Albino Luciani, Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger
Die Evidenz der Fakten
Homilie von Kardinal Albino Luciani zur Osterwache, Venedig, 21. April 1973.

Paulus sagt: „er ist
begraben worden …wurde am dritten Tag auferweckt... und
erschien dem Kephas, denn den Zwölf. Danach erschien er mehr als 500
Brüdern zugleich, die meisten sind noch am Leben, einige sind
entschlafen... Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als
Letztem von allen erschien er auch mir“ (1Kor 15, 4-9). Viermal gebraucht
Paulus hier das Wort ‚erschien‘, auf der optischen Wahrnehmung
beharrend. Nun sieht das Auge nicht etwas, das in uns, sondern
außerhalb von uns liegt, eine sich von uns unterscheidende
Realität, die sich von außen her aufdrängt. Das
widerspricht der Hypothese einer Halluzination, vor der sich
schließlich die Apostel selbst am meisten fürchteten. So hatten
sie in der Tat zuerst geglaubt, ein Gespenst zu sehen, und nicht den wahren
Jesus, und er selbst mußte sie beruhigen: „Was seid ihr so
bestürzt? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin
es selbst. Faßt mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und
Knochen, wie ihr es bei mir seht!“ (Lk 24, 38). Doch sie glaubten noch immer nicht, und da sagte
Jesus zu ihnen: „Habt ihr etwas zu essen? Sie gaben ihm ein
Stück gebratenes Fleisch; er nahm es und aß es vor ihren
Augen“ (Lk 24,
41-43). Die anfängliche Ungläubigkeit war also nicht die des
Thomas, sondern aller Apostel, Männer mit einem gesunden
Menschenverstand, robust und realistisch, allergisch gegen jede Form der
Sinnestäuschung; nur von der Evidenz der Tatsachen ließen sie
sich überzeugen.
Bei einem derartigen Menschenmaterial war es auch mehr als unwahrscheinlich, von dem Gedanken eines Christus, der es verdient, geistlich in den Herzen zu neuem Leben zu kommen, zum Gedanken einer leiblichen Auferstehung kraft Reflexion und Enthusiasmus überzugehen. Darüber hinaus war den Aposteln, nach dem Tod Christi, von ihrem Enthusiasmus ja auch nur Trostlosigkeit und ein Gefühl der Enttäuschung geblieben. Und dann war da auch nicht genug Zeit: wie soll eine starke Gruppe von Personen, die nicht gewohnt sind, sich in Spekulationen zu ergehen, ohne handfeste Beweise in nur 15 Tagen geschlossen seine Meinung ändern können?.
Die Erfahrung des Thomas
Ansprache von Johannes Paul II. vor den Jugendlichen der Diözese Rom, 24. März 1994.

Vielleicht sollte man ein
Wort über Thomas anfügen. Das Johannesevangelium, das wir heute
gelesen haben, erzählt uns von Thomas, einer enigmatischen Gestalt,
denn während alle den auferstandenen Jesus gesehen haben, hat er ihn
nicht gesehen und sagt: wenn ich ihn nicht sehe, werde ich auch nicht
glauben; wenn ich ihn nicht anfasse, werde ich nicht glauben.
Diese Art Menschen kennen wir gut, diese Art Personen, auch die Jugendlichen. Diese Empirischen, von der Wissenschaft im engen Sinne des Wortes Begeisterten, den Naturwissenschaften, Experimenten. Wir kennen sie, derer gibt es viele, sie sind viele, und sie sind wertvoll, weil dieses Anfassen-Wollen, Sehen-Wollen, die Ernsthaftigkeit zeigt, mit der man die Realität, die Kenntnis der Realität behandeln sollte. Und sie sind bereit – wenn Gott eines Tages kommt und sich ihnen zeigt, ihnen seine Wunden zeigt, seine Hände, seine Seite – , dann sind sie bereit, zu sagen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28).
Ich glaube, daß viele eurer Freunde, eurer Gleichaltrigen, diese empirische, wissenschaftliche Mentalität haben; aber wenn sie Jesus einmal aus der Nähe berühren könnten – das Gesicht Christi sehen, anfassen –, wenn sie Jesus einmal anfassen könnten, wenn sie ihn in euch sehen – dann werden sie sagen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28).
Ich möchte noch einen Punkt anfügen, den letzten in diesem Gebet für Italien, besonders für die Intellektuellen, die ja sehr skeptisch sind, ihre Vorbehalte gegen die Religion haben, ihre Aufklärungs-Tradition, und daher diese Erfahrung des Thomas brauchen. Beten wir, damit die Erfahrung des Thomas ihre Erfahrung werden kann, die sie am Ende sagen läßt: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28). Danke.
Ein ihrem Denken und Wollen vorausgehendes Widerfahrnis
Das Vorwort von Kardinal Joseph Ratzinger zu Heinrich Schliers kleinem Buch Über die Auferstehung Jesu Christi, das von 30Giorni in italienischer Übersetzung herausgegeben wurde.

Für den heutigen Leser
könnte es nützlich sein, die Lektüre des Buches mit den
letzten zwei Seiten zu beginnen, in denen das Methodenbewußtsein des
Verfassers in äußerster Knappheit, aber gerade so auch in
größtmöglicher Präzision erscheint. Schlier war sich
völlig bewußt, daß die Auferstehung Jesu von den Toten ein
Grenzproblem für die Exegese ist, bei dem freilich nur besonders
deutlich wird, daß die Auslegung des Neuen Testaments, wenn sie zum
Kern der Sache kommen will, immer mit Grenzproblemen zu tun hat. Der
Auferstehungsglaube der neutestamentlichen Schriften stellt den Exegeten
vor eine Alternative, die ihn zur Entscheidung fordert. Er kann die in der
Historie zur Weltanschauung gewordene Auffassung von der Gleichartigkeit
aller Geschichte teilen, wonach nur das wirklich geschehen sein kann, was
immer geschehen könnte. Dann muß er die Auferstehung als
Ereignis ablehnen und zu klären versuchen, was dahinter steckt –
wie es zu solchen Vorstellungen kommen konnte. Oder aber er kann sich von
der Evidenz eines den Ereigniszusammenhang durchbrechenden Phänomens
überwältigen lassen und dann versuchen zu verstehen, was es damit
auf sich hat. Das ganze kleine Buch von Schlier zeigt letztendlich einfach
dies: daß die Jünger sich von einem sich ihnen zeigenden
Phänomen, von einer für sie unerwarteten, zunächst auch
unverständlichen Wirklichkeit überwältigen ließen und
daß der Auferstehungsglaube aus dieser Überwältigung kam,
also aus einem ihrem Denken und Wollen vorausgehenden, ja es
umstürzenden Widerfahrnis. Wer das Buch von Schlier liest, wird sehen,
daß es dem Verfasser wie den Jüngern ergangen ist: Er ist selbst
ein „von der Evidenz eines sich unbefangen von sich selbst her
zeigenden Phänomens“ Überwältigter – das
heißt ein Glaubender, aber einer, der mit Verstand glaubt. Sein
ganzer Weg ist ein solches Sich-überwältigen-Lassen durch den ihn
führenden Herrn gewesen. Schlier ebnet das Phänomen der
Auferstehung nicht banal ins Gewöhnliche eines normalen Faktums ein.
Die Einzigartigkeit dieses Vorgangs, die sich in der Eigenart der Berichte
spiegelt, wird in seinem Buch ganz offenkundig. Es ist nicht ein Ereignis
wie jedes andere, sondern ein Ausbruch aus dem, was gewöhnlich sich
als Geschichte zuträgt. Von daher rührt die Schwierigkeit
sachgerechter Auslegung; von da aus begreift man auch die Versuchung, das
Ereignis als Ereignis aufzuheben und als geistigen oder existenziellen oder
psychologischen Vorgang umzudeuten. Obwohl Schlier – wie gesagt
– das Besondere, für uns letztlich Unfaßbare der
Auferstehung voll in seiner Besonderheit beläßt, hat er doch
– dem Zeugnis der Texte und der Evidenz jenes Anfangs getreu –
ganz klar daran festgehalten, daß es das „Unumkehrbare und
nicht Reduzierbare von Auferstehungserscheinung – Kerygma –
„Glaube“ in dieser Abfolge und nur so gibt – daß
Auferstehung „ein Ereignis, das heißt ein konkretes
geschichtliches Geschehen“ meint, oder noch einmal anders gesagt,
daß „das Wort derer, die den Auferstehenden sehen – das
Wort eines die Zeugen überwindenden Ereignisses war“.
Homilie von Kardinal Albino Luciani zur Osterwache, Venedig, 21. April 1973.

Patriarch Albino Luciani mit Paul VI. beim Besuch des Papstes in Venedig (September 1972).
Bei einem derartigen Menschenmaterial war es auch mehr als unwahrscheinlich, von dem Gedanken eines Christus, der es verdient, geistlich in den Herzen zu neuem Leben zu kommen, zum Gedanken einer leiblichen Auferstehung kraft Reflexion und Enthusiasmus überzugehen. Darüber hinaus war den Aposteln, nach dem Tod Christi, von ihrem Enthusiasmus ja auch nur Trostlosigkeit und ein Gefühl der Enttäuschung geblieben. Und dann war da auch nicht genug Zeit: wie soll eine starke Gruppe von Personen, die nicht gewohnt sind, sich in Spekulationen zu ergehen, ohne handfeste Beweise in nur 15 Tagen geschlossen seine Meinung ändern können?.
Die Erfahrung des Thomas
Ansprache von Johannes Paul II. vor den Jugendlichen der Diözese Rom, 24. März 1994.

Johannes Paul II. mit den Jugendlichen von Toronto (25. Juli 2002).
Diese Art Menschen kennen wir gut, diese Art Personen, auch die Jugendlichen. Diese Empirischen, von der Wissenschaft im engen Sinne des Wortes Begeisterten, den Naturwissenschaften, Experimenten. Wir kennen sie, derer gibt es viele, sie sind viele, und sie sind wertvoll, weil dieses Anfassen-Wollen, Sehen-Wollen, die Ernsthaftigkeit zeigt, mit der man die Realität, die Kenntnis der Realität behandeln sollte. Und sie sind bereit – wenn Gott eines Tages kommt und sich ihnen zeigt, ihnen seine Wunden zeigt, seine Hände, seine Seite – , dann sind sie bereit, zu sagen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28).
Ich glaube, daß viele eurer Freunde, eurer Gleichaltrigen, diese empirische, wissenschaftliche Mentalität haben; aber wenn sie Jesus einmal aus der Nähe berühren könnten – das Gesicht Christi sehen, anfassen –, wenn sie Jesus einmal anfassen könnten, wenn sie ihn in euch sehen – dann werden sie sagen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28).
Ich möchte noch einen Punkt anfügen, den letzten in diesem Gebet für Italien, besonders für die Intellektuellen, die ja sehr skeptisch sind, ihre Vorbehalte gegen die Religion haben, ihre Aufklärungs-Tradition, und daher diese Erfahrung des Thomas brauchen. Beten wir, damit die Erfahrung des Thomas ihre Erfahrung werden kann, die sie am Ende sagen läßt: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28). Danke.
Ein ihrem Denken und Wollen vorausgehendes Widerfahrnis
Das Vorwort von Kardinal Joseph Ratzinger zu Heinrich Schliers kleinem Buch Über die Auferstehung Jesu Christi, das von 30Giorni in italienischer Übersetzung herausgegeben wurde.

Kardinal Joseph Ratzinger und Giulio Andreotti in der „Sala del Cenacolo“ der Abgeordnetenkammer (Oktober 1998).