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KIRCHE
Was ich beim Konsistorium gesagt hätte
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Interview mit Kardinal Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires. |
Interview mit Kardinal Jorge Mario Bergoglio von Stefania Falasca
„Ich muss wieder abreisen,“ sagt er immer
wieder. Nicht, dass ihm die römische Luft nicht behagen würde.
Aber die von Buenos Aires fehlt ihm doch: die seiner Diözese, seiner
„Esposa“, wie er sie nennt. Rom stattet Kardinal Jorge Mario
Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, meist nur Blitzbesuche ab. Dieses
Mal aber hat ihn eine Ischiasnerventzündung gezwungen, seinen
Aufenthalt in der Ewigen Stadt zu verlängern, noch ein paar Ruhetage
anzuhängen. Und er musste auch noch – Ironie des Schicksals
– jenen Termin absagen, wegen dem er den Ozean überquert hatte:
die Begegnung mit dem Papst und den Kardinälen, die zum Konsistorium
gekommen waren.
Seine Gesprächspartner behandelt er stets mit
grosser Herzlichkeit. Er erzählt uns, wie die Konferenz von Aparecida
verlaufen ist, wo er den Vorsitz im Komitee zur Abfassung des
Schlussdokuments hatte, und gesteht uns, dass er beim Konsistorium genau
über dieses Thema sprechen wollte. Lesen Sie hier, was er uns in
seiner so einprägsamen und blumigen Ausdrucksweise erzählt, mit
der er seine Zuhörer zu überraschen und in seinen Bann zu ziehen
versteht.
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 | | Benedikt XVI. mit Kardinal Jorge Mario Bergoglio bei den Arbeiten zur fünften Generalkonferenz des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik beim Marienheiligtum Nossa Senhora da Conceição Aparecida in Brasilien (13. Mai 2007). | | |
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Eminenz, beim Konsistorium wollten Sie über
Aparecida sprechen. Welche Bedeutung kommt der fünften
Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats Ihrer Meinung nach
zu?
JORGE MARIO BERGOGLIO: Die Konferenz von Aparecida war
ein Moment der Gnade für die lateinamerikanische Kirche.
Obwohl um das Schlussdokument mancherlei Polemik
entbrannt ist…
BERGOGLIO: Das Schlussdokument, das ein lehramtliches
Dokument der lateinamerikanischen Kirche ist, wurde in keiner Weise manipuliert. Weder
von unserer Seite, noch vom Hl. Stuhl. Es wurden einige kleinere
Veränderungen vorgenommen, die sich auf Form und Stil bezogen, die ein
oder andere Textstelle wurde verlagert. Die Substanz jedoch blieb
unverändert. Das Klima, das zur Abfassung des Dokuments führte,
war ein echtes Klima brüderlicher Zusammenarbeit. Die Arbeit war von
großem gegenseitigen Respekt geprägt; verlief „von der
Basis nach oben“, und nicht umgekehrt. Um dieses Klima zu verstehen,
muss man die drei Schlüsselfragen betrachten, die meiner Meinung nach
die „Pfeiler“ von Aparecida sind. Also zunächst einmal
dieses „von der Basis nach oben“. Es war vielleicht das erste
Mal, dass eine unserer Generalversammlungen nicht von einem vorgegebenen
Basis-Text ausging, sondern von einem offenen Dialog. Einem anfänglich
die CELAM (lateinamerikanischer Bischofsrat) und die Bischofskonferenzen
betreffenden Dialog, der dann weiter geführt wurde.
Wurden die Richtlinien der Konferenz nicht schon von
der Eröffnungsansprache Benedikts XVI. abgesteckt?
BERGOGLIO: Der Papst hat allgemeine Hinweise zu den
Problemen Lateinamerikas gegeben und den Rest uns überlassen, nach dem
Motto: macht ihr nur! Das war eine großartige Geste seinerseits. Die
Konferenz begann mit den Beiträgen der 23 Präsidenten der
verschiedenen Bischofskonferenzen und der anschließenden Diskussion
zu den angesprochenen Themen. Auch in den Phasen der Abfassung des
Dokuments hatte jeder Gelegenheit, offen seine Meinung zu sagen. Als
über die „Modalitäten“ der zweiten und dritten
Abfassung abgestimmt wurde, gingen 2.240 Vorschläge ein! Unsere
Richtlinie war es, alles anzunehmen, was von der Basis kam, vom Volk
Gottes. Erstrebenswert erschien uns keine Synthese, sondern Harmonie.
Eine verantwortungsvolle Arbeit…
BERGOGLIO: Ja, und „Harmonie“ ist der
treffende Ausdruck. In der Kirche bewirkt der Heilige Geist die Harmonie.
Einer der ersten Kirchenväter schrieb, dass der Heilige Geist
„ipse harmonia est“: er selbst ist Harmonie. Er allein ist
zugleich Urheber der Einheit und der Vielfalt. Der Geist allein bewirkt
Verschiedenheit, Vielfalt, und gleichzeitig Einheit. Denn wenn wir es sind,
die Verschiedenheit machen, kommt es zu Schismen, und wenn wir es sind, die
die Einheit wollen, kommt es zur Uniformität und Gleichschaltung. In Aparecida haben wir gemeinsam
diese Arbeit des Heiligen Geistes vorangebracht. Und wer das Dokument
aufmerksam liest, der kann erkennen, dass dahinter ein harmonisch
kreisender Gedanke steht. Man nimmt diese nicht passive, sondern kreative
Harmonie wahr, die zur Kreativität drängt, weil sie vom Geist
kommt.
Und was ist der zweite wichtige Punkt?
BERGOGLIO: Zum ersten Mal versammelte sich eine
Konferenz des lateinamerikanischen Episkopats an einem Marienheiligtum. Und
schon allein das zeigt die große Bedeutung dieses Ereignisses. Jeden
Morgen haben wir gemeinsam die Laudes gebetet, mit den Pilgern, den Gläubigen die Messe
gefeiert. Samstags oder sonntags fanden sich zwei-, ja manchmal sogar
fünftausend ein. Die Eucharistie mit dem Volk gemeinsam zu feiern ist
anders als sie gesondert unter uns Bischöfen zu feiern. Das hat uns
das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit unserem Volk spüren
lassen, das Gefühl der Kirche, die als Volk Gottes voranschreitet, mit
uns Bischöfen als ihren Dienern. Die Arbeiten der Konferenz wurden in
einer Halle unter dem Marienheiligtum abgehalten. Und dort konnte man die
Gebete, die Gesänge der Gläubigen hören… Das
Schlussdokument enthält eine Stelle über die
Volksfrömmigkeit. Eine wunderschöne Stelle. Und ich glaube, ja,
bin überzeugt davon, dass sie gerade von all dem inspiriert wurde, was
ich eben beschrieben habe. Abgesehen von den entsprechenden Stellen in Evangelii nuntiandi sind in einem
Dokument der Kirche nie schönere Dinge über die
Volksfrömmigkeit geschrieben worden. Ja, ich würde fast zu sagen
wagen, dass das Dokument von Aparecida das
Evangelii nuntiandi Lateinamerikas ist, wie Evangelii nuntiandi ist.
Evangelii nuntiandi ist
ein Apostolisches Schreiben über die Missionarität.
BERGOGLIO: Ja. Und genau deshalb besteht eine
große Ähnlichkeit. Und hier komme ich zum dritten Punkt. Das
Dokument von Aparecida erschöpft sich nicht in sich selbst, ist nicht
abschließend, ist nicht der letzte Schritt, weil die letzte
Öffnung die zur Mission ist. Die Verkündigung und das Zeugnis der
Jünger. Wenn wir Gläubige bleiben wollen, müssen wir
hinausgehen. Indem man gläubig bleibt, geht man hinaus. Das ist es,
was Aparecida im Grunde besagt. Was der Kern der Mission ist.
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 | | Brasilianische Gläubige beim Marienheiligtum „Nossa Senhora da Conceição Aparecida“. | | |
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Können Sie das genauer erklären?
BERGOGLIO: Das Ausharren im Glauben impliziert das
Hinausgehen. Denn gerade dadurch, dass man im Herrn bleibt, geht man aus sich selbst heraus.
Paradoxerweise gerade dann, wenn man bleibt, ändert man sich, weil man
gläubig ist. Man bleibt nicht gläubig, wenn man wie die
Traditionalisten oder die Fundamentalisten am Buchstaben klebt. Treue ist
immer Änderung, Aufkeimen, Wachstum. Der Herr bewirkt eine
Änderung in dem, der ihm treu ist. Das ist die katholische
Glaubenslehre. Der hl. Vinzenz von Lerins zieht den Vergleich zwischen der
biologischen Entwicklung der Person, zwischen der Person, die wächst,
und der Tradition, die durch Vermitteln des depositum
fidei von einer Epoche zur anderen wächst und sich
im Laufe der Zeit konsolidiert: „Ut annis scilicet consolidetur, dilatetur tempore,
sublimetur aetate.“
Das hätten Sie also beim Konsistorium gesagt?
BERGOGLIO: Ja. Ich hätte von diesen drei
Schlüsselfragen gesprochen.
Nur davon?
BERGOGLIO: Ja, nur davon… Das heißt, ich
hätte vielleicht zwei Dinge angesprochen, die man in diesem Moment am
meisten braucht: Barmherzigkeit und nochmals Barmherzigkeit und
apostolischen Mut.
Was bedeutet das für Sie?
BERGOGLIO: Für mich bedeutet apostolischer Mut ein Säen,
das Wort säen. Es jenem Mann oder jener Frau vermitteln, für die es gegeben ist.
Ihnen die Schönheit des Evangeliums geben, das Staunen der Begegnung mit Jesus
… und zulassen, dass der Heilige Geist den Rest macht. Der Herr ist
es, so sagt das Evangelium, der den Samen aufkeimen und Frucht tragen
lässt.
Die Mission vollbringt also der Heilige Geist?
BERGOGLIO: Die frühen Theologen haben gesagt, dass
die Seele wie eine Art Segelboot ist und der Heilige Geist der Wind, der in
die Segel bläst, um das Boot voranzutreiben. Die Impulse und
Windschübe sind die Gaben des Geistes. Ohne sein
„Anschieben“, ohne seine Gnade kommen wir nicht voran. Der
Heilige Geist lässt uns in das Geheimnis Gottes eintreten und errettet
uns vor der Gefahr einer gnostischen Kirche, einer auto-referentiellen
Kirche, und führt uns zur Mission.
Das bedeutet aber auch, dass all unsere funktionellen
Lösungen, all unsere konsolidierten Pläne und pastoralen Projekte
über den Haufen geworfen werden …
BERGOGLIO: Ich habe nicht gesagt, dass pastorale
Systeme unnötig sind. Im Gegenteil. An sich ist alles, was auf Gottes
Wege führen kann, gut. Meinen Priestern habe ich gesagt: „Tut
eure Pflicht; die Aufgaben eures Amtes kennt ihr ja, übernehmt eure
Verantwortung und lasst dann die Tür offen.“ Unsere
Religionssoziologen sagen uns, dass sich der Einfluss einer Pfarrei auf
einen Umkreis von 600m erstreckt. In Buenos Aires liegen zwischen einer
Pfarrei und der nächsten ca. 2000m. Ich habe den Priestern damals
gesagt: „Wenn ihr könnt, mietet eine Garage, und wenn ihr den
einen oder anderen disponiblen Laien auftreiben könnt, dann lasst ihn
nur machen! Er soll sich um diese Leute hier kümmern, ein bisschen
Katechese machen, ja, auch die Kommunion spenden, wenn er darum gebeten
wird.“ Ein Pfarrer entgegnete mir: „Aber Pater, wenn wir das
tun, kommen die Leute nicht mehr in die Kirche!“ „Na,
und?“ meinte ich nur: „Kommen sie denn jetzt zur Messe?“.
„Nein“, musste er zugeben. Und wenn schon! Aus sich selbst
hinauszugehen bedeutet auch, aus dem Garten seiner eigenen
Überzeugungen hinauszugehen, die unüberwindbar werden, wenn
sie sich als Hindernis entpuppen und den Horizont verschließen, der
Gott ist.
Das gilt auch für die Laien…
BERGOGLIO: Ihre Klerikalisierung ist ein Problem. Die
Priester klerikalisieren die Laien, und die Laien bitten uns,
klerikalisiert zu werden … Eine sündige Komplizenschaft. Und
wenn man bedenkt, dass allein die Taufe genügen könnte. Ich denke
an die christlichen Gemeinschaften in Japan, die über 200 Jahre keinen
Priester hatten. Als die Missionare zurückkehrten, fanden sie dort
alle getauft vor, alle waren kirchlich verheiratet und alle Verstorbenen
hatten ein katholisches Begräbnis bekommen. Der Glaube war intakt
geblieben dank der Gaben der Gnade, die das Leben dieser Laien, die nur die
Taufe empfangen hatten und ihre apostolische Mission allein kraft der Taufe
lebten, mit Freude erfüllt hatten. Man darf keine Angst davor haben,
allein von Seiner Zärtlichkeit abzuhängen… Kennen Sie die
Bibelgeschichte vom Propheten Jonas?
Ich kann mich nicht erinnern. Erzählen Sie sie mir
bitte!
BERGOGLIO: Für Jonas war alles klar.
Er hatte klare Vorstellungen, was Gott betrifft, und auch darüber, was
gut und was böse war. Darüber, was Gott macht und was er will,
wer die Gläubigen des Bundes waren und wer dagegen außerhalb des
Bundes stand. Er hatte das Rezept dafür, wie man ein guter Prophet
war. Gott brach wie ein Wirbelsturm in sein Leben ein. Er schickte ihn nach
Ninive. Ninive ist das Symbol für alle Getrennten und Verlorenen,
für alle Peripherien der Menschheit. Für alle, die
außerhalb, die fern stehen. Jonas sah, dass die ihm übertragene
Aufgabe lediglich die war, all diesen Menschen zu sagen, dass die Arme
Gottes noch immer weit offen waren, dass Gott da war, sie geduldig
erwartete, um sie mit Seiner Vergebung zu heilen und mit Seiner
Zärtlichkeit zu nähren. Nur dazu hatte ihn Gott ausgesandt. Er
schickte ihn nach Ninive, er aber flüchtete in die entgegengesetzte
Richtung, nach Tarsis.
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 | | Kardinal Bergoglio mit den Gläubigen beim Marienheiligtum San Cayetano, Buenos Aires, Argentinien. | | |
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Eine Flucht vor einer schwierigen Sendung…
BERGOGLIO: Nein. Das, wovor er floh, war nicht so sehr
Ninive, sondern vielmehr die unermessliche Liebe Gottes zu den Menschen.
Das war es, was nicht in seine Pläne passte. Gott ist einmal gekommen
… „und für den Rest werde ich sorgen“: hatte sich Jonas gesagt.
Er wollte die Dinge auf seine Weise machen, wollte alles selbst in die Hand nehmen. Seine
Starrköpfigkeit machte ihn zum Gefangenen seiner strukturierten
Urteile, seiner vorgefassten Methoden, seiner korrekten Meinungen. Er hatte
seine Seele mit dem Stacheldrahtzaun dieser Gewissheiten abgegrenzt, die
statt mit Gott Freiheit zu geben und Horizonte eines größeren
Dienstes an den anderen zu öffnen letztendlich sein Herz taub gemacht
hatten. Wie sehr verhärtet doch das Herz das isolierte Gewissen! Jonas
wusste nicht mehr, dass Gott sein Volk mit dem Herzen eines Vaters
führt.
In Jonas können sich sicher viele von uns wieder
erkennen.
BERGOGLIO: Unsere Gewissheiten können zur Mauer
werden, zu einem Gefängnis, das den Heiligen Geist gefangen hält.
Wer sein Gewissen vom Weg des Volkes Gottes isoliert, kennt nicht die
Freude des Heiligen Geistes, die die Hoffnung aufrecht hält. Das ist
das Risiko, das das isolierte Gewissen eingeht. Das Risiko derer, die sich
von der geschlossenen Welt ihres Tarsis über alles beklagen oder sich,
wenn sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlen, in Schlachten
stürzen, um letztendlich nur noch mehr mit sich selbst
beschäftigt, auf sich selbst konzentriert zu sein.
Was kann man tun?
BERGOGLIO: Unser Volk nicht so sehen, wie es sein
sollte, sondern wie es ist, und folglich sehen, was notwendig ist. Ohne
Vorhersagen und Rezepte, aber mit einer großzügigen Haltung der
Öffnung. Den Herrn sprechen lassen … In einer Welt, deren
Interesse wir nicht mit von uns gesprochenen Worten wecken können,
kann nur Seine Präsenz – die dessen, der uns liebt und rettet
– Interesse wecken. Der apostolische Eifer erneuert sich, solange wir
Zeugnis ablegen für den, der uns zuerst geliebt hat.
Was ist Ihrer Meinung nach das Schlimmste, was in der
Kirche passieren kann?
BERGOGLIO: Das, was De Lubac als „spirituelle
Mondanität“ bezeichnete. Das ist die größte Gefahr
für die Kirche, für uns, die wir in der Kirche sind. „Es
ist schlimmer,“ sagt De Lubac, „katastrophaler als jene infame
Lepra, die die erwählte Braut zu den Zeiten der freidenkerischen
Päpste entstellte.“ Spirituelle Mondanität ist, wenn man
sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Es ist das, was Jesus unter den
Pharisäern erkennen kann: „… Ihr, die ihr euch selbst
verherrlicht, die ihr einander selbst verherrlicht.“

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