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DIE TAGE DES PAPSTES IM...
Aus Nr. 01/02 - 2005

Die kleine Therese und der betagte Papst


„Die kleine Therese schrieb, Papst Pecci sehr gebrechlich, dem Tode nahe vorgefunden zu haben. Der Papst lebte aber noch viele Jahre und vollbrachte noch viele wichtige Dinge.“ Interview mit Kardinal José Saraiva Martins.


von Gianni Cardinale


Kardinal José Saraiva Martins

Kardinal José Saraiva Martins

Dominus conservet eum.“ Kardinal José Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse vertraut dem Gebet, seinem Gebet und dem des gesamten Christenvolkes, den Gesundheitszustand von Johannes Paul II. an. Der Kardinal, in Portugal geborener Wahlrömer, lebt seit mehr als 50 Jahren in der Ewigen Stadt. Als junger Seminarist ist er hierher gekommen, wurde später Professor und Rektor der Päpstlichen Universität Urbaniana, dann Sekretär der Kongregation für das katholische Bildungswesen, und schließlich, 1998, Leiter des Dikasteriums, das mit dem Papst in Sachen neuer Seliger und Heiliger der Kirche zusammenarbeitet.

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie den Krankenhausaufenthalt des Papstes?
JOSÉ SARAIVA MARTINS: Ich verfolge die Krankheit des Papstes mit großem Mitgefühl und großem Bangen. Wie so viele Gläubige und Nicht-Gläubige auf der ganzen Welt. Sie alle – unabhängig von ihren religiösen und politischen Glaubens­überzeugungen – haben den Papst ins Herz geschlossen, beten für ihn, vor allem in diesen Tagen, und hoffen, daß er das Klinikum „Agostino Gemelli“ schon bald wieder verlassen kann, in den Vatikan zurückkehrt und seine gewohnte Aktivität als Bischof von Rom und der universalen Kirche wieder aufnimmt.
Welches Zeugnis bietet der Papst in dieser Phase seines Pontifikats an?
SARAIVA MARTINS: In seiner körperlichen Zerbrechlichkeit, der Art und Weise, wie er seine Krankheit akzeptiert, stellt der Papst ein bewundernswertes Vorbild für alle dar. Er lehrt uns nicht auf abstrakte, sondern sehr konkrete, wesentliche Weise, wie man das lebt, was der Papst selbst als „Evangelium des Leidens“ definiert hat, wie man daraus ein effizientes Werkzeug der Evangelisierung macht. Die Sprache des Schmerzes ist in der Tat die unmittelbarste, beeindruckendste Sprache, die, für die der Mensch am empfänglichsten ist. Wieviele Familien haben Familienangehörige, die leiden, zuhause oder im Krankenhaus! Aber auch, indem er dem Herrn und den Gläubigen für die Zuneigung dankt, die ihm von allen Seiten zuteil wird. Diesbezüglich hat mich am meisten beeindruckt, daß das Wort, das man beim vom Fenster des Krankenhauses aus gebeteten Angelus am lautesten vernehmen konnte, gerade dieses „Danke!“ war.
Der Papst liegt im Krankenhaus, aber er ist und bleibt doch der Papst...
SARAIVA MARTINS: Die Worte, die Erzbischof Leonardo Sandri beim Angelus des 6. Februar für den Papst verlesen hat, sind sehr klar: „Auch hier im Krankenhaus, unter den anderen Kranken, diene ich der Kirche und der gesamten Menschheit weiter.“ Hier kommt man nicht umhin, an den unermüdlichen Petrusdienst des kranken Papstes zu erinnern: seinen kontinuierlichen Einsatz für den Frieden unter den Menschen und den Völkern; für einen wahren Frieden, basierend auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Vergebung. Und dann muß man auch daran erinnern, daß die Kirche nicht von den Beinen geleitet wird, und auch nicht mit schönen Worten, sondern mit dem Kopf und mit dem Herzen. Und Kopf und Herz des Papstes sind wach.
In den Medien war von einem eventuellen Rücktritt des Papstes die Rede...
SARAIVA MARTINS: Avvenire berichtete darüber, und zwar unter dem berechtigten Titel Geschmacklose Spekulationen der Massenmedien. In diesem Zusammenhang ist die edelste Aufgabe, die uns zukommt – wie ich noch einmal wiederholen möchte – die, den Herrn mit unseren Gebeten zu bitten, uns diesen Papst zu erhalten und Seine Kirche zu behüten. In diesem Zusammenhang habe ich es sehr geschätzt, daß uns Senator Giulio Andreotti jene Passage aus dem Tagebuch der Therese von Lisieux ins Gedächtnis gerufen hat, in der die heilige Schutzpatronin der Missionen von ihrer Audienz bei Leo XIII. berichtet. Therese schreibt, Papst Pecci dem Tode nahe vorgefunden zu haben. Doch der Papst lebte noch viele Jahre und vollbrachte noch viele wichtige Dinge!“
Der Papst mit einer Gruppe von Kindern bei einer Audienz im Vatikan

Der Papst mit einer Gruppe von Kindern bei einer Audienz im Vatikan

Eminenz, wenn man bedenkt, wie viele Selig- und Heiligsprechungen es in letzten 26 Jahren gegeben hat, kann man sagen, daß Sie eine der „aktivsten“ Kongregationen der Römischen Kurie leiten. Haben Sie das Tempo in dieser Phase vielleicht gedrosselt?
SARAIVA MARTINS: Gott sei Dank liegt ja keine Situation der Sedisvakanz vor. Weshalb unsere Kongregation auch im gewohnten Rhythmus weitermacht. Alles schreitet wie gewohnt voran.
Welchen Wunsch möchten Sie für den Papst aussprechen?
SARAIVA MARTINS: Ich wünsche mir von Herzen, daß der Herr diesem Papst, der „von weit her gekommen ist“ noch ein langes Leben schenken möge. Die Kirche und die Welt brauchen ihn noch: sein prophetisches Zeugnis, seinen tiefen Glauben, seinen apostolischen Mut, sein reiches, fruchtbares Lehramt.


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