In Kirche und Welt
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Dezember 2004 -> Inhalt -> Der sanfte sieg Mariens.....
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Christentum

Der Hymnus Akathistos.
Der sanfte sieg Mariens

Er gilt als der schönste Marienhymnus aller Zeiten. Seit 15 Jahrhunderten beten ihn die Christen der Kirchen byzantinischer Tradition, um der Jungfrau Maria Dank zu sagen und darum zu bitten, im Glauben der Apostel bewahrt zu bleiben. 30Tage hat Bartholomaios I., ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, gebeten, den Hymnus Akathistos zu kommentieren. Interview.

von Gianni Valente

 

Dir, der für uns

     Dir, der für uns
     kämpfenden
     Heerführerin,
     bringen wir, als deine
     von den Übeln erlöste
     Gemeinde, dankerfüllte
     Siegeslieder,
     o Gottesgebärerin!
      
     Du nun aber,
     da du unüberwindliche
     Macht hast, errette
     uns aus allen Gefahren,
     auf daß wir
     dir zurufen:
     Freue dich,     
     du nie vermählte Braut!
      
      
     ERZÄHLTER TEIL
      
     1. Der unter den Ersten stehende Engel
     ward vom Himmel gesandt,
     zu sagen der Gottesgebärerin das:
     „Freue dich!“.
     Und mit der unkörperlichen Stimme,
     da er dich körperlich werden sah, o Herr,
     staunte er, und stand, indem er ihr zurief dieses:
      
     „Freue dich, durch welche die Freude ausstrahlt;
     Freue dich, durch welche der Fluch schwindet!
     Freue dich, des gefallenen Adam Wiederberufung;
     Freue dich, Erlösung der Eva von den Tränen!
     Freue dich, für menschliche Fassungskraft unerklimmbare Höhe;
     Freue dich, selbst für die Augen der Engel unabsehbare Tiefe!
     Freue dich, weil du bist der Sitz des Königs;
     Freue dich, weil du trägst den Träger des Alls!
     Freue dich, Stern, der die Sonne erleuchtet;
     Freue dich, Schoß der göttlichen Fleischwerdung!
     Freue dich, du, durch welche die Schöpfung erneuert wird;
     Freue dich, du, durch welche der Schöpfer ein Kind wird!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!
      
     2. Da die Heilige sich selbst in Unschuld sah,
     sprach sie freimütig zu Gabriel:
     Das Unglaubliche deiner Rede erscheint meiner Seele unannehmbar:
     denn wie sprichst du von einer Schwangerschaft
     aus samenloser Empfängnis?
     Rufend:
     „Alleluja!“.
      
     3. Die unerkennbare Erkenntnis zu erkennen suchen
     sagte die Jungfrau zu dem Diensttuenden:
     „Wie ist es möglich,
     aus unschuldigem Schoße einen Sohn zu gebären
     Sage mir!“. Zu ihr sprach jener in Furcht,
     gleichwohl also rufend:
      
     „Freue dich, in den unaussprechlichen Ratschluß Eingeweihte;
     Freue dich, Vertrauen derer, welche der Ruhe bedürfen.
     Freue dich, Anfang der Wunder Christi;
     Freue dich, du lnbegriff seiner Lehren!
     Freue dich, himmlische Leiter, auf welcher Gott herabstieg;
     Freue dich, Brücke, welche die Bewohner der Erde zum Himmel führt!
     Freue dich, vielbesprochenes Wunder für die Engel;
     Freue dich, tränenbringende Wunde der Dämonen!
     Freue dich, die du unaussprechlich das Licht gebarst;
     Freue dich, die du das Wie niemanden lehrtest!
     Freue dich, die du die Erkenntnis der Weisen überschreitest;
     Freue dich, die du den Sinn der Gläubigen erleuchtest!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     4. Die Kraft des Allerhöchsten überschattete damal
     zur Empfängnis die mit der Ehe Unbekannte,
     und erwies ihren fruchtbaren Schoß
     als leiblichen Acker für alle,
     welche ernten wollen das Heil,
     indem sie also singen:
     „Alleluja!“.
      
     5. Nachdem sie im Mutterschoß Gott
     empfangen hatte, eilte die Jungfrau zu Elisabeth:
     das ungeborene Kind jener aber,
     sofort ihren Gruß erkennend,
     freute sich;
     und mit Springen, wie mit Singen,
     rief es zur Gottesgebärerin:
      
     „Freue dich, Weinstock der unverwelklichen Rebe;
     Freue dich, Erwerb der unversehrten Frucht!
     Freue dich, die du den menschenliebenden Ackerer beackert hast;
     Freue dich, die du den Erzeuger unseres Lebens erzeugt hast!
     Freue dich, Feld, das erblühen läßt die Frucht der Erbarmungen;
     Freue dich, Tisch, welcher trägt die Fülle der Gnaden!
     Freue dich, weil du die Weide der Wonne aufsprießen lässest;
     Freue dich, weil du den Hafen unserer Seelen bereitest!
     Freue dich, angenehmes Rauchwerk der Fürbitte;
     Freue dich, Versöhnung der ganzen Welt!
     Freue dich, Wohlgefallen Gottes gegen die Sterblichen;
     Freue dich, Zuversicht der Sterblichen zu Gott!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     6. Den Wogenschwall zweifelnder Gedanken im Innern habend,
     ward der weise Joseph bestürzt,
     als er auf dich, die UnvermähIte blickte,
     und argwöhnte,
     du habest dich unsittlich vermählt, o Untadlige;
     als er aber erfahren hatte
     deine Empfängnis aus dem Heiligen Geiste,
     sprach er:
     „Alleluja!“.
      
     7. Es vernahmen die Hirten von den
     lobsingenden Engeln
     die Ankunft Christi im Fleische;
     und eilend zu ihm, als zu dem Hirten,
     erblicken sie denselben als ein fehlloses Lamm,
     welches geweidet wird auf dem Schoße Mariens,
     welche besingend sie sprachen:
      
     „Freue dich, Mutter des Lammes und der Hirten;
     Freue dich, Hürde der vernünftigen Schafe!
     Freue dich, Schutzwehr gegen die unsichtbaren Feinde;
     Freue dich, Erschließung der Tore des Paradieses!
     Freue dich, weil die Himmlischen frohlocken mit der Erde;
     Freue dich, weil die Irdischen jubeln mit den Himmeln!
     Freue dich, nie schweigender Mund der Apostel;
     Freue dich, unbesiegbarer Mut der den Kampfpreis Erringenden!
     Freue dich, starke Stütze des Glaubens;
     Freue dich, strahlende Erkenntnis der Gnade!
     Freue dich, du, durch welche der Hades entblößt ward;
     Freue dich, du, durch welche wir bekleidet wurden mit Herrlichkeit!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     8. Den zu Gott eilenden Stern betrachtend,
     folgten die Magier seinem Glanze nach;
     und ihn wie eine Leuchte benutzend,
     erkundeten sie durch ihn den machtvollen König;
     und zuvorkommend ihm,
     dem niemand zuvorkommen kann,
     freuten sie sich,
     indem sie ihm zuriefen:
     „Alleluja!“.
      
     9. Es sahen die Söhne der Chaldäer
     in den Händen der Jungfrau den,
     der mit der Hand die Menschen schuf;
     und als Gebieter ihn erkennend,
     trotzdem er Knechtsgestalt annahm,
     eilten sie, durch Geschenke (ihm) zu dienen,
     und zu rufen der Gesegneten:
      
     „Freue dich, des unnahbaren Sternes Mutter;
     Freue dich, Glanz des geheimnisvollen Tages!
     Freue dich, die du löschest den Flammenofen des Truges;
     Freue dich, die du erleuchtest die in die Geheimnisse der
     Dreifaltigkeit Eingeweihten!
     Freue dich, die du den unmenschlichen Gewaltherrscher aus
     der Herrschaft gestoßen,
     Freue dich, die du den menschenliebenden
     Herrn geneigt hast, Christum!
     Freue dich, du Befreierin vom heidnischen Religionsdienste;
     Freue dich, du Retterin von den Werken der Unreinigkeit!
     Freue dich, die du die Anbetung des Feuers beseitigtest,
     Freue dich, die du die Glut der Leidenschaften entfernst!
     Freue dich, Wegweiserin der Klugheit der Gläubigen;
     Freue dich, Freude aller Geschlechter!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     10. Die zu gotttragenden Verkündigern
     gewordenen Magier
     kehrten nach Babylon zurück,
     deinen Auftrag vollziehend,
     und dich allen als den Gesalbten verkündigend,
     nachdem sie den Herodes
     als Toren zurückgelassen hatten,
     welcher nicht zu singen wußte:
     „Alleluja!“.
     11. Indem du strahlen ließest in Ägypten
     die Erleuchtung der Wahrheit,
     verfolgtest du das Dunkel der Lüge;
     denn die Götzenbilder derselben,
     o Heiland, fielen,
     da sie deine Kraft nicht ertrugen.
     Die von ihnen Befreiten aber riefen zur Gottesgebärerin:
      
     „Freue dich, Wiederaufrichtung der Menschen;
     Freue dich, Fall der Dämonen!
     Freue dich, die du den Irrwahn des Truges zertreten hast;
     Freue dich, die du die Verlockung der Götzenbilder
     zuschanden gemacht hast!
     Freue dich, Meer, welches versenkt hat den geistigen Pharao;
     Freue dich, Fels, welcher getränkt hat die Dürstenden mit Leben!
     Freue dich, Feuersäule, welche den Weg weiset
     den in der Finsternis Befindlichen.
     Freue dich, Decke der Welt, breiter denn eine Wolke!
     Freue dich, nachfolgende Nahrung des Manna;
     Freue dich, Tafeldienerin des heiligen Lustmahles!
     Freue dich, du Land der Verheißung;
     Freue dich, du, aus welcher Honig und Milch fließt!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     12. Als Symeon im Begriff war,
     aus dem gegenwärtigen trügerischen Zeitalter
     in das Jenseits hinüberversetzt zu werden,
     wurdest du ihm als Säugling übergeben,
     aber erkannt von ihm auch als vollkommener Gott.
     Deswegen staunte er über deine unaussprechliche
     Weisheit,
     indem er ausrief;
     „Alleluja!“.
      
      
     THEMATISCHER TEIL
      
     13. Eine neue Schöpfung zeigte uns der Schöpfer,
     erscheinend uns, den durch ihn Gewordenen,
     aufblühend aus unbesätem Mutterschoße,
     und denselben unversehrt, wie er war, bewahrend;
     auf daß wir, das Wunder sehend sie besingen mögen,
     indem wir rufen:
      
     „Freue dich, du Blume der Unverweslichkeit;
     Freue dich, du Kranz der Enthaltsamkeit!
     Freue dich, die du hervorstrahlen lässest ein Vorbild
     der Auferstehung;
     Freue dich, die du darstellst das Leben der Engel!
     Freue dich, herrliche Frucht tragender Baum, von
     welchem die Gläubigen ernährt werden;
     Freue dich, mit schattigem Laub geschmücktes Holz,
     von welchem viele überdeckt werden
     Freue dich, welche du im Schoße trägst den,
     der den Verirrten den Weg weist;
     Freue dich, die du den Befreier geboren hast,
     den Kriegsgefangenen!
     Freue dich, du Besänftigung des gerechten Richters;
     Freue dich, du Vergebung für viele Sünden!
     Freue dich, du Kleid der von Zuversicht Entblößten;
     Freue dich, du alles Liebessehnen besiegende Zärtlichkeit!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     14. Die fremdartige Geburt sehend,
     werden wir entfremdet der Welt,
     indem wir den Sinn in den Himmel hinüberversetzen.
     Denn deshalb erschien der hocherhabene Gott auf Erden
     als demütiger Mensch,
     da er emporziehen wollte zur Höhe die zu ihm Rufenden:
     „Alleluja!“.
      
     15. Gänzlich war bei den Unteren, und von den Oberen
     durchaus nicht entfernt das unbeschreibliche Wort.
     Denn eine göttliche Herabkunft,
     nicht eine räumliche Entfernung war es,
     und Geburt aus der Jungfrau,
     welche Gott empfing und dieses hörte:
      
     „Freue dich, Raum des über den Raum erhabnen Gottes;
     Freue dich, des ehrwürdigen Geheimnisses Tor!
     Freue dich, der Ungläubigen zweifelhafte Kunde;
     Freue dich, der Gläubigen zweifelloser Stolz!
     Freue dich, allheiliger Wagen des über d
     en Cherubim Thronenden;
     Freue dich, allervorzüglichstes Gemach des über
     den Seraphim Thronenden!
     Freue dich, die du die Gegensätze zu Einem zusammenführst;
     Freue dich, die du Jungfräulichkeit und Mutterschaft vereinigst!
     Freue dich, vergänglich geworden ist durch dich unser Vergehen;
     Freue dich, du, durch welche das Paradies geöffnet wird!
     Freue dich, du Schlüssel des Reiches Christi;
     Freue dich, Hoffnung der ewigen Güter!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     16. Die ganze Natur der Engel
     staunte über das große Werk deiner Menschwerdung
     Denn ihn, den als Gott Unnahbaren,
     sahen sie als allen nahbaren Menschen,
     welcher mit uns lebte,
     von allen aber hörte also:
     „Alleluja!“.
     17. Die wortreichen Redner
     sehen wir stumm wie Fische
     über dich, Gottesgebärerin;
     denn sie vermögen nicht zu sagen,
     wie du Jungfrau bliebst
     und doch imstande warst zu gebären;
     wir aber rufen,
     indem wir das Geheimnis bewundern, gläubig:
      
     „Freue dich, Gefäß der Weisheit Gottes;
     Freue dich, Schatzkammer seiner Vorsehung!
     Freue dich, die du die Weisen als Unweise erweisest;
     Freue dich, die du die Kunstverständigen als
     Unverständige zuschanden werden lässest!
     Freue dich, weil zu Narren wurden die schrecklichen Grübler;
     Freue dich, weil vernichtet wurden die Märchenerfinder!
     Freue dich, die du die listigen Anschläge der Athener zerrissen hast;
     Freue dich, die du die Netze der Fischer gefüllt hast!
     Freue dich, die du emporziehst aus der Tiefe der Unwissenheit;
     Freue dich, die du viele in der Erkenntnis erleuchtest!
     Freue dich, du Boot für die, welche gerettet werden wollen;
     Freue dich, du Hafen der Schiffer des Lebens!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     18. Da der Ordner des A11s
     die Welt erlösen wollte,
     kam er im eigenen Auftrage zu derselben;
     und obwohl er Hirt war als Gott,
     erschien er unsertwegen als Mensch nach unserer Art;
     denn durch Gleiches das Gleiche rufend,
     hörte er als Gott:
     „Alleluja!“.
      
     19. Eine Mauer bist du der Jungfrauen,
     Gottesgebärerin, Jungfrau,
     und aller derer, die zu dir ihre Zuflucht nehmen,
     denn der Schöpfer des Himmels
     und der Erde überschattet dich, Allreine,
     Wohnung nehmend in deinem Mutterschoße,
     und alle lehrend, zu dir zu rufen:
      
     „Freue dich, du Säule der Jungfräulichkeit;
     Freue dich, du Pforte der Erlösung!
     Freue dich, Urheberin der geistigen Wiederherstellung;
     Freue dich, Spenderin der göttlichen Gütigkeit!
     Freue dich, denn du hast wiedergeboren
     die in Schande Empfangenen;
     Freue dich, denn du hast mit Vernunft begabt
     die der Vernunft Beraubten!
     Freue dich, die du den Verderber der Herzen vernichtet hast;
     Freue dich, die du den Säer der Unschuld geboren hast!
     Freue dich, Brautgemach der unbesäten Vermählung;
     Freue dich, die du die Gläubigen dem Herrn verbindest!
     Freue dich, du vorzügliche Pflegerin der Jungfrauen;
     Freue dich, du Brautschmückerin der heiligen Seelen!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     20. Kein Lobgesang, der sich bemüht, sie darzulegen,
     kommt gleich der Fülle deiner vielen Erbarmungen
     denn wenn wir auch Lieder
     an Zahl dem Sande gleich darbrächten,
     heiliger König,
     nichts würden wir vollbringen, würdig dessen, das
     Du uns gabst,
     die wir zu dir rufen:
     „Alleluja!“.
      
     21. Als lichtbringenden Leuchter,
     welcher den in der Finstemis Befindlichen glänzt,
     sehen wir die heilige Jungfrau;
     denn indem sie das übersinnliche Licht angezündet,
     führt sie alle zur göttlichen Erkenntnis,
     durch den Strahlenglanz die Vernunft erleuchtend,
     gepriesen aber durch diesen Zuruf­:
      
     „Freue dich, Strahl der geistigen Sonne;
     Freue dich, Pfeil des unnahbaren Lichtes!
     Freue dich, Blitz, der die Seelen erleuchtet;
     Freue dich, die du wie im Gewitter die Feinde niederschmetterst!
     Freue dich, weil du das helle Licht hervorgebracht hast;
     Freue dich, weil du den reichfließenden Strom hervorquellen ließest!
     Freue dich, die du die Gestalt des Bades geformt hast; Freue dich, die du die Unreinigkeit der Sünde hinwegnahmst!
     Freue dich, Waschgefäß, das die Gewissen reinigt; Freue dich, Mischkrug, der Freude spendet!
     Freue dich, Duft des Wohlgeruches Christi;
     Freue dich, Du Leben des geheimnisvollen Gastmahls!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     22. Indem der Schuldentilger aller Menschen
     Gnade geben wollte für die Schulden der Vorzeit,
     ward er deshalb heimisch bei denen,
     welche die Heimat seiner Gnade verlassen hatten. Und nachdem er den Schuldschein zerrissen hat,
     hört er von allen also:
     „Alleluja!“.
      
     23. Indem wir dein Kind besingen,
     preisen wir dich alle
     als den beseelten Tempel,
     o Gottesgebärerin!
     Denn, der in deinem Mutterschoße wohnte,
     der Herr, der alles mit der Hand zusammenhält,
     heiligte, verherrlichte dich,
     lehrte alle, zu dir rufen:
      
     „Freue dich, Zelt Gottes und des Wortes;
     Freue dich, Heilige, größer als die Heiligen!
     Freue dich, durch den Geist vergoldete Lade;
     Freue dich, unerschöpflicher Schatz des Lebens!
     Freue dich, kostbares Diadem der frommen Könige;
     Freue dich, ehrwürdiger Ruhm der gottesfürchtigen Priester!
     Freue dich, unerschütterlicher Turm der Kirche;
     Freue dich, unzerstörbare Mauer des Reiches!
     Freue dich, du, durch welche die Siegeszeichen erweckt werden;
     Freue dich, du, durch welche die Feinde niedersinken!
     Freue dich, du Heilung meines Leibes;
     Freue dich, du Erlösung meiner Seele!
     Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
      
     24. O allbesungene Mutter,
     die du das heiligste Wort
     aller Heiligen geboren hast,
     erlöse jetzt, die Darbringung annehmend,
     alle von allem Unglück,
     und befreie von der zukünftigen Strafe diejenigen
     welche zusammen rufen:
     „Alleluja!“.
      
      
     Als die Barbaren Konstantinopel belagerten, flehten die Bewohner die Schutzpatronin dieser Stadt, Maria, um Hilfe an. Und nachdem ihnen tatsächlich ihr Schutz zuteil geworden war, dankten sie ihr mit Gesängen und Gebetswachen. Stehend sang das Volk die ganze Nacht das Akathistos, den Hymnus eines unbekannten Autors an die Gottesmutter. Als das byzantinische Reich dann unterging, wandte sich Patriarch Georg Scholarios an Maria mit dem Versprechen, daß sie die Gläubigen nie mehr bitten würden, diese Stadt zu retten, sondern vielmehr, den Glauben der Väter stets zu bewahren.
     Auch heute richten die Christen der Ostkirchen byzantinischer Tradition durch den Hymnus Akathistos ihre Bitt- und Dankgebete an Maria. Und so ist das individuelle und gemeinschaftliche Gebet des Hymnus nun schon seit 15 Jahrhunderten ein wertvolles Werkzeug für ihre Bewahrung im einfachen Glauben der Apostel, auch heute noch, wo es keine christlichen Reiche gibt.
     In dem folgenden Interview hat 30Tage Bartholomaios I., ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, gebeten, diesen Marienhymnus zu kommentieren, den viele als den schönsten aller Zeiten betrachten. Einen, in dem alle Geheimnisse betrachtet werden, die die Liturgie in der Weihnachtszeit anbietet.
                
     Seliger Vater, was bedeutet der Hymnus Akathistos für Sie?
     BARTHOLOMAIOS I.: Es ist der Hymnus, der als einer der schönsten der orthodoxen Kirche gilt, das Herz eines jeden Gläubigen anrührt. In den heiligen Klöstern wird er jeden Tag während des Stundengebets der Complet verlesen, die meisten Mönche und auch viele fromme Laien kennen ihn auswendig, beten ihn in allen – freudvollen oder schmerzensreichen – Lebenslagen in ihren Herzen. Er ist vor allem ein Loblied, Ausdruck eines Gefühls des Staunens, der Verehrung, Hoffnung, Zuversicht und Liebe zur hochheiligen Gottesmutter.
     Was der Hymnus Akathistos für jeden orthodoxen Gläubigen ist, das ist er auch für mich persönlich. Er ist an keine Zeit gebunden. Zwar wurde er, wie die Überlieferung besagt, zum ersten Mal in einem bestimmten historischen Moment komponiert und vom Volk Konstantinopels gesungen, während einer Gebetswache (akathistos bedeutet nämlich „nicht sitzend“), als Dank dafür, daß die – damalige – Regierungsstadt vor dem Einfall der Feinde bewahrt worden war. Aber das fromme Herz eines jeden Gläubigen erkennt auch, daß dieses Gebet bei jedem glücklichen oder traurigen Ereignis gültig ist, sei es nun ein persönliches oder die Gemeinschaft betreffendes. Man betet es jeden Tag im Empfinden seiner Aktualität. Für das Herz des Gläubigen, der sein ganzes Vertrauen auf die hochheilige Gottesmutter setzt, hat der historische Rahmen, in dem der Hymnus geschrieben wurde, keine Bedeutung. Was zählt, ist allein der Glaube an die Hilfe, die von der Immerjungfrau und Gottesgebärerin Maria kommt, und die hoffnungsvolle Gewißheit, daß auch heute, wie bereits damals, allen um Hilfe Flehenden diese auch zuteil wird. So bitten die Gläubigen im letzten Troparion des Akathistos die Gottesmutter voller Inbrunst, sie von allen Übeln zu befreien, was das zuversichtliche Vertrauen der Gläubigen aller Zeiten in seinem vollen Ausmaß zeigt.
     Wovon nimmt der Hymnus Akathistos seinen Ausgang?
     BARTHOLOMAIOS I.: Er gehört zur Kategorie des „Kontakia“ genannten Hymnus. Er besteht bekanntlich aus 24, „Oikoi“ (Stanzen) genannten Einheiten, mit einem alphabetischen Akrostichon. Die Hälfte der Stanzen  – die ungeraden, laut Nummerierung– beginnen mit einer Erzählung, die ein Ereignis beschreibt, gefolgt von sechs, an die hochheilige Gottesmutter gerichteten Danksagungen, voller Wunder und Lobpreis für sie; den Abschluß bildet der Ausruf: „Freue dich, du nie vermählte Braut!“.
     Die andere Hälfte der Stanzen – die geraden, laut Nummerierung – bestehen aus einem Troparion, das mit dem Lobpreis endet: „Alleluja!“.
     Jede der Stanzen nimmt bei einem Ereignis des Lebens der hochheiligen Gottesmutter ihren Ausgang, manchmal auch einem aus dem Leben Jesu Christi, von ihr geboren, oder anderer mit ihnen zusammenhängenden Personen, um ihre oder Jesu Beteiligung an der jeweiligen Episode, oder dessen Bedeutung für das Heil der Menschen herauszustellen.
     Alles beginnt mit der Verkündigung, die durch den Erzengel an Maria ergeht. Dann werden das Staunen der hochheiligen Gottesmutter und ihr Gespräch mit ihm beschrieben. Die Empfängnis des Embryos in ihrem Schoß durch Wirken des Heiligen Geistes wird angekündigt. Danach wird von dem Besuch bei Elisabeth berichtet, vom Argwohn des Josef, von der Verehrung der Hirten, dem Besuch der Magier, den Geschenken, die diese der jungfräulichen Mutter darbieten, der Flucht vor Herodes...
     Die Hirten und die Magier sind die ersten Zeugen der Geburt Jesu aus dem Schoß dieses jüdischen Mädchens. Was erfahren wir über sie?
     BARTHOLOMAIOS I.: Die siebte Stanze stellt uns vor die vollendete Tatsache der Geburt Christi in der Grotte von Betlehem, bezeugt durch den Lobgesang der Engel, der die Hirten in so großes Staunen versetzte. Die Hirten sind, so die Meinung des Hymnendichters, herangeeilt in ihrer – menschlichen – Meinung, den in der Gestalt eines majestätischen Hirten fleischgewordenen Gott vorzufinden. Stattdessen fanden sie ihn als fehlloses, auf dem Schoße Mariens geweidetes Lamm vor, und besingen sie mit folgenden Worten: „Freue dich, du, durch welche der Hades entblößt ward.“
     Stanzen acht und neun befassen sich mit dem Marsch der Magier unter der Führung des Sterns, und mit der Darbietung ihrer Gaben für das Wort Gottes, das Knechtsgestalt angenommen hat. Der Hymnendichter läßt sie bewundernde und überaus ehrerbietige Worte für die Mutter Gottes finden: „Freue dich, des unnahbaren Sternes Mutter“; „Freue dich, du Befreierin vom heidnischen Religionsdienste“; „Freue dich, die du die Anbetung des Feuers beseitigtest“. In der zehnten Stanze wird erzählt, daß die Magier Herodes als Toren zurückgelassen hatten und bei ihrer Rückkehr nach Babylon damit begannen, Jesus Christus zu verkünden.
     „Unsertwegen erschien er als Mensch nach unserer Art“ heißt es in der 18. Stanze des Hymnus. Wie wird im Akathistos diese von der Menschheit Jesu Christi ausgehende Anziehungskraft erklärt?
     BARTHOLOMAIOS I.: Im Akathistos finden sich zwei Vermerke darauf. Der erste in der 14. Stanze, wo es heißt, daß sich der hocherhabene Gott auf Erden als demütiger Mensch gezeigt hat, da er emporziehen wollte zur Höhe „die zu ihm ‚Alleluja!‘ Rufenden.“. Der zweite findet sich in der 18. Stanze und besagt: „Da der Ordner des Alls die Welt erlösen wollte, kam er im eigenen Auftrage zu derselben; und obwohl er Hirt war als Gott, erschien er unsertwegen als Mensch nach unserer Art; denn durch Gleiches das Gleiche rufend, hörte er als Gott: Alleluja!“.
     Wir glauben, daß der Verfasser des Akathistos, die orthodoxe Tradition vor Augen, mit diesen Worten den Glauben ausdrückt, daß der Gott, der das Wort ist, Mensch wurde, um die Menschheit Gott zuzuführen, da der Mensch aus eigener Kraft nicht in der Lage war, die Beziehung, die er vor dem Fall zu Gott hatte, wiederherzustellen. Wir glauben nicht, daß er sich auf eine sentimentale Suggestion vom Menschen bezieht, ausgelöst vom menschlichen Element Jesu Christi. Hier wird vielmehr eine ontologische Realität ausgedrückt: Jesus, der Gott-Mensch, heilt jegliche Unvollkommenheit des Menschen, läßt ihn neugeboren, einen neuen Adam werden, und wer immer sich mit ihm vereint, erneuert sich, wird von der ererbten Vergänglichkeit befreit, die von der Erbsünde kommt, gelangt so „vom Tod zum Leben“. Denn der Tod ist die Hauptfolge der ererbten Vergänglichkeit, der alle Menschen unterworfen sind, nachdem ihre lebendig machende Beziehung zu Gott durch den Ungehorsam des Paars der Ureltern abgebrochen wurde.
     Bemerkenswert ist, daß uns der Hymnendichter in der 14. Stanze dazu aufruft, uns zu entfremden von der Welt, indem wir den Sinn in den Himmel hinüberversetzen, weil Gott dafür auf die Erde herabgestiegen ist: um an sich, an seine Größe, zu ziehen all jene, die an ihn glauben, mit einer Gnade, die seine anziehende Präsenz auf der Erde erfahrbar macht, indem er jenen, die sie annehmen, den Glauben und die Erfahrung des geistlichen Lebens schenkt.
     Auch in der 18. Stanze betont der Hymnendichter, daß Gott, im eigenen Auftrage, als Mensch auf die Erde gekommen ist, um die Welt zu erlösen, daß seine Einladung durch den Gott-Mensch ergeht, der den Menschen gleich und in der Lage ist, das zu vollbringen, was die einfachen Menschen nicht erreichen konnten. Natürlich machen jene, welche Christus lieben, in seiner Person die Erfahrung einer überaus anziehenden Süße und Schönheit, aber wir glauben, daß der Hymnendichter – in Anpassung an seine Zeit, in der dogmatische Diskussionen sehr beliebt waren – dogmatische Wahrheiten zum Ausdruck bringt, und keine Sentimentalismen.
     Im Weihnachtsfest wird das Geheimnis, das alle Dinge wirkt, ein Kind, wehrlos wie alle Kinder. Das Jesuskind braucht Maria und Josef, zwei Geschöpfe von nicht weniger  menschlicher Wehrlosigkeit Herodes und der Schlechtigkeit der Welt gegenüber. Was erfahren wir im Akathistos über die Flucht nach Ägypten?
     BARTHOLOMAIOS I.: Die Flucht nach Ägypten wird nicht sofort und nicht ausführlich im Akathistos beschrieben. In der 11. Stanze wird daran erinnert, daß Christus in Ägypten die Erleuchtung der Wahrheit strahlen ließ, und die durch den Retter von den Götzenbildern Befreiten rufen mit verschiedenen, doch stets lobenden und bewundernden Titeln zur der göttlichen Ökonomie teilhaftigen Gottesgebärerin. Der Großteil dieser Titel spielt auf Ereignisse der Geschichte des Volkes Israel in Ägypten an, die den Beitrag der Gottesmutter zur Ökonomie widerspiegeln. So wird mit der Begrüßung „Freue dich, Meer, welches versenkt hat den geistigen Pharao“ auf die Durchquerung des Roten Meers durch die Israeliten hingewiesen und auf das Ertrinken der sie verfolgenden Ägypter.
     Die Begrüßung „Freue dich, Fels, welcher getränkt hat die Dürstenden mit Leben“ spielt dagegen auf den Fels an, aus dem für die Israeliten, dank des Gebets des Moses, Leben spendendes Wasser floß, sowie auf das Wort des Herrn, der der Samariterin vom lebendigen Wasser sprach. Und so wie aus dem Fels Leben spendendes Wasser sprudelte, so kam Christus aus der Jungfrau, als neues lebendiges und Leben spendendes Wasser. In derselben Weise wird mit der Anrede der Gottesmutter als „Feuersäule, welche den Weg weiset den in der Finsternis Befindlichen“ und „Decke der Welt, breiter denn eine Wolke“ auf die Feuersäule und die Wolke angespielt, die den Juden in der Wüste den Weg wiesen, wie das Buch Exodus berichtet (Ex 13,21). Und schließlich beziehen sich ja auch die Begrüßung „Freue dich, nachfolgende Nahrung des Manna“ und „Freue dich, du Land der Verheißung; Freue dich, du, aus welcher Honig und Milch fließt“ auf die altbekannten Fakten im Alten Testament.
     So weisen viele Episoden der Geschichte des auserwählten Volkes, laut dem Verfasser des Akathistos, wie auch anderer bedeutender byzantinischer Dichter, auf das spätere machtvolle Wirken der hochheiligen Gottesmutter hin.
     Der Hymnus Akathistos  beschreibt zwei verschiedene Reaktionen auf das Weihnachts­ereignis und das Geheimnis der Mutterschaft Mariens. Auf der einen Seite sind da die Hirten, die Engel, die Magier. Auf der anderen jene, welche als „Redner“ oder „Märchenerfinder“ definiert werden („Freue dich, weil zu Narren wurden die schrecklichen Grübler; Freue dich, weil vernichtet wurden die Märchenerfinder“). Diejenigen, welche das Geheimnis für sich vereinnahmen wollen...
     BARTHOLOMAIOS I.: Die Hirten, die Engel, die Magier und im allgemeinen die Gläubigen bewundern und erkennen das Ereignis der göttlichen Ökonomie an und verherrlichen daher Gott und die hochheilige Mutter Gottes, seine Mitarbeiterin. Die Gelehrten der Welt –, die das Wirken Gottes der menschlichen Vernunft unterwerfen wollen – bringen kein Staunen und auch kein Vertrauen zustande. Sie mühen sich ab, die Ereignisse der göttlichen Ökonomie zu erklären und zu verstehen, die die Kenntnisse der Gelehrten übersteigen, in den Herzen der Gläubigen jedoch erstrahlen, wie in der dritten Stanze gesungen wird. Und später heißt es: „Freue dich, die du die Weisen als Unweise erweisest; Freue dich, die du die Kunstverständigen als Unverständige zuschanden werden lässest“ (Stanze 17). Was für den Geist unverständlich ist, wird uns durch den Glauben nahegebracht – Substanz erhoffter Dinge, Beweis für Dinge, die wir nicht sehen können –, der das Herz ihrer wirklichen, und nicht imaginären Existenz sicher sein läßt.
     Jesus ist Quell des Lebens und der Vergebung für die Sünder, schenkt ihnen die verlorene Gnade. In dieses Werk ist aber auch Maria verwickelt, „Versöhnung der ganzen Welt“, „strahlende Erkenntnis der Gnade“, weil sie es gewesen ist, die ihm das Fleisch gegeben hat. Wie wird im Akathistos das Wirken Marias in diesem unvorstellbaren der menschlichen Befindlichkeit Zur-Hilfe-Eilen, dem Fall nach der Erbsünde, beschrieben?
     BARTHOLOMAIOS I.: Die erhabene Liebe Gottes zum Menschen hat tatsächlich einen Heilsweg gewählt, den der menschliche Geist, daran gewöhnt, Gott stets in seiner immensen Größe zu sehen, unmöglich ersinnen konnte. Die kenosis, also die Entäußerung Gottes, sein Sich-als-Mensch-Zeigen, waren unvorstellbar. Und noch unverständlicher war und ist seine Empfängnis im Schoße einer Frau, wie auch die Existenz einer Frau, die würdig ist, in ihrem Leib die Gottheit zu empfangen und Mutter des fleischgewordenen Gottes zu werden. Das gab Anlaß zu Ärgernis und Torheit, und für viele ist das noch heute so. Die menschliche Logik überträgt auf Gott jene Eigenschaften, die der starke Mensch, wie man meint, besitzen muß; also keine Demut, kein Sich-Erniedrigen, keine Liebe bis zur Selbstaufgabe.
     Und dennoch ist das Unvorstellbare – das doch prophezeit worden war – eingetreten. Auf der einen Seite hat man eine derart reine Frau gefunden, die würdig war, den Gott-Mensch Jesus Christus zu empfangen, zu gebären und aufzuziehen. Auf der anderen hat Gott sich selbst all seiner Herrlichkeit entäußert und sich auf Erden als „demütiger Mensch“ gezeigt. Dieses Ereignis erfüllt den Verfasser des Akathistos mit Bewunderung und Staunen, der so im gesamten Hymnus seine grenzenlose Bewunderung für Gott und die hochheilige Gottesmutter zum Ausdruck bringt, durch Ausrufe wie: „Freue dich, der Ungläubigen zweifelhafte Kunde; Freue dich, der Gläubigen zweifelhafter Stolz“. „Freue dich, die du die Gegensätze zu Einem zusammenführst; Freue dich, die du Jungfräulichkeit und Mutterschaft vereinigst.“ „Freue dich, vergänglich geworden ist durch dich unser Vergehen; Freue dich, du, durch welche das Paradies geöffnet wird.“
     Mit Sätzen wie diesen wird das Heil nicht der Jungfrau Maria zugeschrieben, sondern ihre Mitwirkung dabei hervorgehoben, durch Gottes Gunst. Gepriesen wird der Umstand, daß Gott, der will, daß der Mensch gerettet wird, die bedingungslose und unmittelbare Mitarbeit des Menschen gesucht und – in der Person der Gottesmutter – auch gefunden hat. Nach der Verderbnis des Menschengeschlechts durch die Erbsünde der Ureltern wird Gott in dem neuen Menschen Fleisch, dem Gott-Mensch, jenem, der der Vergänglichkeit fremd ist, und der alle ruft, sich Jesus Christus einzuverleiben, um an der Unvergänglichkeit und der Ewigkeit seines Lebens und seiner Wahrheit teilzuhaben. Und diese Mensch­werdung erfolgt durch eine Frau. Wahrlich groß und herrlich ist das Wirken Gottes und das Mitwirken der Hochheiligen darin, das im Akathistos gepriesen wird.
     Wie es im Brief an die Hebräer heißt, bedarf es nach dem einzigen und vollkommenen Opfer Jesu keines anderen Opfers. Im Akathistos wird auch die Mitwirkung Marias, Mutter Gottes, an diesem Werk der Befreiung besungen: „Freue dich, du Befreierin vom heidnischen Religionsdienste“; „Freue dich, die du die Verlockung der Götzenbilder zuschanden gemacht hast“; „Freue dich, du Fall der Dämonen.“
     BARTHOLOMAIOS I.: Es ist unmöglich, all die vielen Hinweise auf den Beitrag der Immerjungfrau zum Heilswerk Jesu Christi aufzuzählen, die sich im Akathistos finden. Angefangen bei jenem „Freue dich, durch welche Freude ausstrahlt; Freue dich, durch welche der Fluch schwindet“, wie der Engel sagt. Das und alle anderen Titel der Gottesmutter, von denen es im Akathistos nur so wimmelt, sind sehr schöne, poetische Darstellungen der Mitwirkung der Gottesmutter am Heilsgeheimnis. Folgende Bezeichnungen werden ihr gegeben: Sitz des Königs; die, durch welche die Schöpfung erneuert wird; Schoß der göttlichen Fleischwerdung; Stern, der die Sonne erleuchtet; Anfang der Wunder Christi; himmlische Leiter, auf welcher Gott herabstieg......
     Die Kirche hat seit ihren Anfängen anerkannt, daß sich in der Jungfräulichkeit Mariens ihre strahlende Schönheit zeigt, die Gottes Liebe weckt und ihn zu uns zieht. Wie kommt in dem Hymnus die Vorliebe Gottes für die jungfräuliche Schönheit Mariens zum Ausdruck?
     BARTHOLOMAIOS I.: Die Jungfräulichkeit der Gottesmutter, als tiefe, wesentliche, unentgeltliche und vollkommene Zuwendung ihrer Liebe zu Gott, als geistliche Befindlichkeit, in der Geist und Herz keinem anderen irdischen Wesen zugewandt sind, wird im Hymnus Akathistos kontinuierlich besungen, wie auch die Vorliebe Gottes für die jungfräuliche Zuwendung der Hochheiligen zu ihm. In einer Strophe ist davon die Rede, daß der Herr, den sie in ihrem Schoße trug, sie „geheiligt, verherrlicht“ hat. In einer anderen, daß der Schöpfer des Himmels und der Erde sie, die Allreine, überschattet hat, in ihrem Mutterschoß Wohnung nehmend.
     Die katholische Kirche begeht 2004 den 150. Jahrestag der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis. Wie wird in der orientalischen und byzantinischen christlichen Tradition die Empfängnis Mariens und ihre volle und unbefleckte Heiligkeit gefeiert?
     BARTHOLOMAIOS I.: Die katholische Kirche sah sich in der Notwendigkeit, ein neues Dogma für die Christenheit zu definieren, ca. 1800 Jahre nach Auftreten des Christentums, weil sie eine – für uns Orthodoxe irrige – Vorstellung der Erbsünde akzeptiert hat, nach der die Erbsünde den Nachkömmlingen Adams einen moralischen Makel oder eine juridische Verantwortlichkeit überträgt, im Gegensatz zu der, nach orthodoxer Meinung, korrekten Vorstellung, nach der durch die Sünde die Vergänglichkeit vererbt wurde, hervorgerufen durch die Entfernung des Menschen von der ungeschaffenen Gnade Gottes, die ihn geistlich und leiblich leben läßt. Der nach dem Ebenbild Gottes geformte Mensch, mit der Möglichkeit und dem Schicksal, Gott zu ähneln, kann, wenn er sich aus eigenem Willen für die Liebe zu Gott und die Beachtung seiner Gebote entscheidet, auch nach dem Fall von Adam und Eva Freund Gottes werden; dann heiligt ihn Gott, wie er viele unserer Vorfahren vor Christus heilig gemacht hat, auch wenn ihre Befreiung von der Vergänglichkeit, also ihr Heil, nach der Menschwerdung Christi und durch Ihn vollbracht wurde.
     Folglich wurde die heilige Gottesmutter Maria, aus orthodoxer Sicht, nicht frei von der Vergänglichkeit der Erbsünde empfangen, sondern hat Gott über alle Maßen geliebt und seine Gebote beachtet, und so wurde sie von Gott durch Jesus Christus geheiligt, der aus ihr Mensch geworden ist. Ihm gehorchte sie wie eine der Gläubigen, und an Ihn wandte sie sich mit dem Vertrauen einer Mutter. Ihrer Heiligkeit und ihrer Reinheit konnte die  Vergänglichkeit keinen Abbruch tun, die auch ihr, wie jedem Menschen, durch die Erbsünde übertragen wurde, weil sie eben in Christus wie alle Heiligen wiedergeboren ist, heilig gemacht über alle Heiligen.
     Ihre Reintegration in den Zustand vor dem Fall muß nicht unbedingt zum Moment ihrer Empfängnis erfolgt sein. Wir glauben, daß sie später erfolgte, als Folge des fortschreitenden Wirkens der ungeschaffenen göttlichen Gnade in ihr durch den Besuch des Heiligen Geistes, der in ihr die Empfängnis des Herrn bewirkte, sie von jedem Makel reinwaschend.
     Die Erbsünde lastet also wegen der Vergänglichkeit auf den Nachkommen Adams und Evas, und nicht als juridische Verantwortung oder moralischer Makel. Die Sünde hat die ererbte Vergänglichkeit mit sich gebracht, und nicht eine ererbte juridische Verantwortung oder einen ererbten moralischen Makel. Folglich hat die Hochheilige Anteil an der ererbten Vergänglichkeit, wie alle Menschen, aber mit ihrer Liebe zu Gott und ihrer Reinheit – verstanden als unbeirrbare Hingabe ihrer Liebe an Gott allein – ist es ihr gelungen, mit der Gnade Gottes, sich in Christus zu heiligen und würdig zu sein, Wohnstatt Gottes zu werden, was nach Gottes Willen alle Menschen werden sollen. Daher verehren wir in der orthodoxen Kirche die Gottesmutter mehr als alle Heiligen, wenn wir das neue Dogma von ihrer unbefleckten Empfängnis auch nicht akzeptieren. Die Nicht-Akzeptanz dieses Dogmas tut unserer Liebe und unserer Verehrung für die hochheilige Mutter Gottes jedoch keinen Abbruch.

 

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