In Kirche und Welt
internationale Monatszeitschrift

Chefredakteur: Giulio Andreotti

Auszug aus Nr. 9 - 2006

KIRCHE


„Die Liturgie und die Armen, Schätze der Kirche“

Interview mit Erzbischof Malcolm Ranjith, den Papst Benedikt XVI. zum Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung ernannte.

Interview mit Malcom Ranjith von Gianni Cardinale

 

      Der aus Sri Lanka stammende Erzbischof Albert Malcolm Ranjith Patabendige Don, der Mitte November seinen 59. Geburtstag feiern kann, wurde am 10. Dezember zum Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung ernannt. Die Ernennung Patabendige Dons war das zweite wichtige Kurienamt, das Benedikt XVI. in seinem Pontifikat besetzte – nach der Ernennung von William Joseph Levada zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre. Zusammen mit dem neuernannten Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone gehört Ranjith also zu jenem Kreis enger Mitarbeiter der Römischen Kurie, die von Papst Ratzinger persönlich ernannt wurden.
      30Tage hat ihn gebeten, uns einige Aspekte seines Werdegangs zu erläutern.
     
Don Albert Malcom Ranjith.
      Exzellenz, wie ist es zu Ihrer Berufung gekommen?
      Albert Malcolm Ranjith Patabendige Don: Ich stamme aus einer Familie guter Katholiken. In unserer Pfarrei wurde die gesunde, gute Tradition der Kirche mit Freude gelebt; der tägliche Messbesuch war für viele einfache Gläubige eine weit verbreitete Praxis. Geleitet wurde die Pfarrei von einem guten französischen Missionar, einem Oblaten-Bruder der Unbefleckten Empfängnis, Pater Jean Habestroh, der alles für Jesus und für seine Kirche gegeben hat. Ein wahres Vorbild an Frömmigkeit. So kam es, dass der Ruf, mich ganz in den Dienst des Herrn zu stellen, inmitten dieses intensiven Lebens des Glaubens in der Familie und in der Pfarrei, schon von klein auf entstand. Und als ich dann Ministrant war, konnte er auf eine fast schon natürliche Weise reifen.
      Wo haben Sie studiert?
      Ranjith: An einer der Schulen der  Christlichen Brüder La Salles, einer sehr guten Schule, wo man die Frömmigkeit sehr intensiv lebte. Jeden Tag beteten wir den Rosenkranz, waren fast alle Mitglieder der Legio Mariae. Ich hatte Glück, weil an dieser Schule nicht nur mein akademisches Wissen wachsen konnte, sondern auch mein spirituelles Leben. Und die Brüder La Salles waren hervorragende Vorbilder.
      Von 1966 bis 1970 besuchten Sie das nationale Priesterseminar von Kandy…
      Ranjith: Ich war 18 Jahre alt, als ich dort eintrat. Mein Vater war zuerst nicht gerade begeistert, weil ich der Erstgeborene, der einzige Sohn war. Ich habe es vor allem meiner Mutter zu verdanken, dass sich meine Eltern dann doch entschlossen, mir die Erlaubnis zum Eintritt ins Seminar zu geben. Nachdem ich eine Weile Philosophie studiert und eine Zeit lang außerhalb des Seminars verbracht hatte, schickte mich der erste und einzige Kardinal Sri Lankas, Thomas Benjamin Cooray, nach Rom auf das Kolleg von Propaganda Fide, wo ich meine theologischen Studien zuende führen sollte.
      Die Priesterweihe empfingen Sie dann in Rom.
      Ranjith: Ja, am 29. Juni 1975. Wir waren damals, anlässlich des Heiligen Jahres, mehr als 350 von Paul VI. geweihte Diakone. Danach besuchte ich das Päpstliche Bibelinstitut, wo ich nach vier Jahren das Lizentiat zum Thema Bibelstudium erwarb. Ich konnte damals auch einen achtmonatigen Kurs an der jüdischen Universität Jerusalem absolvieren, wo mir die Rabbiner, die dort unterrichteten, eine große Liebe zum Wort Gottes vermittelten. Das Heilige Land ist voll mit Gott und seiner Liebe zur Menschheit, einer Liebe, die in diesen Stätten  fast schon greifbar ist. Meine Berufung zum Priesteramt wurde also jeden Tag, den ich in diesem Klima zubringen durfte, von neuer spiritueller Kraft genährt.
      Wer waren Ihre Lehrmeister?
      Ranjith: Ich war Student des damaligen Paters Carlo Maria Martini, ein sehr intelligenter und fähiger Mann: er lehrte uns das Evangelium nach Lukas und die Textkritik. Einer meiner Dozenten war noch ein anderer Jesuit, der heute Kardinal ist, Pater Albert Vanhoye. Mit ihm als Relator schrieb ich 1978 meine Arbeit für das Lizentiat in Heiliger Schrift über den Brief an die Römer. An der Urbaniana ist mir Pater Carlo Molari im Gedächtnis geblieben: er legte die dogmatische Lehre in einer ganz anderen, aber sehr interessanten Weise dar, die zur Debatte anregte und uns den wahren Wert der Theologie nahebrachte. Es gab auch viele andere gute Lehrer, z.B. Mons. Stefano Virgulin und den Comboni-Pater Pietro Chiocchetta: sie unterrichteten nicht starr nach den Büchern, sondern mit einem intensiven Glauben an Jesus.
      Nach Abschluss Ihrer Studien kehrten Sie 1978 wieder in Ihre Heimat zurück.
      Ranjith: Ich war als Kaplan in einer kaum entwickelten Zone tätig, einem Fischerdorf, in dem alle Katholiken waren. Dort konnte ich durch die große Antriebsfeder der Liturgie den Zusammenhang zwischen Theologie und Alltagsleben der Gläubigen erkennen. Wer intensiv zelebriert und betet, dem wird geholfen, das, was er zelebriert, auch in die Tat umzusetzen. Ich war dann noch in anderen Fischerdörfern als Pfarrer tätig. Unter einfachen, aber sehr gläubigen Menschen. Gerade der Kontakt mit dieser Realität ließ mich erkennen, wie wichtig es ist, dass sich die Kirche auch um die Frage der sozialen Gerechtigkeit kümmert. Seit damals sind die Liebe zur Liturgie und zu den Armen – die beiden wahren Schätze der Kirche, wie man sagen könnte – zu einer Art Kompass meines Priesterlebens geworden. Auch wenn ich mir damals sicher nie hätte träumen lassen, eines Tages Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung zu werden…
      Wie haben Sie diesen Menschen geholfen?
      Ranjith: Dank meiner in Rom und in Deutschland angeknüpften Kontakte ließen die Hilfen Gott sei Dank nicht lange auf sich warten. Auch dank dieser Aktivität konnte ich 1983 nationaler Rektor des Päpstlichen Missionswerkes werden. Ein Amt, das ich 10 Jahre lang innehatte und das es mir ermöglichte, an zahlreichen Begegnungen mit anderen Rektoren der Päpstlichen Missionswerke auf der ganzen Welt teilzunehmen. Diese Versammlungen haben mir geholfen, eine wahre katholische, universale Sicht der Kirche zu gewinnen.
      1991 wurden Sie zum Weihbischof von Colombo ernannt. Wie haben Sie diese erste Erfahrung als Bischof empfunden?
      Ranjith: Als Weihbischof konnte ich in der ganzen Diözese präsent sein, mit meinem Diözesanbischof direkt zusammenarbeiten. Damals wurde mir auch klar, wie sehr das Volk der Christen die Nähe seiner Bischöfe braucht, von denen sie sich ein Leben erwarten, das das des Obersten Hirten, Jesus, widerspiegelt. Der Episkopat beauftragte mich dann, zusammen mit der Regierung und dem Hl. Stuhl die Reise Johannes Pauls II. nach Sri Lanka (Januar 1995) zu organisieren. Eine beeindruckende Erfahrung: Es war rührend zu sehen, wie sich die einfachen Gläubigen um den Papst scharten, ihn mit Zuneigung überhäuften.
Der junge Don Ranjith, Kaplan im Fischerdorf Kepungoda in der Erzdiözese Colombo.
      War es das erste Mal, dass ein Papst Sri Lanka betrat?
      Ranjith: Nein, schon dreißig Jahre zuvor, im Dezember 1970, hatte Paul VI. auf dem Rückweg von Australien nach Rom in Colombo einen Zwischenstop eingelegt, auf dem Flughafen eine Messe zelebriert. Ich war damals noch ein junger Seminarist und kann mich gut erinnern, mit welcher Freude die Katholiken, und nicht nur sie, den ersten Papst auf unserer Insel empfingen.
      Ende 1995 wurde Ihnen die Leitung der neuen Diözese  Ratnapur übertragen, wo Sie bis 2001 blieben.
      Ranjith: Man bat mich, mich um eine neugegründete Diözese im Innern unseres Landes zu kümmern. Und ich nahm an. Es waren fünf sehr glückliche Jahre, trotz der Probleme, die es immer und überall gibt, vor allem, wenn man eine Diözesanstruktur vollkommen neu aufbauen muss. Ich habe gelernt, mich dem Klerus anzunähern – der in Ratnapur eine gewisse Spaltung aufwies – und den Gläubigen, von denen die meisten sehr arm waren. Ich hatte es nun nicht mehr mit Fischern zu tun, sondern mit Arbeitern der Teeplantagen.
      Wie viele Katholiken gab es in Ratnapur?
      Ranjith: Nur zwei Prozent. Die Beziehungen zur übrigen Bevölkerung – zum Großteil Buddhisten – waren sehr gut. Als ich als Bischof in die Diözese kam, besuchte ich alle Buddhisten-Tempel der Stadt, traf mich mit den Mönchen. Vom ersten Tag an schufen wir einen Organismus des Dialogs und der Kooperation in den Bereichen, wo das möglich war: dem sozialen zum Beispiel. Zu einigen dieser Mönche entstand eine sehr freundschaftliche Beziehung. Wir haben sie manchmal auch um Rat und Vorschläge gebeten, wenn wir neue Kirchen bauten.
      Und doch ist in Sri Lanka erst jüngst die Debatte um die Gesetze entbrannt, die die Konversion von einer Religion zu einer anderen verhindern sollen…
      Ranjith: Es handelt sich um eine Frage, die auf nationaler Ebene diskutiert wird und mit dem langjährigen Krieg zusammenhängt, der zwischen der (hauptsächlich hinduistischen) Minderheit der Tamilen und der singhalesischen Mehrheit (meist Buddhisten) entbrannt ist. Eine weitere Ursache sind auch die wenig korrekten Aktivitäten gewisser christlich-fundamentalistischer Sekten. Die singhalesisch-buddhistische Mehrheit fürchtet die Minderheiten, die hinduistischen Tamilen, aber auch die christlichen Gemeinschaften, die sowohl bei den Tamilen als auch den Singhalesen zu finden sind. Sie wollen eine dominante Rolle in der Gesellschaft spielen, und da kann es passieren, dass als Reaktionen darauf versucht wird, diese Minderheiten zu kontrollieren, so dass sich diese wiederum unterdrückt fühlen können. Das auf allgemeiner Ebene. Als ich jedoch Bischof in Ratnapur war, war die Lage ruhig; auch, weil unsere Zone keine der Krisenzonen war – die befinden sich im Nordosten des Landes.
      Im Jahr 2000 wurde die Erklärung Dominus Iesus über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu veröffentlicht. Hat das Probleme im Dialog mit den Buddhisten geschaffen?
      Ranjith: Um die Wahrheit zu sagen, war ein erstes Problem schon 1994 entstanden, als Johannes Paul II. sein Buch-Interview mit Vittorio Messori veröffentlichte: Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, in dem Aussagen über den Buddhismus enthalten sind, die Reaktionen auslösten. Verbreitet wurden diese Behauptungen jedoch von Außenseitern, die aus dem Ausland kamen. Sie waren es, die in den Zeitungen Sri Lankas die Nachricht breittraten, der Papst hätte in diesem Buch den Buddhismus angegriffen; Artikel, die die Spannungen verschärften – und das, obwohl viele das Buch des Papstes nicht einmal gelesen hatten. Ein buddhistischer Mönch, den ich kannte, schrieb dann aber in der größten englischsprachigen Zeitung Sri Lankas, dem Daily News, einen Artikel, in dem er den Heiligen Vater verteidigte. Er schrieb, dass laut den Anweisungen Buddhas, alle Lehren kritisch untersucht werden müssten, folglich auch seine eigenen. Und dass der Papst daher sehr wohl das Recht habe, zu sagen, was seiner Meinung nach an der buddhistischen Religion negativ sei. Paradoxerweise kam die Kritik am Papst mehr von Seiten gewisser katholischer Theologen als von den Buddhisten selbst. Mehr oder weniger dasselbe passierte dann mit Dominus Iesus: die vehementesten Attacken kamen von katholischer Seite, nicht von den anderen. In diesen Dingen lässt man sich oft mehr von den eigenen Emotionen leiten als von einer Analyse der Fakten. So kommt es dann zu unangenehmen, absurden Situationen.
      Als Johannes Paul II. im Januar 1995 nach Sri Lanka kam, nahmen die buddhistischen Leaders jedoch nicht an dem Treffen mit dem Papst teil…
      Ranjith: Die Leaders nicht, aber zahlreiche buddhistische Gläubige, und mit großer Freude! Ich möchte auch betonen, dass der Hauptaltar, an dem der Papst die Messe auf dem Galle-Face-Feld zelebrierte, von einem buddhistischen Mönch und Freund von uns entworfen und gebaut worden war, der sich weigerte, von den anderen instrumentalisiert zu werden.  
Don Ranjith bei einer Promotionsbegegnung für die Kindermission, als er Direktor der Päpstlichen Missionswerke von Sri Lanka war.
      Kommen wir wieder auf aktuelle Themen zu sprechen. Wie beurteilen Sie den Versuch, in Ihrem Land Gesetze gegen die Konversion einzuführen?
      Ranjith: Wir Christen wollen der buddhistischen Mehrheit vor allem einmal klar und deutlich sagen, dass es nicht unsere Absicht ist, die religiösen und kulturellen Traditionen zu untergraben, mit denen sich die Mehrheit des Volkes Sri Lankas identifiziert. Und selbst wenn ein Gesetz dieser Art approbiert werden würde, müsste das noch lange nicht ausschließlich negative Folgen haben. Es würde bedeuten, dass der Herr unseren Glauben auf die Probe stellen will, und ich bin sicher, dass der Glaube unseres Christenvolkes mit seiner Hilfe stärker werden wird.
      Am 1. Oktober 2001 wurde Ihre Ernennung zum beigeordneten Sekretär von  Propaganda Fide bekannt gegeben. Wie haben Sie den Ruf nach Rom damals aufgenommen?
      Ranjith: 1995 wurde ich nicht nur Bischof von Ratnapur, sondern auch Generaldirektor der Bischofskonferenz und Präsident der Bischofskommission für Gerechtigkeit und Frieden. Zusammen mit dem Vizepräsidenten dieser Kommission, dem Bischof von Mannar, Joseph Rayappu – aus der Ethnie der Tamilen – , habe ich versucht, die Regierung in Colombo und die Tamilen Tiger an einen Verhandlungstisch zu bringen; dabei konnte die Gefechtspause erreicht werden, die leider diesen Sommer gebrochen wurde. Mons. Rayappu und mir war es damals gelungen, mit 26 buddhistischen Mönchen in die von den Tamilen kontrollierte Zone vorzudringen, wo wir versuchten, den Feindseligkeiten zwischen Tamilen und Buddhisten Einhalt zu gebieten, die wegen der in der Vergangenheit von beiden Seiten begangenen Gräueltaten entstanden waren. Die Begegnung der beiden Gruppen war eine überaus geglückte Erfahrung. Als ich gerade mit diesen Friedensinitiativen beschäftigt war, teilte mir der Apostolische Nuntius mit, dass mich der Papst zum beigeordneten Sekretär von Propaganda Fide ernennen wollte. Ich gab dem Wunsch des Papstes nach und sagte zu. So kam ich nach Rom, um meine Sendung unter der Leitung von Kardinal Crescenzio Sepe zu erfüllen.
      Sie blieben knappe zwei Jahre dort.
      Ranjith: Es war eine sehr interessante Zeit für mich, fast eine Art Fortführung der Arbeit, die ich bereits als Direktor der Päpstlichen Missionswerke in Sri Lanka geleistet hatte. Knappe zwei Jahre, in denen ich mich bemühte, meine Arbeit so authentisch, loyal und ehrlich wie möglich zu tun. Ich habe versucht, die Rolle der nationalen Direktoren der Päpstlichen Missionswerke in den verschiedenen Ortskirchen so weit wie möglich aufzuwerten und die absolute Transparenz bei den mit solchen Werken verbundenen heiklen finanziellen Fragen zu wahren.
      Am 29. April 2004 wurde Ihre Ernennung zum Apostolischen Nuntius in Indonesien und Ost-Timor bekannt gegeben.
      Ranjith: Nach einer kurzen Reflexionspause teilte man mir mit, dass ich zum Apostolischen Nuntius ernannt werden sollte. Ich nahm mit großem Interesse an. Obwohl es eine für mich neue Erfahrung war, in einem Bereich, der für mich Neuland darstellte. Als Bischof hatte ich mit der Nuntiatur in Colombo zusammengearbeitet, aber ich hatte nicht die spezifische Ausbildung, die ein Nuntius hat. Ich kann sagen, dass es eine sehr reiche Erfahrung war, bei der ich versuchte, der Kirche dort, ihren Bischöfen, nah zu sein, und ihnen so die Nähe des Heiligen Vaters zu demonstrieren.
      Als Sie in Jakarta weilten, verwüstete die Tsunami-Katastrophe gerade den Südosten Asiens. Was können Sie uns dazu sagen?
      Ranjith: Damals war gerade ein enger Freund von mir zu Gast, der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn. Als wir von der Tragödie erfuhren, warfen wir sofort unser Programm um und begaben uns nach  Banda Aceh. Es war eine überaus schwierige Reise, aber es gelang uns schließlich doch, die betroffenen Gebiete zu erreichen. Das Bild, das sich uns dort bot, war schrecklich: überall Tod und Zerstörung. Zwei Tage lang betätigten wir uns als Missionare, schliefen in Notunterkünften ohne fließendes Wasser, ohne Strom. Aber wir waren froh, der kleinen katholischen Gemeinschaft von Banda Aceh und Nias beistehen zu können. Die Stimme von Kardinal Schönborn, der den europäischen Radiosendern von seiner Erfahrung in dieser Zone berichtete, war auch entscheidend für die Solidarität, die wir aus allen Teilen der Welt erfahren haben. Es ist uns dann dank des Caritas-Netzes und der Hilfe des Hl. Stuhls gelungen, ein solides Hilfsprogramm für diese Bevölkerungen auf die Beine zu stellen. Die indonesische Caritas war lahmgelegt, und mit Hilfe des Kardinal-Erzbischofs von Jakarta und Caritas internationalis gelang es uns, diesen kirchlichen Organismus wieder zu aktivieren und Hilfsprojekte für den Wiederaufbau dieser Zonen anzukurbeln. Ich kann mich noch an die endlos langen, aber wichtigen Verhandlungen erinnern, dank derer wir für die von dieser schrecklichen Tragödie betroffenen Bevölkerungen unseren Beitrag als katholische Kirche leisten konnten.
      Kurz vor Ihrer Ernennung zum Nuntius veröffentlichte der Osservatore Romano vom 26.-27. April 2004 einen Artikel mit Ihrem Kommentar zur Instruktion Redemptionis Sacramentum „über einige Dinge bezüglich der heiligsten Eucharistie“, die die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung kurz zuvor mit Einverständnis der Kongregation für die Glaubenslehre herausgegeben hatte…
      Ranjith: Ich habe den Artikel auf Wunsch des Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Kardinal Francis Arinze, geschrieben. Ich fand Redemptionis Sacramentum sehr angebracht und nützlich, und habe daher auch gern meinen Kommentar dazu abgegeben.
      Fast schon eine Art „prophetischer“ Artikel, wenn man bedenkt, welches Amt Sie heute bekleiden…
      Ranjith: Nun ja... Für die Liturgie, vor allem deren pastorale Aspekte, habe ich mich, wie bereits gesagt, schon immer interessiert; ich habe schon immer möglichst viel zu diesem Thema gelesen, stets versucht, mich hinsichtlich dieser Aspekte weiterzubilden. Und wenn ich manchmal zufällig dem damaligen Kardinal Ratzinger begegnete, kamen wir letztendlich fast immer auf die Liturgie zu sprechen.
      Bei welcher Gelegenheit haben Sie Joseph Ratzinger kennengelernt?
      Ranjith: Im Zusammenhang mit Sri Lanka, genau gesagt der Frage des Theologen Tissa Balasuriya. Er hatte ein Buch geschrieben, Mary and human liberation, in dem eine theologische Analyse gemacht wurde, die mit der katholischen Lehre schwer vereinbar war. Ich war damals ein junger, neuernannter Bischof; ich befasste mich mit dem Buch und eine eigens von mir geschaffene Kommission von Bischöfen studierte den Text. 1994, nach Abschluss der Arbeiten der Kommission, gab die Bischofskonferenz ein Kommunique heraus, in dem die Gläubigen davon unterrichtet wurden, dass das Buch nicht die Lehre der Kirche widerspiegelte. Dieses Kommunique löste eine weltweite Pressekampagne zugunsten Pater Balasuriyas und gegen uns aus. Die Kontroverse war derart  heftig, dass auch Rom begann, Ermittlungen anzustellen. Da rief man mich in die Ewige Stadt, wo ich dem Papst und dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Ratzinger, erklären sollte, was vor sich ging. Die Behauptungen von Pater Balasuriya waren derart schwerwiegend, dass sie im Januar 1997 formell von der Kongregation verurteilt wurden und er selbst, da er sie nicht zurückgenommen hatte, latae sententiae mit dem Kirchenbann belegt wurde. Ein Bann, der dann, ein Jahr später, nach einer feierlichen Erklärung von Pater Balasuriya wieder aufgehoben wurde.
      Das war also der Kontext, in dem Sie mit Kardinal Ratzinger zu tun hatten…
      Ranjith: Ja, ich habe ihn mehrfach bei diesem Anlass getroffen und konnte ihm dabei meine Eindrücke und meine Besorgnis als Bischof darlegen, vor allem in Sachen interreligiöser Dialog, aber auch zu liturgischen Fragen. Als ich dann meine Tätigkeit für Propaganda Fide begann, begegnete ich Kardinal Ratzinger häufiger, auch bei den täglichen Belangen des Dikasteriums, dem er ebenfalls angehörte. Ich bin also nicht nur ein eifriger Leser seiner Bücher, sondern konnte auch seine persönlichen und menschlichen Qualitäten schätzen lernen. Ich habe stets einen großen Theologen in ihm gesehen, konnte aus seinen Worten nicht einen Pedanten heraushören, sondern vor allem eine Person, die dem Herrn nahe ist.  
      In Jakarta waren Sie also knapp zwei Jahre. Am 10. Dezember 2005 wurde Ihre Ernennung zum Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst bekannt gegeben. War dieser neuerliche Ruf nach Rom eine Überraschung?  
      Ranjith: Benedikt XVI. lud mich im Sommer 2005, Mitte September, zur Audienz nach Castel Gandolfo ein, und fragte mich, ob ich die Ernennung zum Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung annehmen wollte. Ich sagte zu. Ich habe mich schon immer für die Liturgie interessiert, die ich stets als Schlüssel der Beziehung zwischen Glauben und Leben betrachtete, weil der christliche Glaube so gelebt wird, wie man die Liturgie feiert. Die Liturgie veräußerlicht einerseits den Glauben, auf der anderen Seite nährt sie ihn. Es hat mich mit Freude erfüllt, auf diese Weise meinen, wenngleich bescheidenen, Beitrag zu diesem Punkt leisten zu können, der Papst Benedikt so sehr am Herzen liegt.  
Mons. Ranjith mit Pater Uwe Michael Lang, Verfasser des Buches Rivolti al Signore. L’orientamento nella preghiera liturgica (Verlag Cantagalli, Siena), bei der Buchvorstellung vom 27. April 2006.
      Exzellenz, Ihr erster öffentlicher Auftritt in Ihrer Eigenschaft als Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst war ein Vortrag bei einer Buchvorstellung am 27. April am Patristischen Institut Augustinianum in Rom. Gemeint ist das Buch des deutschstämmigen, in London lebenden Oratorianers Uwe Michael Lang, Rivolti al Signore. L’orientamento nella preghiera liturgica (Cantagalli, Siena 2006, SS. 150, Euro 14,90). Das Vorwort zu der 2003 erschienenen deutschen Ausgabe [Conversi ad dominum. Zu Geschichte und Theologie der christlichen Gebetsrichtung] stammt vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, wurde im März 2004 von 30Giorni zum ersten Mal auf italienisch veröffentlicht. Was hat Sie an dem Buch beeindruckt?
      Ranjith: Ich hatte dieses Buch und das wunderschöne Vorwort des damaligen Kardinals Ratzinger bereits gelesen. Und als ich dann die Einladung erhielt, sagte ich sofort zu. Es war nämlich die Gelegenheit, eine überaus positive Debatte in der Kirche einzuleiten. Man spricht so viel von der Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie. Aber nehmen die Gläubigen wirklich mehr teil, wenn der Priester versus populum oder wenn er zum Altar gewandt zelebriert? Es ist nämlich nicht gesagt, dass die Teilnahme aktiver ist, wenn der Priester zu den Gläubigen gewandt zelebriert; es kann sein, dass sich die Gläubigen in diesem Falle ablenken lassen. Ist es wahre Teilnahme, wenn beim Kreuzzeichen in der Kirche eine große Konfusion entsteht, mit den Priestern, die manchmal bis in die letzten Reihen gehen, um ihren Gruss zu entbieten?  Handelt es sich um die actuosa participatio, die das II. Vatikanische Konzil so sehr erhoffte, oder einfach nur um eine große Ablenkung, die keinesfalls dabei hilft, den nachfolgenden Moment der Messe mit Inbrunst zu erleben – abgesehen davon, dass man manchmal sogar vergisst, das Agnus Dei zu sprechen... Ich wiederhole: das Buch von Pater Lang war und ist eine überaus nützliche Provokation, angefangen bei dem Vorwort, in dem Kardinal Ratzinger daran erinnert, dass das Konzil weder jemals verlangt hat, das Lateinische abzuschaffen noch die Richtung des liturgischen Gebets zu revolutionieren…
      Ein von Ihnen der Zeitschrift Croix am 25. Juni gewährtes Interview mit dem Titel Die Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils ist niemals angelaufen schlug hohe Wellen. Können Sie uns Ihr Urteil über die nach dem II. Vatikanischen Konzil umgesetzte Liturgiereform näher erläutern?
      Ranjith: Diese Worte wurden aus dem Zusammenhang genommen. Es stimmt nicht, dass ich alles, was nach dem Konzil gekommen ist, negativ beurteile. Ich habe vielmehr gesagt, dass das Resultat, das man sich von der Reform erwartete, ausgeblieben ist. Man fragt sich, ob das liturgische Leben, die Teilnahme der Gläubigen an den heiligen Messen, größer und besser ist als in den Fünfzigerjahren. Man hat den Umstand kritisiert, dass die Gläubigen vor dem Konzil nicht wirklich an der Messe Anteil hatten, sondern nur passiv teilnahmen oder während der Messe ihre persönliche Frömmigkeit übten. Aber haben die Gläubigen heute wirklich in einer spirituell höher stehenden und persönlichen Weise daran Anteil? Ist es tatsächlich passiert, dass viele der Kirche Fernstehende durch die neuen Liturgien wieder dazu veranlasst wurden, vor unseren Kirchen anzustehen und um Einlass zu bitten? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sich viele entfernt haben, unsere Kirchen leer geworden sind? Von welcher Reform spricht man also?
      Schuld der Säkularisierung…
      Ranjith: Gewiss, aber diese Situation ist auch das Ergebnis der Art und Weise, wie man die Liturgie behandelt, oder besser – misshandelt – hat… Meiner Meinung nach haben sich die sakrosankten Erwartungen des Konzils, das sich eine besser verstandene und folglich spirituell fruchtbarere Liturgie erhoffte, nicht erfüllt. Es gibt also noch viel zu tun, damit sich die Kirchen wieder mit Gläubigen füllen, die sich bei der Liturgie wirklich von der Gnade des Herrn berührt fühlen. In einer säkularisierten Welt hat man dagegen nicht versucht, die Herzen zur Größe des Herrn zu erheben, sondern die göttlichen Geheimnisse auf ein banales Niveau hinabgedrückt.
Mons. Ranjith, neugeweihter Weihbischof von Colombo, wird in seiner Heimatpfarrei empfangen.
      Als Sie zum Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst ernannt wurden, wurde geschrieben, dass Sie zur lefebvrianischen Welt gute Beziehungen hätten. Stimmt das?
      Ranjith: Ich habe Mons. Marcel Lefebvre schon allein deshalb nie persönlich kennen gelernt, weil er einer anderen Epoche angehörte. Ich hatte zwar Kontakte zu einigen seiner Jünger, aber ich bin sicher kein Fan der Lefebvrianer. Sie sind leider noch nicht in volle Gemeinschaft mit dem Hl. Stuhl getreten, aber das, was sie manchmal über die Liturgie sagen, ist recht vernünftig. Und deshalb sind sie auch eine Art Stachel, der uns darüber nachdenken lässt, was wir tun. Das heißt nicht, dass man mich als Freund oder Anhänger der Lefebvrianer bezeichnen kann. Ich teile einige Punkte der sogenannten no globals hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit, aber deswegen bin ich noch lange nicht einer ihrer Anhänger… Andererseits ist die tridentinische Messe kein Privatbesitz der Lefebvrianer. Sie ist ein Schatz der Kirche, unser aller. Wie der Papst im vergangenen Jahr zur Römischen Kurie sagte, ist das II. Vatikanische Konzil kein Moment des Bruchs, sondern der Erneuerung in der Kontinuität. Die Vergangenheit wirft man nicht weg, man wächst auf ihr.  
      Bedeutet das, dass die sogenannte Messe nach Pius V. in Wahrheit nie abgeschafft wurde?
      Ranjith: Der Umstand, dass der Hl. Stuhl vor kurzem in Bordeaux die Einrichtung einer Gesellschaft apostolischen Lebens päpstlichen Rechtes genehmigte, die hauptsächlich die vorkonziliaren liturgischen Bücher benützt [gemeint ist das Institut vom Guten Hirten, dem auch einige ehemalige Lefebvrianer angehören, Anm.d.Red.], bedeutet unmissverständlich, dass die Messe des hl. Pius V. nicht als vom neuen Messbuch, dem Pauls VI., als abgeschafft betrachtet werden kann.

 

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