Die Zivilisation des christlichen Europa wurde von Menschen erbaut, die keineswegs den Zweck verfolgten, eine „christliche Zivilisation“ zu erbauen. Wir verdanken sie Menschen, die an Christus glaubten, nicht Menschen, die an das Christentum glaubten. Interview mit Rémi Brague
von Gianni Valente
Rémi Brague, Professor für arabische Philosophie an der Sorbonne und an
der Ludwig-Maximilian-Universität München hatte schon i
Die Kathedrale von Chartres. Szenen aus dem Leben Jesu auf den Glasfenstern der Kathedrale von Chartres, Frankreich (12./13. Jh.); unten, Jesus und seine drei Lieblingsapostel.
Rémi Brague, Professor für arabische
Philosophie an der Sorbonne und an der Ludwig-Maximilian-Universität München
hatte schon immer eine Schwäche für Wortspiele. Aber er hat wohl kaum ahnen
können, wie gut einer seiner genialen Neologismen – zu finden in einem Buch,
das er vor 12 Jahren geschrieben hat – die heute auch im Innern der Kirche viel
diskutierte Beziehung zwischen christlichem Glauben und westlicher Zivilisation
beschreibt. Das Buch Europe. La voie romaine – in 15 Sprachen übersetzt und inzwischen
ein Klassiker –, das Brague 1992 geschrieben hat, dokumentiert den Beitrag, den
Rom und die „Romanität“ zur Blüte der europäischen Zivilisation geleistet
haben, von einem modernen und originellen Gesichtspunkt aus. Aber beim
Durchblättern besagten Buches kommt man doch nicht umhin zu bemerken, daß der
Professor, fast schon en passant, auch die Unterscheidung zwischen Christen und
„Christianisten“ eingefügt hat... Herr Professor, ich möchte gleich
diesen letzten Gedanken aufgreifen. Sie definieren die Christen als diejenigen,
welche an Christus glauben. Die „Christianisten“ dagegen sind jene, welche das
Christentum herausstreichen und verteidigen, die christliche Zivilisation... RÉMI BRAGUE: Das Wort „Christianist“ ist
kein sehr schönes Wort. Aber es tut mir nicht leid, es vorgeschlagen zu haben.
Zunächst einmal, weil es originell ist. Und dann, weil es die Leute dazu
bringt, darüber nachzudenken, was sie wirklich wollen. Jene, welche den Wert
des Christentums und seine positive Rolle in der Geschichte verteidigen, sind
mir sicher sympathischer als jene, die das bestreiten. Ich will sie ganz gewiß
nicht entmutigen. Ich wäre sogar froh darüber, wenn es in Frankreich mehr davon
gäbe. Und das nicht, weil sie „objektive Alliierte“ sind, sondern weil das, was
sie sagen, stimmt. Ein Dank an die „Christianisten“ also! Ich möchte nur auch
daran erinnern, daß sich das Christentum nicht für sich selbst interessiert. Es
interessiert sich für Christus. Und auch das Interesse Christi selbst gilt
nicht seinem eigenen Ich: Es gilt Gott, den er in einer einzigartigen Weise
nennt: „Vater“. Und dem Menschen, dem er einen neuen Zugang zu Gott vorschlägt.
Der wundersame Fischfang.
Folgt eine gewisse,
ideologisch-kulturelle Bewertung des Christentums nicht demselben Ansatz wie
bereits zu Zeiten der Action française? BRAGUE: Die Action française hat, nach dem
1. Weltkrieg, wahre und intelligente Christen für sich gewinnen können:
Bernanos beispielsweise. Aber die Bewegung war letztendlich doch rein
nationalistisch inspiriert. Frankreich war von der Kirche geformt worden. Und
deshalb nannten sie sich Katholiken, weil man 100prozentige Franzosen wollte.
Ihr wichtigster Kopf, Charles Maurras, war ein Jünger von August Comte; ein
Bewunderer der griechischen Klarheit und der römischen Ordnung. Er bezeichnete
sich als Atheist, aber Katholik. Die Kirche war für ihn eine Garantie gegen
„das jüdische Gift des Evangeliums“. Im Grunde war es ein Götzendienst der
schlimmsten Sorte: was sie taten, war Gott in den Dienst des Kultes ihrer
selbst zu stellen. Ob es hier um den Einzelnen oder um die Nation geht, ändert
letzten Endes nicht viel. Und den Götzen muß stets etwas Lebendiges geopfert
werden, wie die – in Verdun oder anderswo hingeschlachtete – junge Generation
Europas. Man wirft der Kirche des öfteren vor,
gewisse Wahrheitsgehalte nicht mit genügend Nachdruck zu verteidigen. Welches
Bild der Kirche schwebt Ihnen vor? BRAGUE: Diejenigen, die der Kirche das
vorwerfen, wollen, daß sie „gewisse Werte verteidigt“, in Sachen moralische
Regeln aber unnachgiebig ist. Aber sind wir auch sicher, daß sie selber diese
Regeln befolgen? Wohl kaum... Sie wollen eine Organisation mit einer festen
Linie, mit einer klar definierten „Nummer eins“. Ich frage mich, ob sie
letztendlich nicht von einer Kirche mit dem Stempel der kommunistischen Partei
der Sowjetunion träumen.
„Sekundär“ zu sein bedeutet zu wissen, daß das, was man vermittelt, nicht von einem selber kommt, und daß man es nur in prekärer, provisorischer Weise besitzt. Das bedeutet u.a., daß es keine historische Konstruktion gibt, die etwas Definitives hat. Alles muß stets überdacht, korrigiert, reformiert werden.
In diesen Tagen wird viel über die
christlichen Wurzeln Europas und, allgemeiner, über die westliche Zivilisation
diskutiert. Wie beurteilen Sie die Interpretation dieser Beziehung? BRAGUE: Das Christentum hat nichts Westliches.
Es ist aus dem Osten gekommen. Unsere Vorfahren sind Christen geworden. Sie haben eine Religion angenommen, die
ihnen zu Anfang fremd war. Die Wurzeln? Was für ein merkwürdiges Bild... Warum
sollte man sich mit einer Pflanze vergleichen wollen? Wenn wir auf französisch
„se planter“ sagen meinen wir: sich irren, einen Fehler machen... Wenn wir also
schon unbedingt Wurzeln brauchen, sagen wir es doch mit den Worten Platons: wir
sind in umgekehrter Richtung gepflanzte Bäume, unsere Wurzeln sind nicht auf
der Erde, sondern im Himmel. Wir sind in dem verwurzelt, was, wie der Himmel,
nicht erfaßt, nicht in Besitz genommen werden kann. Auf einer Wolke kann man
keine Fahnen hissen. Und wir sind auch bewegliche Tiere. Das Christentum ist
nicht auf die Europäer beschränkt. Es ist missionarisch. Glaubt, daß jeder
Mensch das Recht hat, die christliche Botschaft zu kennen, daß es jeder Mensch
verdient, Christ zu werden. In Ihren Studien und Ihren Büchern
haben Sie die unleugbare Beziehung, die zwischen Christentum und europäischer
Zivilisation besteht, beschrieben. Wie stehen die Dinge tatsächlich? BRAGUE: Die Zivilisation des christlichen
Europa wurde von Menschen erbaut, die keineswegs den Zweck verfolgten, eine
„christliche Zivilisation“ zu erbauen. Wir verdanken sie Menschen, die an
Christus glaubten, nicht Menschen, die an das Christentum glaubten. Denken wir
nur an Papst Gregor den Großen. Das, was er geschaffen hat – beispielsweise den
Gregorianischen Gesang – hat Jahrhunderte überdauert. Und dann darf man nicht
vergessen, daß er der Meinung war, das Ende der Zeitwäre nahe, es also keine „christliche Zivilisation“ geben
würde, weil die Zeit dafür nicht mehr ausreichte. Er wollte nur ein bißchen
Ordnung auf der Welt schaffen, bevor er für immer von ihr ging. Genauso, wie
wenn man bei sich zuhause Ordnung schafft, bevor man verreist. Christus ist
nicht gekommen, um eine Zivilisation zu erbauen, sondern, um die Menschen aller
Zivilisationen zu retten. Das, was man „christliche Zivilisation“ nennt, ist
nichts anderes als die Gesamtheit der „Nebenwirkungen“, die der Glaube an
Christus auf die Zivilisationen hatte, die seinen Weg gekreuzt haben. Wenn man
an Seine Auferstehung glaubt, und an die Auferstehung eines jeden Menschen in
Ihm, sieht man alles in einem anderen Licht und handelt auch demzufolge, und
zwar in jedem Bereich. Aber es dauert sehr lange, bis man sich dessen bewußt
ist und das auch in die Tat umsetzen kann. Daher befinden wir uns vielleicht
erst am Anfang des Christentums.
Der auferstandene Jesus und Maria Magdalena.
Um den Weg der europäischen
Zivilisation zu beschreiben, haben Sie einen originellen Ausdruck gebraucht:
„sekundär.“ Was wollten Sie damit sagen? BRAGUE: Das ist wohl nicht der gelungenste
Ausdruck, aber mir ist nichts Besseres eingefallen. In meinem Buch Europe.
La voie romaine integriere
ich ihn mit anderen Begriffen, wie dem der „Einfügungskultur“, im Gegensatz zur
„Verdauungskultur“. Was ich damit sagen will ist nichts anderes als daß das
Neue Testament nach dem Alten kommt, und die Römer nach den Griechen. Und zwar
nicht nur, was die Zeit angeht, sondern auch in dem Sinne, daß die, die später
kamen, sich ihrer Abhängigkeit von dem, was schon vor ihnen da war, bewußt
waren, daß es ein Modell darstellte. Die Römer haben Gutes und Schlechtes
vollbracht, wie alle Zivilisationen. Aber man muß ihnen zugestehen, daß sie
erkannt haben, den Griechen kulturell unterlegen zu sein und verstanden haben,
daß ihnen auch die historische Aufgabe auferlegt war, eine Kultur zu
verbreiten, die nicht die ihre war. „Sekundär“ zu sein bedeutet zu wissen, daß
das, was man vermittelt, nicht von einem selber kommt, und daß man es nur in
prekärer, provisorischer Weise besitzt. Das bedeutet u.a., daß es keine
historische Konstruktion gibt, die etwas Definitives hat. Alles muß stets
überdacht, korrigiert, reformiert werden.
Christus ist nicht gekommen, um eine Zivilisation zu erbauen, sondern um die Menschen aller Zivilisationen zu retten. Das, was man „christliche Zivilisation“ nennt, ist nichts anderes als die Gesamtheit der „Nebenwirkungen“, die der Glaube an Christus auf die Zivilisationen hatte, die seinen Weg gekreuzt haben. Wenn man an Seine Auferstehung glaubt, und an die Auferstehung eines jeden Menschen in Ihm, sieht man alles in einem anderen Licht und handelt auch demzufolge, und zwar in jedem Bereich.
Oft wird der „obszöne Lebensstil“ der
westlichen Welt kritisiert, die christlichen Wahrheiten als Gegengift zu dem
Nihilismus und Relativismus vorgeschlagen, der den Westen krank macht. Was
halten Sie davon? BRAGUE: Da liegt man sicher gar nicht so
falsch. Wenn es nämlich vollkommen falsch wäre, würde niemand darüber
nachdenken. Es stimmt, daß wir krank sind. Und die alarmierendsten Symptome
kann man „Relativismus“ und „Nihilismus“ nennen. Gewiß, sie haben etwas Gutes:
sie schließen die Intoleranz aus. Man kann schließlich nicht im Namen von etwas
sterben oder töten, an das man nur relativ oder überhaupt nicht glaubt. Das
Ärgerliche ist, daß einen der Nihilismus gar nicht erst leben läßt. Rousseau
hatte das genau erfaßt: der Atheismus tötet die Menschen nicht, sondern läßt
gar nicht erst zu, daß sie geboren werden. Aber man braucht nicht das
Christentum, um den Relativismus und Nihilismus zu bekämpfen. Im Grunde muß man
sie überhaupt nicht bekämpfen: sie annullieren sich von selbst, wie eine Parasiten-Pflanze,
die letztendlich den Baum erstickt, von dem sie lebt, und ihm so in den Tod
folgt. Das Christentum als Heilmittel gegen diese Gifte? Ich würde zwei Fragen
aufwerfen. Die eine prinzipieller Art, die andere rein pragmatischer.
Die drei Marias vor dem leeren Grab.
Können Sie das näher erklären? BRAGUE: Zunächst einmal muß man sich
fragen: hat man überhaupt das Recht, aus dem Glauben ein Werkzeug zu machen?
Ich frage mich auch, ob es immer richtig ist, von Christentum zu sprechen. Der Suffix könnte, zu
unrecht, als eine Theorie bezeichnend verstanden werden, gleichbedeutend mit
den „ismen“ wie bei: Liberalismus, Marxismus, usw. Augustinus hat einmal
gesagt: das, was es bei den Christen Christliches gibt, ist Christus.Christ sein bedeutet in Kontakt stehen
mit einer Person. Und
eine Person kann man ja nicht zu einem Werkzeug machen. Meine zweite Frage ist eine einfache: wenn
es aber erlaubt ist,
den Glauben als Werkzeug zu benutzen, ist es dann auch machbar? Funktioniert es? Ich würde sagen: ja.
Aber nicht wie gewisse amerikanische Fundamentalisten, die die positiven
Auswirkungen der Religion mit den Produktivitätsmaßstäben eines Managers
messen! Ich habe es bereits in meinem Buch geschrieben: der Glaube bringt nur
dort Resultate hervor, wo er Glaube bleibt, und nicht Kalkül.
Hat man überhaupt das Recht, aus dem Glauben ein Werkzeug zu machen? Ich frage mich auch, ob es immer richtig ist, von Christentum zu sprechen. Der Suffix könnte, zu unrecht, als eine Theorie bezeichnend verstanden werden, gleichbedeutend mit den „ismen“ wie bei: Liberalismus, Marxismus, usw. Augustinus hat einmal gesagt: das, was es bei den Christen Christliches gibt, ist Christus. Christ sein bedeutet in Kontakt stehen mit einer Person. Und eine Person kann man ja nicht zu einem Werkzeug machen.
Was hat Sie an der Debatte um die
christlichen Wurzeln Europas betroffen gemacht? BRAGUE: Bei der Debatte um die Erwähnung
der christlichen Wurzeln Europas will ich weder den „Christianisten“ noch ihren
Gegnern recht geben. Beginnen wir bei ihren Gegnern. Denen würde ich sagen:
wenn man Geschichte machen will, muß man die Dinge beim Namen nennen und sagen,
daß die beiden Religionen, die Europa geprägt haben, das Judentum und das
Christentum waren, und keine andere. Warum sollte man sich darauf beschränken,
von religiösem und humanistischem Erbe zu sprechen? Ein Geschichtsprofessor
würde sich mit einer solchen Definition nicht zufrieden geben, er würde rot an
den Rand schreiben: „Viel zu ungenau, präzisieren bitte!“. Was mich daran
stört, ist die Einstellung, die dahintersteht, der typisch ideologische Impuls,
die Realität zu leugnen und die Vergangenheit neu zu schreiben. Und die
Realität leugnen führt unweigerlich dazu, sie zu zerstören. Und zu den
„Christianisten“ würde ich sagen: nicht weil die Vergangenheit das war, was sie
eben war, muß ihr die Zukunft unbedingt gleichen. Die Frage, die man sich
stellen muß, ist, ob unsere Zivilisation immer noch das Verlangen hat, zu leben
und zu handeln. Und ob es vielleicht nicht besser wäre, ihr dieses Verlangen
wieder zu geben, anstatt sie mit Barrieren jeder Art zu umgeben. Und genau das
ist der Grund dafür, warum man aus der Quelle des Lebens selbst schöpfen muß,
dem Ewigen Leben. Auf die Frage, warum sich der
auferstandene Jesus nicht auch den Feinden gezeigt hätte, um jeden Zweifel an
seiner Auferstehung auszulöschen, antwortete Augustinus, daß es für Jesus
„wichtiger war, seine Freunde die Demut zu lehren, als seine Feinde mit der
Wahrheit herauszufordern.“ Was würde Augustinus wohl denen raten, die vom
christlichen Zeugnis als einer Art Herausforderung sprechen? BRAGUE: Geben wir uns dahingehend, was der
Gott Jesu Christi will, bloß keiner Täuschung hin. Es ist nicht das, was wir wollen. Was er will, ist nicht, seine
Feinde niederzuschmettern. Sondern sie von dem zu befreien, was sie zu seinen
Feinden macht, also von einer falschen Vorstellung von ihm, der eines Tyrannen,
dem man sich unterwerfen muß. Da Er frei ist, liegt ihm nur unsere Freiheit am
Herzen; versucht er, sie zu heilen. Sein Problem ist es, eine Vorrichtung
aufzubauen, die es dem Menschen erlaubt, seine verwundete Freiheit zu heilen,
damit der freien Wahl des Lebens nichts im Wege steht, entgegen allen
Versuchungen des Todes, die wir in uns tragen. Diese Vorrichtung nennen die
Theologen „Heilsökonomie“. Dazu gehören die Bünde, die Kirche, die Sakramente,
usw. Die Rolle der Zivilisationen ist unerlässlich, aber das ist nicht
dasselbe. Und auch nicht ihre Mittel: sie müssen einen gewissen physischen oder
sozialen Druck ausüben. Der Glaube dagegen kann nur eine Anziehung auf die
Freiheit ausüben, wegen der Majestät seines Gegenstandes. Vielleicht könnte man
zu dem zurückkehren, was die Päpste zu den Kaisern des Westens gesagt haben,
zur Zeit der Gregorianischen Reform, im 11. Jahrhundert: das Seelenheil ist nicht
eure Sache, begnügt euch damit, so gut wie möglich eure Arbeit zu tun: Laßt den
Frieden herrschen.