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ERNENNUNGEN. Zu Wort kommt der neue Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog.
Einander kennen, um die Angst zu besiegen
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Wie wichtig es ist, herzliche Beziehungen zum Islam und den anderen Religionstraditionen unserer Welt zu unterhalten. Interview mit Kardinal Jean-Louis Tauran, den Benedikt XVI. zum Leiter eines Dikasteriums ernannte, dessen Schicksal besiegelt schien. |
Interview mit Kardinal Jean-Louis Tauran von Gianni Cardinale
In den vergangenen Monaten
ließen journalistische Meldungen immer wieder durchsickern, dass der
Päpstliche Rat für den interreligiösen Dialog – bisher
ein eigenständiges Organ – im Rahmen einer gründlichen
Umstrukturierung der Römischen Kurie dazu verurteilt sei, in ein
anderes Dikasterium eingegliedert zu werden. Und als der damalige
Präsident, der englische Erzbischof Michael Louis Fitzgerald, am 15.
Februar 2006 zum Nuntius in Ägypten ernannt wurde und Kardinal Paul
Poupard am 11. März an seiner Stelle ad
interim Präsident des Päpstlichen
Rates für die Kultur wurde, schien das Schicksal dieses
Dikasteriums für den Dialog mit den nicht christlichen Religionen
endgültig besiegelt. Doch nun, am 25. Juni, wurde der neue
Präsident ernannt: Kardinal Jean-Louis Tauran, 13 Jahre lang
vatikanischer „Außenminister“, seit 2003 Archivar und
Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche.
In Erwartung der für den 1. September vorgesehenen
Übernahme seines neuen Amtes war der französische Kardinal
bereit, 30Tage einige
Fragen zu beantworten.
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 | | Kardinal Jean-Louis Tauran. | | |
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Eminenz, wie haben Sie Ihre Ernennung zum
Präsidenten des Päpstlichen Rates für den
interreligiösen Dialog aufgenommen?
JEAN-LOUIS TAURAN: Als neues Kapitel meines Dienstes
für den Hl. Stuhl. Der Dienst ist mein einziges Bestreben. Als ich zum
Kardinal kreiert wurde, ließ ich auf dem Erinnerungsfoto dieses Tages
einen Paulus-Satz aus dem 2. Brief an die Korinther abdrucken, in dem er
sagt, dass wir Diener sind um Jesu Willen. Natürlich betrachte ich
diese Ernennung als eine Geste besonderen Wohlwollens des Heiligen Vaters
mir gegenüber, bin mir aber auch der großen Verantwortung
bewusst – allein schon wegen der vielen Glückwunschschreiben,
die ich erhalten habe. Es handelt sich offensichtlich um eine Aufgabe, der
viele große Bedeutung beimessen. Eine Aufgabe, der ich hoffentlich
– mit Gottes Hilfe – gewachsen bin.
Woher kamen diese Glückwunschschreiben?
TAURAN: Hauptsächlich aus der arabischen Welt.
Besonders gefreut habe ich mich über einen Artikel, den eine der
größten Tageszeitungen Saudi-Arabiens meiner Ernennung gewidmet
hat: wenn das nicht positiv ist!
Sie haben eine Diplomatenausbildung genossen. Welche
Prioritäten werden Sie sich in Ihrem neuen Amt setzen?
TAURAN: Ich werde mein neues Amt wie angekündigt
am 1. September antreten. Zunächst werde ich die Dossiers in
Augenschein nehmen und mich mit meinen neuen Mitarbeitern absprechen.
Richtungweisend für meine neue Arbeit ist die Konzilserklärung Nostra aetate. Was bedeutet: alles
untersuchen, was die Menschen gemeinsam haben und sie ihr gemeinsames
Schicksal gemeinsam leben lässt; jenes geheimnisvolle Element
entdecken, das im Herzen der Dinge und der Geschehnisse des menschlichen
Lebens liegt; das schätzen, was an Wahrem und Heiligem in den anderen
Religionen ist; den Hoffnungsstrahl erkennen, der alle Menschen erleuchtet.
Und das alles natürlich ohne Angst, Jesus Christus zu
verkündigen, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. In diesem
Sinn dient uns als „Wegweiser“ natürlich die
Erklärung Dominus Iesus.
Sie haben lange in der Nuntiatur im Libanon gearbeitet.
Welche Erinnerung haben Sie an diese Zeit, und was halten Sie von der
dramatischen Situation im Land der Zedern?
TAURAN: Der Libanon hat in meinem Leben eine wichtige
Rolle gespielt. Ich leistete dort bereits als kultureller Mitarbeiter
Militärdienst. Das ist in Frankreich auch für Seminaristen und
Priester Pflicht. Ich kannte den Libanon also schon 1965, als er noch ein
Paradies war. Später, von 1979 bis 1983, kam ich als Nuntiaturberater
dorhin, als gerade der Krieg tobte. Man kann sagen, dass ich den Nahen
Osten aus dem Blickwinkel des Libanon kennen gelernt habe. Was dort heute
passiert, kann man nur schwer verstehen – ich für meinen Teil
jedenfalls. In der Politik ist etwas ins Stocken geraten. Die
Gemeinschaften sind in ihrem Innern gespalten. Das Land macht eine schlimme
soziale Krise durch. Ich glaube, dass der Libanon seine nationale
Aussöhnung noch nicht erlebt hat. Im kommenden September steht ein
wichtiger politischer Termin an: die Wahl des Staatspräsidenten. Ich
glaube, dass das Überleben des Libanon sehr von seinen Nachbarn und
der internationalen Gemeinschaft abhängt. Und das ist immer ein
Zeichen von Schwäche.
Einer der wichtigsten und heikelsten Punkte betrifft
zweifelsohne die Beziehungen zum Islam. Was wollen Sie diesbezüglich
tun?
TAURAN: Hier im Westen sprechen wir oft vom Islam als
einem einzigen Block. Aber das ist ein Trugschluss. Es gibt keinen einzigen
Islam, sondern viele. Mit dem Islam, der tötet – und der meiner
Meinung nach nicht der wahre Islam, sondern eine Verzerrung desselben ist
–, ist natürlich kein Dialog möglich. Mit dem echten Islam
– dem, den ich nicht nur im Libanon kennen gelernt habe, sondern auch
in Syrien und in den Golfländern –, gibt es derzeit zwar keinen
theologischen Dialog, aber es kann durchaus einen der Kultur, der Liebe und
des Friedens geben. Das wichtigste ist, einander zu kennen. Und zwar immer
besser. Jeder von uns kann vom anderen lernen. Wir können
beispielsweise an den Muslimen die Dimension der Transzendenz Gottes
schätzen, den Wert des Gebets und des Fastens, den Mut, den eigenen
Glauben im öffentlichen Leben zu bezeugen. Von uns dagegen können
die Muslime den Wert einer gesunden Laizität lernen.
Was hat sich in der Beziehung zwischen Islam und
katholischer Kirche nach dem 11. September verändert?
TAURAN: Im Westen macht der Islam heute Angst. Und
nicht nur er: Im Westen macht inzwischen jede Religion Angst, Religion im
Allgemeinen. Für viele junge Menschen, die keine wirkliche spirituelle
Formation genossen haben, ist Religion gleichbedeutend mit Terror. So
konnte vor ein paar Monaten in London ja auch ein Buch mit folgendem
bezeichnenden Titel veröffentlicht werden: God
is not great. How religion poisons everything [Autor:
Christopher Hitchens]. Der 11. September hat uns gezeigt, was Hass
bewirken kann. Die Kamikaze waren nämlich von Hass getrieben. Hass auf
die Kultursphäre christlich-jüdischer Inspiration. Und was kann
man angesichts einer solchen Denkweise schon gegen einen Kamikaze tun?
Während der Märtyrer sein Leben gibt, um andere Leben zu retten,
tötet der Terrorist nur, um zu töten. Der Papst hat den
Terrorismus verurteilt, und ich habe noch nie eine
unmissverständlichere, entschlossenere Verurteilung des Terrorismus
gehört als die von Benedikt XVI. an das beim Hl. Stuhl akkreditierte
Diplomatische Korps am 9. Januar 2006: „Kein Umstand kann diese
kriminelle Aktivität rechtfertigen, die den, der sie ausführt,
mit Schande bedeckt, und die um so tadelnswerter ist, wenn sie sich hinter
dem Schutzschild einer Religion verbirgt und so die reine Wahrheit Gottes
auf das Niveau ihrer eigenen Blindheit und moralischen Perversion
erniedrigt.“ Wir müssen alles tun, damit die Religionen
Brüderlichkeit verbreiten, nicht Hass.
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 | | Benedikt XVI. bei der Audienz für die am Hl. Stuhl akkreditierten Botschafter islamischer Länder und Vertreter muslimischer Gemeinden in Italien (25. September 2006, Castel Gandolfo). | | |
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Sind Sie der Meinung, dass der berühmte Vortrag
des Papstes in Regensburg den Dialog mit dem Islam kompromittiert hat?
TAURAN: Zuerst schon. Dann aber, besonders während
der Reise in die Türkei, hat der Papst seine Meinung sehr klar zu
verstehen gegeben. Überaus wichtig war die Begegnung in Castel
Gandolfo am 25. September mit den Diplomaten der Länder mit
muslimischer Mehrheit, bei der der Papst erneut seine Wertschätzung
und seinen Respekt dem Islam gegenüber zum Ausdruck brachte. Eine
Wertschätzung und einen Respekt, aus denen er schon am 20. August 2005
beim Weltjugendtag in Köln keinen Hehl gemacht hat, als er zu den
Vertretern muslimischer Gemeinden sagte: „Der interreligiöse und
interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine
Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine
vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft
abhängt.“ Und das erklärt auch, warum er die Autonomie des
Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog bewahren
wollte.
Es sah ja eigentlich so aus, als solle dieser Rat in
ein anderes Dikasterium eingegliedert werden. Was sich dann aber nicht
bewahrheitet hat. Schuld oder Verdienst des Vortrags von Regensburg?
TAURAN: Ich glaube, dass die nach dem Regensburger
Vortrag entstandenen Probleme und die Reise in die Türkei gezeigt
haben, wie wichtig es ist, ein eigenes Dikasterium für den Dialog mit
dem Islam und den anderen Religionen zu haben.
Sollte die Kirche Ihrer Meinung nach nur mit
gemäßigten islamischen Kreisen sprechen oder muss der
Dialog auch auf fundamentalistische Sektoren ausgeweitet werden?
TAURAN: Der Hl. Stuhl spricht grundsätzlich mit
allen, will sich keine Feinde schaffen. Natürlich ist es schwer, mit
Leuten zu reden, die töten, noch bevor sie den Mund aufmachen. Es
wäre zwar schön, wenn sich die Terroristen zur Vernunft bringen
ließen, aber ich glaube kaum, dass das möglich ist. Wir
müssen auf den Dialog mit dem gemäßigten Islam und mit den
islamischen Komponenten setzen, die zwar in Glaubensdingen recht unbeugsam
sein mögen, den Gebrauch von Gewalt aber doch entschieden ablehnen.
Wie beurteilen Sie, als ehemaliger Diplomat, die
jüngst erfolgte Anknüpfung diplomatischer Beziehungen zwischen
Hl. Stuhl und Vereinigten Arabischen Emiraten?
TAURAN: Es ist der eindeutige Beweis dafür, dass
es durchaus islamische Gemeinschaften gibt, die sich dem Dialog nicht
verschließen. Und dass die Fehlinterpretationen des Regensburger
Vortrags die Entwicklung diplomatischer Beziehungen zu islamischen
Ländern Gott sei Dank nicht verhindern konnten.
Als vatikanischer Außenminister haben Sie viele
muslimische Länder besucht. An welche Persönlichkeiten denken Sie
besonders gern zurück?
TAURAN: Bei einem Besuch in Marokko konnte ich mich mit
König Hassan unterhalten, dem Vater des derzeitigen Herrschers, der
eine weite spirituelle Sicht der Realität hatte. Ich habe auch den
ägyptischen Präsidenten Mubarak, den verstorbenen König
Hussein von Jordanien und den verstorbenen syrischen Präsidenten Afez
Hassad kennen gelernt: wirklich außergewöhnliche Menschen.
Waren Sie auch im Iran?
TAURAN: Ja, und ich kann mich noch an das schöne
Gespräch mit dem damaligen Präsidenten Khatami erinnern, mit dem
ich mich auch über Thomas von Aquin unterhielt, dessen Werke er
kannte.
Als Sie noch vatikanischer
„Außenminister“ waren, haben Sie die anglo-amerikanische
Militäraktion gegen den Irak Saddam Husseins scharf verurteilt. Eine
Art Prophezeiung?
TAURAN: Die Tatsachen sprechen Bände. Die
internationale Gemeinschaft ausgeschlossen zu haben, war ein Fehler. Nicht
die richtige Methode. Denn was sehen wir heute? Die Macht liegt bei den
Stärkeren, den Schiiten, und das Land ist auf dem besten Weg, in einem
konfessionellen Bürgerkrieg zu versinken, der nicht einmal die
Christen verschont, die paradoxer Weise zu Zeiten der Diktatur besser dran
waren. Ganz zu schweigen von den negativen Auswirkungen auf das regionale
Gleichgewicht. Das Einschreiten der Engländer und Amerikaner hat
meines Erachtens nach nichts Positives gebracht. Ich wäre lieber ein
schlechter Prophet gewesen – aber leider war dem nicht so.
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 | | Benedikt XVI. mit Professor Ali Bardakoglu, Präsident des Direktorats für die religiösen Angelegenheiten der Türkei (Ankara, 28. November 2006). | | |
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Der Päpstliche Rat befasst sich nicht nur mit dem
Islam, sondern auch mit den spirituellen Traditionen großer
aufstrebender Länder wie China und Indien. Welche Perspektiven gibt es
Ihrer Meinung nach für den Dialog mit diesen Ländern?
TAURAN: Gut, dass Sie das ansprechen. Unser Dialog
betrifft zwar hauptsächlich den Islam, wir dürfen aber nicht
vergessen, dass auch andere große Religionen und spirituelle
Erfahrungen im Westen eine zunehmend große Rolle spielen. Der
Hinduismus, der Buddhismus, die konfuzianische Tradition, der Shintoismus
beispielsweise. Ich habe gelesen, dass die drittgrößte Religion
in Europa der Buddhismus ist. Gleich nach dem Christentum und dem Islam.
Auch in diesem Fall ist es wichtig, einander zu kennen. Jeder kann vom
anderen lernen. Christen, die vielleicht den Eindruck erweckt haben, sich
allzu sehr der sozialen Dimension ihres Glaubens zu widmen, können von
ihnen eine tiefere spirituelle Spannung lernen. Und die orientalischen
Religionstraditionen wiederum, denen das materielle Schicksal des
Einzelnen und der Völker oft gleichgültig zu sein scheint,
können von uns die Freude am sozialen und politischen Engagement
für den Nächsten übernehmen. Unlängst war ich in einem
Buddhistenkloster im Süden Taiwans und konnte über die
große Gastfreundschaft und den starken Gebetsgeist dort nur staunen!
Dieser Dialog soll jedoch nicht glauben machen, alle Religionen wären
gleich. Alle, die auf der Suche nach Gott sind, müssen respektiert
werden, weil sie alle dieselbe Würde haben. Das darf man nicht
vergessen!
Apropos Ferner Osten. Wie denken Sie über den
Brief des Papstes an die Katholiken der Volksrepublik China?
TAURAN: Mir kam er fast schon wie eine kleine Enzyklika
vor. Es handelt sich um einen tief gehenden, wohl überlegten,
nahrhaften Text. Eine klare Darlegung des status quaestionis, die auch maßgebliche, wertvolle Hinweise für eine
Beilegung der Spaltungen im Innern der katholischen Gemeinschaft gibt, wie
auch für einen respektvollen Dialog mit den Regierungsbehörden.
Wie beurteilen Sie die Zukunft der Beziehungen zwischen
Rom und Peking?
TAURAN: Ich persönlich bin nicht der Meinung, dass
die Normalisierung der Beziehungen zwischen der Volksrepublik und dem Hl.
Stuhl für die Regierungsbehörden derzeit Priorität hat. Aber
ich würde mich gerne täuschen.
Wie beurteilen Sie als französischer Kardinal das
motu proprio Summorum pontificum, das den Gebrauch des so genannten Messbuchs von Pius V.
freistellt?
TAURAN: Ich fand den Begleitbrief des Heiligen Vaters
sehr beeindruckend und erleuchtend. Der Grund für diesen Entschluss
wird darin unmissverständlich dargelegt. Ein wenig betrübt hat
mich, dass in den vergangenen Monaten viele ein vorschnelles, meist
negatives Urteil über diesen Text abgegeben haben, ohne ihn zu kennen.
Dieses motu proprio
zeigt den Wunsch nach communio, in deren Zeichen diese Pontifikatsphase steht. Der Papst
wollte damit die Spaltung mit den so genannten Lefebvrianern beilegen,
diese wieder der vollen Gemeinschaft mit Rom zuführen. Wie er das ein
bisschen ja auch mit dem Brief an die chinesischen Gläubigen getan
hat, die wieder in den Genuss der Gemeinschaft untereinander und mit dem
Hl. Stuhl kommen sollen.

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