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PILGERWEGE
Aus Nr. 08 - 2009

Die Apostelgräber

Jakobus der Jüngere


Der Brief des Jakobus zeigt uns ein sehr konkretes, praktisches Christentum


von Lorenzo Bianchi


Jakobus der Jüngere.

Jakobus der Jüngere.

Bei Jakobus, dem Bruder des Apostels Judas Thaddäus, der in den Evangelien und in der Apostelgeschichte als Sohn des Alphäus bezeichnet wird, und jenem Jakobus, der an einer anderen Stelle des Evangeliums „Herrenbruder“ genannt wird (also Cousin, um den korrekten hebräischen Begriff zu gebrauchen) und Sohn von Maria – einer der unter dem Kreuz Jesu stehenden Frauen – und Frau des Klopas, „Schwester“ (also Schwägerin) der Jungfrau Maria, handelt es sich wahrscheinlich um ein- und dieselbe Person. Klopas und Alphäus könnten in der Tat zwei Namen derselben Person sein, oder besser: zwei Formen desselben aramäischen Namens. Jakobus, der „Bruder“ Jesu, wird von Paulus als eine der „Säulen“ der Kirche bezeichnet – wie Petrus und Johannes. Und zwar in Jerusalem, wo er seit der Abreise Petri nach Rom Bischof war (44 n.Chr.) bis zum Martyrium am Osterfest des Jahres 62. Die Kirche des Ostens unterscheidet aber sehr wohl zwischen dem Apostel und dem Bischof von Jerusalem. Der Grund dafür ist eine Tradition, die zwischen Ende 2./Beginn 3. Jahrhunderts von pseudoklementinischen Schriften eingeführt wurde (Hypothyposen, VI). Diese Tradition wurde zwar von Eusebius von Caesarea und Johannes Chrysostomos übernommen, von vielen griechischen Kirchenvätern aber nicht. In der Kirche des Abendlandes hat das Konzil von Trient jedoch bekräftigt, dass es sich um ein- und dieselbe Person handelt.
Das Martyrium des Jakobus ist uns durch Josephus Flavius überliefert (Antiquitates Iudaicae [Jüdische Altertümer] XX, 197. 199-203). In dieser auf das Ende des 1. Jahrhunderts zurückgehenden Schrift gibt Eusebius von Caesarea detailliert die vorherige Erzählung des Hegesippus (Memoiren, 5) wider. Der Hohepriester Annan der Jüngere soll die Zeitspanne zwischen der Absetzung eines römischen Statthalters (Festus) und der Ankunft von dessen Nachfolger (Albinus) ausgenützt haben, um im Jahr 62 die Steinigung des Jakobus verfügen zu lassen.
Jakobus wurde von den Zinnen des Tempels herabgestürzt, und, da er den Sturz überlebte, gesteinigt. Als er niederkniete, um für seine Peiniger zu beten, „schlug einer davon dem Gerechten mit der Stange eines Walkers so heftig auf den Kopf, dass er ihn tötete. Der Märtyrer wurde am selben Ort bestattet, in der Nähe des Tempels, wo noch heute sein Denkmal steht“ (Hegesippus, in Eusebius, Kirchengeschichte, II, 23, 18). Sein Grabstein soll dem Zeugnis des Hieronymus nach bis zur Zeit von Kaiser Hadrian (117-138) dort geblieben sein; danach verloren sich seine Spuren. Erst Mitte des 4. Jahrhunderts wurde die sterbliche Hülle des Jakobus, zusammen mit denen der Märtyrer Simeon und Zacharias, von dem Eremiten Epiphanius wieder aufgefunden. Die sterblichen Überreste des Jakobus wurden von Bischof Cyrill am 1. Dezember 351 nach Jerusalem übertragen; danach wurden sie in die Kirche gebracht, die neben dem Ort der Auffindung errichtet worden war. Überliefert ist auch eine Übertragung – ebenfalls am 1. Dezember – in eine andere Kirche in Jerusalem, die unter dem byzantinischen Kaiser Justinus II. (565-578) erbaut und dem Jakobus geweiht wurde. Aber hier sind die verschiedenen Überlieferungen nur schwer unter einen Hut zu bringen. In Einklang gebracht werden müssen hier nämlich eine Übertragung der Reliquien von Jerusalem (oder vielleicht Konstantinopel?) nach Rom und der Beginn des Baus einer den Aposteln Jakobus und Philippus geweihten Basilika zur Zeit von Papst Pelagius I. (556-561), deren liturgisches Fest seither in der westlichen Welt am 1. Mai gefeiert wurde (heute am 3. Mai). Die Basilika wurde von Papst Johannes III. (561-574) vollendet und nach den 12 Aposteln benannt.
Wie schon im Zusammenhang mit Philippus führte auch hier (Januar 1873) eine wissenschaftliche Kommission eine Recognitio unter dem Altar der Zwölf-Apostel-Kirche in Rom durch. Die Reliquien stammten von zwei verschiedenen Personen. Der robustere der beiden, von dem nur Knochensplitter und -fragmente vorhanden sind, sowie ein Oberschenkelknochen, der sich ab immemorabili in der Basilika befand, wurde als Jakobus der Jüngere identifiziert. 1879 wurden die Reliquien in einen Marmorsarg gebettet und in die Kirchenkrypta übertragen, genau gesagt unter den Hauptaltar, also an den Ort, wo man sie gefunden hatte. Dort befinden sie sich noch heute. Die Oberschenkelknochen-Reliquie dagegen wurde in ein eigens angefertigtes Reliquiar gelegt, das derzeit nicht für die Gläubigen ausgesetzt ist.
In Santiago de Compostela wird die Reliquie des Hauptes von Jakobus dem Jüngeren verehrt. Einer Überlieferung zufolge soll sie vom Bischof von Braga, Mauricio Burdin, in den Westen gebracht worden sein, der sie wiederum um 1104 von seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land aus Jerusalem mitgebracht hatte. Um 1116 kam Urraca, Königin von Kastilien und Leon, in ihren Besitz und schenkte die Reliquie der Kirche von Santiago, wo sie sich noch immer in einem Büstenreliquiar in der dem Apostel geweihten Kapelle befindet. Ein anderer, Jakobus dem Jüngeren zugeschriebener Schädel, ist seit dem Mittelalter auch in Ancona bekannt und befindet sich derzeit im Diözesanmuseum gleich neben St. Cyriacus: Untersuchungen, die nach der Recognitio der Reliquien in Rom durchgeführt wurden, ergaben, dass die Reliquien kompatibel sind.


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