ölung spenden ging, weil es – wie sie jedem sagte, der sie danach fragte – schön sei, eine Seele auf dem Weg ins Paradies zu begleiten. Wann genau in ihr die Berufung zum geweihten Lieben erblüht ist, ist nicht bekannt: vielleicht während der feierlichen Einkleidung einer ihrer Mitschwestern, vielleicht früher. Sicher ist, dass sie sich, seit sie ein kleines Mädchen war, angezogen fühlte, aber vielleicht eingeschüchtert war. Auf diesbezügliche Fragen gab sie ausweichende Antworten. Don Riccardo, ihr Priester-Bruder, dem sie seit dem Tod der Eltern besonders nahestand, schrieb ihr in einem Brief scherzend: „Für Dich müssen die Schwestern aus einer anderen Welt kommen“. Ein paar Monate später lernte der Priester Ordensschwestern kennen, die gerade aus Mailand gekommen waren: die Schwestern der Kongregation der Töchter von der Unbefleckten Empfängnis – mit Mutterhaus in Buenos Aires. Er verlor keine Zeit und teilte Giuseppina umgehend mit, dass die Schwestern aus einer anderen Welt endlich da seien... Nach anfänglichem Zögern trat Giuseppina in die Kongregation ein und nahm den Ordensnamen Maria Pierina an.

Das Grab von Mutter Pierina. [© Paolo Galosi]

Das Grab von Mutter Pierina. [© Paolo Galosi]

Am Ende ihrer intensiven Ausbildung wurde sie nach Argentinien geschickt, wo sie die Ewigen Gelübde ablegte. Ende 1921 kehrte sie nach Italien zurück, in das Haus, das die Schwestern in Mailand eröffnet hatten und in dem sie später Oberin werden sollte. In dieser Zeit wurde die Freundschaft zu Jesus, der ihr mehrmals erschien, immer inniger. In bereits genanntem Brief an den Papst schreibt sie: „Sein Blick galt nur mir. Wir konnten uns immer nur anblicken und einer um des anderen Gunst wetteifern. Ich sagte zu ihm: “Jesus, heute habe ich Dich mehr angeblickt”; und er: “Beweis es mir, wenn Du kannst”. Da erinnerte ich ihn daran, wie oft ich ihn angeblickt hatte, ohne ihn zu hören, aber es gewann immer Er.“
In dieser Zeit ereignete sich noch eine andere wichtige Episode im Leben der Seligen, die auch der Hauptgrund für diesen Artikel ist. In ihrem Brief an Pius XII. schreibt sie: „Als ich am 31. Mai 1938 gerade in der Kapelle meines Noviziats betete, stand auf einmal eine schöne Dame vor mir: sie hielt ein Skapulier in der Hand, das aus zwei weißen, mit einer Kordel zusammengehaltenen Stoffteilen bestand. Auf einem war das Bild des Heiligen Antlitzes Jesu zu sehen, auf dem anderen eine von Strahlen umgebene Hostie. Sie kam näher und sagte zu mir: “Hör gut zu, und berichte alles genau dem Vater. Dieses Skapulier ist eine Verteidigungswaffe, ein Schutzschild, ein Unterpfand der Liebe und der Barmherzigkeit, das Jesus der Welt in dieser Zeit der Sinnlichkeit und des Hasses auf Gott und die Kirche geben will. Teuflische Netze werden gesponnen, um den Glauben aus den Herzen zu reißen, das Böse findet Verbreitung, der wahren Apostel gibt es nur wenige, und es muss ein göttliches Heilmittel gefunden werden. Dieses Heilmittel ist das Heilige Antlitz Jesu. Jene, die ein Skapulier wie dieses hier tragen und die, wenn sie können, jeden Mittwoch dem Allerheiligsten Altarsakrament ihren Besuch abstatten, um Sühne zu tun für die Schmähungen, die dem Heiligen Antlitz während Seiner Passion zugefügt wurden, und die jeden Tag die heilige Kommunion empfangen, werden im Glauben bestärkt. So werden sie bereit sein, ihn zu verteidigen und alle inneren und äußeren Schwierigkeiten zu überwinden; und sie werden eines schönen Todes sterben unter dem liebevollen Blick meines Göttlichen Sohnes”.“
So wurde Mutter Pierina zur eifrigen Verfechterin der Verehrung des Antlitzes Jesu, die sich in Windeseile im Institut verbreiten konnte. Leider musste sie schon bald erkennen, dass es nicht einfach war, Skapuliere auszugeben. So kam sie auf die Idee, eine Medaille prägen zu lassen, auf deren Seiten das dargestellt war, was die Muttergottes gefordert hatte. Eine Idee, die schon bald göttlichen Trost finden sollte: bei einer späteren Erscheinung gab ihr die schöne Dame nämlich zu verstehen, daß für die Medaillen dieselben Verheißungen gelten sollten wie für die Skapuliere.
Auf der Suche nach einem Bild für die Medaille stieß Mutter Pierina auf eine Fotografie des Grabtuchs, die das Antlitz Jesu zeigte. Aufgenommen hatte es Giovanni Bruner. Das Bild war in Mailand relativ bekannt, da es der Fotograf dem Erzbischof der Stadt zum Geschenk gemacht hatte, dem seligen Kardinal Ildefonso Schuster. Dieser hatte es mit tiefer Verehrung in einer Kirche ausgestellt, die dem Heiligen Antlitz geweiht war. Die Herstellung der Medaillen gestaltete sich jedoch aufgrund von Problemen finanzieller und bürokratischer Art, die die arme Nonne für unüberwindbar hielt, alles andere als einfach. Sie wandte sich hilfesuchend an ihren Spiritual, den Jesuitenpater Rosi, der ihr riet, auf die göttliche Vorsehung zu vertrauen. Sie folgte seinem Rat, wirklich getröstet fühlte sie sich jedoch nicht.
Im September 1939 wurde sie als Regionalobere nach Rom geschickt, in das neue Haus, das die Kongregation auch dank ihrer unermüdlichen Supervision eröffnen konnte. Hier begegnete sie Abt Ildebrando Gregori (dessen Seligsprechungsprozess eingeleitet ist) aus dem Mönchsorden der Silvestriner-Benediktiner. Er wurde ihr Spiritual und sollte ihr ihr ganzes Leben lang Trost schenken. Hier gelang es ihr auch endlich, die Medaillen herzustellen, die ihr so sehr am Herzen lagen. Auch dank eines kleinen Wunders. In oben genanntem Brief an den Papst erzählt sie: „Ich schrieb an Fotograf Bruner und bat ihn um die Erlaubnis, das von ihm gemachte Bild des Heiligen Antlitzes benützen zu dürfen. Er gab sie mir, und ich reichte in der Mailänder Kurie das Erlaubnisgesuch ein, das mir am 9. August 1940 gewährt wurde. Ich beauftragte die Firma Johnson mit den Arbeiten, die sich lange hinzogen, weil Bruner jeden Medaillen-Entwurf sehen wollte. Wenige Tage, bevor mir die Medaillen zugestellt wurden, fand ich auf meinem Tisch einen Umschlag mit 11.200 Lire – genau die Summe, die wir für die Arbeiten schuldig waren. Die Medaillen wurden gratis ausgegeben, und dieselbe Vorsehung wiederholte sich noch mehrmals bei anderen Aufträgen. Die Medaillen konnten sich im Volk verbreiten, und schon bald hörte man von den Gnaden, die sie gewirkt hatten. [...] Der Feind war darüber sehr erzürnt und hat uns mancherlei Schwierigkeiten bereitet. Mehrmals hat er die Medaillen des Nachts polternd auf den Boden geworfen und voller Zorn in den Korridoren und im Treppenhaus Bilder zerrissen, geschimpft, geschrien und getobt“.
Das Zimmer von Mutter Pierina. [© Paolo Galosi]

Das Zimmer von Mutter Pierina. [© Paolo Galosi]

Hier spielte Mutter Pierina auf die schweren Prüfungen an, die dem Werk des Teufels zuzuschreiben waren. Prüfungen, die sie nicht publik machte, den genauen Anweisungen von Abt Gregori folgend aber in ihrem Tagebuch auflistete. Für das Heil der Seelen nahm sie gerne jede Mühsal auf sich („ich erdulde das Leid, das ich ertragen muss, mit Freuden für euch, und ich vollende das, was zum Leiden Christi fehlt in meinem Fleisch, für Seinen Leib, der die Kirche ist“, Kol 1, 24). War es außergewöhnliche Willenskraft? Genau genommen und realistisch betrachtet, wohl eher das Zeugnis einer einzigartigen Gnade und einer ebenso einzigartigen Hingabe an Gott. Nicht sie ist es, die kämpft und siegt: „Jesus hat in mir gesiegt“; dieser Satz kommt in ihrem Tagebuch immer wieder vor. Und Jesus selbst ist es, der ihr – wie sie im Februar 1942 in ihr Tagebuch schreibt – sagt: „Sei beruhigt; ich habe Dein Herz bewahrt, ohne jegliches Verdienst Deinerseits, damit ich damit tun kann wie mir beliebt“. Und in dieser vollkommenen Hingabe, die vom Trost der „Wonnen des Paradieses“ begleitet wird, schreibt sie: „Wie sehr fühle ich doch, dass ich angesichts von soviel Güte ein erbärmliches Nichts bin! Es ist so schön, klein zu sein, so winzig klein, zu nichts fähig...“.
Dank dieser Bescheidenheit konnte sich Mutter Pierina auch in den Kriegsjahren ihren strahlenden Glauben bewahren. Damals, als sie sich das Brot für die Hungernden vom Mund absparte und nicht müde wurde, die Medaillen mit dem Antlitz Jesu unters Volk zu bringen. Abt Gregori konnte diesbezüglich beim Seligsprechungsprozess aussagen, dass „es ihr gelungen war, einige Medaillen sogar politischen Häftlingen und zum Tode Verurteilten zukommen zu lassen“, und dass „bei keinem von ihnen das Todesurteil vollstreckt wurde.“
Nach dem Krieg beschloss die Nonne, nach Norditalien zu gehen, um wieder mit ihren Mitschwestern vereint zu sein, die seit dem Krieg von Rom abgeschnitten waren. Sie machte sich im Juni 1945 auf den Weg und begab sich nach einem kurzen Aufenthalt in Mailand in das Haus von Centonara d’Artò, wo einige Novizinnen kurz davor standen, das Ordensgelübde abzulegen. Doch die Strapazen, die sie für die Reise auf sich genommen hat, hatten ihr sichtlich zugesetzt: sie erkrankte schwer. In der Vergangenheit hatte sie - wie Abt Gregori berichtete - bereits mehrmals schwere Krankheiten auf wundersame Weise überstanden, nachdem für ihre Genesung gebetet worden war. Und das schien auch dieses Mal der Fall zu sein: Als der Abt von ihrer Krankheit erfuhr, schickte er ihr ein Telegramm mit folgendem Wortlaut: „Im Namen des heiligen Gehorsams gebiete ich Ihnen: werden Sie in drei Tagen wieder gesund!“. Doch das Telegramm kam leider aufgrund einer Zustellungsverzögerung nicht rechtzeitig an. Mutter Pierina starb um 11 Uhr des 27. Juli.
Die Kirche wollte der Seligen am Tag ihrer Geburt (und Taufe) gedenken: dem 11. September – und nicht an dem ihres Todes, oder dies natali s, wie es kanonisch gesprochen heißt. In dem Zimmer mit ihren persönlichen Dingen haben die Schwestern ein Schild angebracht, auf dem ein Gedanke der Seligen geschrieben steht: „Es ist so tröstlich sagen zu können: ich bin ein Nichts, Er ist alles; ich kann nichts, Er kann alles“. Das macht die Hingabe leichter, wie bei den Kindern im Erdgeschoss, die mit ihrem Spiel Anteil haben an den Freuden des Paradieses. Nicht umsonst heißt es: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ...“.



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