In Kirche und Welt internationale
Monatszeitschrift
Chefredakteur: Giulio Andreotti
Auszug aus Nr. 10 - 2004
Italienische Heiligtümer
Varallo Sesia - Vercelli Das Jerusalem der Alpen
Der Heilige Berg oder „Neues Jerusalem“ von Varallo ist der älteste der Heiligen Berge. Geschaffen wurde er auf Initiative von Bernardino Caimo, einst Kustode der Kustodie vom Heiligen Land, der wußte, daß eine Reise nach Palästina damals ein für so gut wie niemanden mögliches Abenteuer war. In den 43 Kapellen, die den Heiligen Berg ausmachen, lassen Hunderte von lebensgroßen Statuen Stätten und Szenen des Lebens Jesu vor den Augen der Pilger wieder lebendig werden. Nach Varallo wurden die Heiligen Berge ein Phänomen der Kunst und der Volksfrömmigkeit, das in der gesamten Alpenzone fast zweihundert Jahre lang lebendig war.
Text von Giuseppe Frangi, Fotos von Pepi Merisio
Am 26
Der Heilige Berg von Varallo, Die Kreuzigung, Kapelle XXXVIII, Statuen und Fresken von Gaudenzio Ferrari.
Am 26. September 1594 gab der Bischof von
Novara ein Dekret gegen die „Vandalen“ der Kapellen des Heiligen Berges von
Varallo heraus. Knapp 100 Jahre nach seiner Gründung und
während die Ausschmückungsarbeiten, die mehr als 100 Jahre dauern sollten, noch
im Gange waren, begann also jener harte Kampfum den Schutz dieses immensen Erbes der Kunst und der
Volksfrömmigkeit. Am Anfang dieses außergewöhnlichen
Unterfangens, um das sich viele Legenden ranken, stand eine Geschichte, die
nicht nur gut dokumentiert, sondern auch literarisch belegt ist. Matteo
Bandello, der lombardische Novellendichter, berichtet bereits gegen Mitte des
16. Jahrhunderts, in der 25., Graf Ludovico Tizzone di Deciana gewidmeten
Novelle von einem Ausflug zum Heiligen Berg. So heißt es im Prolog: „Bruder
Gerolamo, Euer Sohn, und ich, sind in jenen Tagen ausgezogen, um das Grab von
Varallo und jene wunderschönen Stätten der Volksfrömmigkeit aufzusuchen, die
man so angelegt hat, daß sie gar sehr den Stätten des Heiligen Landes
ähneln...“ Sicher ist, daß der Plan des Franziskaners
Bernardino Caimi, der aus einer Mailänder Adelsfamilie stammte, nicht nur in
Valsesia großes Interesse weckte, sondern im gesamten westlichen Alpenraum. Dieser Mönch und „Palästina-Veteran“, wo
er Pilger und Kustode der Heiligen Stätten gewesen war, wurde bei seiner
Rückkehr nach Italien von einer verständlichen Nostalgie erfaßt, und so wuchs
in ihm der Wunsch, eine Art „Neues Jerusalem“ zu schaffen, um die
Volksfrömmigkeit seiner Landsleute zu fördern. Zu Zeiten, in denen eine Reise
für den Großteil der Bevölkerung ein gefährliches Abenteuer darstellte und auch
finanziell nicht leicht möglich war, hatte der gute Mönch die glänzende Idee,
diese Erinnerungsstätte zu schaffen und die Orte der Verehrung fast „naturgetreu“
nachzubilden. Den geeigneten Platz fand er schließlich
oberhalb von Varallo, auf einer Anhöhe, knapp 600m über dem Meeresspiegel.
Varallo liegt 150m tiefer. Doch trotz der mitreißenden Predigten
Caimis zogen sich die Verhandlungen mit den Varallesern eine Zeitlang hin, und
erst durch Fürsprache des örtlichen Adels konnte er das Terrain erwerben. Hier muß auch darauf verwiesen werden, daß
es damals – trotz der vielen Pilgerziele – nirgends ein ähnliches Projekt gab. Man kann also durchaus davon ausgehen, daß
es sich um ein Projekt handelte, das eine gewisse Skepsis auslöste, die sich
allerdings in Grenzen hielt, so daß Pietro Galloni, einer der
ernstzunehmendsten Autoren der Geschichte des Heiligen Berges, am 14. April
1493 schreiben konnte, daß „die Männer von Varallo dem verehrten Pater
Bernardino von Caimi, Vikar des Ordens der Franziskaner der Provinz Mailand
[...], das Kloster mit der Kirche [Santa Maria delle Grazie], Glocke und
Glockenturm, Gebäuden, Werkstätten und anderen Pertinenzen übergaben, die sich
auf dem Gebiet bei Varallo befanden, und die man SottoSeletta oder In Seletta zu nennen pflegte.“ Dieses Kloster sollte die
Werkstätte für den Bau der Kapelle werden. Man darf annehmen, daß der Komplex,
den der Besucher heute bewundern kann, sehr viel beeindruckender war als der
erste schlichte Entwurf, den Caimi gezeichnet hatte. Architektur, Mal- und Bildhauerkunst
verschmolzen zu einem harmonischen Szenarium, in dem dem künstlerischen
Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt waren – mit fast unglaublichem Ergebnis. Die sich viele Jahre hinziehende Arbeit
schritt voran, gekennzeichnet von Hochs und Tiefs, mußte mehr als einmal
eingestellt werden, weil es an Fonds fehlte, an Künstlern, oder wegen anderer
natürlicher und gesellschaftlicher Widrigkeiten. Der architektonische Komplex
nahm in Form von 43 Kapellen, dem Sanktuarium und anderen Bauten für die
Unterbringung der Pilger und der wenigen ständigen Bewohner des Heiligen Berges
Gestalt an. Ohne uns hier allzu sehr von unserem
Enthusiasmus hinreißen zu lassen, wollen wir doch das ein oder andere Urteil
anführen, das über dieses religiöse und künstlerische Phänomen abgegeben wurde,
durch das zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert noch andere, ähnliche Projekte
hier in dieser piemontesisch-lombardischen, Schweizerischen und
österreichischen Alpenkette entstanden sind. In seinem 1894 auf italienisch
erschienenen Studio artistico sulle opere d’arte del Sacro monte di Varallo
e di Crea stellte der
Engländer Samuel Butler [den man als einen der „Entdecker“ der Sacri Monti bezeichnen kann] voller Verbitterung
fest: „Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie ein Gebiet mit so
vielen interessanten, und in vielerlei Hinsicht konkurrenzlosen Schätzen, den
vielen Engländern entgehen – ja fast schon von ihnen ignoriert werden – konnte,
die die schönen Künste lieben und mit so schöner Regelmäßigkeit nach Italien
kommen. Ich will mich jedoch nicht zu lange damit aufhalten, weil ich hoffe,
daß man über die vielen Schönheitsfehler und Urteilsschwächen, die dieses Buch
aufweist, hinwegsieht: schließlich bin ich doch der erste, der aus seiner
Begeisterung für Varallo keinen Hehl macht und ihm die Bedeutung zumißt, die
ihm hoffentlich auch die englischen Leser entgegenbringen mögen.“ Und Letztere
– die englischen Leser –, die das berühmteste Jahrbuch der damaligen Zeit in
die Hände bekamen, konnten auch folgendes knappe Urteil lesen: „Und wenn die
Kapellen an der Anhöhe, die zum Heiligen Berg führt, auch von den zahlreichen
Pilgern, die ihr Weg hierher führt, bewundert und bestaunt werden, so können
sie durch den bei der Auswahl der Kleider und Farben an den Tag gelegten
schlechten Geschmack vor einem kunstgewöhnten Auge doch niemals bestehen“ (Handbook
of Painting,
herausgegeben von Sir Henry Layard).
Die Verkündigungskapelle
Auch Rudolf Wittkower von der Columbia
University, der das Projekt der Heiligen Berge 1959 als „eines der
außergewöhnlichsten Unterfangen in der Geschichte des katholischen Glaubens und
der religiösen Kunst“ bezeichnet hatte, schrieb, daß es „vom Großteil der
Touristen, Kunstliebhaber und –kenner ignoriert“ werde. Aber auch in Italien schenkte man den
Kunstwerken des Heiligen Berges von Varallo und seinen „Gegenstücken“ in
Varese, Orta und Crea und allen anderen, die wir heute bewundern können, keine
große Beachtung. Wenn man sich die umfangreiche
Bibliographie zum Thema Varallo vor Augen hält – mehr als 500 Titel seit seiner
Gründung bis heute – muß man sagen, daß sehr wenige dieser Werke als wahre
Kunstkritik betrachtet werden können und an den in den Kapellen des Heiligen Berges
enthaltenen Kunstwerken kaum Interesse gezeigt wurde. Schlampigkeit, gewiß, vielleicht auch
Faulheit, meistens Parteilichkeit: das alles eine Folge jener widersprüchlichen
Dichotomie, die, vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, die bildende Kunst in zwei
Lager spaltete: die edle Kunst oder Kunst tout court, und die volkstümliche Kunst, die wenig
würdig war, in den Kreis dessen aufgenommen zu werden, was als schön betrachtet
wurde. Aber kommen wir wieder auf unsere
Geschichte zurück, bzw. auf die Chronik von Varallo. Als Pater Caimi, der
„Erfinder“ des „Neuen Jerusalem“, 1499 starb, hatte er zwar recht wenig von
seinem Projekt konkret umsetzen können, aber doch noch sehr viel mehr
hinterlassen: den Glauben an dieses grandiose Werk nämlich, der sich inzwischen
in den Menschen aller Gesellschaftsschichten breitgemacht hatte. Damals konnte dank dieses weiträumigen
Bauplatzes der Valsesia der künstlerische Stern des Gaudenzio Ferrari aufgehen. Der zwischen 1475 und 1480 in Valduggia
geborene Künstler arbeitete seit 1507 als Maler in Varallo: in der Tat findet
sich auf den Fresken der Kapelle Santa Margherita in Santa Maria delle Grazie
letzteres Datum. Die Fertigstellung des Heiligen Berges war
gewiß das kolossalste Werk, das damals in Piemont und in der Lombardei entstand,
und somit auch für viele Künster von – mehr oder weniger – Rang und Namen
interessant. Gaudenzio Ferrari war zur Zeit des Todes
von Pater Caimi nicht sehr bekannt, und auch das Projekt des Heiligen Berges
steckte damals noch in den Kinderschuhen. Im Jahr 1517 war Gaudenzio bereits ein
Meister seines Fachs, und auch der Heilige Berg fing nun endlich an, konkret
Gestalt anzunehmen. In einem Artikel von Giovanni Testori aus
dem Jahr 1956 steht zu lesen: „Aber was stand hinter dieser (künstlerischen, versteht
sich) Inspiration? Welchem Plan folgte man?“ An dieser Stelle kommt die Gestalt des
Gaudenzio ins Spiel, in der Zwischenzeit Meister geworden, und ihm kann nicht
nur der Teil zugeschrieben werden, der die Malerei betrifft, sondern auch der
der Bildhauerkunst, ja die gesamte Umsetzung des Werkes, dessen Sinn, der praktische, konkrete
Teil; die Schaffung eines Theaters mit seinen Figuren also, das In-Szene-Setzen einer
dramatischen Handlung, die von dem kontinuierlichen Wechsel zwischen ihrer
inneren Dynamik (Malerei, Bildhauerkunst) und ihrer äußeren Möglichkeit lebt,
die einzelnen Handlungen, aus denen sie sich zusammensetzt – gerade, weil sie
stabil und feststehend sind – immer wieder geschehen zu lassen. An diesen Wänden und in diesen Statuen,
die die Geheimnisse des Lebens Christi „geschehen“ lassen, „hat Gaudenzio
wirklich das gesamte Volk seines Tals vereint: hier begegnen wir den Adeligen,
den Herren, den Soldaten, den Bauern, den Hirten, den neugierigen,
eingeschüchterten Jugendlichen, aber vor allem einer langen Reihe von Müttern;
jene, die er schon als Junge – vielleicht eine Art Abbild seiner eigenen Mutter
– als junge Mädchen gesehen hat, als Braut, dann, mit Arbeit eingedeckt, stets
im Dienst der Familie, beim Aufziehen der Kinder; die, mit denen er sich oft
unterhalten haben muß (was man auch an der pathetischen Aufmerksamkeit sieht,
mit der er sie dargestellt hat); einige davon jung, die anderen schon etwas
älter; alle blond, wie sie noch heute sind; mit runden Gesichtern, lieblich und
vom Wind gerötet; mit wachem Blick; praktischem Verstand, einfachem Herz,
ehrlich und treu; fast alle sind sie verewigt, wie sie gerade ihr Kind an sich
drücken: zärtliche, liebevolle, unvergeßliche Bilder der Unschuld vor dem
Schauplatz des Opfers und des Blutes.“ Wenige Beispiele mögen genügen, um zu
zeigen, daß der Heilige Berg nicht nur Frucht einer mitreißenden religiösen
Inspiration war, sondern auch das Ergebnis eines klaren und schmerzlichen
künstlerischen Gefühls. Der Künstler Gaudenzio Ferrari legte nicht
nur selbst Hand an, sondern war auch der Kopf, der Leiter, der „Regisseur“ –
wenn man es so nennen mag – dieser immensen, einschüchternden und gleichzeitig
doch so lieblichen sakralen Darstellung. Und wenn der sel. Bernardino Caimi der
„Erfinder“ und Gaudenzio Ferrari der Künstler des Heiligen Berges von Varallo
war, dann war der hl. Karl Borromäus, der große Erzbischof von Mailand von 1560
bis 1584, der Protagonist und aufmerksame Mäzen. Als er den Heiligen Berg 1578
besuchte, war er sehr beeindruckt und tat alles, um ihn seinen Zeitgenossen
nahezubringen. Bei seinem letzten Besuch im Jahr 1584,
kurz vor seinem Tod, wie das BreviariumRomanum im Zusammenhang mit dem Heiligen zu berichten weiß,
gab er den Auftrag zum Bau von anderen Kapellen, die das Leben Jesu noch
vollkommener darstellen sollten, zur Erbauung des von der Reformations-Häresie
gefährdeten Volkes. Während der Amtszeit des hl. Karl
Borromäus blieb auch der Heilige Berg von den vielen damaligen Kontroversen
nicht verschont; so griff Karl Borromäus beispielsweise entschieden ein, um die
Frage der Almosen zu regeln, wie ein Brief vom 19. Februar 1568 zeigt: zwischen
den Mitgliedern der Bauhütte und den ehrwürdigen Patres war es zu Zwistigkeiten
gekommen. Und Kardinal Karl griff auch in seiner Eigenschaft als Beschützer des
Ordens des hl. Franz ein und verfügte, in Übereinstimmung mit dem
Generalminister des Franziskanerordens, Pater Luigi da Borgonuovo, daß die
Almosenkasse für die Messen wieder in die Sakristei gestellt werde, daß es den
Mitgliedern der Bauhütte freistünde, eigene Almosenkassen für die Bauhütte zu
haben, und daß die Bauhütte des Heiligtums das Wachs und alle gespendeten Dinge
behalten könne, vorausgesetzt, daß die Mitglieder der Bauhütte alles für die
Meßfeier Notwendige zur Verfügung stellten. Eine Sonderdelegation von Papst Gregor
XIII. vom 28. Oktober 1581 beauftragte Kardinal Karl Borromäus, die
kontinuierlichen Divergenzen zwischen den zivilen und religiösen Verwaltern des
Heiligen Berges auszuräumen, aber es scheint, daß die Vermittlung nicht den
nötigen Erfolg hatte – wenn man bedenkt, daß drei Jahre nach dem Tod des
Kardinals, am 30. Mai 1587, Papst Sixtus V. einschreiten mußte mit einem
Dokument zur Regelung der Verwaltung des Heiligen Berges und Ausräumung jeden
möglichen Vorwands für Streitigkeiten.
Muttergottes mit Kind, Detail der heiligen drei Könige in Bethlehem, Kapelle V, Statue von Gaudenzio Ferrari.
Aber die Kette der Mißverständnisse wollte
nicht abreissen, und aus dem Brief, den Papst Klemens VIII. am 15. Mai 1603 an
Kardinal Friedrich Borromäus schrieb, ergibt sich eine überaus unerfreuliche
Situation. Dort heißt es: „Nachdem der Heilige Vater erfahren hat, daß die
Verehrung des frommen Ortes durch die schlechte Verwaltung der ehrwürdigen
Franziskaner-Observanten, denen genannter Ort anvertraut ist, deutliche Einbuße
erlitten hat, und in dem Wunsch, die gewohnte Verehrung dieses Heiligtums nicht
nur wiederherzustellen, sondern auch zu verstärken, gefällt es dem Heiligen
Vater, Kardinal Friedrich zum Apostolischen Delegaten zu ernennen, mit der
Befugnis, ganz nach seinem Gutdünken zu verfahren, zu korrigieren, reformieren
und auch zu verfügen, die Franziskaner-Observanten durch die Reformanten dieses
Ordens zu ersetzen.“ Mit päpstlicher Mitteilung vom 15.
November 1603 wurden die Reformanten des hl. Franz damit betraut, sich anstelle
der Observanten um den Heiligen Berg zu kümmern. Letztere waren – durch ihren
Mitbruder Pater Caimi – die Begründer des Berges gewesen. 162 Jahre später, am 4. Juli 1765, als die
Reformanten-Patres darum ansuchten, ihre Verantwortung für den Heiligen Berg
abgeben zu dürfen wegen der nicht enden wollenden Zwistigkeiten mit den
Mitgliedern der Bauhütte und einer vollkommenen Unvereinbarkeit von Tendenzen
und Methoden, gab ihnen Karl Albert, König von Sardinien, seine königliche
Zustimmung. Mit Regelung vom 17. Juli desselben Jahres
nahmen die Diözesanpriester vom Heiligen Berg Besitz, der so in das Eigentum
der Gemeinde Varallo überging. Und damit ging ein sehr turbulentes
Kapitel dieses religiösen Zentrums zuende. Federico Zuccaro – ein Bewunderer der
Schönheit Italiens – beschrieb seinen Besuch beim Heiligen Berg von Varallo im
Jahr 1606 wie folgt: „... über eine nie enden wollende Steintreppe, mehr als
300 Stufen lang, die ins Paradies zu führen scheint, kommt man zur Kapelle der
Rast, und dann noch zu einigen anderen, bis man am Gipfel des Berges ankommt,
der durch eine Mauer abgegrenzt wird, in deren Mitte sich eine Kirche
befindet... und hier sind auch vierzig Kapellen, nur einen Steinwurf
voneinander entfernt, und in fast einer jeden davon ist ein Geheimnis des
Leidens und Sterbens unseres Herrn Jesus Christus dargestellt, in Nachahmung
des Heiligen Landes, und alle darin vorkommenden Figuren sind lebensgroß
dargestellt, aus bemaltem gebrannten Ton, und so beeindruckend, daß man
wirklich meinen könnte, sie wären echt und lebendig...“ Zu jener Zeit waren 38 Kapellen
fertiggestellt worden, und der gesamte Komplex hatte fast schon sein heutiges
Aussehen; die ursprünglichen Absichten Pater Ciamis waren verändert oder
verbessert worden und es hatte sich bereits jene didaktische Illustration herauskristallisiert,
die die nachfolgenden religiösen und politischen Ereignisse notwendig gemacht
hatten. Der primitive Versuch, die Geheimnisse von
Leben, Leiden, Tod und Auferstehung Christi darzustellen, war nun von den
Themen der Erbsünde, des Jüngsten Gerichts, der Hölle überlagert worden –
Themen, die die Gegenreformation gegen die Untergrabung durch die
protestantische Irrlehre verteidigte. Von einem künstlerischen Standpunkt aus,
wagte der aus Perugia stammende Architekt Galeazzo Alessi, damals der berühmteste
Architekt Mailands – als sich die nach dem Tode Ferraris und seiner engsten
Mitarbeiter eingetretene Konfusion gelegt hatte – auf Wunsch des
Bauhüttenmitglieds Giacomo d’Adda 1565 den Versuch eines architektonischen und
urbanistischen Projekts, das den Erfordernissen einer frommen Wallfahrt und
einer angemessen ästhetischen Darstellung der Geheimnisse entsprach. Ein Projekt, von dem nur wenig in die Tat
umgesetzt werden konnte. Und das sowohl wegen des hohen Kostenaufwands als auch
wegen der von vielen Seiten erhobenen Kritik – man sah darin einen Verrat der
ursprünglichen Absichten, die die Entstehung des Heiligen Berges ermöglicht
hatten. Bis heute davon erhalten geblieben sind das Haupttor, die erste Kapelle
der Ursünde von Adam und Eva, sowie ein Teil des Grundrisses. Und wenn Gaudenzio Ferrari, der uns mit
seinem Calvario ein
Meisterwerk hinterlassen hat, und mit seiner Schule – Fermo Stella, Antonio
Zanetti, Giulio Cesare Luini, seinem Sohn Gerolamo und anderen – in der
Anfangsphase des Baus des Heiligen Berges für eine innovative und
schaffensfreudige Brise sorgte, so waren die im nächsten Jahrhundert, auf
Anstoß des Bischofs von Novara auf den Plan getretenen Akteure Giovanni
Bascapè, der aus Perugia stammende Maler Domenico Alfano, der flämische
Bildhauer Johannes De Wespin, Michele Prestinari, Pier Francesco Mazzucchelli,
Antonio d’Enrico, dessen Bruder Giovanni, sowie ein Dutzend anderer Künstler. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde
das Projekt so gut wie fertiggestellt, bei den Künstlern, die nun am Werk
waren, handelte es sich um Dekorateure oder Restauratoren, die sich um die
Wände kümmerten, die durch Unachtsamkeit allzu lang der Feuchtigkeit ausgesetzt
gewesen waren. Und so konnte die Aussagekraft dieser
heiligen Tragödie bis heute erhalten bleiben. Diesen emsigen Ordensleuten und
Laien des 16. und 17. Jahrhunderts, die es auch unter widrigsten Umständen
verstanden haben, uns eine so prachtvolle „volkstümliche“ Darstellung dieser
Geheimnisse zu schenken, gilt unser ganzer Dank. Kurzum: Diese grandiose Darstellung war
zunächst von dem Wunsch inspiriert gewesen, die einfachen Leute, das Volk, zu
erbauen, und wir kommen nicht umhin anzuerkennen, daß das tatsächlich gelungen
ist – durch das Werk der größten künstlerischen „Köpfe“ jener Zeit, vereint mit
jenem „Eifer für das Haus des Herrn“, dem wir die schönsten Kunstwerke zu
verdanken haben.