|
„IUSTITIA ET PAX“. Interview mit Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson.
Der Weg Afrikas oder Afrika auf dem Weg
|
Begegnung mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden: die Krise in Nigeria und im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Die Auslandsverschuldung, die den Regierungen des afrikanischen Kontinents zu schaffen macht. Aber auch die Fortschritte und die Hoffnungen dessen, was der Papst als „geistliche Lunge“ der Menschheit bezeichnet. |
Interview mit Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson von Roberto Rotondo und Davide Malacaria
„Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson ist seit sechs Monaten Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden. Er ist der jüngste und zugleich hochrangigste afrikanische Kardinal unter den Kurienmännern aus dem Schwarzen Kontinent. Der in Wassaw Nsuta, im Osten Ghanas,
geborene Turkson wurde 1975 für die Erzdiözese Cape Coast zum Priester geweiht und 1992 zum Erzbischof ernannt. Von 1997
bis 2005 war er Präsident der Bischofskonferenz Ghanas. Er studierte in den Vereinigten Staaten und
am römischen Bibelinstitut. Er spricht englisch, französisch, italienisch und deutsch und hat gute Kenntnisse des Hebräischen, Altgriechischen und Lateinischen. 2003 wurde er zum Kardinal kreiert – als erster ghanesischer Kardinal der Geschichte. Ende des Jahres 2009 war er
Generalrelator der Sondersynode für Afrika. Mit ihm, der mehrmals erklärt hat, in seine neue Aufgabe den „großen Sinn für Solidarität und die Suche nach Gerechtigkeit“ miteinbringen zu wollen, die die Menschen Afrikas auszeichnen, haben wir uns über die leider inzwischen „chronisch“ gewordenen Probleme in Subsahara-Afrika unterhalten – ausgehend von seiner jüngsten Reise nach Nigeria.
 |
 | | Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson. [© Reuters/Contrasto] | | |
 |
 |
Im März sind Sie nach Nigeria gereist, wenige Tage nach dem Massaker von Hunderten
armer Bauern in drei Dörfern, größtenteils Katholiken der Diözese Jos. Welches Bild konnten Sie sich von den Angriffen des 7. März machen, die man anfangs den Rivalitäten zwischen Christen und Muslimen zugeschrieben hatte?
PETER KODWO APPIAH TURKSON: Als ich von den nächtlichen Angriffen auf die Dörfer gehört habe, von den Hunderten ermordeter Frauen und Kindern, war mein erster
Gedanke, sofort zum Erzbischof von Jos, Msgr. Ignatius Kaigama, zu fahren und
ihm zu helfen. Schließlich hatte er die schwere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wieder Ruhe einkehrt und es nicht zu Vergeltungsmaßnahen kam, die die dramatische Spirale der Gewalt nur noch verschärft hätten. Ich kenne Msgr. Kaigama gut, er ist auch Präsident des Rates für den interreligiösen Dialog Nigerias und hat sich schon immer für den Frieden eingesetzt. In jenen Tagen aber stand er vollkommen allein da und
war verzweifelt bemüht, die erhitzten Gemüter zu besänftigen. Eigentlich war von Anfang an klar, dass es sich um einen Fall von
Stammesrache handelte. Obwohl auch der
L’Osservatore Romano religiöse Motive sofort ausgeschlossen hatte, wurde in den Medien das Gerücht verbreitet, die Wurzel der Gewalt in Nigeria sei der Zusammenprall zwischen
Muslimen und Christen.
In Wahrheit aber…?
TURKSON: In Wahrheit war es ein Racheakt der Fulani – nomadisch lebende Muslime und Viehzüchter – gegen die Berom, Bauern, die größtenteils Christen sind. Zu den Ausschreitungen war es gekommen, weil die
Viehherden der Fulani von der anhaltenden Dürre in den Süden, in die Anbaugebiete der Berom, getrieben wurden und diese ihre Ernte
bedroht sahen. In der Folge kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Fulani, und als man auch noch Vieh dieser Hirten
getötet hatte, holten sie zum Gegenschlag aus. Für die Fulani ist ihr Vieh lebenswichtig, für die Bauern ihre Ernte.
Ein tragischer Krieg der Armen …
TURKSON: Ja, es ist ein Problem, das sich schon seit Jahren hinzieht. Die
Ortskirche versucht verzweifelt, die Wogen zu glätten, aber solange es der Regionalregierung und dem Zentralstaat nicht gelingt,
für Sicherheit und Ordnung zu sorgen, wird die Situation brisant bleiben. Deshalb
haben wir uns ja auch am 19. März nach der Seelenmesse für die Opfer, bei der ich eine Botschaft von Benedikt XVI. verlesen habe, mit den
Regionalpolitikern getroffen und ihnen klar gemacht, dass diese armen Leute das
Recht haben, ruhig schlafen zu können. Immerhin beten sie bei den Messen ja auch für die Regierung, den Staat und den Präsidenten. Besonders schlimm war, dass die Angriffe auf die Dörfer um zwei Uhr nachts erfolgt sind –, dass man die Leute also bewusst im Schlaf überrascht hat, wenn sie am wehrlosesten sind. Es war ein eiskalter Racheakt,
kein irrationaler Ausbruch von Gewalt.
Hat man auf muslimischer Seite nicht versucht, die Gemüter zu beschwichtigen?
TURKSON: Ich hatte in Jos ein Treffen mit dem muslimischen Führer Amil, der eng mit Msgr. Kaigaman zusammenarbeitet. Beide setzen sich für den Frieden ein. Auf beiden Seiten gibt es aber auch den ein oder anderen, der die
Nase rümpft: manche Christen halten den Erzbischof den Muslimen gegenüber für zu gutgläubig – einige Muslime dagegen befürchten, dass sich der Emir vom Bischof noch zum Christentum bekehren lassen
wird. Aber diese Zusammenarbeit ist die einzige Möglichkeit, den Frieden und die Entwicklung in der Region voranzutreiben. Darüber haben die beiden auch mit dem Sultan von Sokoto gesprochen, der höchsten Autorität des Islam in Nigeria. Wir können nur hoffen, dass viele andere ihrem Beispiel folgen und für den Dialog eintreten werden.
Ist die Tatsache, dass man die Auseinandersetzungen als „Religionskrieg“ abgestempelt hat, vielleicht auch auf unsere Unfähigkeit zurückzuführen, das, was in Afrika passiert, richtig einzuordnen?
TURKSON: Ja, sicher. Von hier aus wird alles mit dem Etikett „Afrika“ versehen: es gibt das hungernde Afrika; das Afrika der Stammesfehden, und das,
in dem der Kampf um die Naturressourcen entbrannt ist... Aber Afrika ist kein
einheitlicher Block: allein in Subsahara-Afrika gibt es 48 Nationalstaaten, und
ein jeder davon hat seine eigene Situation, seine Probleme, seine Dramen und
seine kleinen Erfolge. Afrika respektieren heißt vor allem unterscheiden. In Ghana beispielsweise, wo ich geboren wurde, sind
der Parlamentspräsident, der Justizminister und der Polizeichef Frauen. Das heißt aber noch lange nicht, dass Afrika gelernt hätte, die Frauen zu respektieren. Die Probleme, die mit dem demographischen,
religiösen und ethnischen Gleichgewicht zusammenhängen, ändern sich also von Land zu Land: in Nigeria halten sich Muslime und Christen
zahlenmäßig die Waage, in Sierra Leone sind die Muslime in der Überzahl. In Ghana ist der Islam in der Minderheit; die Muslime machen 18 % der
Bevölkerung aus. Wir haben also ein Problem, das andere nicht haben: es gibt
Gruppen, denen das in unserem Land erreichte religiöse und ethnische Gleichgewicht gerade deshalb ein Dorn im Auge ist, weil es ein
Zusammenleben möglich macht. So haben diese Gruppen in den letzten Jahren Strategien ausgeheckt,
um das demographische Gleichgewicht zu verändern. Ich will hier nicht zum Kreuzzug aufrufen, aber wir wissen, dass es
dieses Phänomen gibt, und wie heißt es doch so schön: Vorsicht ist besser als Nachsicht …
Die Dauerkrise und die Instabilität in der nordöstlichen Zone der Demokratischen Republik Kongo (einem Gebiet mit katholischer
Mehrheit) machen dem afrikanischen Kontinent schwer zu schaffen. Warum findet
man keinen Ausweg aus dieser Zwickmühle? Geht es nur um die Ausbeutung der Naturressourcen?
TURKSON: Der Kampf um die Naturschätze ist ein wichtiger Faktor, aber er ist nicht der einzige. Ein anderer Grund für die Krise sind die fehlenden Infrastrukturen. Der Mangel an Straßen oder Brücken läßt die Zentralregierung in einem so großen Land wie dem unseren in weite Ferne rücken und bedeutet, dass nicht prompt eingegriffen werden kann. Die Vielzahl von
Stämmen und ethnischen Gruppen ist ein weiterer Faktor der Instabilität. Und wenn es dann auch noch zu Einmischungen von außen kommt, kann der Kongo natürlich kein Gleichgewicht finden. Ein Teil der Bevölkerung bezeichnet sich als ruandisch, der andere als burundisch. Das ist ein
Problem vieler Zonen Afrikas, wo die Grenzen traditionsgemäß Stämme und ethnische Gruppen trennen. Dasselbe passiert auch in Ghana: es gibt ein
Dorf an der Grenze zu Togo, in dem eine Straße als Grenzlinie fungiert. Auf der einen Seite der Straße leben die Ghanesen, auf der anderen die Togolesen. Bei uns ist die Situation
also „nur“ bizarr – in Kivu dagegen, in der Demokratischen Republik Kongo, hat sie bereits
dramatische Ausmaße angenommen. Auch weil jene, die es auf die immensen Naturschätze der Zone – Holz und Koltan – abgesehen haben, natürlich am Chaos interessiert sind. Wo Anarchie und Konfusion herrschen, kann auch
eine kleine Gruppe Bewaffneter ganze Dörfer terrorisieren und illegale Minen ausbeuten. Nur eine starke
Zentralregierung kann diese Situation nach und nach in den Griff bekommen.
 |
 |
 | | Kongolesische Katholiken bei der Prozession am Palmsonntag. [© M.Merletto/Nigrizia] | | |
 |
Sie haben gesagt, dass einige afrikanische Politiker und Wirtschaftsbosse keine
gute Arbeit leisten würden, ja sogar korrupt seien und sich zu Komplizen ausländischer Lobbies machen, die den Kontinent ausbeuten…
TURKSON: Korruption hat es auf unserem Kontinent schon immer gegeben, auch in
den fortschrittlicheren Nationen. In jeder fortschrittlichen Gesellschaft gibt
es Personen, die dieses Phänomen im Auge behalten und „einbremsen“. Bei uns gelingt es der Zentralregierung und den Politikern manchmal nicht,
diese Funktion auszuüben, weil sie gezwungen sind, bei den schlimmsten Notständen anzusetzen und sich keine langfristige Perspektive leisten können. Es fehlt an den nötigen Mitteln, um das umzusetzen, was die Wahlkampagne versprochen hat. Viele
Regierungen, die ohnehin schon von dem in den letzten Jahren angehäuften Schuldenberg erdrückt werden, wollen nur möglichst schnell Kapital anhäufen, um die dringlichsten Probleme in den Griff zu bekommen. So werden
Entscheidungen getroffen, die von der Not diktiert sind und außer Acht lassen, dass diese Entscheidungen, die heute wenig Kapital bringen, sich
schon morgen negativ auswirken können. Ghana ist das beste Beispiel: zuerst hat man die Goldbergwerke tief unter
der Erdoberfläche angelegt, heute dagegen zieht man es vor, riesige Löcher zu graben und dafür die Wälder abzuholzen. Niemand kommt auf den Gedanken, dass wir eines Tages vielleicht
keine Wälder und Äcker mehr haben werden, sondern nur gähnende, leere Krater. Aber die Regierung braucht dringend Geld, und alles, was
kurzfristig Geld bringt, wird langfristigen Projekten vorgezogen.
Deshalb ist in der diesjährigen Botschaft des Heiligen Vaters zum Weltfriedenstag ja auch von Solidarität mit der Umwelt, Solidarität der heutigen Generation mit der Generation der Zukunft die Rede. Es ist eine
sehr konkrete Botschaft mit politischen, sozialen, und wirtschaftlichen
Anregungen, die gerade in Afrika von Nutzen sind.
Das Jahr 2000 stand im Zeichen der großen Kampagne für die Tilgung der Auslandsschuld der Entwicklungsländer. Welche Bilanz können Sie ziehen?
TURKSON: Die Schulden sind nicht das größte Problem: wenn man unsere Schulden tilgt, wir aber nicht die Mittel haben,
unsere Güter und Waren selbst zu produzieren, können wir kein Kapital anhäufen. Wir werden uns unweigerlich erneut verschulden.
Die afrikanischen Länder schaffen es derzeit gerade, ihre Zinsen zu bezahlen – wie sollen sie jemals ihre Schulden tilgen können?
TURKSON: Die Regierungen müssten in der Lage sein, die Produktion auszubauen. Wenn wir uns nämlich auch weiterhin darauf beschränken, lediglich Rohstoffe zu verkaufen, keine Fertigprodukte, werden wir den
Schuldenberg nie abtragen können. Ghana ist beispielsweise eines der wichtigsten Anbauländer von Kakao, aber wie viele Schokoladenfabriken gibt es in Ghana? Wir bauen
auch unglaubliche Mengen von Tomaten an, aber wo sind die Fabriken zur
Weiterverarbeitung? Dabei ist gerade das der Sektor, in dem man viel Geld
verdienen, also eine stabile Entwicklung anstreben kann – und hier liegt auch die Schwäche Afrikas. Erst wenn wir es schaffen, die Haut unserer Ochsen zu Schuhen zu
machen, werden wir diesen Teufelskreis von Zins und Darlehen durchbrechen können.
Bei der Sondersynode für Afrika hat Benedikt XVI. den Schwarzen Kontinent als „geistliche Lunge“ der Menschheit bezeichnet. Was hat Afrika der Welt zu bieten?
TURKSON: Der Papst bezog sich auf die christlichen, religiösen und menschlichen Werte Afrikas und sagte, dass wir diese Lunge der
Menschheit nicht erkranken lassen dürften. Es ist eine gesunde Lunge, wenn sie jene Werte des Evangelium vitae im Auge behält, von denen Johannes Paul II. gesprochen hat. Die Wurzel der Krankheit sind Säkularismus und Relativismus, gegen den Afrika – zumindest bisher – gefeit zu sein schien, auch wenn wir in einer globalisierten Welt leben und es
viele Bedrohungen gibt. Diese Bedrohungen gelangen durch Mittel zu uns, die
eigentlich positiv sind. Internet zum Beispiel, das Kindern und Jugendlichen
den direkten Zugang zu allen nur denkbaren Dingen ermöglicht. Internet bringt viel Schönes, aber auch den Zugang zu Seiten, die dir erklären, wie man eine Bombe baut. Es kann also auch dazu dienen, Hass zu säen.
Sie sind sehr verbunden mit Ghana und Afrika, weshalb der Papst Sie auch nicht
sofort davon überzeugen konnte, nach Rom zu kommen. Konnten Sie die als Bischof in Afrika
gemachte Erfahrung auch hier einbringen?
TURKSON: Ich glaube, ich habe das Minimum getan, was ich in Cape Coast tun
konnte. Dank der Gnade und der Hilfe des Herrn. Ich war der Nachfolger eines
sehr berühmten und beliebten Erzbischofs: John Kodwo Amissah. Er war der erste Erzbischof
aus Ghana und vielleicht der erste afrikanische Erzbischof ganz Westafrikas. Er
spielte eine wichtige Rolle in dem politischen Prozess, der uns die Unabhängigkeit von England brachte. Bei meiner Weihe hat man mich gefragt, ob ich mich
geeignet fühlte, Nachfolger einer so charismatischen Persönlichkeit zu werden. Ich antwortete mit dem Verweis auf ein altes afrikanisches
Sprichwort und sagte, dass ich nur meine eigenen Schuhe tragen wollte, weil die
der anderen zu groß oder zu klein sein könnten. Alles hing von dem ab, was der Herr mir zu tun erlauben würde. Ich war von 1993 bis 2010 dort Bischof, und mir lagen vor allem zwei Dinge
am Herzen: die Ausbildung der Priester – wir haben ein gutes Priesterseminar mit sehr fähigen Lehrern, das viele Priester hervorbringt – und die Miteinbeziehung der Jugendlichen, nicht zuletzt auch durch schulische
Initiativen, mit denen sie an die katholische Kirche angenähert werden sollen.
Ihr Vater war Katholik, Ihre Mutter Methodistin. Wie kam es zu Ihrer
Priesterberufung?
TURKSON: Meine Mutter war zwar Methodistin, bekehrte sich aber zum
Katholizismus, als sie meinen Vater heiratete. Die Geschichte meiner Berufung
ist ganz einfach. Vielleicht hat jede Berufung zum Priesteramt einen scheinbar
banalen Grund, kann dann am Seminar aber wachsen und konkrete Gestalt annehmen.
Mit der Berufung ist es ein bisschen wie mit der Zündung beim Auto, die den Motor anspringen lässt. Das war auch bei mir so. Ausschlaggebend für meinen Eintritt ins Seminar war ein holländischer Priester, der alle zwei Monate in der kleinen Stadt, in der ich
aufgewachsen bin, die Messe zelebrierte. Mein Vater war Schreiner, und unsere
Kleinstadt befand sich in der Nähe einer Mangan-Mine. Wir hatten keinen eigenen Pfarrer; es gab nur einen
Priester, der dann und wann vorbeikam, in der Kirche schlief und am nächsten Morgen für die Leute die Messe zelebrierte. Dieser Priester hat mich tief beeindruckt,
und so erwuchs bei mir der Wunsch, ins Knabenseminar einzutreten. Zu meinen
Seminaristen sage ich immer, dass die Geschichte unserer Berufung mit etwas
sehr Kleinem beginnt, das Seminar aber der Ort ist, wo die Berufung wächst und Gestalt annimmt.
 |
 | Turkson, damals Präsident von „Iustitia et Pax“ beim Gespräch mit Benedikt XVI. (26. März 2010). [© Osservatore Romano]
| | |
 |
 |
Sie sagen, dass ein holländischer Priester für Ihre Berufung ausschlaggebend war: oft hat man tatsächlich den Eindruck, als würde Afrika, das heute so viele Priester nach Europa und in die USA schickt,
etwas „zurückgeben“, was es in der Vergangenheit selbst erhalten hat…
TURKSON: Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das besagt: „Wenn sich jemand um dich kümmert, bis deine Zähne wachsen, musst du dich auch dann um ihn kümmern, wenn sie ihm ausgefallen sind“. Europa hat uns den christlichen Glauben gebracht, und wir haben ihn
angenommen. Und umso lebendiger dieser Glaube ist, desto dankbarer sind wir
denen, die ihn uns gebracht haben. Wenn also in Europa oder in den USA die
Gefahr besteht, dass eine Kirche geschlossen werden muss, weil keine Priester
da sind, sind wir gerne bereit, helfend einzuspringen – stets in der Hoffnung, dass sich die Dinge mit der Hilfe des Herrn ändern werden. In Ghana gibt es keinen Missionsorden mehr, abgesehen von einigen
autochtonen Franziskanern oder zwei oder drei amerikanischen Jesuiten, die an
unserem Seminar unterrichten: weltweit aber gibt es viele Priester aus Ghana.
Die Sozialenzyklika des Papstes, Caritas in veritate, an deren konkreter Umsetzung der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden arbeitet, wurde zu dem Zeitpunkt veröffentlicht, als die Wirtschaftskrise gerade die katastrophalen Auswirkungen und
die Ungerechtigkeit eines Finanzsystems ohne Regeln aufgedeckt hatte. Kann die
Enzyklika heute, ein knappes Jahr nach ihrer Veröffentlichung, einen Weg aus der Krise aufzeigen?
TURKSON: Caritas in veritate wurde bekanntlich zum 40. Jahrestag von Populorum progressio ausgearbeitet – die Veröffentlichung wurde dann aber verschoben, weil sie im Licht der Krise, die die
Finanzmärkte erfasst hatte, überarbeitet werden musste. Zu sagen, ob sie nützlich ist oder nicht, muss dem Urteil der Leser überlassen bleiben. Die Absicht war aber nicht, ein neues Rezept für die Wirtschaft zu finden, sondern herauszustellen, dass das Grundkriterium der
Wirtschaft, der Finanz und des technischen Fortschritts der Mensch sein muss.
Eine Entwicklung, die der Entwicklung der Person nicht zuträglich ist, kann nicht als wahre Entwicklung betrachtet werden. Es war also ein
Appell, die Wirtschaft zu humanisieren. Der Heilige Vater hat auch die Frage
aufgeworfen, ob es nicht an der Zeit wäre, einen globalen Organismus zu schaffen, der in der Lage ist, die
Globalisierung zu lenken. Ich weiß, dass man dem Heiligen Vater in den Vereinigten Staaten vorgeworfen hat, eine
Art „geistlicher Leader“ einer Weltregierung sein zu wollen, aber das ist Unsinn. Man muss nur in den
Zeitungen lesen, was auf der Welt passiert: kein Mensch könnte diese Phänomene und Krisen allein bewältigen.

|