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Christen im Land des Korans.
Mit Jesus im Zentrum des Islam
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„Ich kann es den Juden nicht oft genug sagen: wie ich selber seid auch ihr und die Muslime zum Glauben an Jesus gerufen. Der Ruf Jesu ergeht an alle. Seine Religion ist keine neue Religion gegen die vorherigen oder späteren Religionen. Sie ist etwas anderes:
eine ganz andere Sache.“ Interview mit Grégoire III. Laham, Patriarch von Antiochien der Griechisch-Melchiten. |
Interview mit Grégoire III. Laham von Gianni Valente
Die Situation der Christen in Nahost steht wieder einmal
im Mittelpunkt des Interesses. Die einen wollen auf diese Weise auf der Linie des
Papstes ihre Sorge über das Drama der wehrlosen Christen in dem Land zum Ausdruck
bringen, wo das Christentum begann. In anderen Fällen erscheint ein derartiger Eifer
oft von kulturell-politisch orientierten Faktoren getrieben zu sein.
Nur wenige schenken den Argumenten und Meinungen der
arabischen Christen Gehör oder gehen gar von deren Sichtweise der
Ereignisse im Pulverfass Nahost aus.
Auch schon aus diesem Grund mag interessant sein, was
Seine Seligkeit Grégoire III. Laham, Patriarch der
Griechisch-Melchiten seit 2000, zu diesem Thema sagen kann.
Hinter den Geschehnissen im Irak verbirgt sich ein noch
umfassenderes Phänomen: das Verschwinden der Christen aus Nahost.
GRÉGOIRE III. LAHAM: Jesus hat uns gesagt: habt
keine Angst. Die haben wir aber. Ein Hirte sollte seinem Volk Mut machen,
es nicht in Panik geraten lassen. Die Situation im Irak ist erschreckend:
Verbrechen, Racheakte und Gräueltaten sind an der Tagesordnung. Und
das gilt für die Christen genauso wie für alle anderen.
Anderthalb Millionen Iraker sind nach Syrien geflüchtet, die Christen
sind nur eine kleine Minderheit. Wie man sieht, kehren alle dem Irak den
Rücken. Ich weiß, dass damit im Westen so mancher spekulieren
möchte. Das Leid unserer Christen jedoch als Einzelschicksal
darstellen zu wollen scheint mir ihnen wenig nützlich zu sein.
Der chaldäische Patriarch Emmanuel III. Delly hat
gesagt, dass der Krieg auch die Verfolgung brachte.
GRÉGOIRE III.: Eine jede Interpretation der
Probleme unserer Region, die nicht von rein politischen Kriterien ausgeht,
fällt negativ auf uns zurück. Das ist auch im Irak geschehen. Die
Amerikaner sind fast schon mit der erklärten Absicht gekommen, einen
neuen Kreuzzug unternehmen, den Nahen Ostens neu gestalten zu wollen. Im
Libanon etikettiert man inzwischen sogar die UNIFIL-Soldaten als
„Kreuzfahrer“. Und die Christen werden immer mit diesen
westlichen Strategien in Zusammenhang gebracht. In meiner letzten
Weihnachtsbotschaft habe ich geschrieben: „Liebe Muslime, wir
können nicht tolerieren, dass uns einige von euch als Verbündete
der ‚Kreuzfahrer‘ definieren. Wir leben, arbeiten und
kämpfen mit euch zusammen. Bauen gemeinsam die Zukunft dieser
Nationen.“
Nicht selten wird der Nahe Osten tout court als Ort der
Christenverfolgung bezeichnet.
GRÉGOIRE III.: Hier in Syrien macht die
Regierung zwischen Kirchen und Moscheen keinen Unterschied. Beide werden
gleich behandelt. Strom und andere Dienstleistungen sind für uns
gratis. Seit letztem Jahr unterliegen die Katholiken laut einem vom
Parlament approbierten Präsidentialdekret in Dingen wie Ehe- und
Erbschaftsfragen eigenen Rechtsnormen. Man hat das kanonische Recht der
Orientalischen Kirchen praktisch im Zivilrecht übernommen. Ein oder
zweimal im Jahr treffen ich und mein Generalvikar Präsident Assad und
seine Mitarbeiter. Zu Ostern hat er alle Patriarchen und kirchlichen
Oberhäupter zum Essen eingeladen. Wir sprechen über Politik, auch
über die Beziehungen zwischen Ost und West. Oft kommen uns auch
Minister, Abgeordnete und Scheichs besuchen.
Obwohl Syrien als Schurkenstaat gilt, finden
christliche Flüchtlinge nicht selten gerade in Damaskus Zuflucht.
GRÉGOIRE III.: Uns bietet sich hier die beste
Situation in Nahost. Hoffentlich bleibt das auch so. Leider würden
einige die Dinge gern übers Knie brechen und einen neuen Macht-Pol in
der Region schaffen. Die Situation hier kann jederzeit außer
Kontrolle geraten.
Kann man auch in Syrien von einem wachsenden
religiösen Fundamentalismus sprechen?
GRÉGOIRE III.: Man kann sagen, dass sich der
Fundamentalismus inzwischen überall auf der Welt verbreitet hat
– nicht nur im Nahen Osten. Hier in Syrien haben wir eine starke
Regierung, die entschieden gegensteuert. Im Bildungssektor ist man um die
Jugendlichen bemüht: die Unterrichtsbücher werden mit
großer Sorgfalt ausgewählt, die Texte für den
Katechismus- und Religionsunterricht müssen vom Kultusministerium
abgesegnet sein. Auch unsere eigenen. Es ist wünschenswert, dass darin
von gegenseitigem Respekt und Zusammenleben die Rede ist – ohne
Anstiftung zum Hass oder zur Verachtung der anderen Religionen. Unser Text
ist seit mehr als vierzig Jahren in Kraft; eine gemischte Kommission aus
Priestern und Professoren der verschiedenen Kirchen hat ihn 2002 unter
Aufsicht des Kultusministeriums revidiert. Ich bin sehr stolz darauf.
Wovon sollte die Haltung der Christen den islamischen
Gläubigen gegenüber beeinflusst sein?
GRÉGOIRE III.: Der Vatikan hat uns manchmal zu
verstehen gegeben, dass wir orientalischen Christen im Namen der
Menschenrechte mit dem Islam zusammen arbeiten sollten: Dingen wie
Emanzipation der Frau, Verteidigung des Lebens, Religionsfreiheit. Aber was
heißt das? Wir haben eine besondere, einzigartige Beziehung zum
Islam; eine andere als die, die ihr in Europa zu den islamischen
Minderheiten habt. Ich sage immer: Wir sind die Kirche des Islam.
Das scheint für Sie eine Art Schlagwort geworden
zu sein.
GRÉGOIRE III.: Auch die ägyptische Zeitung
Al-Ahram hat geschrieben, dass dieser Ausdruck die Situation der Christen
in den arabischen Ländern, in Nahost, am treffendsten beschreibt. Wir
leben inmitten des Islam – und das nun schon seit 1.400 Jahren
–, sind historisch mit ihm solidarisch. Wir verstehen den Islam von
innen heraus. Wenn ich einen Koranvers höre, ist das für mich
Ausdruck der Kultur, der ich selbst angehöre. Und dann müssen wir
für Christus ja auch in der Welt des Islam Zeugnis ablegen. Wir haben
eine einzigartige Verantwortung. Wir können auf die Frage des Herrn:
„Wo ist dein Bruder Abel?“ nicht wie Kain antworten.
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 | | Seite gegenüber, die antike Kirche, die den melchitischen Mönchen von Christus, dem Erlöser anvertraut ist (Kloster Mar Sarkis in Maalula, Syrien). | | |
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In islamischen Ländern sind keine
Missionsstrategien möglich.
GRÉGOIRE III.: Man kann aber jeden menschlichen
Kontakt nutzen. Eine Kirche zeigen, die die Menschen hier liebt. Alle
Gemeinsamkeiten und möglichen Sympathien herausstellen. Die
vatikanischen Dikasterien mögen Dokumente um Dokumente herausgeben.
Uns aber obliegt es, im Alltag für Christus unseren islamischen
Brüdern und Schwestern gegenüber Zeugnis abzulegen.
Können Sie uns ein konkretes Beispiel dafür
nennen?
GRÉGOIRE III.: Der Großmufti von Damaskus,
Ahmed Kaftaro, hat mich einmal am Ende des Ramadan aufgefordert, von der
Kanzel der Moschee zu predigen. Auch als ich in Jerusalem war, wurde ich
mehrmals nach den Kundgebungen der Palästinenser in die Moschee
eingeladen. Kirche des Islam zu sein, bedeutet auch das.
In der Zwischenzeit setzt sich im Westen immer mehr die
Meinung durch, die Gewalt liege in der Natur des Islam.
GRÉGOIRE III.: Das sind verzerrte Darstellungen,
die die Fehlinterpretationen des Regensburger Vortrags zum Vorwand nehmen,
die vom Papst selbst richtig gestellt wurden. Schließlich war auch
das Zitat von Manuel Palaeologos, das viele heftige Reaktionen
ausgelöst hat, aus dem Zusammenhang gelöst; stammte aus einem
mehrere Tage dauernden Gespräch des byznatinischen Herrschers mit dem
islamischen Weisen. Der Papst hatte keineswegs die Absicht, den Islam zu
beleidigen. Und schließlich ist auch das Evangelium nicht gegen
böswillige Verfälschungsabsichten gefeit. Z. B., wenn Jesus
sagt: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das
Schwert.“
Polemiker unter den westlichen Intellektuellen gehen
sogar soweit zu sagen: „Unser Gott ist nicht der Gott des
Islam…“.
GRÉGOIRE III.: Sinnlose theologische
Diskussionen mit unseren islamischen Brüdern darüber, ob wir
denselben Gott anbeten oder nicht, würde ich vermeiden. Das sind
meiner Meinung nach Dinge der Theologischen Akademie. Das Geheimnis Gottes
ist so groß, dass wir es nicht verstehen können. Wir können
nur staunen und ausrufen: wie schön ist es doch! Aber was weiß
ich von dieser Schönheit, was weiß ich von Gott? Wenn wir das
Geheimnis der Dreifaltigkeit bekennen, mag die Schönheit dieses
Geheimnisses ja vielleicht die anderen anrühren und in Staunen
versetzen. Aber nicht wir müssen dieses Geheimnis
„lüften“. So läuft man Gefahr, allzu kühn zu
sein. Da ist es schon besser, sich an das zu halten, was das II.
Vatikanische Konzil lehrt: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche
auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten“, auch wenn sie „Jesus allerdings nicht als
Gott anerkennen, ihn doch als Propheten verehren, und seine
jungfräuliche Mutter Maria ehren, die sie bisweilen auch in
Frömmigkeit anrufen.“ Und schließlich kann auch der
Judaismus die Dreifaltigkeit und die Gottheit Jesu, Sohn Gottes, nicht
akzeptieren.
Die Orientalischen Kirchen werden oft als
Brutstätte des Antisemitismus dargestellt.
GRÉGOIRE III.: Das Gegenteil ist der Fall. Ich
kann es den Juden nicht oft genug sagen: wie ich selber seid auch ihr und
die Muslime zum Glauben an Jesus gerufen. Der Ruf Jesu ergeht an alle.
Seine Religion ist keine neue Religion gegen die vorherigen oder
späteren Religionen. Sie ist etwas anderes: eine ganz andere Sache. Something else, wie die
Engländer sagen.
In Sachen Beziehungen zu den orthodoxen Christen war
vor ein paar Jahren ein lokales „Versöhnungsexperiment“ im
Gespräch: die Rückkehr zur vollen Gemeinschaft Ihrer Kirche mit
dem orthodoxen Patriarchat von Antiochien.
GRÉGOIRE III.: Dabei haben wir uns vielleicht
ein bisschen zu sehr von Euphorie hinreißen lassen. Als könnte
es morgen schon umgesetzt werden. Mein Vorgänger Patriarch Maximos war
schon alt. Aus Rom erging dann noch die Ermahnung an uns, unseren Dialog
weiterzuführen, in theologischen Fragen ohne Abstimmung mit dem Hl.
Stuhl aber keine definitiven Beschlüsse zu fassen. Unsere Hierarchie
hat das leider als „rotes Licht“ genommen: das Projekt wurde
einstweilen eingefroren. Aber unsere Beziehungen zu den Orthodoxen sind
immer noch Beziehungen der Brüderlichkeit, einschließlich der
gemeinsamen Einkehrtage des Klerus.
An welchem Punkt ist der katholisch-orthodoxe Dialog in
Sachen Kollegialität und Primat Ihrer Meinung nach angelangt?
GRÉGOIRE III.: Die orthodoxe Kirche kann die
römische Ekklesiologie als solche nicht akzeptieren. Man muss
verstehen, dass man den orientalischen Christen die Ekklesiologie, die sich
in der lateinischen Kirche entwickelt hat, nicht aufdrängen kann. Sie
können den Primat des Papstes als Titular des prima sedes und als letztzuständige
Instanz akzeptieren. Nicht aber den Brauch des Zentralismus ohne wirkliche Kollegialität.
Wenn Rom vorankommen will, muss man das wieder aufgreifen, was Joseph Ratzinger
in den 1970-er Jahren über die Beziehung zu den Kirchen des Orients
ausführte.
Auf katholischer Seite, auch in Sachen Dialog mit den
Orthodoxen, wird oft von der Beziehung zwischen Universalkirche und
Ortskirche ausgegangen.
GRÉGOIRE III.: Die Universalkirche ist nicht die Summe
vieler Ortskirchen. Und sie ist auch kein abstraktes Konzept. Die Kirche Christi existiert konkret an einem
bestimmten Ort. Nicht umsonst richtete schon Papst Klemens seinen Brief
„von der Kirche Gottes, die in Rom wohnt“, an die „Kirche
Gottes, die in Korinth wohnt.“ Er hat ihn nicht an die
„Ortskirche“ von Korinth geschrieben. Was fehlt dort, wo die
Sakramente sind, der Glaube, das Credo? Da ist auch der Papst, weil der
Bischof oder der Pfarrer, die die Eucharistie feiern, in Gemeinschaft mit
dem Papst sind. Die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist
auch in einer kleinen Pfarrei präsent, wo der Pfarrer die Messe vor
einem oder zwei Gläubigen zelebriert. Es ist nicht so, dass dort
„mehr“ Kirche ist, wo alle Bischöfe im Konzil versammelt
sind. Wie schon in einem Tropfen des Meeres alle Elemente des übrigen
Meerwassers enthalten sind, so enthält auch eine jede Kirche an einem
bestimmten Ort alle Elemente der einen Kirche Christi.
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 | | Grégoire III., Patriarch von Antiochien und Oberhaupt der Griechisch-Melchiten. | | |
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Was würden Sie auf die Behauptung antworten, dass
die orientalisch-katholischen Kirchen der Aussöhnung mit den
Orthodoxen im Wege stehen?
GRÉGOIRE III.: Die orientalisch-katholischen
Kirchen werden vor allem dann ein Problem, wenn die Orthodoxen sehen, wie
sie oft behandelt werden. Zwar werden sie als Kirchen sui iuris definiert, man erkennt
aber nicht an, dass der Patriarch Oberhaupt und Vater seiner Kirche ist.
Man ernennt Bischöfe für unsere Gemeinschaften in der Diaspora,
beispielsweise in den Ländern Amerikas, ohne dass wir bei diesen
Entscheidungen ein Mitspracherecht hätten. Unsere Bischöfe
erhalten Formulare, in denen sie gefragt werden: zu welcher Kongregation
gehört ihr? Was soll ein Patriarch, ein orthodoxer Metropolit davon
halten: er, der Patriarch, „hängt“ von einem vatikanischen
Büro ab?
Von den orientalischen Kirchen heißt es: zuviel
Kurien, zu sehr auf ihre Vorrechte bedacht, immer weniger Gläubige.
Gerade dort, wo die christlichen Minderheiten eigentlich zusammenhalten
sollten, wird das Spektakel einer Spaltung geboten. Was würden Sie auf
diesen Einwand antworten?
GRÉGOIRE III.: Auch in Italien gibt es ein paar
sehr kleine Diözesen. Und dann darf man nicht vergessen, dass eine
Gemeinschaft von syrisch-katholischen oder orthodoxen Gläubigen, wie
klein sie auch sein mag, nicht mit den Griechisch-Orthodoxen, den
Lateinern, den Chaldäern verglichen werden kann. Man muss nur ihren
Liturgien beiwohnen, ihren Hymen lauschen… Schon beim II.
Vatikanischen Konzil wurde dieser Gedanke ins Spiel gebracht: sammeln wir
alle Christen eines Landes unter einem einzigen Ritus und einem einzigen
Bischof oder Patriarchen. Im Libanon dem maronitischen, in Syrien dem
melchitischen, in Ägypten dem koptischen … Aber nur wer das aus
der Ferne betrachtet, eher mit dem Blick eines Buchhalters, und nicht so
sehr des Hirten, kann wirklich meinen, derart vielfältige, reiche
Traditionen vereinheitlichen zu können.
Oft wird auch von Feindseligkeit Rom gegenüber gesprochen. Was würden Sie
darauf antworten?
GRÉGOIRE III.: Wir sind hier in Damaskus.
Seitdem wir 1724 die Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom wiedererlangt
haben, waren wir 120 Jahre lang sozusagen „gesetzlos“. Die
Priester mussten mit in Körben versteckten Gewändern zu
liturgischen Feiern gehen, in den Privathäusern geheime Messe feiern. Wir haben sehr
gelitten, um unsere Gemeinschaft mit Rom zu bekräftigen. Wenn das
nicht zeigt, wie sehr uns daran gelegen ist!

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