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GESCHICHTE
Aus Nr. 03 - 2005

REKONSTRUKTION. DER DEUTSCHE WIDERSTAND GEGEN HITLER.

Die Bischöfe und das Attentat


Waren die hohen deutschen Würdenträger über den Staatsstreich vom 20. Juli 1944 informiert? Standen sie in direktem Kontakt zu den Dissidenten, wußte man von der Verschwörung gegen Hitler? Aus einem Historikern bisher unbekannten Dokument geht hervor, daß...


von Stefania Falasca


 Hitler und Mussolini bei der Inspektion des vom Attentat des 20. Juli 1944 zerstörten Führerhauptquartiers in Rastenburg. Rechts, Pius XII. mit dem Kardinal von München, Michael von Faulhaber.

Hitler und Mussolini bei der Inspektion des vom Attentat des 20. Juli 1944 zerstörten Führerhauptquartiers in Rastenburg. Rechts, Pius XII. mit dem Kardinal von München, Michael von Faulhaber.


Coûte que coûte... koste es, was es wolle, das Attentat wird durchgezogen!“ Das waren die Worte, mit denen Henning von Treschkow, einer der resolutesten Regimegegner in den hohen Hierarchie-Rängen des Dritten Reiches, keinen Zweifel lassen wollte an der Notwendigkeit einer „letzten und entschiedenen“ Geste, die der Hakenkreuz-Barbarei ein Ende setzen sollte. Um 12.00 Uhr jenes 20. Juli 1944 sammelte sich der Aristokrat Graf Claus Schenk von Stauffenberg in Rastenburg ein paar Minuten im Gebet, bevor er die „Höhle des Löwen“ betrat, um die Bombe zu platzieren, mit der das Führerhauptquartier in die Luft gesprengt werden sollte. Doch Hitler konnte dem Tod wieder einmal entgehen. Der Staatsstreich, der Millionen von Menschen das Leben gerettet hätte – oder doch wenigstens die Ehre Deutschlands – erwies sich als Fehlschlag. Der Rest ist Geschichte.
Noch am selben Abend wurden von Stauffenberg und seine Mitverschwörer standrechtlich erschossen. Hitler definierte den Versuch, ihn zu beseitigen, in seiner Ansprache an das deutsche Volk als Werk „einer kleinen Gruppe ehrgeiziger und verantwortungsloser Offiziere“, mit denen er in altbewährter Nazi-Manier verfahren wollte: Sie sollten wie Vieh an Fleischerhaken aufgehängt werden1. Damit das Ganze so schnell wie möglich über die Bühne ging, rief er „Blutrichter“ Roland Freisler, berüchtigter Präsident des Volksgerichtshofs, auf den Plan. Am 8. August fanden die ersten Hinrichtungen statt. Die internationale Presse kommentierte die Ereignisse in Deutschland auf ihre Art. Die New York Times meinte, daß das Attentat auf Hitler eher an „die Atmosphäre einer dunklen Verbrecherwelt“ denken ließe, „und nicht an das, was man sich von dem Offizierskorps eines zivilen Staates erwarten würde.“ Ähnlich der Kommentar des Herald Tribune: „Die Amerikaner bedauern es nicht, daß Hitler von der Bombe verschont wurde und sich nun selbst seiner Generäle entledigt. Die Amerikaner haben mit Aristokraten ohnehin nichts am Hut, schon gar nicht mit solchen, die sich der Dolchstoß-Methode bedienen.“ Der britische Premierminister Winston Churchill wußte über vieles Bescheid, auch über die Versuche des deutschen Widerstands Ende der Dreißiger Jahre, das Regime zu stürzen. Und doch tat er das Attentat im Führerhauptquartier in seiner Botschaft an das britische Unterhaus als „Machtkampf unter Generälen des Dritten Reichs“ ab2.
Die erbarmungslose Menschenjagd durch die Agenten des Volksgerichtshofs begann noch am Abend des Attentats: im Laufe weniger Wochen wurden 600 Menschen verhaftet. Mitte August waren es schon 5.000. Mitte September, als man meinte, alle Verantwortlichen hingerichtet zu haben, entdeckten die Ermittler Geheimdokumente über ein geplantes Attentat Ende der Dreißigerjahre. Schockiert über diesen so weite Kreise ziehenden Widerstand, kam Hitler von seinem ursprünglichen Plan ab, die Gerichtsverhandlungen als „Schauprozesse“ aufzuziehen, zu filmen und im Radio zu übertragen: am Ende berichtete nicht einmal die Presse über die erfolgten Hinrichtungen.
Obwohl die den Nazismus betreffende Historiographie jahrelang so gut wie einträchtig behauptet hatte, daß es in der Zeit der Diktatur keinen Widerstand gegen das Hitler-Regime gegeben hätte und daß durch die Identifikation der Nazis mit dem deutschen Volk der Tod dieser Menschen vom Schleier des Schweigens bedeckt hätte werden können, ist es doch seit einiger Zeit erwiesen, daß der Widerstand, der im Attentat vom 20. Juli gipfelte, nicht von einigen wenigen Offizieren ohne Rückendeckung geleitet wurde, sondern ein wirklicher Staatsstreich war, fürsorglich geplant und mit einer weitverzweigten Organisation, in der verschiedene Bereiche des militärischen und zivilen Widerstands vertreten waren. Von den zahlreichen Aussagen vor dem Volksgerichtshof ist vor allem die des Oberbürgermeisters von Leipzig, Carl Friedrich Gördeler, führender Kopf der Widerstandsbewegung, nennenswert. Entschlossen und mutig verteidigte er die jahrelange Aktivität des zivilen und militärischen Widerstands. „Für ihn war der 20. Juli kein einfacher Staatsstreich,“ schreibt sein Biograph, „sondern die Erhebung eines ganzen Volkes, repräsentiert durch die besten und edelsten Köpfe aller Bevölkerungsschichten, aller Parteien der Rechten und der Linken, und der beiden christlichen Kirchen“3.
Der Pol des zivilen Widerstands gegen den Nazismus hatte sich in Berlin um die Anhänger des sogenannten Kreisauer Kreises gebildet; einem Kreis, der von Personen vom moralischen und religiösen Kaliber eines Helmuth James Graf von Moltke und Graf Peter Yorck von Wartenburg geleitet wurde. Zu dem Kreis gehörten verschiedene Intellektuelle, Sozialisten, Theologen und Mitglieder der lutherischen Kirche, sowie einige Jesuiten, wie Pater Alfred Delp, Redakteur der Zeitschrift Stimmen der Zeit, Pater Augustinus Rösch, Provinzial Bayerns, sein Sekretär, Pater Lothar König, und ehemalige Gewerkschaftler und ehemalige Mitglieder des Zentrums, der alten Zentrumspartei christlicher Inspiration. Viele Mitglieder des Kreisauer Kreises waren aus religiösen Gründen gegen die Tyrannei. Aber seit 1942, im Zuge der Ereignisse in Polen, und als dann die Nachricht von der Existenz der für Juden und Dissidenten bestimmten Gaskammern durchsickerte, war so mancher der Meinung, daß das geringere Übel, das mit der christlichen Lehre eher im Einklang zu stehen schien, vorzuziehen war4.“ Fast alle Mitglieder des Kreises und dessen Sympathisanten wurden verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Der erste war Graf Peter Yorck. Am 8. August 1944 wurde er an Fleischerhaken aufgehängt. Am 9. April 1945 war Dietrich Bonhoeffer an der Reihe. Pater Alfred Delp bestieg am 23. Januar desselben Jahres das Schafott. Mit ihm Graf von Moltke.
Ein Brief, den der Erzbischof von Freiburg, Konrad Gröber, in jenen Tagen an den Nuntius von Berlin schickte, gab Aufschluß über diese Fakten. Er berichtete dem Nuntius, daß in diesen Tagen viele Personen, die einst zum Zentrum gehört hatten, verhaftet worden seien, allein in Freiburg um die 50 Männer und Frauen, vorbildliche Katholiken, die ein schlimmes Schicksal erwartete. Er betonte, alles ihm nur Mögliche getan zu haben, es aber für seine Pflicht zu halten, auch Seine Exzellenz, den Nuntius, zu informieren, da es sich um Persönlichkeiten handelte, die sowohl dem Heiligen Vater als auch dem Nuntius persönlich bekannt wären. Er fügte noch an, daß von der Verhaftungswelle keine Kirchenmänner betroffen waren5.

Riskante Kontakte
Was aber wußte man an den Spitzen der Kirchenhierarchie wirklich über das Attentat? Waren die deutschen Bischöfe über den Plan der Verschwörer informiert? Und wie haben sie sich verhalten?
Die Kölner Gestapo teilte in einem Schreiben nach Berlin mit, daß sich viele darüber wunderten, daß Kommentare seitens der Bischöfe ausgeblieben wären, und daß es den Anschein hätte, daß der Großteil des Klerus wohl bedauere, daß das Attentat auf Hitler fehlgeschlagen war. Die von der Kirche in Sachen Attentat an den Tag gelegte Zurückhaltung wurde von einem Nazi wie folgt kommentiert: „Das ist wieder einmal typisch für den Klerus, daß kein einziger Priester, kein einziger Bischof, ein Wort der Entrüstung über das Attentat auf Hitler verloren hat, ja, nicht einmal der Erleichterung darüber, daß er diesem entgangen ist“6.
Was den apostolischen Nuntius beim Reich, Cesare Orsenigo, betrifft, kann man – wie von dem Jesuiten Giovanni Sale, Historiker und Mitarbeiter der Civilità Cattolica ausführlich dargelegt – davon ausgehen, „daß er von den Verschwörern über die Vorbereitungen des Attentats vom 20. Juli vollkommen im Unklaren gelassen wurde.“ „Die Dynamik der Fakten, die er ein Jahr nach dem fehlgeschlagenen Attentat in Form einer Informations-Note an das vatikanische Staatssekretariat schickte,“ betont Sale, „zeigt, daß er die Version eines vermeintlichen politischen Komplotts vertrat“; oder doch zumindest, daß er „nach dem Attentat, wie alle europäischen Kanzlerämter, die von Hitler verbreitete Version der Fakten geglaubt hat.“7
Es hat sich jedoch herauskristallisiert, daß der Vatikan in den Jahren 1942-43 nicht vollkommen ahnungslos war, was den Versuch angeht, Hitler zu stürzen. Der Hl. Stuhl verfügte auch über andere Informationskanäle, dank derer Pius XII. mit dem deutschen Widerstand in Verbindung blieb. Und das nicht zuletzt durch die geheimen Nachrichten, die dank Rechtsanwalt Josef Müller, einem praktizierenden Katholiken, „Verbindungsmann zwischen den deutschen Geheimdiensten der Abwehr und dem Vatikan weitergegeben wurden.“ Aus einem Bericht der amerikanischen Geheimdienste (OSS) vom 20. August 1944 – basierend auf einem Gespräch des Agenten H. Stuart Hughes mit dem bayerischen Jesuiten Georg Leiber, Pacellis Sekretär zu dessen Zeit als Nuntius in Deutschland und mit diesem in Kontakt stehend – geht hervor, daß die Informationskanäle des Jesuiten Leiber gerade hier, in jenem Widerstand zu suchen waren, zu dem einige Mitglieder des Kreisauer Kreises gehörten: General Hans Oster, Widerstandsleiter bei der militärischen Gegenspionage, Hans von Dohnanyi und auch der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer8. Nachdem diese Männer und Müller verhaftet worden waren, wurde Hans Bernd Gisevius der Mittelsmann zwischen Dissidenten und Vatikan. Gisevius, Delegierter der Abwehr in der Schweiz, hatte sich am 20. Juli unter den Verschwörern in dem Gebäude in der Bendlerstraße befunden, wo die Erschießung von Stauffenbergs und der anderen Offiziere stattfand. Es ist auch kein Geheimnis, daß von Stauffenberg selbst, ein praktizierender Katholik, nicht nur mit Mitgliedern des Kreisauer Kreises, sondern auch mit einigen einflußreichen Jesuiten und zahlreichen deutschen Bischöfen befreundet war.
Pius XII. mit dem Kardinal von München, Michael von Faulhaber.

Pius XII. mit dem Kardinal von München, Michael von Faulhaber.

An diesem Punkt fragt man sich, ob diese Bischöfe mit ihrem Rat oder auch mit ihrer stillschweigenden Zustimmung nicht vielleicht zu dem Attentat auf den Diktator ermutigt haben, ein Attentat, das einige der Verschwörer, von der katholischen Moralkonzeption ausgehend, als wahren Tyrannenmord empfanden.
Die schriftliche Quelle, aus der sich die Elemente ergeben, die den Gedankenaustausch zwischen den Kreisen des aktiven, zivilen und militärischen Widerstands und der deutschen Kirchenhierarchie bestätigen, sind das Tagebuch und die Briefe von Graf von Moltke, Gründer des Kreisauer Kreises.
Aus diesem Tagebuch wissen wir, daß einige namhafte Bischöfe der Widerstandsbewegung nahestanden. Als unerbittlichste Gegner des Nazismus werden zwei Namen genannt: Konrad von Preysing, Bischof von Berlin, und Clemens August von Galen, Bischof von Münster; dann noch der Bischof von Fulda, Johannes Dietz, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, und der Kardinal von München, Michael von Faulhaber. Bischof von Preysing scheint sogar in der Liste der „gelegentlichen Teilnehmer“ an den Versammlungen des Kreises in Berlin auf, die normalerweise in der Wohnung Peter von Yorcks stattfanden. Von Moltke war im September 1941 mit dem Bischof in Kontakt getreten, und von diesem Zeitpunkt an trafen sie sich häufig: „Gestrigen Nachmittag mit von Preysing verbracht“, schreibt von Moltke in seinem Tagebuch, „war sehr zufrieden, auch er schien sehr zufrieden zu sein. [...] Er hat mich sofort eingeladen, wiederzukommen, und das werde ich in regelmäßigen Abständen, ca. alle drei Wochen, auch tun“9. Am 13. November suchte der Graf den Bischof erneut auf. Eine streng vertrauliche Begegnung. Der Bischof berichtete ihm u.a. von dem betagten Erzpriester der Kathedrale, Bernhard Lichtenberg, der wegen „antinazistischen Verhaltens“ verhaftet worden war – er hatte mit Juden gebetet –, und las ihm die Zusammenfassung der Verhöre vor, die ihm die Gestapo noch am selben Tag geschickt hatte10. Die Kontakte zwischen der „Seele“ des Kreisauer Kreises und dem Bischof von Berlin wurden, wie aus den Tagebucheintragungen ersichtlich, immer intensiver.
Am 1. August 1942 schreibt von Moltke: „Am Abend kamen Pater Delp und Pater König aus München angereist. Unterwegs hatten sie sich in Fulda mit dem dortigen Bischof getroffen [...]. Ich glaube, daß sich zwischen diesen Leuten die Vertrauensgrundlage entwickelt hat, die für ein Weitermachen notwendig ist – Delp, der von den Bischöfen von Faulhaber, Preysing und Dietz geschickt wurde, hat beispielsweise – und das ist sehr wichtig –, Karl Miriendorff und mich zu einem Treffen eingeladen...“11. Im Januar 1943 hatte von Moltke, auf dem Weg nach München (wo er seine Jesuiten-Freunde Rösch, König, Delp und Rechtsanwalt Müller aufsuchte) Gelegenheit, sich mit Kardinal von Faulhaber zu treffen und ihn von dem geplanten Vorhaben in Kenntnis zu setzen. „Nachdem er mir zugehört hatte,“ steht in dem Tagebuch zu lesen, „bestand der Kardinal auf einem Konkordat zwischen dem Vatikan und dem neuen deutschen Staat“12, das nach dem Staatsstreich in die Tat umgesetzt werden sollte.
Es ist gewiß, daß sich auch der Drahtzieher des Attentats, von Stauffenberg, kurz vor dem 20. Juli mit Bischof von Presying getroffen hat. Eine Unterhaltung, über die der Bischof jedoch nie sprechen wollte – auch nach Kriegsende nicht. Auch über seine direkten Kontakte zu den Mitgliedern der Widerstandsgruppen hat er nie ein Wort verloren. Wir wissen aber – wie der deutsche Jesuit Peter Gumpel bezeugt –, daß der Bischof von Berlin im Mittelpunkt der Ermittlungen des Volksgerichtshofs stand. Von Preysing konnte dem berüchtigten „Blutrichter“ jedoch entkommen: Roland Freisler kam im Februar 1945 bei einem Luftangriff ums Leben.

November 1943
Gördeler sucht von Galen auf
Soweit also das dichte und bedeutungsvolle Beziehungsnetz zwischen Bischöfen des deutschen Episkopats und verschiedenen Widerstandskreisen um das Attentat vom 20. Juli, das so lange Zeit von der Historiographie ignoriert wurde. Aber auch die dürftige und lückenhafte Dokumentation zu dieser Frage – auf die Regel zurückzuführen, daß in einer Diktatur nichts schriftlich niedergelegt werden darf – wird der Intensität und der Wichtigkeit dieser Kontakte nicht gerecht. Und erlaubt auch nicht, mit Sicherheit davon auszugehen, daß die Bischöfe über diese „letzte und entscheidende Geste“ informiert waren.
Aber jetzt kommt noch ein anderes Element ins Spiel, das Licht auf diese Beziehungen werfen kann. Beziehungen von grundlegender Bedeutung, die wieder einmal zeigen, daß die hohen kirchlichen Würdenträger nicht nur dem militärischen und zivilen Widerstand nahestanden, sondern auch über die Pläne informiert waren, der Schreckensherrschaft der Nazis ein Ende zu setzen, und daß sie diese auch unterstützten. Vor diesem Hintergrund kommt einem Dokument besondere Bedeutung zu, das wir hier zum ersten Mal veröffentlichen: das Zeugnis von Hermann Josef Pünder, ehemaliger Staatssekretär der Reichskanzlei, der nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli ins Konzentrationslager geschickt worden war und den mit dem Bischof von Münster, Clemens August von Galen, eine enge Freundschaft verband.
Graf Helmuth von Moltke, Gründer des Kreisauer Kreises, vor dem Volksgerichtshof

Graf Helmuth von Moltke, Gründer des Kreisauer Kreises, vor dem Volksgerichtshof

Das Dokument stammt aus der den deutschen Bischof betreffenden Positio super virtutibus. Der Brief Pünders, der das Datum des 26. Juni 1946 trägt, ist an den ehemaligen Sekretär von Galens adressiert, Heinrich Portmann, und ist eine der Anlagen der Dokumentation zu seinem Seligsprechungsprozesses13. In dem Brief berichtet Pünder, im November 1943 ein geheimes Treffen zwischen Bischof von Galen und dem führenden Kopf des zivilen Widerstands bewerkstelligt zu haben: dem ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig, Carl Friedrich Gördeler. Gördeler hatte sich Ende der Dreißigerjahre dafür eingesetzt, daß die Auslandsmächte Hitler gegenüber eine härtere Linie vertraten; ihm, der eine der wichtigsten Persönlichkeiten des zivilen und militärischen Widerstands geworden war, sollte nach dem Sturz Hitlers das Amt des Reichskanzlers übertragen werden14.
Die Begegnung zwischen von Galen und Gördeler fand Ende 1943 fand – in der entscheidenden Phase des Widerstands. Als die Alliierten im Januar jenes Jahres die „bedingungslose Kapitulation“ Deutschlands forderten, war Gördeler, wie andere Widerstandsmitglieder, die auf einen getrennten Frieden mit den Westmächten gehofft hatten, zutiefst enttäuscht. So kam es, daß von Stauffenberg und die anderen Offiziere des Widerstands Ende Juli, nach der Verhaftung Müllers und anderer Komponenten des Widerstands durch die militärische Gegenspionage, den Entschluß faßten, zu „Operationsplan Walküre“ zu schreiten und das Regime zu stürzen. Und als von Stauffenberg im Oktober Stabschef des Befehlshabers des Ersatzheeres wurde, rückte die Möglichkeit zum Agieren in greifbare Nähe. Pünder geht nicht auf den Inhalt der Unterredung zwischen von Galen und Gördeler ein, bestätigt aber, daß beide sehr froh über diese Bekanntschaft gewesen wären und daß Gördeler mit Befriedigung festgestellt hatte, in von Galen einen Menschen gefunden zu haben, der mit der von ihm vorangetriebenen Widerstandsbewegung sympathisierte. In seinem Brief bestätigt er auch, daß der Name von Galens in den Protokollen der Gestapo unter den Personen aufscheint, die Gördeler in der Vorbereitungszeit des Staatsstreichs aufgesucht hat. Er erinnert auch daran, daß von Galen, als sie sich im November 1943 wiedertrafen und sich über die nur noch ihnen beiden bekannten Fakten unterhielten, den gewaltsamen Tod Goerdelers zutiefst bedauert hatte; eines Mannes, den er als aufrechten Deutschen und wahren Christen kennengelernt hatte.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie viele mutige Männer sich nicht scheuten, ihrem Gewissen zu folgen und sogar ihr Leben zu geben in dem Versuch, „Deutschland unsägliches Leid zu ersparen“15 und sich selbst wie auch Deutschland von der inakzeptablen Barbarei dieser „kleinmütigen Männer zu befreien, die glaubten, allmächtig zu sein“ und von denen der Bischof von Münster sagte: „Ich kann nichts mehr gemeinsam haben mit Menschen, die sich anmaßen, sich zu Herrn zu machen über Leben und Tod der Mitmenschen“.


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