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ZWANZIG JAHRE SPÄTER. Vom Mauerfall zur globalen Krise.
1989 aus der Sicht von Marx
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Zu denken, dass es dem Glauben neuen Auftrieb gegeben hätte, war eine Illusion. Und die messianische Ideologie vom freien Markt hat die Armut nur noch vergrößert. Interview mit Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising. Was er über seinen berühmten Namensvetter sagt… |
Interview mit Reinhard Marx von Gianni Valente
Zwanzig Jahre sind vielleicht lang genug, um die Ereignisse
der Vergangenheit realistisch zu sehen. Die Zeit lässt die Emotionen verblassen
und hilft, die Dinge aus der nötigen Distanz zu betrachten, ohne die Tücken der
Propaganda und die ideologischen Vorurteile, die mit diesen Ereignissen
verknüpft waren.
Der Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren wurde
von vielen als Anbruch einer neuen Ära begrüßt. Auch in der
Kirche wurde diese Verlagerung der weltlichen Macht mystisch interpretiert,
fast als wäre es für die Völker Europas der Auftakt zu einer
Zeit der geistlichen und materiellen Renaissance.
Angesichts dessen, was danach passiert ist, hätte
man das Ganze vielleicht nüchterner betrachten sollen. Zu Wort kommt
Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising.
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 | | Erzbischof Reinhard Marx mit den Kindern des Kindergartens St. Josef der Pfarrei St. Peter und Paul in München-Feldmoching (30. Januar 2008). [© Katharina Ebel/KNA-Bild] | | |
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Am 9. November vor zwanzig Jahren fiel die Berliner
Mauer. Können Sie sich noch erinnern, wo Sie damals gerade waren?
REINHARD MARX: Ich kann mich sehr gut an diesen Tag
erinnern. Ich hatte mit Studenten eine Wallfahrt nach Santiago de
Compostela gemacht. Am Sozialinstitut, das ich damals leitete, hielten wir
einen Rückblick auf diese wunderschönen Tage. Dann sahen wir auf
einmal die Bilder im Fernsehen. Mir war sofort klar, dass es sich um ein
geschichtliches Ereignis handelte. Ich war sehr bewegt, weil ich oft in der
DDR gewesen bin. Das Erzbistum Paderborn, mein Heimatbistum, hatte ein
Territorium in der ehemaligen DDR, so dass wir zum Klerus und zu den
Pfarreien eine enge Beziehung hatten. Ich bin oft – auch mit
Ängsten – über die Grenze gegangen, weil ich Bücher
geschmuggelt habe. Ich kann mich erinnern, dass schon wenige Tage nach dem
Mauerfall Priester aus Magdeburg kamen und mit mir über soziale und
politische Fragen diskutierten. Sie fragten sich, ob das die deutsche
Einheit bringen würde. Ich war überzeugt davon. Wir hatten es
lange ersehnt, aber ich habe nicht geglaubt, dass es so schnell gehen
würde.
Nach dem Untergang des Kommunismus konnten die
Verfechter des freien Marktes in den 1990er Jahren ihre Theorien in Umlauf
bringen und ankündigen, dass alle Völker und Nationen in
Wohlstand leben würden. Fukuyama sagte das Ende der Geschichte voraus.
Was ist dann wirklich passiert?
MARX: Bush Senior hatte gesagt, dass nach dem Mauerfall
und dem Zusammenbruch des Kommunismus die Chance bestünde, eine neue
Weltordnung zu bauen. Johannes Paul II. warnte schon 1991 in seiner
Enzyklika Centesimus annus davor, dass die Durchsetzung einer radikalen kapitalistischen
Ideologie nicht unser Zukunftsprojekt sein könne. Was wir brauchten,
war eine ethisch verantwortete Marktwirtschaft und eine Orientierung am
Weltgemeinwohl. Und es konnte sich dann ja auch wirklich eine radikale
kapitalistische Ideologie breitmachen, die den Wettbewerb und das
Marktgeschehen zum gesamten gesellschaftlichen Modell erklärte. Ich
habe in den letzten Jahren immer wieder betont, dass eine solche
Engführung, die alles dem Markt überlässt und den Markt
für das Beste in allen menschlichen Beziehungen hält, eine
Entwicklung fördert, die in einer Sackgasse endet. Wenn wir an die
damaligen Slogans denken, die nach dem Ende des Kommunismus eine neue
Weltordnung forderten, können wir nur sagen, dass der erste Versuch
gescheitert ist.
Woran haben Sie als Bischof konkret erkannt, dass der
Liberalismus eine Utopie war?
MARX: Mit den sozialen Problemen der Menschen,
beispielsweise der Arbeitslosigkeit, habe ich mich schon als junger
Priester intensiv beschäftigt. Im Bistum Trier haben wir mit der
Aktion „Arbeit“ versucht, arbeitslosen Menschen zu helfen; das
gleiche haben auch andere karitative Einrichtungen getan. In diesem Bereich
hat es aber leider eine Verschärfung gegeben: Die Zahl der
prekären Arbeitsverhältnisse und der Niedriglöhne ist
gestiegen. In vielen Bereichen ist auch eine Deregulierung oder
Privatisierung im Gange, beispielsweise im Gesundheitsbereich oder in dem
der öffentlichen Daseinsfürsorge. Das hat die Unsicherheit in den
Familien verstärkt, die oft am Rande des Existenzminimums leben. Die
von den Wohltätigkeitsvereinen geleiteten Armenmensen werden
inzwischen auch in Deutschland von ganzen Familien besucht, die vorher zur
Mittelschicht gehörten. Der leichte Aufschwung, den wir seit 2000
erlebt haben, war nur eine Scheinblüte, aber keine wirkliche
Lösung. Man weiß natürlich auch als Bischof, dass die Welt
keine heile Welt ist, dass es immer Probleme geben wird. Der weltweit
spürbare „entfesselte Kapitalismus“ hat die
Lebenssituation von Millionen von Menschen zweifellos deutlich
verschlechtert.
Der Fall der Berliner Mauer bezeichnete auch den
Untergang des Kommunismus. Und doch schreiben Sie in Ihrem Buch Das Kapital, dass wir heute sehen
können, wie sich manche Vorhersagen von Karl Marx über die
Dynamik des Kapitalismus bewahrheitet haben.
MARX: In seiner Analyse des Liberalismus und des
Kapitalismus hat Karl Marx einiges richtig erkannt, beispielsweise, dass
Arbeit zur Ware werden und es zu einer Globalisierung des Kapitals kommen
könnte. Einige Analysen sind also richtig, nicht aber die dafür
vorgeschlagene Therapie. Sein Menschenbild ist ein materialistisches
Menschenbild, das nicht dem christlichen Menschenbild entspricht, ja, es
ist im Grunde völlig abwegig. Aber das gilt auch für das andere
materialistische Menschenbild, das der kapitalistischen Ideologie. Nach
diesem Menschenbild ist der homo oeconomicus sozusagen der real existierende Mensch, die materiellen
Interessen sind der entscheidende Punkt und alles andere ist
nebensächlich.
Karl Marx hatte also nicht ganz unrecht. Jeden Versuch
einer Schein-Rehabilitation einmal beiseite gelassen: Können uns die
analytischen Werkzeuge von Karl Marx heute dabei helfen, die
kapitalistische Wirtschaft realistisch zu betrachten?
MARX: Wir brauchen nicht Karl Marx, um das zu
verstehen. Er hat das nicht erfunden. Die christliche Soziallehre hat
damals schon genauer und vernünftiger als er erkannt, wohin ein
entfesselter Kapitalismus führt, der keine ethischen Grenzen kennt.
Aber wo Marx recht hat, da soll man ihm auch recht geben.
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 | Hunderte von Berlinern stürmen in der Nacht des 9. November 1989 die Berliner Mauer. [© Associated Press/LaPresse] | | |
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Als Ausweg aus der Krise schlagen einige Politiker
strukturelle Veränderungen in Wirtschaftsprozessen und in den
Beziehungen zwischen Kapital, Arbeit und Produktion vor. Der italienische
Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hat eine Beteiligung der Arbeiter an
den Unternehmensgewinnen vorgeschlagen. Was halten Sie davon?
MARX: Das ist ein altes Thema der katholischen
Soziallehre. Natürlich ist es in einer globalen Wirtschaft, wo immer
wieder eine Veränderung der Arbeitsplätze erfolgt, nicht ganz
einfach, den einzelnen Arbeitnehmer in der vorgeschlagenen Weise mit seinem
Unternehmen zu verbinden. Der Arbeiter hat hier aber ein zweifaches Risiko:
Wenn er am Gewinn beteiligt wird, wird er auch am Verlust beteiligt. Und
damit kann seine Existenz auf dem Spiel stehen. Die Gewinnbeteiligung kann
also nur einen Teil betreffen, der über den Lohn hinausgeht. Man kann
den Lohn nicht durch eine Gewinnbeteiligung ersetzen. Dem Arbeiter muss ein
Grundgehalt garantiert werden, damit er nicht riskiert, seinen Arbeitsplatz
und seine Lebensgrundlage zu verlieren. Ich beschäftige mich schon
lange mit diesem Thema und sehe es sehr positiv. Es sind viele Variationen
möglich, wie man die Arbeiter auch am Gesamtergebnis der
Wirtschaft besser beteiligen kann. Es lohnt sich, darüber weiter
nachzudenken, aber es gibt keinen Königsweg dafür.
Das in der Soziallehre der Kirche verwurzelte deutsche
Sozialstaat-Modell wird von vielen als überholt betrachtet. Kritiken
kommen vor allem aus den Reihen der Liberalen, die die letzten Wahlen
gewonnen haben. Wird man in Sachen Sozialstaat auch in Deutschland
Abstriche machen?
MARX: In Deutschland gibt es keine Partei, die sich
nicht auf die soziale Marktwirtschaft beruft. Aber wir haben in den letzten
Jahrzehnten erlebt, dass darunter sehr Unterschiedliches verstanden wurde.
Und der Sozialstaat ist im Vergleich zu früher heute sichtlich
geschwächt. Wir haben den Sozialstaat zum Problem gemacht, obwohl er
doch ein Teil der Lösung ist. Deutschland hat die Krise besser
überstanden als andere, weil der Sozialstaat funktioniert:
Arbeitslosenversicherung, Kurzarbeitergeld, staatliche Krankenversicherung.
Mit diesen Instrumenten können wir die Krise besser abfedern als
Länder, die gar keinen Sozialstaat haben oder diesen auf das
äußerste Minimum reduziert haben. Ich finde es aber primitiv, zu
sagen, dass am Sozialstaat gespart werden kann, weil „bei uns niemand
verhungert“. Das ist schließlich noch kein
menschenwürdiges Leben. In einer zivilisierten Gesellschaft muss
soziale Gerechtigkeit mehr bedeuten als nur dafür zu sorgen, dass alle
zu essen haben. Die Zeit derer, die den Sozialstaat in Deutschland
abschaffen wollen, ist meiner Meinung nach zunächst einmal
vorüber. Warten wir ab.
Gibt es nichts, was man überdenken, ja vielleicht
sogar ändern sollte? Kritiker warnen davor, einem inzwischen
ausgedienten Sozialstaatsmodell nachzutrauern.
MARX: Wir dürfen nicht einfach sagen, alles
bleibt, wie es ist. Das ist eine sehr statische Sicht, die Welt ist aber
nicht statisch, sie entwickelt sich. Deswegen haben wir auch in der
deutschen Bischofskonferenz immer wieder zur Erneuerung des Sozialstaats
angemahnt, etwa im Bereich der Bildungschancen. Partizipation gelingt aber
nicht nur, indem man Geld transferiert, sondern indem man
Bildungschancen schafft für alle. Indem man es allen Menschen
ermöglicht, zu partizipieren. Nehmen wir das Beispiel der Einwanderer:
Ein großes soziales Problem, das wir in Deutschland, vielleicht auch
in Italien, ein bisschen verschlafen haben. Es geht darum, diese Menschen
zu integrieren, und ein wesentlicher Bestandteil dieser Integration sind
Arbeit und Bildung. Hier muss eines klargestellt werden: Wir sind ein
Einwanderungsland, und wir wollen diese Menschen. In einem Land mit einer
so niedrigen Geburtenrate wie in Deutschland sind wir über alle Kinder
froh, die bei uns geboren werden. Und der Sozialstaat hat die Aufgabe, der
Integration Chancen zu geben.
Die Kirche hat immer wieder herausgestellt, welch
wichtige Rolle Vertreter verschiedener kirchlicher Gemeinschaften bei den
Ereignissen des Jahres 1989 gespielt haben. Die historische Wende, die
Veränderung des geschichtshistorischen Szenarios, wurde von vielen als
Prämisse für ein Wiederaufblühen des Glaubens und der
sozialen Rolle der Kirche gesehen.
MARX: Es war eine Illusion. Man kann nicht denken: Wir
setzen uns für die Wende ein und die Leute danken uns dann damit, dass
sie Christen werden. Christsein ist ein Geschenk. Man kann den Glauben
nicht kaufen, ihn sich nicht verdienen, auch nicht durch politische
Leistungen, wie manche meinen. Ich kann mich an ein Gespräch erinnern,
das ich noch in der Zeit des Kommunismus mit polnischen Priestern
geführt habe, die sich fragten, was wäre, wenn sie so leben
würden wie wir. Ich sagte ihnen, dass sie dann dieselben Probleme
hätten wie wir. In einer freien Gesellschaft ist der christliche
Glaube eine freie Entscheidung und eine Gnade. Und das wünschen wir
uns auch. Aber selbst in der Kirche verstehen das manche nicht. Es ist eine
besondere Herausforderung, in einer freien Gesellschaft den christlichen
Glauben so zu leben, dass ihn die Menschen als eine Bereicherung ihres
Lebens betrachten, darin etwas entdecken, das über ihre bisherigen
Möglichkeiten hinausgeht. Deswegen ist die Liturgie auch so wichtig.
In einigen Kreisen, besonders bei den amerikanischen Neocons, hat man die Euphorie des
Jahres 1989 für politische – auch kirchenpolitische –
Zwecke instrumentalisiert…
MARX: Man kann es nicht oft genug sagen: Die Kirche
stellt sich weder gegen die moderne Welt noch gegen Freiheit, Demokratie
und Pluralismus. So als wäre es etwas, das es besser gar nicht
gäbe. Aber man kann das Christentum nicht auf eine religiöse
Ideologie verkürzen, die die Marktwirtschaft unterstützt. Die
Neokonservativen sind, was die Familie angeht, in einigen
Äußerungen ganz auf der Linie der Kirche. Aber ich verstehe
nicht, wie sich manche als neokonservativ bezeichnen und einen entfesselten
Kapitalismus als Modell propagieren können. Der Kapitalismus ist
dynamisch, er ist nicht konservativ, sondern sehr progressiv. Er lässt
die sozialen und kulturellen Situationen nicht so, wie sie sind, sondern
verändert sie, stellt sie oft vollkommen auf den Kopf, indem er neue
Paradigmen und Klischees einführt. Dabei kann man doch oft diese Art
Pakt beobachten, der jene, die traditionelle konservative Werte haben, mit
dem Kapitalismus verbindet. Aber diese Dinge passen nicht zueinander.
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 | | Der Münchner Dom. [© Katharina Ebel/KNA-Bild] | | |
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In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Kirche auch
von den geschichtlichen Ereignissen dazu getrieben wurde, ihre
Soziallehre zu ändern. Können Sie uns konkrete Beispiele dieser
Diskontinuität geben und erläutern, wie sie von den
geschichtlichen Umständen – auch kirchenfeindlicher Art –
begünstigt wurden?
MARX: Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zum totalen
Zusammenbruch der kirchlichen Strukturen in Europa. Die moderne Welt, die
in den Philosophien der damaligen Zeit, in der öffentlichen Meinung,
zum Ausdruck kam, war ganz gegen die Kirche gerichtet. Und die Kirche hat
zu wenig verstanden, welche positive Herausforderung darin lag. Auf diese
Situation allgemeiner Feindseligkeit reagierte sie mit Ablehnung, und das
galt auch für die neuen Phänomene, die mit dem Wachstum der
demokratischen Grundlagen der Gesellschaft zu tun hatten. Es gab also kein
wirkliches Gespräch, sondern eine Feindschaft, und es dauerte einige
Zeit, bis man in der Kirche verstanden hat, was Religionsfreiheit,
Gewissensfreiheit und Demokratie bedeuten. Hier ist es erst allmählich
zu einer Veränderung gekommen. Und das kann auch bei sozialen
politischen Fragen passieren; bei der Frage, was der Sozialstaat ist, das
Verhältnis von Staat und Kirche, von Arbeit und Kapital, die
Gewerkschaften… Auch die Kirche lernt im Laufe der Geschichte. Dazu
gehört vielleicht auch ein bisschen Demut. Ecclesia audiens, nicht nur docens.
Kommen wir zur Kirche in Deutschland. Wie ist es
derzeit um sie bestellt? Und wie hat man die derzeitige Lage bei der
jüngsten Fuldaer Bischofsversammlung beschrieben?
MARX: Wir haben in den letzten dreißig Jahren
eine Phase des Umbruchs, der Veränderungen, erlebt. Man kann aber
nicht sagen, Deutschland sei nicht mehr christlich. Man darf auch nicht
vergessen, dass sich der Osten und der Westen in keiner Frage so sehr
unterscheiden wie in der der Religion. Vieles andere hat sich angeglichen,
nicht aber die Frage der Religion. Wir haben in Ostdeutschland weiterhin
80% Nichtchristen, im Westen 80% Christen. Insofern stehen wir vor der
Herausforderung, die sich allen Kirchen in Europa stellt: Wir müssen
jetzt in einer offenen, liberalen, pluralistischen Gesellschaft deutlich
machen, was der Kern, der Mehrwert, des christlichen Glaubens ist. Einen
solchen Umbruch hat die Kirche noch nie erlebt. Die Menschen aller
Gesellschaftsschichten können heute ihren Lebensstil wählen, ihre
Religion, ob sie fünf- oder sogar sechsmal heiraten wollen, usw. Es ist eine positive
Herausforderung, die aber für die einzelnen Teilnehmer – das
gilt für die Bischöfe ebenso wie für die Familien und
Pfarreien – oft schmerzhaft ist. Aber diesen schmerzhaften Weg
müssen wir gehen, und wir kommen auch mit Schlagworten über
die schlechte Gesellschaft, vermeintliche Fehler des Papstes, den
Zölibat oder ähnliche Nebenthemen nicht darum herum. Damit stellt
man sich nämlich nicht der wirklichen Herausforderung: Was heißt
Christsein? Wir müssen deutlich machen, dass es ein riesiger Verlust
wäre, wenn man nicht Christ ist. Wer Christus wählt, hat mehr vom
Leben.
Der schwerfällige Verwaltungsapparat der
deutschen Kirche wird oft kritisiert; die vielen Laien, die in
verantwortungsvollen Posten in den Diözesen arbeiten und dafür
ein Gehalt beziehen. Aber auch die strukturelle Bindung an den Staat und
die zivilen Einrichtungen. Sind Sie der Meinung, dass dieses Modell eine
Krise durchmacht? Ist dieser modus essendi der Kirche der Grund für die Säkularisierung?
MARX: Das ist eine sehr delikate Frage. Darüber
ist viel gesagt worden, und es gibt die verschiedensten Meinungen
darüber, wo die Gründe dafür liegen. Die Piusbrüder
sagen zum Beispiel, dass es die Kirchenaustritte deswegen gibt, weil die
Kirche nicht so ist, wie sie es wünschen, und dass alles in Ordnung
kommen würde, wenn wir so wären wie sie. Andere –
„Wir sind Kirche“ etwa – sagen, es liege daran, dass der
Zölibat noch nicht abgeschafft ist, man müsse also moderner sein.
Die dritten wieder sagen, dass man nur die Kirchensteuer abschaffen muss,
denn dann müssten die Leute ja nicht mehr austreten. Es ist also keine
homogene Gruppe. Hier müssen sich die Leute entscheiden, werden
herausgefordert, zu sagen: „Ja, ich bin Kirchenmitglied und ich stehe
auch dazu.“ Wir können zwar sicher vieles verbessern, aber ich
glaube nicht, dass man sagen kann, dieses System sei überholt. Ich
verstehe die ausländischen Beobachter nicht, die über diese Dinge
urteilen, ohne die Tradition zu verstehen, die hinter dieser Steuer steht.
Die Kirche ist keine Idee, sie ist eine sichtbare Gemeinschaft. Die
Kirchensteuer wird ja auch nur von den Erwerbstätigen gezahlt
– also von einem Drittel der Bevölkerung –, und sie
richtet sich nach dem Einkommen. Arbeitslose zahlen keine Kirchensteuer.
Jede Kirche hat ihre Geschichte, und die muss in Betracht gezogen und
respektiert werden.
Was können Sie uns über die Lefebvrianer in
München sagen? Welche Entwicklungen hat es gegeben?
MARX: Ich bin immer dafür gewesen, mit der
Erlaubnis des außerordentlichen Ritus großzügig zu sein.
Ich finde, der Papst hat hier eine kluge Entscheidung getroffen. Jetzt muss
niemand mehr zu den Lefebvrianern gehen, um die Messe in der alten
Form feiern zu können. Ich muss allerdings sagen, dass die Zahlen
derer, die das wünschen, in unserer Diözese überschaubar
sind. Ich lege Wert darauf, dass unsere normalen Sonntagsgottesdienste
wirklich gut, geistlich tief und liturgisch richtig gefeiert werden. Der
Papst hat einmal gesagt, dass sich an der Liturgie das Geschick der Zukunft
der Kirche entscheidet. Wenn eine gute Liturgie gefeiert wird, dann werden
die Menschen auch davon angezogen. Wenn die Messe nicht gut gefeiert wird,
dann sind all unsere Predigten und Enzykliken wertlos.
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 | Reinhard Marx mit dem protestantischen Landesbischof Johannes Friedrich bei der Eröffnung des ökumenischen Kirchentags in Germering (3. Juli 2009). [© Katharina Ebel/KNA-Bild] | | |
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Nächstes Jahr werden Protestanten und Katholiken
zum Kirchentag nach München kommen. Wie sind ihre Beziehungen
wirklich?
MARX: Vor einigen Tagen haben wir zehn Jahre
Rechtfertigungserklärung gefeiert. Auch in der Ökumene muss man
Geduld haben. In den letzten vierzig, fünfzig Jahren haben wir in
Deutschland einiges erreicht. Kardinal Lehmann hat einmal ein Bild
gebraucht, das mir sehr gefällt: Wenn man einen Berg besteigt, kommt
man dem Gipfel immer näher, aber das letzte Stück ist noch sehr
anstrengend. Und es kann durchaus sein, dass man auch einmal im Berg
übernachten muss.
Fürchten Sie, dass es – wie bei anderen
Anlässen bereits geschehen – zum Thema Interkommunion Polemiken
geben wird?
MARX: Ich bin mit dem protestantischen Landesbischof
ganz einer Meinung. Auch er meint, dass die gemeinsame Feier der
Eucharistie bedeuten würde, dass wir bereits eine Kirche sind. Und
dann bräuchten wir auch keine Ökumene mehr. Eine gemeinsame
Feier, ohne dass wir uns im Innern einig sind, wäre ein falsches
Zeichen, eine Zurschaustellung fürs Fernsehen und für die Medien.
Es würde zu neuen Irritationen, neuen Spaltungen zwischen Katholiken,
Protestanten und Orthodoxen führen. Ich hoffe sehr, dass der
Ökumenische Kirchentag für die Gesellschaft ein Zeichen
dafür ist, dass wir als Christen im Glauben zusammenstehen. Im
Taufbekenntnis bekennen wir gemeinsam, dass wir an den dreifaltigen Gott
glauben. Und das ist nicht wenig. Das müssen wir in die Gesellschaft
hineintragen, nicht unsere Streitigkeiten.
Sie haben vorhin über die Integration der
Einwanderer gesprochen. In Deutschland leben viele Türken. Aber die
Kirche hat sich nicht gegen den Bau von Moscheen gestellt.
MARX: Die deutsche Bischofskonferenz hat ein Dokument
über den Bau von Moscheen veröffentlicht, das auch Kritik
hervorgerufen hat. Die grundsätzliche Linie ist folgende: Wenn
Menschen bei uns sind, die einen muslimischen Glauben haben und diesen
praktizieren wollen, dann haben sie auch das Recht, ihre Religion in einer
würdigen Weise zu leben. Aber das muss im Rahmen der staatlichen
Gesetze erfolgen. Natürlich achten wir darauf, dass eine Moschee nicht
direkt neben einer Kirche gebaut wird und vielleicht noch hundert Meter
höher ist. Aber dafür sorgt schon der Denkmalschutz.
Ihr Motto ist Ubi Spiritus
Domini, ibi libertas. Wo der Geist des Herrn
ist, da ist Freiheit.
MARX: Ich habe mich immer darüber geärgert,
dass der Begriff Freiheit in Gegensatz zur kirchlichen Verkündigung
gestellt wird. Dass viele der Meinung sind, dass Kirche und Freiheit nicht
zusammenpassen. Dabei ist es ein Kernbegriff des heiligen Paulus. Wie wir
Freiheit verstehen, wird ein wesentlicher Punkt der Auseinandersetzung des
21. Jahrhunderts sein.
Gilt dieses Motto auch für die heutige Situation
der Kirche?
MARX: Freiheit bedeutet, in Freiheit das Gute zu
wählen. Und das gilt auch für die Kirche. Der freieste Satz, den
ein Mensch sprechen kann, ist: „Ich liebe dich.“ Aber damit ist
man sofort gebunden. Das gilt in der Ehe, aber auch bei den Priestern, und
es gilt für jeden Getauften, der auf die Frage Christi: „Liebst
du mich?“, antwortet: „Ich liebe dich“. Und wenn jemand
die Kirche liebt, kann er in diesem Kontext auch in der Kirche Freiheit
haben.

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