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NEUE SELIGE
Aus Nr. 01/02 - 2005

Die Mission in der Wüste von heute


Interview mit Kardinal Walter Kasper über den Christen, der Anfang des 20. Jahrhunderts Tabernakel baute, um Jesus in die algerische Wüste zu „bringen.“


von Gianni Valente


Pater Charles de Foucauld 1902

Pater Charles de Foucauld 1902

Anfang des 20. Jahrhunderts geschah es, daß ein Franzose, der die Literatur liebte und von großer Abenteuerlust beseelt war, eines der bedeutungsvollsten christlichen Abenteuer des vergangenen Jahrhunderts erlebte. Die Rede ist von Charles de Foucauld, jenem Mönch, der auf eigene Faust Tabernakel baute, um Jesus in die algerische Wüste zu „bringen“, zu denen, die ihn weder kannten noch suchten. Jener Mönch, der von denselben Tuareg ermordet wurde, unter denen er hatte leben wollen – unauffällig, im Gebet, ohne jemals einen von ihnen zum Christen gemacht zu haben –, wird noch in diesem Jahr seliggesprochen.
In der immer dichter werdenden Gilde der Seligen scheint De Foucauld auf den ersten Blick der Kategorie der extremen Heiligen anzugehören, jenen, die in den extremsten Winkeln des christlichen Abenteuers auf der Welt angesiedelt sind. Und doch stellt seine so einzigartige Geschichte einen tröstlichen Hoffnungsschimmer dar.
Darüber wollte sich 30Tage mit Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, unterhalten. Der übrigens auch ein „guter Freund“ von Charles de Foucauld ist.

Charles De Foucauld wird dieses Jahr seliggesprochen. 1905, vor genau 100 Jahren, kam er an seinem Ziel an: Tamanrasset in der algerischen Wüste. Ich weiß, daß Ihnen De Foucauld besonders am Herzen liegt, in Ihrem Leben als Christ und Priester einen ganz besonderen Stellenwert einnimmt. Wie sind Sie mit ihm in Berührung gekommen?
WALTER KASPER: Als ich noch Theologieprofessor an der Universität Tübingen war, traf ich oft mit einer Gruppe von Priestern der Gemeinschaft „Jesus Caritas“ zusammen; Priester, die versuchten, die Spiritualität Charles de Foucaulds zu leben. Ich nahm regelmäßig an ihren monatlichen Treffen teil, zu denen folgende Momente gehörten: révision de vie, Lesung und Meditation der Heiligen Schrift, Eucharistiefeier mit Anbetung, und schließlich ein brüderliches Mahl. Ich war so fasziniert von Charles de Foucauld, daß ich sogar nach Algerien reiste, ins Hoggar-Gebirge, wo er gelebt hat. Dort, in einer schlichten Hütte, in der Einsamkeit der Berge, hielt ich meine ersten geistlichen Exerzitien ab. Abends bekam ich immer Besuch von einem kleinen, verschlagen dreinblickenden Mäuschen, das sich seine Ration von meinem Brot abholte. In Tamanrasset, wie auch anderswo, z.B. in Nazareth oder hier in Rom, haben mich die Kleinen Schwestern De Foucaulds sehr beeindruckt, ihr Leben in evangelischer Armut unter den Armen, ihr Leben der eucharistischen Anbetung. Ein besseres Verständnis der Spiritualität Charles de Foucaulds wurde mir durch die Schriften von René Voillaume möglich: einige Aspekte dieser Spiritualität haben auch in meinem Buch Jesus der Christus Niederschlag gefunden.
Was hat Sie in den Jahren, in denen Sie die „Jesus Caritas“-Gruppe besuchten, an De Foucauld beeindruckt? Warum erschien Ihnen seine Geschichte so interessant und aktuell?
KASPER: Ich habe diese Gruppe von Priestern in einem Haus der Franziskanerinnen getroffen, in einer sehr schönen Gegend am Stadtrand von Tübingen. Die echte evangelische Spiritualität, Spiritualität Nazareths, Spiritualität des Schweigens, des Lauschens auf das Wort Gottes, der eucharistischen Anbetung, eines Lebens in Einfachheit und im brüderlichen Teilen, hat mich zutiefst beeindruckt. Später verstand ich dann, wie aktuell und vorbildlich das Zeugnis war, das Charles de Foucauld für die Christen und das Christentum in der heutigen Welt abgelegt hat. Charles de Foucauld schien mir nicht nur ein interessantes Vorbild für die Umsetzung der Sendung des Christen und der Kirche in der Wüste von Tamanrasset zu sein, sondern auch in der Wüste der modernen Welt: die Sendung durch einfache christliche Präsenz, im Zwiegespräch mit Gott und in Freundschaft mit den Menschen.
Nach konkreten Ergebnissen zu beurteilen, scheint De Foucauld ein Verlierer gewesen zu sein. In der Zeit, in der er in der Wüste lebte, hat es unter den Tuareg keine Konversionen zum Christentum gegeben. Wie kann man seine Geschichte den Menschen heute nahebringen?
KASPER: Der jüdische Philosoph und Theologe Martin Buber hat gesagt, daß Erfolg keiner der Namen Gottes ist. Auch Jesus Christus hatte in seinem Erdenleben keinen „Erfolg“; am Ende ist er am Kreuz gestorben und seine Jünger, außer Johannes und seiner Mutter, haben sich von ihm abgewandt und ihn seinem Schicksal überlassen. Menschlich gesprochen war der Karfreitag ein Mißerfolg. Die Erfahrung des Karfreitag ist Teil des Lebens eines jeden Heiligen, eines jeden Christen. Diese Feststellung mag vielen Priestern ein Trost sein, die darunter leiden, keinen unmittelbaren Erfolg zu sehen, weil die Kirchen in unserer westlichen Welt trotz aller pastoralen Bemühungen Sonntags immer leerer werden, die Entchristlichung in unserer Gesellschaft immer weiter um sich greift. Viele haben den Eindruck, daß ihre Predigten auf taube Ohren stoßen. In dieser schwierigen Situation kann das Beispiel De Foucaulds vielen Priestern eine große Hilfe sein.
Und wie zeigt sich diese Hilfe?
KASPER: Das Beispiel De Foucaulds lehrt uns, daß es sich nicht um unsere Mission handelt, um unser Missionswerk, um eine kulturelle Hegemonie oder die Ausweitung eines kirchlichen Imperiums mit ausgeklügelten, durch Pädagogik, Psychologie, Organisation oder irgendwelche andere Methoden perfektionierte Strategien. Natürlich müssen wir alles in unserer Kraft Stehende tun und dürfen uns auch moderner Methoden bedienen. Aber letzten Endes handelt es sich doch um die Mission Gottes durch Jesus Christus im Heiligen Geist. Wir sind nur die Empfänger und das Werkzeug, durch das Gott präsent sein will; letzten Endes ist er es, der das Herz des anderen anrühren muß; nur er kann das Herz bekehren, Augen und Ohren öffnen. Und genau so, in der Präsenz, im Gebet, in einem Leben in Einfachheit, im Dienst des Menschen, in der Freundschaft, was Charles de Foucauld unter den Tuareg gelebt hat, ist der Herr präsent, kann der Herr wirken. Ihm müssen wir uns ganz anvertrauen, und ihm müssen wir die Entscheidung überlassen, wie, wann und wo er die anderen überzeugen und sein Volk versammeln will.
Genau das hat De Foucauld in seinem eigenen Leben geschehen sehen.
KASPER: In einer Meditation vom November 1897 schreibt er: „Alles war Dein Werk, Herr, Deines ganz allein... Du, mein Jesus, mein Retter, Du hast alles vollbracht, tief in meinem Innersten wie auch außerhalb meiner Person. Du hast mich zur Tugend hingezogen mit der Schönheit einer Seele, in der mir die Tugend so schön erschien, daß sie mir unweigerlich das Herz gestohlen hat... Mit der Schönheit dieser Seele hast Du mich zur Wahrheit hingezogen.“ Natürlich können wir Charles de Foucauld nicht zum einzigen Missionsvorbild für alle Situationen machen; es gibt noch andere vorbildliche Heilige, z.B. Franz Xaver, Daniele Comboni und viele andere, die einen anderen Typus, ein anderes missionarisches Charisma repräsentieren. Die Missionssituationen sind vielfältig, und somit auch die jeweiligen Herausforderungen und die darauf zu gebenden Antworten. Dennoch erscheint mir Charles de Foucauld als Vorbild nicht nur für die Mission in der Wüste, unter den Muslimen, sondern auch für die in der Wüste unserer Zeit. Es ist bezeichnend, daß gerade Therese von Lisieux zur Patronin der Mission proklamiert wurde, sie, eine junge Karmelitin, die den Karmel nie verlassen hat, nie in einem Missionsland war, und die doch versprochen hat, nach ihrem Tod rote Rosen vom Himmel regnen zu lassen.
Kardinal Walter Kasper

Kardinal Walter Kasper

Aufrufe zur Mission sind alles andere als selten. Und doch klingen sie oft abstrakt, um nicht zu sagen abgedroschen.
KASPER: Auch wir Christen sind Kinder unserer Zeit; wir wollen planen, wollen aktiv werden, organisieren, die Resultate kontrollieren... Charles de Foucauld legt uns einen anderen Ansatz nahe: das Leben Jesu von Nazareth nachzuahmen und nachzuleben. Man könnte sich fragen: waren die dreißig Jahre, die Jesus von seinen dreiunddreißig Jahren im Verborgenen gelebt hat, vielleicht verlorene Zeit? In Wahrheit ist gerade die Realität des Alltags, der Alltagsgewohnheiten, der wahre öffentliche Raum, in dem sich die Gabe des christlichen Lebens zeigt. An dieser Stelle können wir an eine wichtige Passage über die Kirche erinnern, die sich in Lumen gentium findet, unter Paragraph 31, wo das Konzil von der Sendung der Laien spricht und sagt, daß sie Christgläubige sind, die in der Welt leben, also in den normalen Verhältnissen des Familien- und Gesellschaftslebens. „Dort sind sie gerufen […], durch das Zeugnis ihres Lebens, im Glanz von Glaube, Hoffnung und Liebe Christus den anderen kund zu machen.“ Wir haben manchmal die falsche Vorstellung, daß man als Laie in der Mission ein kirchlicher Beamter sein müsse, der soweit wie möglich Anteil hat an den Aufgaben des Priesters, in der Liturgie aktiv sichtbar wird, usw. Aber das Wichtigste ist, das Evangelium im Alltag zu leben, im Gebet, in der Liebe, in der Geduld, im Leiden, Bruder oder Schwester aller zu sein, in der Überzeugung – wie Paulus sagt –, daß das Wort Gottes, wenn es von uns angenommen und gelebt wird, Verbreitung findet und überzeugt.
Für viele steht fest, daß die Christen zu einer Minderheit geworden sind. Aber es heißt auch, daß es gerade deshalb besonders wichtig ist, die Ärmel hochzukrempeln, kreativ zu sein, unserem Handeln neue Impulse zu geben. Sind Sie damit einverstanden?
KASPER: Ja und nein. Ja, wenn die Christen aufwachen, sich ihrer Befindlichkeit, den neuen Herausforderungen und ihrer Sendung bewußt werden. Wir dürfen uns nicht mit dem status quo zufrieden geben und weitermachen, als wäre nichts geschehen. Das gilt vor allem für Westeuropa, das gerade eine tiefgreifende Identitätskrise durchmacht, während es doch früher deutlich vom Christentum geprägt war. Europa muß aus seiner Gleichgültigkeit erwachen, die nichts anderes ist als eine falsche Toleranz. Aber auf der anderen Seite besteht auch die Gefahr, sich zu Protagonisten einer Minderheits-, bzw. Sektenlobby aufzuschwingen. In diesem Sinne möchte ich also ein deutliches Nein zum militanten Fanatismus aussprechen, wie wir ihn bei vielen alten und neuen Sekten finden, die heute auf der ganzen Welt zu einer neuen Herausforderung geworden sind. Vor allem seit dem II. Vatikanischen Konzil ist Dialog angesagt, also eine respektvolle Haltung auch denen gegenüber, die als Fernstehende definiert werden – wenn sie sich vielleicht auch eine schwache, aber bleibende Bindung an die Kirche bewahrt haben –, sowie eine respektvolle Haltung der modernen Kultur gegenüber, deren legitime Autonomie gerade das Konzil anerkannt hat. Wir wollen und dürfen den Glauben nicht aufzwingen, der ja schon von seiner Natur her nicht aufgezwungen werden kann; wir wollen – wie das Konzil in Paragraph I der Konzilskonstitution Gaudium et spes sagt – Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute teilen, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, und durch dieses Leben des Teilens für unseren Glauben Zeugnis ablegen.
Und welche Rolle kann Charles de Foucauld dabei spielen?
KASPER: Diese Haltung war typisch für Charles de Foucauld. Man denke nur an seine Freundschaft zu den Tuareg, vor allem ihrem Anführer, Musa ag Amastan. Er tat nichts, um zu überzeugen und Proselyten zu machen. Das Äußerste, was er tat, war Christus selbst nahezubringen, indem er den Tabernakel in die Wüste brachte. Er lebte einfach nur sein Leben des Gebets und der Arbeit. Erst nach seinem Tod hat er Anhänger gefunden, Anhänger, die heute unter den Ärmsten der Armen leben und ihren Alltag mit ihnen teilen.
In der letzten Zeit wurde die Kirche – im Zusammenhang mit den Diskussionen um die christlichen Wurzeln Europas – auch von Denkern aus Laienkreisen bezichtigt, ihre Wahrheiten und Werte nicht überzeugt genug zu verteidigen und vorzuschlagen. Wie beurteilen Sie diese Vorwürfe? Und was würde wohl De Foucauld dazu sagen?
KASPER: Der Vorwurf gegen die Kirche insgesamt entbehrt sicherlich jeder Grundlage; der Papst und viele Bischofskonferenzen haben sich klar und unmißverständlich für die christliche Identität in Europa ausgesprochen. Aber es stimmt auch, daß in einigen Kreisen im Innern der Kirche dort eine gewisse Zurückhaltung und Schwäche spürbar ist, wo es darum geht, die christlichen Wahrheiten und Werte zu verteidigen und vorzuschlagen. Diese Haltung liegt oft in einem schwachen Glauben begründet, der seine Gewißheiten, seine Entschlossenheit eingebüßt hat, Toleranz mit Gleichgültigkeit verwechselt. Charles de Foucauld hatte keine großen Slogans parat: sein Verhalten war auf eine ganz andere Überzeugung zurückzuführen. Er ging von einem festen und gelebten Glauben aus, der auch ohne große Worte schon in sich selbst ein starkes und mutiges, aber auch demütiges Zeugnis der christlichen Botschaft und seiner Werte war. Ohne irgendwelche Besitzansprüche, ohne herauszufordern. Ende des Jahres 1910 schrieb er: „Jesus genügt. Dort, wo er ist, fehlt es an nichts. Wer sich auf ihn stützt, ist stark an seiner unbezwinglichen Kraft.“ Ein derartiges Zeugnis kann die anderen zum Nachdenken bringen, dazu, sich Fragen zu stellen, kann Bewunderung auslösen und, wenn Gott die Gnade gewährt, auch den Wunsch, dieses Leben nach christlichen Werten zu teilen. Unsere Verteidigung der christlichen Identität Europas wird nämlich erst dann überzeugend sein, wenn wir die Werte, für die wir eintreten, auch selbst leben. Nicht Worte überzeugen, sondern das Leben. Abbé Henri Huvelin, der geistliche Lehrmeister De Foucaulds, schrieb ihm am 18. Juli 1899, „daß man sehr viel mehr Gutes tut mit Taten als mit Worten... Man tut Gutes, wenn man Gott angehört, Ihm gehört!“. Und wenn das geschieht, muß man sich nichts anderes mehr ausdenken. Es genügt, „sich nicht von der Stelle zu rühren, zuzulassen, daß die Gnaden Gottes in die Seele eindringen, wachsen und sich festigen; einfach nur gelassen zu bleiben.“
Auch die Bitten um Vergebung für Sünden der Vergangenheit wurden von dem ein oder anderen als Zeichen der Schwäche gedeutet. Was können Sie im Zusammenhang mit De Foucauld dazu sagen?
Charles de Foucauld schien mir nicht nur ein interessantes Vorbild für die Umsetzung der Sendung des Christen und der Kirche in der Wüste von Tamanrasset zu sein, sondern auch in der Wüste der modernen Welt: die Sendung durch einfache christliche Präsenz, im Zwiegespräch mit Gott und in Freundschaft mit den Menschen.
KASPER: Charles de Foucauld hatte recht, für sein ausschweifendes Leben vor der Bekehrung um Vergebung zu bitten. Er zeigt uns, daß – aus göttlicher Gnade – ein neuer Anfang stets möglich ist. Auch wir beginnen bei jeder Eucharistiefeier mit einem Bußakt; was bei einer politischen Versammlung, einer Firmenbesprechung oder irgendeiner anderen Versammlung undenkbar wäre. Indem wir das tun, bringen wir unsere Schwäche zum Ausdruck, und das ist ein Akt der Aufrichtigkeit. Gleichzeitig zeigen wir aber auch die Kraft der christlichen Botschaft der Barmherzigkeit und der Vergebung, die Möglichkeit also, daß Gott eine Veränderung bewirkt und auch einer, menschlich gesehen, auswegs- und hoffnungslosen Situation einen neuen Anfang zu geben versteht. In einer seiner Meditationen schreibt De Foucauld: „Es gibt keinen noch so großen Sünder, keinen noch so schlimmen Verbrecher, dem Du nicht mit lauter Stimme das Paradies anbietest, wie Du es bei dem guten Schächer getan hast, in einem Augenblick guten Willens.“ Um Vergebung zu bitten, ist also keine Schwäche, sondern eine Stärke; es ist Ausdruck einer Hoffnung, die nicht vergißt, die Vergangenheit nicht verleugnet oder sich von ihr distanziert, sich aber auch nicht an die Vergangenheit gefesselt fühlt, sondern in die Zukunft blicken kann. Um Vergebung zu bitten, ist Ausdruck der christlichen Freiheit, der Freiheit, die wir in Christus erkennen. Um Vergebung zu bitten, ist nicht politically correct, sondern hat mit der Natur der Kirche und mit ihrer Botschaft zu tun.
Was haben die algerischen Tuareg mit uns Stadtmenschen gemeinsam?
KASPER: De Foucauld bringt Jesus Christus zu „denen, die ihn nicht suchen.“ Unter gewissen Aspekten kann man durchaus sagen, daß die Situation der algerischen Tuareg der unserer Zeitgenossen in den Städten ähnlich ist, bzw. unserer Situation, wenn der Unterschied äußerlich betrachtet auch eklatant ist. Bei ihnen handelt es sich um materielle Armut, bei uns um spirituelle Armut. Die Wüste ist sicher eine ganz andere. Aber die Gemeinsamkeit besteht darin, daß weder sie noch wir einen Ort haben, an dem wir wirklich „zu Hause“ sind; wir sind auf dem Weg, wir sind Nomaden. Und dann haben wir auch noch eine gewisse Lethargie gemeinsam. Oft lassen wir uns treiben ohne ein präzises Ziel, ohne eine fundierte Hoffnung. Wir sind also ein Volk, bei dem sich die Predigt des Evangeliums, die Konversion schwierig gestalten. In dieser Situation gibt uns Charles de Foucauld eine prophetische, aber auch anspruchsvolle Antwort, im Grunde die einzig mögliche Antwort: ein evangelisches Leben, das die prophetische Alternative des Evangeliums zeigt, es erneut interessant und anziehend macht. So ist Charles de Foucauld ein leuchtendes Vorbild und kann auch ein wertvolles Gegengewicht zur Gefahr der Verbürgerlichung und der langweiligen Verbanalisierung der Kirche sein.
Die Armen sind für De Foucauld die bevorzugten Empfänger der Verheißung Christi. Haben Sie nicht den Eindruck, daß die Vorstellung von der Bevorzugung der Armen ihre Schlagkraft eingebüßt hat?
KASPER: Die Armen und die Kleinen sind laut Jesus die Auserwählten Gottes und die bevorzugten Empfänger seiner Evangelisierung. Auch der hl. Paulus sagt uns, daß es in den urchristlichen Gemeinden nur wenige Reiche gab, wenige Gelehrte, wenige Mächtige und wenige Adelige. Das II. Vatikanische Konzil hat diesen Aspekt wiederentdeckt und neu bekräftigt; nach dem Konzil war viel von der Vorzugsoption für die Armen die Rede. Die Befreiungstheologie hat sich an dieser Botschaft inspiriert, sie aber manchmal für ideologische Zwecke instrumentalisiert; auf diese Weise ist sie zweideutig geworden. Das heißt allerdings nicht, daß die Botschaft nicht mehr gültig und aktuell wäre. Im Gegenteil. Der Großteil der Menschheit lebt derzeit am Rande des Existenzminimums, und das gilt vor allem für Afrika, wo Charles de Foucauld unter den Armen gelebt hat. Wir können nur hoffen, daß seine Seligsprechung in einem keinesfalls ideologischen Sinne die Notwendigkeit betont, die Herausforderung der Armut anzunehmen – sowohl materieller als auch spiritueller Art – und uns die von ihm in so vorbildlicher Weise gelebte Antwort zeigt, die die heutige Welt geben muß.

(Deutsche Fassung: 30Tage)


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