Eine interessante Perspektive
Das war auch vor ein paar Jahren so, als ich in Rom Msgr. Jin Luxian kennen lernte, den heutigen Bischof von Shanghai. Er hat sich übrigens bereiterklärt, das Vorwort zur chinesischen Ausgabe unseres Gebetbüchleins Chi prega si salva zu schreiben. Ich bin ihm an der Universität Propaganda Fide begegnet und war beeindruckt feststellen zu können, dass er nicht nur ein begnadeter Redner ist, sondern auch ein guter Zuhörer.
Giulio Andreotti

Pater Matteo Ricci (1552-1610) auf einem Gemälde von Emmanuele Yu Wen-Hui, 1610, Kirche „Il Gesù“, Rom.
Keiner der Menschen, denen ich begegnet bin, war wie der andere; eines aber hatten alle Chinesen gemeinsam: sie sind außergewöhnlich gute Zuhörer. Wir hier im Westen halten uns oft für in jeder Hinsicht überlegen – was manchmal sogar so weit geht, dass wir meinen, den anderen einen Gefallen zu tun, wenn wir sie am Dialog teilnehmen lassen. Die Chinesen dagegen geben ihren Gesprächspartnern immer das Gefühl, von ihnen etwas lernen zu wollen. Und das scheint ihnen auch tatsächlich zu gelingen.
Das war auch vor ein paar Jahren so, als ich in Rom Msgr. Jin Luxian kennen lernte, den heutigen Bischof von Shanghai. Er hat sich übrigens bereiterklärt, das Vorwort zur chinesischen Ausgabe unseres Gebetbüchleins Chi prega si salva zu schreiben. Ich bin ihm an der Universität Propaganda Fide begegnet und war beeindruckt feststellen zu können, dass er nicht nur ein begnadeter Redner ist, sondern auch ein guter Zuhörer. Aber es gab damals nichts, was ich ihm hätte beibringen können. Mich dagegen hat es sehr bereichert, als ich in der Kathedrale von Shanghai sehen konnte, mit welcher Andacht die Gläubigen an der Messfeier teilnehmen. Etwas, was in unseren Breitengraden gar nicht so selbstverständlich ist. Als praktizierender Katholik wusste ich natürlich sehr wohl um die Vorbehalte, die der Hl. Stuhl damals gegen die patriotische katholische Kirche Chinas hatte. Diese Gläubigen, und viele junge Priester, haben mir aber eine Wahrheit, eine Begeisterung vermittelt, die wir selbst vielleicht ein wenig verloren haben.
Eine weitere Gelegenheit, die langjährige Freundschaft mit dem chinesischen Volk zu vertiefen, war das Studium der Person Pater Matteo Riccis, der in China verehrt wird wie ein Vater des Vaterlandes. Matteo Ricci hilft uns nämlich, das Problem der Beziehungen zu China in die richtige Perspektive zu stellen. Die Methode Matteo Riccis, die überdies auch in die Jesuitenausbildung eingeflossen ist, bestand darin, mit der Sprache und den Bräuchen der Chinesen so vertraut zu werden, bis er selbst einer der ihren zu sein schien. Auf diese Weise wurde er nicht länger als ein Eindringling empfunden, der etwas Fremdes aus dem Westen nach China bringen wollte. Diese Lektion betrifft aber nicht nur China, sondern in einem gewissen Sinn auch die Probleme, mit denen unsere heutige Welt zu kämpfen hat. Diese Methode ist auch ein gutes Mittel gegen das Misstrauen, das – in von Land zu Land verschiedenem Ausmaß – dem Westen gegenüber besteht und das wir zur Kenntnis nehmen müssen.
![Bischof Aloysius Jin Luxian legt Joseph Xing Wenzhi bei der Bischofsweihe vom 28. Juni 2005 die Hände auf. [© Teresa Wo ye]](/upload/articoli_immagini_interne/1266588722154.jpg)
Bischof Aloysius Jin Luxian legt Joseph Xing Wenzhi bei der Bischofsweihe vom 28. Juni 2005 die Hände auf. [© Teresa Wo ye]
Dieses Eintauchen der Katholiken in die konkreten Situationen, die so ihre Fremdheit verloren haben, kann auf verschiedene Weisen zum Ausdruck kommen. Vor ca. 15 Jahren hat mir Msgr. Aloysius Jin Luxian beispielsweise erzählt, eine interessante Initiative ergriffen zu haben: das Schulsystem in China ist ausschließlich staatlich, und der Staat setzt auch die Öffnungszeiten der Schulen fest, die nur bis zum Nachmittag offen sind. Bischof Jin Luxian hatte darum gebeten, eine Abendschule aufmachen und dafür die Gebäude der staatlichen Schulen nutzen zu dürfen. Dagegen gab es keine Einwände, und so ließ die Genehmigung auch nicht lange auf sich warten. Die Abendschule funktioniert. Sie ist zwar nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber sie eröffnet doch eine interessante Perspektive.
Wir müssen also diese positive Fähigkeit der Religion – und in diesem Fall sprechen wir von der katholischen – suchen, einen Beitrag zu leisten zur globalen Entwicklung des Landes. Und zwar ohne Hintergedanken!