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ESSAYS
Aus Nr. 03 - 2005

ESSAYS. Steht Rom im Zentrum der Welt?

Petrus, der Fels, und die Steine der Ewigen Stadt


Eine Reflexion des Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur.


von Kardinal Paul Poupard


Ein Blick auf die Kuppeln und Glockentürme des Kapitols

Ein Blick auf die Kuppeln und Glockentürme des Kapitols

Ich bin mir nicht sicher, ob nicht eine gewisse Anmaßung in der Frage liegt: „Steht Rom im Zentrum der Welt?“. Aber ich weiß, daß es viele anmaßende Möglichkeiten gibt, darauf zu antworten. Ich will es jedenfalls von einem Ausspruch Madame Swetchines ausgehend tun, einer Freundin Lacordaires, der selbst wiederum Freund eines französischen Priesters war, der heute leider in Vergessenheit geraten scheint: Abbé Louis Bautain.
MADAME SWETCHINE, LACORDAIRE, BAUTAIN
Doch erteilen wir Madame Swetchine das Wort: „Rom ist die Königin der Städte, eine so vollkommen andere Welt als alle, denen wir anderswo begegnen können; ihre Schönheiten und Kontraste sind einfach überwältigend, mit nichts zu vergleichen, so überwältigend, daß wir einfach nicht darauf vorbereitet sind, uns der Atem stockt. Hier finden die Gedanken zu wahrer Größe, hier werden die Gefühle religiös, hier kommt das Herz zur Ruhe. Hier können wir alle Epochen der Geschichte erleben, Seite an Seite, und es hat den Anschein, als hätte eine jede diesen Monumenten ihr jeweiliges Wesen einprägen wollen, einen eigenen Horizont schaffend, eine ganz besondere Atmosphäre... Oder ist die Schönheit etwa nicht ewig wie die Wahrheit? Daher dieses enge Band zwischen Religion und Kunst!“. Und bei folgendem Kommentar klingt unverkennbar die konvertierte Orthodoxe aus ihr heraus: „Einer der Beweise der Wahrheit des Katholizismus ist, daß er so gut der ausschließlichen Natur unseres Herzens entspricht. Die anderen Kirchen glauben, die Religion zu vereinfachen, sie zugänglicher zu machen, akzeptabler, indem sie auf jede Gemeinschaft die von ihrem göttlichen Urheber gemachten Verheißungen ausdehnen, und das ist eine recht merkwürdige Aberkennung unserer wirklichen Bedürfnisse. Je positiver, ausschließlicher, anspruchsvoller eine Regel ist, umso anziehender ist sie für uns, dank dieses vagen Instinkts, der uns erkennen läßt, wie sehr unsere Schwäche Halt finden muß, unsere Gedanken der Führung und Leitung bedürfen. Niemand wird sich jemals für eine Religion begeistern, die sagt, daß ihr die anderen gleichwertig sind, und der eifersüchtige Gott wußte das nur zu gut. Warum sollte man, wenn eine Sache nicht nur die bessere ist, sondern die einzig wirklich gute, diese nicht wählen, vorziehen, warum sollte man seine Ehrerbietung, seine Liebe aufteilen?“.
Dieser Text von Madame Swetchine, auf den ich fast zufällig gestoßen bin, hat mich veranlaßt, jene Seiten wieder zur Hand zu nehmen, die der begeisterte junge Römer, als der ich mich damals fühlte, im November 1961 den Lesern von La vie spirituelle unterbreitet hatte: über Lacordaire, Bautain und Madame Swetchine. Und im Zentrum des Ganzen stand Rom, wo Abbé Bautain, Straßburger Philosoph, von seinem Bischof des Fideismus bezichtigt wurde.Lacordaire schrieb ihm am 1. Februar 1838: „Eine Verurteilung Roms geht in die Geschichte ein, seine Unfehlbarkeit verleiht ihrem Schicksal Ewigkeitswert. Der eines Bischofs ist dagegen keinesfalls dasselbe Schicksal bestimmt, und sie ist auch nicht von derselben Schwere...“ Msgr. le Pappe de Trévern stellt er seiner Brieffreundin so vor: „Der alte Bischof von Straßburg ist offensichtlich ein übertriebener Gallikaner, den das, was Bautain an Falschem an sich hat, sehr viel weniger beeindruckt als das, was er an Wahrem hat... Niemand mißt der Reinheit der Lehre mehr Bedeutung bei als ich, der ich sie jeden Tag eifersüchtiger verteidige, für mich selbst; aber die Liebe bei der Betrachtung der Lehren ist das absolut notwendige Gegengewicht zur theologischen Unbeugsamkeit. Man handelt als wahrer Christ, wenn man die Wahrheit und nicht den Irrtum einer Lehre sucht, und man unternimmt jede auch nur erdenkliche Anstrengung, um sie zu finden, ganz so, wie wenn man eine Rose an den Dornen pflückt. Wer alles Denken der Menschen kritiklos über einen Kamm schert, das Denken eines aufrechten Menschen, der ist ein Pharisäer, die einzige Kategorie Mensch, die Jesus Christus mißbilligte. Gibt es vielleicht einen Kirchenvater, der keine Meinungen, keine Irrtümer hatte? Werfen wir ihre Schriften vielleicht aus dem Fenster, damit der Ozean der Wahrheit reiner wird? Der Mensch, der für Gott kämpft, ist ein heiliges Wesen, und bis zum Tag einer klaren Verurteilung ist sein Denken mit freundlicher Gesinnung zu betrachten.“Und am 1. Februar 1840 fügt Lacordaire, in einem anderen Brief an die Brieffreundin, an: „1838, als ich in Metz war, wurde ich davon unterrichtet, daß man versuchte, ihn nach Rom zu schicken, letztem Zufluchtsort für jene, die gegen die Unerbittlichkeit derer fehlen, die niemals fehlen... Ich überzeugte ihn davon, nach Rom zu gehen. Er reiste ab, wurde gut aufgenommen, kehrte voller Begeisterung für Rom zurück...“1Vor langer Zeit habe ich das Journal romain de l’abbé Bautain (1838) veröffentlicht (Das römische Tagebuch von Abbé Bautain des Jahres 1838), in dem diese vergessene Geschichte wiederaufgegriffen wird. Ich wollte an sie erinnern, was ich ja dann in meinem Rome-Pèlerinage2 auch getan habe, denn für viele Pilger von gestern und von heute ist die Pilgerreise nach Rom vor allem das Gebet in der Basilika St. Peter, in einem auf das lebendige Lehramt der Kirche ausgerichteten Weg des Glaubens, das, laut der Versprechen, die Christus dem Petrus gemacht hat, in der Person seines Nachfolgers, des Papstes, seinen Fortgang findet. Eine Gnade der Pilgerreise nach Rom ist gerade die Neubesinnung auf Petrus, dessen Nachfolger nach wie vor Garant der Wahrheit des Evangeliums ist, inmitten all der Wirren unserer Zeit.Am Abend des 28. Februar 1838, dem Abend seiner Ankunft, schrieb Bautain in sein Tagebuch: „Und schließlich reisten wir ab.... Wir konnten es kaum erwarten, die große Stadt vor unseren Augen auftauchen zu sehen, trotz all der Strapazen der letzten Nacht und der Nächte zuvor; und dann – wir waren gerade auf einer Anhöhe angekommen – deutete der Kutscher auch schon aufgeregt mit der Peitsche nach vorne und rief: „Rom!“. Und tatsächlich: hinter den Schwaden des Morgennebels zeichnete sich, verschwommen noch, die Kuppel von St. Peter ab, und uns war, als könnten wir ganz Rom vor unseren Augen erstehen sehen, das alte und das neue, Rom, Lehrmeisterin der Welt, durch ihre Kraft wie auch ihren Geist. Wir mußten nach dieser Erscheinung noch viele Hügel hinter uns bringen, bis wir St. Peter und den Vatikan tatsächlich aus nächster Nähe sehen konnten – und so war es wirklich das erste, was wir von Rom sahen, als wir durch das Tor von Civitavecchia Einzug hielten, das sich gleich dort befindet, weshalb man den Eindruck hat, in den Vatikan selbst einzuziehen. So war also das, was wir von Anfang an von Rom gesehen haben, auch das einzige, weswegen wir in den Vatikan gekommen waren: St. Peter und den Vatikan“3.
Johannes Paul II. segnet das Grab des Petrus.

Johannes Paul II. segnet das Grab des Petrus.

DIE BERUFUNG ROMS
Damit dürfte meine Frage also beantwortet sein, nämlich die, ob Rom im Zentrum der Welt steht. Dieses Wort, „Zentrum“ kann nämlich in vielerlei Hinsicht verstanden werden: Zentrum der Anziehungskraft oder Zentrum der Ausstrahlung?
Wenn man es als Zentrum der Anziehungskraft oder der Ausstrahlung in der Welt versteht, muß man wissen, ob man dabei an den Papst oder an die Kurie denkt. Wir wissen, daß es zwei verschiedene Dinge sind, das zweite steht im Dienst des ersten. Und schließlich muß man auch den religiösen, den moralischen und den politischen Aspekt der Dinge unterscheiden. Die Antwort wird je nachdem, welcher Aspekt in Betracht gezogen wird, anders ausfallen.Wenn man die sogenannte allgemeine Meinung nimmt und sich bemüht, diese allgemeine Meinung folglich im Licht dessen zu beurteilen, was die Kirche von sich selbst denkt, haben wir es meiner Meinung nach mit zwei gleichermaßen falschen Vorstellungen von Rom und vom Hl. Stuhl zu tun. Eine Vorstellung tendiert dazu, die Rolle Roms unrechtmäßig auf ein Zentrum der Anziehungskraft oder der Ausstrahlung zu reduzieren, indem es als eine einfache Kirche unter anderen betrachtet wird. Im Gegensatz zu dieser reduzierenden Vorstellung steht dann eine andere, die zur Übertreibung neigt und seine Rolle in einem gewissen Sinne mehr oder weniger formal mit einer „Macht“ gleichsetzt, ungeachtet dessen, was die Kirche beim Konzil in Sachen Religionsfreiheit über sich selbst gesagt hat“4.Mir scheint, daß Rom (und das ist seine eigentliche Berufung) als wichtigster Zeuge gesehen werden möchte – und die Kirche durch Rom –, als Zeuge des lebendigen, gestorbenen und von den Toten auferstandenen Christus; geeigneter Zeuge, wie kein anderer, durch die dem Petrus von Christus übertragene Sendung. Dieses Zeugnis findet in Rom für jene, die glauben, und auch für einige derer, die nicht glauben, seinen reinsten Ausdruck. Und so kann und muß Rom, als Zentrum der Kirche, akzeptieren, eine universale und missionarische Sendung zu haben, ganz gleich, welches auch die unvermeidlichen Schwächen jeglicher menschlichen Mitarbeit am Werk Gottes sein mögen.
hier oben, Miniatur aus der Handschrift Compilatio totius Bibliae des Johannes von Udine, 14. Jh., Vatikanische Apostolische Bibliothek

hier oben, Miniatur aus der Handschrift Compilatio totius Bibliae des Johannes von Udine, 14. Jh., Vatikanische Apostolische Bibliothek

Die URBUS
Das scheint mir die Berufung Roms zu sein; das, woran sich die Faszination Roms irgendwie erklären läßt. Denn auch heute, nach zweitausend Jahren, übt Rom immer noch auf die ganze Welt eine starke Faszination aus, eine so große, daß man sie „die Stadt“ nennen konnte, oder einfach nur: „l’Urbs“. Der Stadt und dem Erdkreis, Urbi et orbi, erteilt der Papst von der Loggia der Basilika St. Peter aus den feierlichen Segen, vor diesem herrlichen Platz, der den Namen des Gründerapostels trägt. Diesem Platz, den die Fernsehzuschauer immer wieder so gerne betrachten, in der Hoffnung, selbst eines Tages die Pilgerreise nach Rom anzutreten. Denn wenn es auch stimmt, daß alle Wege nach Rom führen, so kann man heute noch anfügen, daß sie den geblendeten Reisenden hierher führen, den Pilger, der auf den Spuren des Apostels wandeln möchte, um in den großen Basiliken zu beten, sich unter jenes buntgemischte Volk zu mischen, dessen Glaube neu belebt wird im Gebet des katholischen Credo mit dem Nachfolger Petri.
UNERMÜDLICHES ROM!
Unermüdliches Rom! Man durfte es Hauptstadt der Zivilisation und des Rechtes nennen, der Kunst und der Geschichte; dieses Rom der so untrennbar miteinander verflochtenen Steine und Jahrhunderte, unterirdisches Rom der Katakomben, Rom, das auf der im Vatikan entdeckten Grabstätte des Petrus errichtet wurde, auf dem Martyrium der Apostel, aber auch auf den Trümmern der heidnischen Tempel und der antiken Städte, und schließlich das moderne Rom, so voll pulsierenden Lebens oder der engen Gassen von Trastevere, Rom der Kirchen und der Klöster, Rom der Universitäten und der Seminare, Rom der Pilger, mit seinem Besucherstrom, der sich Woche für Woche, unter den Fenstern des Papstes, auf den Kirchplatz von St. Peter ergießt.
Wie Johannes Paul II. am 25. April 1979, Jahrestag der Gründung Roms, sagte, bezeichnet dieses Datum nicht nur den Anfang eines Aufeinanderfolgens von Generationen von Menschen, die hier gelebt haben. Es ist auch ein Anhaltspunkt für weit entfernte Nationen und Völker, die wissen, daß sie ein besonderes Band der Einheit mit der lateinischen Kulturtradition verbindet.Die Apostel des Evangeliums, vor allem Petrus aus Galiläa und Paulus aus Tarsus, sind nach Rom gekommen und haben hier die Kirche eingepflanzt. So konnte in der Hauptstadt der Welt der Antike der Sitz der Nachfolger Petri entstehen, der Bischöfe von Rom. Was christlich war, hat sich in dem verwurzelt, was heidnisch war, und wurde, nachdem es im römischen Humus gedeihen konnte, eine neue Kraft. Hier ist der Nachfolger Petri der Erbe dieser universalen Sendung, die die Vorsehung in das Buch der Geschichte der Ewigen Stadt einschreiben wollte.
Hier oben, Petrus wird zur Hinrichtung geführt; Sarkophag-Detail (4. Jh.), Sebastians Katakomben

Hier oben, Petrus wird zur Hinrichtung geführt; Sarkophag-Detail (4. Jh.), Sebastians Katakomben

PETRUS, DERFELS,
UND DIE STEINE
Königin der Geschichte, rauschendes Fest der Künste, Augenschmaus und Herzensfreude: Rom ist für den Pilger lebendiges und sichtbares Zentrum der Einheit der katholischen Kirche, fruchtbar gemacht durch das Martyrium der Apostel, benetzt von Jahrhunderten des Glaubens, erleuchtet von der Präsenz des Nachfolgers Petri. Ob ihr vom Flughafen Fiumicino kommt, vom Bahnhof Termini oder aus dem Verkehrschaos der Autostrada del Sole – ihr habt alle den einen brennenden Wunsch: St. Peter und den Heiligen Vater zu sehen. Für den Pilger, der nach Rom kommt, ist die Botschaft der Steine der Vergangenheit mit den Gesichtern Gottes des Heute verflochten, in einem lebendigen Zeugnis des Glaubens. Er besucht nicht nur geschichtsträchtige, Jahrtausende alte Stätten, sondern reiht sich auch ein in die Gilde der Zeugen, und schickt sich – wie seine Gesinnungsgenossen auf der ganzen Welt – an, auf den Spuren derer zu wandeln, die ihm, die Epochen hindurch, vorausgegangen sind. Lebendige Kontinuität in Zeit und Raum: die von den Christen gebildete Kirche findet sich in Rom in einer Jahrhunderte alten Kette wieder.
Die Christen, Mitglieder vieler unter den Völkern verstreuten Gemeinschaften, können hier in Rom ihre tiefe Einheit als Gottesvolk wiederentdecken, um das Grab des Petrus und seines lebenden Nachfolgers im Vatikan versammelt. Die Wahl der Apostel war auf die riesige Hauptstadt der Welt der Antike gefallen, weil sie das Evangelium in das Herz des Imperiums einpflanzen wollten. Petrus und Paulus, die nach Rom gekommen waren, um den Glauben an den lebendigen Gott zu verkündigen, haben hier den Tod gefunden. Ihr Martyrium hat die Kirche hier Wurzeln schlagen lassen. Ein altes Sprichwort besagt, daß das Blut der Märtyrer der Samen der Christen ist. Und seit den ersten Jahrhunderten haben sich die Christen – von Rastlosigkeit getrieben – aufgemacht, um die Gräber der heiligen Apostel aufzusuchen, um ihren Glauben kundzutun, in lebendiger Kontinuität mit ihren Vätern und in tiefer Verbundenheit mit dem Bischof von Rom.
Kreuzigung des Petrus, Fresko aus dem 13. Jh., Sancta Sanctorum am Lateran.

Kreuzigung des Petrus, Fresko aus dem 13. Jh., Sancta Sanctorum am Lateran.

PETRUS UND DER HEILIGE VATER
Das Pilgerziel Rom ist keineswegs nur ein Ziel in der Fremde, gut genug gerade für einen kurzen, schnell wieder vergessenen Besuch. Und auch keine Art Heiligtum im Großformat, das auf eine lang zurückliegende Erscheinung reduziert ist. Es ist die Ewige Stadt in ihrer Gesamtheit, Heimat der katholischen Gläubigen, Heimat vieler Christen seit mehr als 2000 Jahren. Die Zeit, die sich anderswo in der Geschichte verflüchtigt, ist hier in der Dauer verwurzelt. Während an einem Wallfahrtsort, an dem sich die Muttergottes oder ein Heiliger gezeigt haben, die Kontinuität allein in der Treue zu dieser Botschaft begründet ist, hat sich Rom in der Zeit bestätigt, die es mit seiner Präsenz und seinem Wirken erfüllt hat. Petrus und Paulus sind hier begraben. Über ihren Gräbern erheben sich zwei Basiliken. Die Katakomben bergen die Spuren der Lebenden und der Toten der ersten Jahrhunderte. Aber die Pilger kommen nicht nur hierher, um Stätten aufzusuchen. In Rom begegnen sie dem Stellvertreter Christi, Nachfolger des Petrus. Zwischen Petrus, dem Fels, und den Steinen besteht kein Antagonismus, sondern Komplementarität.
Was wollt ihr in Rom? Zu den Basiliken pilgern? Oder den Papst sehen? Warum „oder“ sagen, wenn doch „und“ gesagt und getan werden muß! Der Pilger begibt sich zum Petersplatz, um in der Basilika St. Peter zu beten und den Heiligen Vater zu sehen. Videre Petrum: dieser alte Glaubensruf kommt aus der Tiefe der Jahrhunderte, ist der glaubende Schritt, der Petrus mit Johannes Paul II. verbindet, den einen mit dem anderen, der eine nach dem anderen Adressat des unerhörten Versprechens Christi: „Du bist Petrus, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen.“ Es handelt sich wirklich um einen Schritt des Glaubens, beseelt von der Gewißheit, die dem Poeten innewohnt: „Und wir sind dem Petrus ins Netz gegangen. Denn Jesus hat es für uns ausgeworfen“ (Charles Péguy).
Die Ewige Stadt in ihrer Gesamtheit ist Heimat der katholischen Gläubigen, Heimat vieler Christen seit mehr als 2000 Jahren. Die Zeit, die sich anderswo in der Geschichte verflüchtigt, ist hier in der Dauer verwurzelt. Während an einem Wallfahrtsort, an dem sich die Muttergottes oder ein Heiliger gezeigt haben, die Kontinuität allein in der Treue zu dieser Botschaft begründet ist, hat sich Rom in der Zeit bestätigt, die es mit seiner Präsenz und seinem Wirken erfüllt hat. ...
VON PETRUS ZU KAROL
Petrus ist nach Rom gekommen. Er war sein erster Bischof. Und nach seinem Tod folgte der Bischof von Rom in seinem Hirtenamt nach, oberster Verantwortlicher für das Bischofskollegium; er, der erste Bischof: Schlußstein der in Zeit und Raum verstreuten Kirche, bis in alle vier Erdenwinkel verbreitet, auf dem Weg zu der ewigen Heimat. Stadt Gottes im Herzen der Stadt der Menschen, deren Seele sie sein will, ist die Kirche Jesu Christi keineswegs ein unförmiges Konglomerat, sondern ein strukturierter Organismus. Ihre sichtbaren Strukturen künden von der unsichtbaren und wesentlichen geistlichen Nervatur der Gnade, deren Quelle der Herr, deren Kanal der Heilige Geist ist. Mit seinen Brüdern aller Rassen und aller Sprachen vermischt, wird sich der Rom-Pilger hier der auf die Ewigkeit hinstrebenden Zeit besser bewußt. Hier, wo die Ewigkeit bereits ihre Spuren hinterlassen hat. Die Zeit kann die Steine im Laufe der Jahrhunderte auch niederreissen, aber er, Petrus, der Fels, ist stets lebendig, von Simon aus Galiläa bis hin zu Karol aus Krakau – auch er von weither gekommen – um uns besser in die Ferne zu tragen, im Boot der Kirche, im Windhauch des Geistes.
Der Pilger, der die konkreten Gebäude besichtigt, Zeichen und Hüter einer spirituellen Realität, tut das nicht wie ein Tourist, der ein Kunstwerk entdeckt. Er ist ein Gläubiger, der seine Schritte in die vorausgegangener Generationen lenkt, von denen er, wie auch von der Kirche, wohin er zum Beten kommt, den Glauben empfangen hat, der sein Gebet beseelt. Daher ist das Herz des Pilgers in Rom die Begegnung und der vom Nachfolger Petri empfangene Segen. Ist die Gnade der Audienz, in der sich der Heilige Vater jeden Mittwoch den Pilgern zuwendet, als Zeuge des Glaubens und bevollmächtigter Interpret des Evangeliums, wie auch die Gnade des jeden Sonntag mit ihnen gemeinsam gebeteten Angelus.Berufung Roms ist es, die Pilger im Glauben zu bekräftigen, damit sie ihn auf allen Straßen der Kirche und der Welt leben, inmitten der Menschen, auf allen Straßen, die die Straßen Christi sind, wie es das schöne Bild beschreibt, das wir in der ersten Enzyklika von Johannes Paul II., Redemptor hominis, finden.Wie sollte man nicht denken können, daß unter all den Straßen Rom die privilegierte ist, dank der Kontinuität einer Tradition, deren Hüter die Ewige Stadt ist. Der Nachfolger Petri ist keine mystische fliegende Untertasse, die der Himmel Polens auf die Ufer des Tiber fallen ließ. Ist kein neuer Melchisedek, ohne Vater und Mutter, ohne Stammbaum. Wie schon sein Name sagt, ist er ein Nachfolger. Seine Person identifiziert sich mit seiner Funktion.... Diese, Erbin des Evangeliums und gezeichnet vom Gewicht der Geschichte, schreibt sich in die zwei Jahrtausende ein, die die Stadt Rom erfüllt haben. Als fleischgewordene Kirche ist die Kirche von Rom nicht ohne Makel, nicht hart und rein wie eine Utopie, deren einzig wirkliche Eigenschaft das Nicht-Existieren wäre. Sie dagegen existiert sehr wohl, mit ihren so nachhaltig von Zeit und Raum geprägten Zügen, von den Menschen und deren Bauten aus Stein. So ist die Berufung Roms die Inkarnation des Glaubens, mit den Aposteln Petrus und Paulus und den Millionen Gläubigen, die gekommen sind, um an ihren Gräbern zu beten und sich am Glauben zu laben.Wie hat Johannes Paul II. am 4. Juli 1979 gesagt, als er zum ersten Mal in Rom das Hochfest Peter und Paul feierte: „Wie eloquent ist doch der Altar, in der Mitte der Basilika, auf dem der Nachfolger Petri die Eucharistie feiert und daran denkt, wie nah er doch dem Altar ist, auf dem Petrus, am Kreuz, das Opfer seines Leben dargebracht hat, vereint mit dem, auf dem Kalvarienberg, des gekreuzigten und auferstandenen Christus.“ SEHEN UND VERSTEHEN
Angesichts der angehäuften Schätze bleiben die kritischen Stimmen nicht aus, die sich darüber entsetzen – wo es doch soviel himmelschreiende Armut gibt. Die Geschichte kann nicht neu geschrieben werden, und das Verhalten der Päpste der Renaissance können wir heute nur schwer verstehen. Paul VI. konnte am 30. Juni 1971, als er den neuen Audienzsaal, die Sala Nervi, einweihte, feststellen, daß er „keinerlei monumentale Hochmut oder ornamentale Prahlerei aufweist,“ sondern daß „der Wagemut der christlichen Kunst darin liegt, sich in Größe und Majestät auszudrücken.“ Aber schon einige Zeit vorher, als er Substitut im Staatssekretariat war, hatte Msgr. Montini jene Worten gefunden, die ich nun, vierzig Jahre später, zu den Pilgern von heute sagen will: „Faszination, Ehrerbietigkeit, Staunen, Neugier oder einfach nur weises Mißtrauen leiten die Schritte des modernen Rompilgers, der nicht anders kann, als diesen Pflichtbesuch abzustatten, sich ganz einfach genötigt fühlt, zu schauen und zu verstehen.
Schauen und verstehen: vielleicht liegt hier der psychologische Unterschied zwischen dem Besuch der Vatikanstadt und dem eines anderen großen Bauwerks der Antike, dem Forum Romanum, den Pyramiden, dem Parthenon, den Resten von Ninive oder der Zivilisation der Inkas. Die muß man nur schauen; hier jedoch muß man auch verstehen. Denn hier ist etwas undefinierbar Gegenwärtiges, etwas, das zum Überlegen anregt, das eine Begegnung erfordert, eine innere Anstrengung unumgänglich macht, eine geistliche Synthese.
Der Vatikan ist nämlich nicht nur eine Gesamtheit von Bauwerken, die den Künstler interessieren können, und auch nicht nur ein herrliches Denkmal vergangener Jahrhunderte, die den Historiker interessieren werden; nicht nur ein Schrein, der überquillt vor bibliographischen oder archäologischen Schätzen, der den Gelehrten interessieren wird; und auch kein Museum, das für seine herrlichen Meisterwerke bekannt ist, die den Touristen interessieren werden; und schließlich ist er auch nicht nur der heilige Tempel des Martyriums des Apostels Petrus, der den Gläubigen interessieren wird. Der Vatikan ist nicht nur Vergangenheit; er ist das Haus des Papstes, einer lebendigen und wirkenden Autorität.“

DIE BOTSCHAFT DER EWIGEN STADT
Wie einst die Stimme Christi über den stürmischen Wassern des Tiberias-Sees erscholl, so läßt die seines Stellvertreters Johannes Pauls II. heute machtvoll alte Slogans und neue Ideologien wieder aufleben: „Fürchtet euch nicht, öffnet Christus die Tore, macht sie weit auf. Öffnet seiner heilenden Macht die Staatsgrenzen, die Wirtschafts- und Politiksysteme, das immense Terrain der Kultur, der Zivilisation, der Entwicklung. Fürchtet euch nicht... Laßt Christus zu den Menschen sprechen. Er allein hat Worte des Lebens, ja, des ewigen Lebens.“
Das ist die Botschaft Roms, außergewöhnlicher Kreuzpunkt von Völkern und Kulturen. Petrus hat sich nicht gescheut, mit Paulus hierherzukommen und das Kreuz ins Herz dieses mächtigen Imperiums einzupflanzen. Die politische und sprachliche Einheit, die zentralisierte Verwaltung sollten sich, von Rom aus, Hauptstadt der Welt der Antike, als überaus wertvoll für die Verbreitung des Evangeliums erweisen. Gerade in dem Moment, als es aus der Geschichte ausgelöscht zu werden drohte, hat es Rom zur Ewigen Stadt gemacht. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches und dem Abrücken des Oströmischen Reiches, verband sich Rom ohne Furcht mit dem neuen Europa, das sich mühsam und allmählich herauszukristallisieren begann. Im Jahr 800 erhob der Papst hier Karl den Großen zum Kaiser. Nach den Wirren des saeculum ferreum wurde Rom zum katholischen Bollwerk gegen den Ketzerglauben. Die Prunksucht der Barockzeit ließ gerade hier, nach all den Wirren, die Glaubensfreude erblühen, die Lebensfreude, diese beiden Freuden, die letztendlich doch ein und dieselbe sind. Und während wir so diese aufeinanderfolgenden Etappen einer Kunst erkennen können, die stets in Symbiose mit ihrer Zeit steht, lehrt uns Rom da vielleicht nicht, wie wir in uns den Sinn für das Universale stärken können, stets im Bewußtsein unserer katholischen Berufung?
Rom hat sich schon immer auf die Kunst des Assimilierens verstanden. Die christliche Gemeinschaft hat drei Jahrhunderte lang, dank der griechischen Sprache, gute Verbreitung gefunden. Und mit dem Lateinischen sollte es später nicht anders sein. In ihrer Anfangszeit vollzog sie ihre Feiern in Privathäusern, und später, ebenso problemlos, in den großen Basiliken des Konstantin. „Wo versammelt ihr euch?“ wurde Justinian gefragt, und die Antwort des christlichen Philosophen lautete: „Wo wir können.“
Das ist die von Rom erteilte Lehre. Nicht von außen, sondern von innen müssen Welt und Gesellschaft konvertiert werden. Die Christen Roms haben auch auf ihre Kultgebäude das Schema der heidnischen Basiliken angewandt. So kommt es, daß man auf dem Mosaik, das die Decke einer Grabkammer ziert, die Darstellung des Sonnengottes finden kann. Übrigens eine christliche: auf einer der Seitenwände ist die Szene des Jonas dargestellt. In Santa Prisca und Santa Stefano Rotondo ist die Kirche in das davor existierende Mithräum hineingebaut, während man unter San Clemente erkennen kann, daß sich die christliche Kirche aus dem 4. Jahrhundert neben dem privaten Mithräum befindet. Die Überreste des Altertums sollten dann später die christlichen Heiligtümer zieren: zu Stützen christlicher Kirchen umfunktionierte Marmorsäulen heidnischer Tempel, ägyptische Obelisken überragt vom Kreuz Christi.

DER MÄRTYRERKULT
Mit seinen vielen Märtyrern – zuerst den Aposteln Petrus und Paulus, dann Ignatius, Justinus, Ptolomäus, Lucius, dem Patrizier Apollonius, und den unzähligen anderen, deren Namen wir nicht kennen – ist Rom eine Art lebendes Martyrologium. In der Stadt, die das Epizentrum der Welt war, wurde das Blut der Märtyrer zum Samen für Christen. Die bedeutende Gemeinschaft der Römer, die schon den Apostel Paulus faszinierte, war ein neues heiliges Land geworden, gezeichnet vom Blut der Märtyrer: „Sie haben den Vorsitz in der Liebe und in der Brüderlichkeit,“ wie Ignatius in seinem Brief an die Römer schrieb; eine Gemeinschaft, die ihr Licht ins gesamte Imperium strömen ließ.
Der Märtyrerkult ist das, was eigentlich hinter den Pilgerreisen steht und aus Rom eine heilige Stadt gemacht hat, die sich allmählich darauf eingestellt hat, die Pilger zu empfangen und den Märtyrern den Kult zu bereiten, der ihrem Ruf gerecht wird. Der hl. Hieronymus schrieb: „Wo werden die Kirchen und Märtyrergräber so eifrig und von so vielen Menschen aufgesucht wie in Rom? Gelobt sei der Glaube des römischen Volkes!“. Und der hl. Ambrosius beschrieb das Hochfest Peter und Paul am 29. Juni wie folgt: „Die Straßen dieser riesigen Stadt sind zum Bersten voll mit Menschen. Auf drei Straßen (beim Vatikan, auf der Ostiense und auf der Via Appia) wird das Fest der heiligen Märtyrer gefeiert. Es scheint, als hätte sich die ganze Welt in Bewegung gesetzt.“
Anfang des 5. Jahrhunderts schrieb Prudentius: „Aus dem Alba-Tor strömen lange Prozessionen, die die Landschaft wie mit weißen Streifen durchzogen aussehen lassen. Da sind die Bewohner der Abruzzen und die Bauern von Etruria, die wilden Sanniten, die Einwohner des stolzen Capua. Und auch das Volk von Nola.“ ...Nola, über das Paulinus schreibt: „So hast Du Dich also herausgeputzt, Nola, um es ganz Rom nachzutun.“ Auch dieser Literat und Bischof pflegte einmal im Jahr, zum Hochfest Peter und Paul, nach Rom zu pilgern.

DIE PILGERREISE
Die Pilgerreise nach Rom ist vor allem traditionelle Pflicht für alle Bischöfe. Schon beim Konzil von Rom – 743 unter Papst Zacharias – war vom ad limina apostolorum Besuch als Tradition die Rede, wurde die Verpflichtung dazu erneuert. Nach Jahrhunderten, in denen dieses Brauchtum eine Schwächung erfahren hatte, machte es Sixtus V. mit der apostolischen Konstitution Romanus pontifex vom 20. Dezember 1585 erneut zur Pflicht. Jedem Bischof war eine zweifache Verpflichtung auferlegt: die Gräber der heiligen Apostel zu verehren und dem Papst über die Situation seiner Diözese Bericht zu erstatten.
Im Angelus vom 9. September 1979 erklärte Johannes Paul II. den Pilgern die Bedeutung dieser ad-limina-Besuche: „Ich nehme unser gemeinsames, mittägliches Angelus-Gebet zum Anlaß, über die uralte Tradition des Besuches des Sitzes der Apostel, ad limina apostolorum, zu sprechen. Von den vielen Pilgern, die nach Rom kommen und damit ihre Treue zu dieser Tradition bekunden, gebührt den Bischöfen aus der ganzen Welt besondere Aufmerksamkeit. Durch ihren dem Sitz der Apostel abgestatteten Besuch bringen sie ihre Verbundenheit mit Petrus zum Ausdruck, der die Kirche auf der ganzen Welt vereint. Indem sie alle fünf Jahre nach Rom kommen, bringen sie in einem gewissen Sinne alle Kirchen hierher, also die Diözesen, die sich, durch ihr Bischofsamt und gleichzeitig durch die Verbindung mit dem Sitz Petri, in der katholischen Gemeinschaft der universalen Kirche bewahren. Doch die Bischöfe statten nicht nur dem apostolischen Sitz ihren Besuch ab, sondern bringen Rom auch Nachricht über das Leben der Kirchen, deren Hirten sie sind, über den Fortschritt des Evangelisierungswerkes, über Freude und Mühsal der Menschen und Völker, bei denen sie ihre Sendung erfüllen.“
Die Pilger verfolgen einen doppelten Zweck: den Papst zu sehen und in den großen Kirchen und Basiliken zu beten, vor allem in St. Peter. Diese größte Basilika der Christenheit, für deren Bau keine Kosten gescheut wurden, zeugt von einer langwährenden Verpflichtung und einem selten zu findenden Ausharren, zu Ehren Petri und seiner Nachfolger. Die Petersbasilika ist nämlich das doppelte Symbol für den Glauben an die Sendung, die Christus dem Petrus übertragen hat, und die Verehrung, die alle Christen, Bischöfe und Gläubige, seinem Nachfolger, dem Bischof von Rom, entgegenbringen. Gehorsam und Respekt vereint in einer einzigen Geste der Ehrerbietung dem Fischer aus Galiläa und dem Papst gegenüber, dessen Funktion, verwurzelt auf dem Grab des Apostels, – ebenso wie der Ruhm des Bernini – auf die ganze Christenheit ausstrahlt.

DIE HEILIGEN
Rom ist auch ein Magnet für Heilige. Nicht nur die Gründer der religiösen Orden, sondern auch die Heiligen des Volkes, die „volkstümlichsten“, wie Benoît Labre. Der Seminarist, Kartäuser, dann Trappist in Sept-Fons, kam 1771 nach Rom, um hier zu beten. Er ging nie wieder fort, sondern blieb, zog als bettelnder Vagabund umher. Wundervolles Rom! Diese Stadt, deren Luxus und Macht der hl. Bernard noch so erbarmungslos kritisiert hatte, verstand diesen zerlumpten, verlausten Bettler auf Anhieb, bewunderte und liebte ihn in seiner selbstverständlichen Armut und seinem feierlichen Gebet. Als sich am 16. April 1783 die Nachricht von seinem Tod verbreitete, strömte die ganze Stadt nach Santa Maria ai Monti. Die Lumpen, die er am Leibe trug, wurden in Fetzen geschnitten, um Reliquien daraus zu machen. Seine Beerdigung am Ostertag war ein einziger Triumph. Der Ansturm der Menschenmassen war so gewaltig, daß die Truppe, die die Kirche bewachte, letztendlich weichen mußte.
Dann, im 19. Jahrhundert wurde Rom zusehends zum Zentrum für die gesamte Christenheit. Angefangen bei Frankreich, wo der Gallikanismus allmählich in Ultramontanismus umzuschlagen begann. Die Revolution hatte die Kirche verfolgt. Napoleon hatte den Papst gedemütigt. Aber der gedemütigte Vater – wie es Claudel so schön ausgedrückt hat – wurde zum Objekt einer intensiven Verehrung. Inmitten aller – eines nach dem anderen untergehenden – Regime, auch der standhaftesten, erschienen Rom und der Papst als starker Fels, der im Sturm Halt bot. Das Abenteuer der Pilger der Freiheit mit Lamennais ist ja bekannt. Viele andere, weniger bekannte, kamen nach Rom und entdeckten hier ihre Liebe für die Kirche wieder, eine tiefe Überzeugung: die jenes „Du bist Petrus, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen“.
So auch ein Dom Guéranger, Begründer der Benediktinerkongregation von Solesmes, und ein Larcordaire, der hier – wenngleich mit einer anderen Ausrichtung, doch stets derselben Motivation – seine Predigerbrüder ansiedelte. Wer kennt nicht das berühmte Portrait von Théodore Chassériau, das ihn am Tag, nachdem er sein Gelübde abgelegt hatte, im römischen Kloster Santa Sabina zeigt, dem 12. April 1840. Und dann sind da schließlich auch noch Therese von Lisieux und Charles de Foucauld, die „beiden Lichter, die die Hand Gottes an der Schwelle zum Atomzeitalter anzünden wollte“, um es mit den treffenden Worten Pater Congars zu sagen.

MADELEINE DELBRÊL
Unserer Zeit näher ist da schon Madeleine Delbrêl, konvertierte Atheistin und Zeugin der Liebe Gottes im Herzen der Stadt Ivry, Heidin und Marxistin, die eines schönen Tages im Mai 1952 das Bedürfnis verspürte, nach Rom zu kommen und am Grab des hl. Petrus zu beten. Man machte sie darauf aufmerksam, daß das eine teure Gebetsstunde sei. Doch sie gab allen Skeptikern zu verstehen, daß sie keineswegs die Absicht hätte, sich von ihrem Vorhaben abhalten zu lassen, sollte sie doch noch unerwartet das Reisegeld zusammenbringen… was auch prompt geschah – durch das Preisgeld, das sie dank der Großzügigkeit einer südamerikanischen Freundin im Lotto gewann! So konnte sie dann schließlich wirklich, nach den Strapazen einer zweitägigen Zugreise, in der Petersbasilika beten: 12 Stunden lang. „Vor dem Altar des Papstes und am Grab des Petrus habe ich mit verlorenem Herzen gebetet… und vor allem, um mein Herz zu verlieren. Ich habe nicht viel überlegt, und auch keine ‚Erleuchtung‘ verlangt, nicht deswegen war ich da. Und doch wollten mir viele Dinge einfach nicht aus dem Kopf gehen. Vor allem das: Jesus hat zu Petrus gesagt: Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche bauen werde. Er mußte ein Fels werden, und die Kirche mußte gebaut werden. Jesus, der so viel von der Kraft des Geistes gesprochen hat, von seiner Vitalität, hat, als er von der Kirche sprach, gesagt, daß er sie auf jenen Mann bauen wollte, der wie ein Fels werden sollte. Christus also war der Meinung, daß die Kirche nicht nur etwas Lebendiges, sondern auch etwas Erbautes sei. Dann noch das: ich habe die Bischöfe entdeckt… Ich habe während meiner Reise, und dann in Rom, erkannt, wie ungemein wichtig die Bischöfe für den Glauben und das Leben der Kirche sind. ‚Ich werde euch zu Menschenfischern machen‘. Es schien mir, als würden wir uns angesichts dessen, was wir Autorität nennen, manchmal wie Fetischisten, manchmal auch wie Liberale gebärden…
Wenn man vom Gehorsam der Heiligen spricht, versteht man meiner Meinung nach oft nicht, wie sehr er dem Leib der Kirche nahe ist, diesem inneren Kampf der lebendigen Organismen, in denen sich die Einheit durch Aktivitäten, Oppositionen umsetzt. Und dann habe ich auch gedacht: wenn Johannes der Jünger war, ,den Jesus liebte‘, so hat Jesus doch den Petrus gefragt: ‚Liebst du mich?‘, und nachdem er ihn seiner Liebe versichert hatte, hat er ihm seine Herde anvertraut. Er hat auch erläutert, in welche Richtung diese Liebe gehen sollte: ‚Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan.‘
Es wurde mir so klar, wie wichtig es ist, daß die Menschen, alle Menschen die hierarchische Kirche als einen, der sie liebt, erkennen. Petrus: ein Fels, von dem verlangt wird, zu lieben. Ich habe verstanden, wie viel Liebe man in alle Zeichen der Kirche einströmen lassen müsste“5.

SCHLUSSBEMERKUNG
Ich stelle also abschließend noch einmal folgende Frage: Steht Rom im Zentrum der Welt? Für den Rom-Pilger, von wo immer er auch gekommen sein mag, erübrigt sich die Antwort: oder fühlt er sich etwa nicht in dieser universalen Stadt zu Hause?
Dazu kommt noch die hier so strahlende Sonne, der klare Himmel, der Schatz der Kunstwerke, die Faszination der Stadtviertel, das buntgemischte Volk der Bewohner: alles eben, was einen hier zurückhält, einfach nicht weiterziehen lässt. Es gibt Städte, die einen Besuch wert sind, sehenswerte Kunstwerke zu bieten haben. Rom aber sieht man nicht von außen – man durchdringt es von innen. Man wird einfach nie müde, auf den Petersplatz zurückzukehren, in seiner Krypta zu beten, in die Katakomben hinabzusteigen, ins Kolosseum zu gehen, zu San Clemente hinaufzusteigen, an der Maddalena anzuhalten, um dann wieder zu Santa Sabina zurückzukehren. Immer und überall trifft man auf Pilger und Römer, die ins Gespräch oder ins Gebet vertieft sind, und sie alle sind zu Hause, im Haus des lieben Gottes, wie man uns in Angers zu sagen pflegte, als ich noch ein Kind war. Der eine ist empfänglicher für die Farbenpracht der Mosaike, der andere für die Pracht der Marmorbauten, andere wieder für das gekonnte Spiel von Licht und Schatten der Meisterwerke Caravaggios. Aber alle sind sie beeindruckt von der Frische der frühen Fresken, wo unbedeutende Materie zur Botin wird des sie beseelenden Geistes, und jenes sprudelnden Wassers, das uns – so St. Ignatius – aus Rom zuflüstert: Komm zum Vater.
Von Petrus und Paulus bis hin zu Johannes Paul II. hat das genius loci des christlichen Rom das Erbe des heidnischen Rom angetreten. Die Tempel zu Kirchen umgestaltet, die Säulen wurden neue Stütze; Santa Maria erhebt sich über dem einstigen Tempel der Minerva. Weit davon entfernt, sich von soviel Glanz blenden zu lassen, entdeckt der Pilger hier die in die Steine der Basiliken eingeschriebene und in den Heiligen verkörperte Botschaft des Petrus. Ein jeder fühlt sich hier, inmitten des Gottesvolkes, am rechten Ort, nicht in irgendeine enge Kapelle oder in irgendeine dunkle Krypta abgedrängt, sondern gerade hier, an seinem Ort, in strahlendem Licht, in dem großen Kirchenschiff, vor der Confessio mit dem Grab des Apostels, dessen vergossenes Blut für das Heil zeugt, das Christus allen Menschen gebracht hat. Geprägt von Rom findet der Christ zur Katholizität zurück.
Das geschichtsträchtige Rom der Päpste und der Heiligen erinnert uns daran, daß die geistlichen Dinge auch fleischlich sind, und daß das Evangelium sich ins Herz der Stadt der Menschen einschreibt, um sie von der Zeit auf die Ewigkeit auszurichten, auf den Gottesstaat.
Auf die Frage, ob Rom im Zentrum der Welt steht, kann ich also nur ohne Zögern antworten, ja, um es zu Gott zu führen.



Anmerkungen
1 Paul Poupard, La charité de Lacordaire, homme d’Église, in La Vie Spirituelle, Nov. 1961, S. 530-543, wiederaufgegriffen in XXe siècle, siècle de grâces, Paris, Ed. S.O.S., 1962, S. 111-128.
2 Paul Poupard, Rome-pèlerinage, Neuauflage für das Heilige Jahr, Paris, D.D.B., 1983.
3 Journal romain de l’abbé Louis Bautain (1838), édité par Paul Poupard, Rome, Edizioni di storia e letteratura, coll. Quaderni di cultura francese, herausgegeben von der Primoli-Stiftung, 1964, S. 6-7.
4 Vgl. Paul Poupard, Le Concile Vatican II, Paris, P.U.F., coll. Que sais-je?, 1983, S. 105-112.
5 Madeleine Delbrêl, Nous autres, gens de rues. Einleitung von Jacques Loew, Bd. Du Seuil, Paris, 1966, S. 138-139.


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