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LITURGIE
Aus Nr. 06 - 2005

Die Aufbewahrung der Eucharistie


Der Tabernakel und seine Geschichte. Ein Artikel vom Präsidenten der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche.


von Mauro Piacenza


Eucharistische Taube, Ende 12./Anfang 13. Jh., Abtei Frosinone (Italien).

Eucharistische Taube, Ende 12./Anfang 13. Jh., Abtei Frosinone (Italien).

Ab assuetis non fit passio besagt ein antikes Sprichwort: „Die gewöhnlichen Dinge nimmt man nicht zur Kenntnis.“ . Und ist es für uns vielleicht nicht etwas Gewöhnliches, den Tabernakel im Zentrum des Altars zu sehen? Dem war aber nicht immer so, und auch heute, nach dem II. Vatikanischen Konzil, findet man den Tabernakel dann und wann in einer Kapelle abseits des Hauptraumes der Kirche oder doch zumindest abseits des Hauptaltars.
Es scheint mir daher angebracht, jene Etappen in der Geschichte der Liturgie zu rekonstruieren, die mit der Evolution der Geschichte des Altars zusammenhängt.
Bis ins 6. Jahrhundert gab es einen einzigen Altar, danach nahmen die Altäre zahlenmäßig zu, was blieb, war jedoch der absolute Respekt vor der mensa dominica, der all das ausschließt, was nichts mit der Feier des Heiligen Opfers zu tun hatte. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts war dann auf dem Altartisch ein permanentes, neues und sehr bedeutungsvolles Element zu finden: die Heiligenreliquien. Sehr bald kamen noch andere Elemente dazu, so daß Anfang des 10. Jahrhunderts ein Dokument gallikanischer Herkunft, bekannt unter dem Namen Admonitio Synodalis und für die gesamte Kirche des Westens verbindlich, vorschreiben konnte, daß sich „auf dem Altar nur die Urnen der Heiligen (capsae), das Evangeliar und die Pyxis mit dem Leib der Herrn für die Kranken befinden dürften; alles andere muß an einem anderen angemessenen Ort aufbewahrt werden.“ Erst im 16. Jahrhundert sollte sich der Tabernakel auf dem Hauptaltar, und – noch später – im Zentrum des Altartisches befinden, was die letzte Phase der historischen Entwicklung des Altars bezeichnete.
Da eine Hommage an die jüngste Enzyklika und die folgende Instruktion über die Eucharistie ganz einfach Pflicht ist, will ich hier nun – wenn auch nur in synthetischer Form – die Geschichte der Aufbewahrung der Eucharistie rekonstruieren, und zwar sowohl im Hinblick auf den Ort als auch die für die Aufbewahrung der Eucharistie verwendeten sakralen Gefäße.

Die Zeit der Katakomben
Durch das einhellige Zeugnis der Väter des ersten Jahrhunderts wissen wir mit Sicherheit, daß die Christen die Eucharistie in der Zeit der Verfolgungen in ihren Wohnhäusern aufbewahrten. Nach der Eucharistiefeier wurde das konsekrierte Brot verteilt und die Gläubigen bewahrten es in kleinen Gefäßen oder Büchsen auf, um jederzeit kommunizieren zu können. Der Archäologe G.B. de Rossi nennt diese Gefäße in Anlehnung an einen Text des hl. Cyprian und an die Akten der Märtyrer von Nikomedia, unter Diokletian, arca oder arcula. Kardinal Bona zitiert in seinem Rerum liturgicarum, Nr. 17, den Text der Verordnungen eines Bischofs von Korinth, dank dem wir den Ritus einer Hausgemeinschaft kennen: „Wenn euer Haus über ein Oratorium verfügt, sollt ihr auf den Altar das Gefäß mit der Eucharistie stellen, wenn es kein Oratorium gibt, auf einen passenden Tisch. Legt eine kleine Tischdecke darauf, auf der ihr die heiligen Hostien ausbreiten könnt; verbrennt ein paar Körner Weihrauch, singt das Trisagion [unser Sanctus, Anm.d.V.] und verzehrt, nachdem ihr als Zeichen der Verehrung dreimal das Knie gebeugt habt, den Leib Christi.“ Eusebius informiert uns darüber, daß die Priester die Eucharistie in ihren Wohnungen aufbewahrten, um den Kranken die Kommunion bringen zu können.
Aus auf sehr alte Zeit zurückgehenden Überlieferungen wissen wir, daß die Eucharistie auch um den Hals getragen wurde, in Stofftüchern, die der hl. Ambrosius oraria nannte, aber auch in goldenen oder silbernen Gefäßen, in Gefäßen aus Elfenbein, Holz oder Ton, die man gemeinhin encolpia nannte. Das encolpium war eine kleine Büchse, die die Reliquien und auch das Buch der Evangelien enthielt und wurde von den Gläubigen aus Gründen der Verehrung um den Hals getragen. Einige davon wurden in den Gräbern des Friedhofs im Vatikan gefunden: sie haben kubische Form, sind mit einem Suspensorium ausgestattet und auf der Vorderseite mit dem Monogramm Christi geschmückt, mit dem Alpha und dem Omega an den Seiten.

Die Epoche der Basiliken
Als die Christen dann – durch den Konstantinischen Frieden – in aller Freiheit die heiligen Riten feiern und ihre Kultstätten errichten konnten, konnte sich (wie uns die Kirchenväter berichten) schon bald der Brauch durchsetzen, die Eucharistie in den Kirchen aufzubewahren – der Brauch der Aufbewahrung der Eucharistie in den Privatwohnungen wurde allerdings, wie uns Baronius sagt, erst ab Anfang des 6. Jahrhunderts definitiv abgeschafft. Dank Johannes Chrysostomos wissen wir, daß die Eucharistie manchmal unter den beiden Gestalten aufbewahrt wurde, dank Ambrosius, daß man das kostbare Blut in Mailand in einem flaschenförmigen goldenen Behälter aufbewahrte, dem dolium. Sakralität und Kostbarkeit stellen eine Konstante dar: Es ist die Logik des Glaubens und der Liebe.
Die Aufbewahrung der Eucharistie nahm in den ersten Basiliken zwei Formen an: Turm und Taube. Die Gelehrten streiten darüber, welche der beiden Formen Priorität hat, aber mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wurde die Taube in dem Turm aufbewahrt; erstere enthielt das eucharistische Brot. Eine Hypothese, die von dem Material untermauert wird, aus dem sie angefertigt waren: der Turm aus Silber, die Taube aus Gold. Der Bibliothekar Anastasius schreibt in De vita Pontificum, daß Konstantin der Petersbasilika einen Turm und eine Taube aus reinem Gold zum Geschenk machte, verziert mit 250 weißen Perlen. Innozenz I. ließ dagegen für die Kirche der Heiligen Gervasius und Protasius einen silbernen Turm und eine goldene Taube anfertigen, und Papst Hilarius schenkte der Lateran-Basilika einen silbernen Turm und eine goldene Taube. Es wird auch darüber diskutiert, an welchem Ort Turm und Taube aufgestellt waren. Laut einer Passage aus den Apostolischen Konstitutionen aus dem 4. Jahrhundert wird vermutet, daß sie im pastophorium aufbewahrt waren, also an dem entlegendsten und schwerst zugänglichen Ort der Kirche: „Nachdem alle die Kommunion empfangen haben, bringen die Diakone die Reste ins Pastophorium.“ Manche vermutem den Aufbewahrungsort im sacrarium. Aus einer Passage beim hl. Hieronymus wissen wir, daß es sich um ein und denselben Ort handelt: „Quare ‚sarcrarium‘, in quo iacet Christi corpus, qui verus est Ecclesiae et animarum nostrarum sponsus, proprie thalamus seu ‚pastophorium‘ appellatur.“ Es handelt sich um einen erhabenen und geschützten Ort im eigentlichen Kirchenraum.
Aus Metall gearbeitet, mit einem Deckelverschluß auf dem Rücken, hing die die eucharistischen Gestalten enthaltende Taube an einer Kette am Baldachin des Altares. Turm und Taube waren an Ketten in der Mitte des Ziboriums über dem Altar aufgehängt. Hier sei angemerkt, daß man unter Ziborium (vom lateinischen ciborium, später tegurium und tiburium) den viereckigen Baldachin versteht, der sich seit konstantinischer Zeit majestätisch über dem Altar erhob. Die vier Vorhänge, die das Ziborium umrahmten und die man deshalb tetravela nannte, blieben bis in die letzten Jahre des 9. Jahrhunderts in Gebrauch. Dem Ziborum kommt in der christlichen Kunst ein ganz besonderer Stellenwert zu, auf den hier aber nicht eingegangen werden kann. Wie sollten wir aber umhin kommen, als Musterbeispiel der barocken Kunst das Ziborium von Lorenzo Bernini zu erwähnen, das sich majestätisch zwanzig Meter bis an die Kuppel Michelangelos [in der Petersbasilika] erhebt. Der eucharistische Glaube wird zur Kunst, und die Kunst illustriert den eucharistischen Glauben. Wieviel können wir doch lernen! Aber diese Lehre zieht man nicht nur im Laufe der unerläßlichen Architkturstunden und der verschiedenen, sich daraus ergebenden Künste. Da braucht es unbedingt auch den Lehrstuhl der großen Theologie und den der Kniebank, der Anbetung, des Gnadenlebens, der pietas, des leidenschaflichen Eintauchens in die österliche Vitalität des Kirchenjahres, in den großen Sinn der immerwährenden traditio Ecclesiae. Man muß den Horizont der Ewigkeit stets vor Augen haben, an dem alles gemessen wird, was vergänglich ist.
Tabernakel des Hauptaltars des Doms zu Siena (15. Jh.).

Tabernakel des Hauptaltars des Doms zu Siena (15. Jh.).


Die romanische Zeit
In der romanischen Zeit kam zu den bereits gebrauchten Formen – Turm und Taube – noch die Pyxis dazu. Mit diesem Namen ist normalerweise das sakrale Gefäß gemeint, das die Eucharistie enthält – ganz gleich, welche Form und Größe es hat. Das griechische Substantiv hat jedoch die präzise Bedeutung „Büchse“, was dieses Gefäß unmißverständlich von Turm und Taube unterscheidet. Die romanische Taube hat – im Gegensatz zu den antiken – eine Fußplatte mit einem manchmal erhöhten Rand. Zum Gebrauch der Taube als Ort der Aufbewahrung der Eucharistie ist zu sagen, daß es im Mittelalter in Frankreich üblich war, nicht aber in Italien, wo man es vom 11. bis zum 16. Jahrhundert vorzog, auf in die Wand eingelassene Schreine oder auf das secretarium zurückzugreifen, eine würdige Sakristei.
Es ist nicht gesagt, daß der Gebrauch der Pyxis den des Turms und der Taube in den Hintergrund rücken ließ – und schließlich ist die Pyxis ja im Grunde auch nichts weiter als ein Turm von mittlerer Größe. Normalerweise besteht sie aus einer runden, manchmal viereckigen Büchse, mit einem Deckel, der mehr oder weniger konisch, oder auch flach ist. Auch aus diesem Grund war ihr Gebrauch recht praktisch und nicht sehr kostenaufwendig. Die Pyxis wurde manchmal am Schnabel der Taube befestigt, als offensichtliches Zeichen der Präsenz der eucharistischen Gestalten in ihrem Inneren. Es gibt auch Beispiele für Pyxiden, die auf einem Kelchfuß standen, besonders im 12. Jahrhundert, daher der Name Pyxis pediculata.
Die eucharistischen Behälter – Turm, Taube und Pyxis – wurden in der romanischen Zeit über dem Altar aufgehängt; da es das antike Ziborium nicht mehr gab, veränderte man auch die Art und Weise, wie sie aufgehängt wurden. Normalerweise brachte man am Altarbild einen kreuzförmigen Halter an und befestigte den Behälter an seiner Volute. Es fehlt auch nicht an Beispielen für andere Lösungen, die durchaus nicht eines gewissen künstlerischen Werts entbehrten, die zu beschreiben hier aber zu weit führen würde.
In der romanischen Zeit war es üblich, die eucharistischen Behälter aus den Materialien Silber und Gold anzufertigen, ganz gleich, welche Form sie hatten. Für die Verzierung der Pyxis benutzte man Edelsteine. Man griff aber auch auf vergoldetes und mit Emaileinlagen versehenes Kupfer zurück, auf Elfenbein und auf Holz.

Die gotische Zeit
In jener Zeit gab es verschiedene Arten der Aufbewahrung des Allerheiligsten. Der Behälter – Turm, Taube oder Pyxis – wurde über dem Altar aufgehängt und mit einem Tuch umhüllt. Manchmal befand sich der Behälter aber auch unter dem Altar, wie aus den Synodenstatuten von Lüttich aus dem Jahr 1287 hervorgeht: „Corpus Domini in honesto loco, sub altari vel in armariolo sub clave custodiant.“ Normalerweise befand sich der Behälter jedoch in einem kleinen Schrein oder in einer Kapelle, rechts oder links vom Altar in die Mauer eingelassen.
Besonders in den größeren Kirchen pflegte man, die Türen des Schreins mit eleganten Metallverzierungen, ja mit Malereien zu schmücken; das Ganze war dann von einem Spitzbogen umrahmt, gestützt auf Pfeiler, die mit Bögen verziert und von Zinnen gekrönt waren. Man versäumte es nicht, sowohl das Innnere als auch die Türen des Schreins kunstvoll zu schmücken. Eine Öffnung, die rund war oder die Form eines drei- oder vierblättrigen Kleeblatts hatte und von einem Gitter verschlossen war (in Übereinstimmung mit dem Schrein im Inneren), ermöglichte den Gläubigen, das Allerheiligste jederzeit auch von außen zu verehren. Eine davor brennende Lampe zeigte von weitem den Ort an, an dem das transsubstantierte Brot aufbewahrt war. Mit Anbruch des 16. Jahrhunderts gab man sich nicht mehr mit diesem verzierten, zwar künstlerisch nicht unbedeutenden, aber dennoch schlichten Schrein zufrieden. Die ersten Sakramentskapellen tauchten auf, wenn auch zunächst – in einem Teil des 14. Jahrhunderts – fast ausschließlich in den Kirchen Nord­europas.
Die Herkunft dieser Kapellen zeigt uns, wie der Heilige Geist die Gläubigen leitet und ist auf die weit verbreitete Volksfrömmigkeit zurückzuführen, die im Mittelalter den Wunsch wach werden ließ, die konsekrierte Hostie zu betrachten, und zwar sowohl während der Messe, im Moment der Elevation, als auch außerhalb der Feier. Der Eucharistiekult zeigte sich in den sogenannten Monstranzen, die die Aussetzung der Eucharistie zunehmen ließen, fast schon wie aus einer Zunahme eines herzlichen und schlichten, dafür aber nicht weniger tiefen und kostbaren Glaubens heraus.
Die Monstranz war nichts anderes als der öffentliche Kult des Leibes des Herrn, wobei die Hostie zum Zwecke der Verehrung in einem Schaubehälter ausgesetzt war. Der Brauch der Monstranz war im Volk derart verwurzelt, daß es auch der ein oder anderen, von Synoden unternommenen Beschränkungsmaßnahme nicht gelang, ihn einzudämmen. Hier sei jedoch erwähnt, daß das erste Fronleichnamsfest 1247 von den Chorherren von Lüttich gefeiert wurde. Papst Urban IV. weitete es dann im Jahr 1264 auf die gesamte Kirche aus, aber erst 1316 wurde es providentiell und definitiv von Papst Johannes XXII. approbiert.
Die eucharistischen Kapellen stellten den Punkt dar, an dem Volksfrömmigkeit und Synodenverordnungen im Einklang miteinander stehen konnten – immerhin waren sie eine Art permanente Aussetzung des Allerheiligsten Sakraments für die Gläubigen. Sie sind eine Art monumentaler Bau, in Form eines Turmes, der fast bis an das Gewölbe emporragt und in dem die konsekrierte Hostie in durchsichtigen Gefäßen hinter einem Metallgitter aufbewahrt ist, damit die Gläubigen jederzeit das Sakrament betrachten können, wenn auch nur ungefähr.
Der Tabernakel
auf dem Altartisch
Die letzte historische Phase der Entwicklung des Tabernakels als eucharistischer Behälter auf dem Altartisch fällt in die Zeit Anfang des 16. Jahrhunderts. Pionier dieser Entwicklung war in Italien der fromme Bischof von Verona, Msgr. Matteo Giberti, der sie in den Kirchen seiner Diözese wollte. Aus Gründen der historischen Genauigkeit ist zu sagen, daß sich diese Verordnung bereits in den Ordinationes der Augustinereremiten findet, die unter Alexander IV. (1254-1261) verfaßt wurden: „Wir wollen, daß in all unseren Kirchen der Leib Christi in einem Tabernakel auf dem Hauptaltar aufbewahrt sei, in Pyxiden aus Elfenbein oder anderem kostbaren Material, in geringer Quantität und umhüllt von einem gewöhnlichen Tuch.“
Die Verordnung von Msgr. Giberti fand in Norditalien großen Anklang und konnte sich schon bald auch in den anderen Diözesen verbreiten, vor allem in Mailand, dank Karl Borromäus, der anordnete, das Allerheiligste Sakrament von der Sakristei auf einen Altar des Domes zu verlegen. In Rom fand diese Initiative in Papst Paul IV. einen entschiedenen Befürworter. Im Jahr 1614 verordnete das Ritual von Paul V. diese Vorgangsweise allen Kirchen seiner Diözese und empfahl sie auch den anderen. Außerhalb Italiens konnte – wie verschiedene Konzilien festgelegt hatten – der Aufbewahrungsort des Allerheiligsten frei gewählt werden; normalerweise zog man es vor, Wandtabernakel zu benutzen, und – wo es sie gab – eucharistische Kapellen.
Es waren bekanntlich die Jahre der Umsetzung des Konzils von Trient (1545-1563), das in diesem Fall auf die protestantische Lehre reagierte, die die Fortdauer der Realpräsenz Christi in den eucharistischen Gestalten leugnete. Die Verbreitung der – gut sichtbaren – Platzierung des Tabernakels auf dem Hauptaltar, haben wir also der Notwendigkeit der Bekräftigung der katholischen Lehre zu verdanken. Die üblichste Form war die eines kleinen Hauses, das vor den stufenförmigen erhöhten Teil des Altars eingefügt war, auf den Kerzenleuchter gestellt wurden, wenn man für die feierliche Aussetzung der Eucharistie viele Kerzen anzündete. So wurde der Tisch deutlich sichtbar fast schon zu einer Art „Minialtar“, Bestandteil des Altars, der immer monumentaler wurde und dessen Kruzifixe, Kerzenleuchter, Reliquiarbüsten oder Statuen von Heiligen und Engeln usw. kunstvoll angefertigt waren. Im 18. Jahrhundert waren die Türchen der Tabernakel die Kunstwerke, die am kunstvollsten gestaltet und mit Edelsteinen verziert waren. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts war es zur Gewohnheit geworden, daß sich der Tabernakel fast in allen Kirchen auf dem Altar befand, was Benedikt XIV. in seiner Konstitution Accepiumus vom 16. Juli 1746 auch prompt zur „gültigen Disziplin“ erklärte. Universale Gültigkeit kam dem Ganzen dann durch den Erlaß der Heiligen Ritenkongregation vom 16. August 1863 zu, der jede andere Form der Aufbewahrung verbot.

Die heutige Disziplin
Die heutige Disziplin bezüglich des Ortes, an dem die allerheiligste Eucharistie aufzubewahren ist, ist Frucht der aus dem II. Ökumenischen Vatikanischen Konzil hervorgegangenen liturgischen Erneuerung.
Im Großteil unserer Kirchen war – aus bekannten historischen Gründen – das zentrale, dominante Element auf dem Altar fast vier Jahrhunderte lang der eucharistische Tabernakel. Die liturgische Anpassung der existierenden Kirchen, die darauf abzielt, den Primat der Eucharistiefeier herauszustellen, und damit auch die Zentralität des Altars, muß auch der besonderen Funktion der Aufbewahrung der Eucharistie Rechnung tragen. Man hält es jedoch für notwendig, daß im Falle eventueller Anpassungsmaßnahmen besondere Aufmerksamkeit auf „Ort“ und Natur der Aufbewahrung der Eucharistie gelegt wird. In diesem Falle muß der eigens für die Aufbewahrung der Eucharistie gedachte Ort so verstanden werden, daß das Mysterium der Fortdauer der Realpräsenz noch besser herausgestellt wird und die Bedingungen für die eucharistische Anbetung geschaffen sind.
Tabernakel, der dem Arnolfo di Cambio zugeschrieben wird (13./14. Jh.), Basilika San Clemente, Rom.

Tabernakel, der dem Arnolfo di Cambio zugeschrieben wird (13./14. Jh.), Basilika San Clemente, Rom.

Auch die Platzierung und eventuelle Schaffung eines neuen Behälters für die Eucharistie und dessen Platzierung muß dem Umstand Rechnung tragen, daß sie direkt zugänglich und für die persönliche Anbetung günstig sein muß. Sollte die eucharistische Kapelle vom Eingang aus nicht sofort sichtbar sein, sollte man dafür Sorge tragen, daß angemessene klare und doch diskrete Hinweise auf deren Befindlichkeit gegeben sind. In der Kapelle sowie in dem für die Zelebration vorgesehenen Raum dürfen natürlich die entsprechenden Sitz- und Kniebänke nicht fehlen, damit die Möglichkeit gegeben ist, kniend in Anbetung zu verweilen.
In jedem Falle muß daran erinnert werden, daß sich in einer jeden Kirche nur ein einziger Tabernakel für die Aufbewahrung der Eucharistie und eucharistische Anbetung befinden darf.
Das Allerheiligste Sakrament muß sich an einem architektonisch wichtigen Ort befinden, normalerweise nicht im Kirchenschiff; an einem Ort, der sich für Verehrung und Gebet eignet, besonders das persönliche Gebet. Einem Ort, der geziemend geschmückt und beleuchtet ist.
Der Tabernakel ist nicht nur ein einziger, sondern er muß auch fest, solide und unantastbar, darf nicht transparent sein. Daneben muß sich der Ort für die Lampe mit dem ewigen Licht befinden, zum Zeichen der dem Herrn erwiesenen Ehre. Auch das Konopeum und der Blumenschmuck helfen dabei, eine Ahnung von dem Leben zu vermitteln, das im Innern dieses Behälters pulsiert.
Neben der – empfohlenen – eucharistischen Kapelle besteht zur Aussetzung noch die Möglichkeit eines Raumes im Innern der Kirche (beispielsweise eine geräumige Seitenkapelle), die im Hinblick auf die Verehrung und das Gebet würdevoll und funktionell geschmückt werden und in angemessener Weise angezeigt werden muß (vgl. Allgemeine Ordnung des römischen Meßbuches, Rom 20043, Nr. 314-317).
In diesem Zusammenhang sollte vielleicht auch auf die sakralen Gefäße hingewiesen werden, in denen Leib und Blut des Herrn während der Messfeier (Kelch, Patene) und während der eucharistischen Anbetung (Monstranz) aufbewahrt sind. Vor kurzem hat die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung eine Instruktion über die Feierlichkeit und Korrektheit der Zelebration herausgegeben, in der auch von den sakralen Gefäßen die Rede ist, die, wie es heißt, gemäß dem allgemeinen Empfinden des jeweiligen Gebietes aus edlen Materialien angefertigt sein müssen – wie auch davon, daß der Gebrauch gewöhnlicher Gefäße, solcher mit schlechter Qualität oder ohne jeden künstlerischen Wert zu verwerfen ist (einfache Körbe oder andere Gefäße aus Glas, Ton, Lehm oder andere leicht zerbrechliche Materialien), so daß „durch ihre Verwendung dem Herrn Ehre erwiesen und gegenüber den Gläubigen jede Gefahr vermieden wird, die Lehre über die wirkliche Gegenwart Christi in den eucharistischen Gestalten abzuschwächen“ (Redemptionis Sacramentum. 24. April 2004, Nr. 117).





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