Das Konklave nach Wojtyla
Rezension des Buches von George Weigel, God’s choice, über den Aufstieg von Kardinal Joseph Ratzinger zum Päpstlichen Thron.
von Davide Malacaria

Die Sixtinische Kapelle: bereit für das Konklave 2005.
Gewiß, Weigel war nicht der einzige, der diese Idee hatte. Auch andere haben mehr oder weniger interessante Rekonstruktionen dessen geliefert, was hinter den geschlossenen Türen der Sixtinischen Kapelle geschehen ist. Hier muß allerdings gesagt werden, daß sich unser Autor durchaus einer gewissen Namhaftigkeit rühmen kann.
Obwohl das Hauptaugenmerk des Buches auf dem Konklave liegt, ist auch der Anfang ausgesprochen lesenswert. Jener Teil, der sich mit dem langen Pontifikat von Papst Johannes Paul II. beschäftigt („dem Großen“, wie man ihn schon unmittelbar nach seinem Tod nannte). Der Autor beschreibt die vielseitigen Ausrichtungen des Pontifikats von Karol Józef Wojtyla und bemüht sich, dessen Grundlagen und Einzigartigkeit herauszustellen. Eine der beeindruckendsten Statistiken ist sicher die zur Länge seines Pontifikats: „Schätzungen zufolge hat mehr als die Hälfte der mehr als 1 Milliarde Katholiken auf unserem Planeten keinen anderen Papst als ihn erlebt.“ Was die Reisen betrifft, die ihn um den ganzen Erdball führten, kann „kein Zweifel daran bestehen, daß kein Mensch auf der Welt von so vielen Menschen gesehen wurde wie Karol Wojtyla.“ Und im Bezug auf seine Werke ist zu sagen, daß Insegnamenti di Giovanni Paolo II, das Sammelwerk seines gesamten Lehramts, in den Regalen „mehr als dreißig Fuß Platz [ca. 9,14m, Anm.d.Red.]“ einnimmt.
Der Autor ist der Meinung, daß sich die Kirche für Wojtyla „wieder als eine vom Evangelium inspirierte Bewegung verstehen mußte, die der Welt die Frohbotschaft Jesu Christi bringen will.“ Sein Lehramt war „etwas nie dagewesenes.“ Angefangen bei seiner ersten Enzyklika, Redemptor hominis, der „ersten Papst-Enzyklika, die der christlichen Anthropologie gewidmet war.“ Oder Laborem exercens, „der ersten Enzyklika, die als Quelle theologischer Inspiration [...] auf einen Dichter schaute“. Wenn man an den verstorbenen Papst denkt, fallen einem unweigerlich die vielen Erfolge ein. Und zwar sowohl geopolitischer Art (hier denkt man wohl in erster Linie an den Zusammenbruch der Sowjetunion) als auch ethischer Art (dem Sieg bei der Internationalen Konferenz zum Thema „Bevölkerung und Entwicklung“ 1994 in Kairo). Wojtyla war es damals gelungen, die Welt zu mobilisieren und zu verhindern, daß die Vereinten Nationen die Abtreibung zum „grundlegenden Menschenrecht“ erklärten. Dann noch die humanitären Erfolge: er konnte die Welt dazu bewegen, dem Völkermord auf dem Balkan ein Ende zu setzen. Eine „junge Kirche“ war es, die dem polnischen Papst vorschwebte, dessen Pontifikat u.a. vom Vormarsch einer „regelrechten Kohorte von Erneuerungsbewegungen und neuen katholischen Gemeinschaften in der ganzen Welt“ geprägt war. Weigel erinnert auch an Wojtylas Reform der Kurie, an den starken Auftrieb, den er den Selig- und Heiligsprechungen gab, die neue Beziehung zu den Juden, vor allem aber das starke ökumenische Engagement. Und damit wären wir bei den Erfolgen, die leider ausgeblieben sind. Die größten Träume des Papstes erfüllten sich nicht: zur definitiven Aussöhnung mit der Orthodoxie und zur Normalisierung der Beziehungen zu China ist es nicht gekommen. Ganz anders als in Nordamerika, wo – wie der Autor anmerkt, „das globale nicht-apologetische Zeugnis für das Evangelium und das starke Eintreten Johannes Pauls II. für das grundlegende Recht auf Leben sehr wohl eine starke ökumenische Wirkung hatten. Vielleicht eine unerwartete, aber doch eine, die viele Protestanten und Fundamentalisten mit dem Gedanken aussöhnte, daß die Katholiken in Wahrheit Brüder und Schwestern in Christus waren.“
Vielleicht ist der Autor dort, wo er die menschlichen Geschicke des polnischen Papstes beschreibt, eine Spur zu gefühlsbetont, ja, schlägt manchmal fast schon hagiograpische Töne an. Aber das ist noch lange kein Grund, dem Buch Parteilichkeit vorzuwerfen, wo es doch auch kritische Stimmen laut werden läßt. Beispielsweise jenen lächerlichen Vorwurf, der am 2. April 2005 im Guardian erhoben wurde. Als der greise Papst unübersehbar am Ende seines Pontifikats angekommen war, stand dort zu lesen: „Die Herrschaft Karol Wojtylas neigt sich also ihrem Ende zu. Es war herrlich, aber war es wirklich Christentum? Es ist zu früh, das sagen zu können.”
Dann der sich zusehends verschlechternde Gesundheitszustand des Papstes. Die verschiedenen Krankenhausaufenthalte. Der Papst umringt und umsorgt von jenen Vertrauten, die für ihn längst zur „Familie“ geworden waren – allen voran sein treuer Sekretär Don Stanislaus Dsziwitz. Zu Herzen gehend die Beschreibung des langsamen Sterbens; der Papst, der die Seinen scherzend fragte: „Und was hat der Hohe Rat jetzt für mich beschlossen?“ – und sichtlich bewegt war über die Menschenmengen aus der ganzen Welt, die sich auf dem Petersplatz einfanden. „Der Tod eines Priesters“: so der knappe, aber bezeichnende Titel, den Weigel diesem Kapitel geben wollte. Dann noch das, was danach passierte: die Trauer auf der ganzen Welt, die enormen, ergriffenen Menschenmengen, der spontane „Schlachtruf“: „Sofort heilig“ ...
Die wichtigste der vielen, in dem Buch analysierten Reformen, die unter dem Pontifikat Wojtylas zustande kamen, hing zweifellos mit Universi dominici gregis zusammen, der Apostolischen Konstitution über die Designation seines Nachfolgers, die Modalitäten der Papstwahl. Ein Dokument, mit dem wir uns an einer anderen Stelle befassen (siehe nachfolgenden Artikel). Was man hier jedoch herausstellen sollte, ist die unterschiedliche Auffassung, die der alte und der neue Papst von diesem Thema hatten. Laut Weigel war Wojtyla nämlich der Meinung, daß die wahlberechtigten Kardinäle nicht die eigentlichen Protagonisten des Konklaves waren. Und so kann man in Universi dominici gregis „unmißverständliche Spuren der Überzeugung Johannes Pauls II. finden, daß der Hauptprotagonist eines Konklaves in Wahrheit der Heilige Geist sei.“ „Joseph Ratzinger dagegen hatte eine andere, wenn nicht sogar gegensätzliche Auffassung von der Rolle des Heiligen Geistes in einem Konklave. In einem Interview des Jahres 1997 wurde ihm im deutschen Fernsehen die Frage gestellt, welche Verantwortung der Heilige Geist für den Ausgang einer Wahl trage. Er meinte darauf, daß es nicht so sei, daß der Heilige Geist die Kontrolle der Situation übernimmt, sondern er sozusagen wie ein guter Erzieher reichlich Raum, viel Freiheit lasse, ohne uns jedoch vollends zu verlassen. Die Rolle des Heiligen Geistes solle daher viel elastischer aufgefaßt werden. Nicht so, als diktiere er den Kandidaten, für den gestimmt werden soll.Vermutlich sei die einzige Gewißheit, die er bietet, die, daß das Ganze nicht völlig zerstört werden kann.“
Über den Nachfolger sollen die Kardinäle – so der Autor – erst nach der Seelenmesse für den verstorbenen Papst gesprochen haben. Aus diesen vertraulichen Gesprächen scheint ein erster Anhaltspunkt hervorgegangen zu sein: das Alter des zukünftigen Papstes war kein Problem. Somit war der Meinung, nach der auf ein langes Pontifikat mit einem relativ jungen Papst ein kurzes Pontifikat mit einem alten Papst folgen müsse, jede Grundlage entzogen. Der zukünftige Papst konnte auch „um die sechzig“ sein, wie Weigel anmerkt.
Was die Nationalität des Nachfolgers Wojtylas anging, lagen die Dinge dagegen schon ein wenig anders. Die lateinamerikanischen Kardinäle bildeten laut Weigel keinen ausreichend geschlossenen Block, um die Wahl eines Papstes aus ihren Reihen zu ermöglichen. Und damit war die Hypothese eines von vielen erhofften südamerikanischen Kardinals zum Scheitern verurteilt. Gleichzeitig hat es auch den Anschein, daß den Lateinamerikanern der Gedanke an einen italienischen Papst nicht sehr behagte. Immerhin hatten die Italiener der südamerikanischen Kirche in der Vergangenheit keine große Beachtung geschenkt.
Aber da war noch etwas: „Wenn man gut informierten italienischen Kirchenmännern glauben darf, versuchten 2005 einige aus den Erneuerungsbewegungen und den neuen Gemeinschaften, die Kardinäle zu beeinflussen. Und das bringt einige der Konflikte zwischen diesen Gruppen, die anderswo in Italien (beispielsweise in Mailand) schon längst spürbar waren, nun auch nach Rom. [...] Wenn die Erneuerungsbewegungen und die neuen Gemeinschaften, wie diese italienischen Kirchenmänner meinten, ‚einen Papst für sich selbst, und nicht für die Kirche suchen‘ ist das eine Frage, mit der sich das neue Pontifikat beschäftigen muß.“

George Weigel, Benedetto XVI. La scelta di Dio, Rubbettino-Verlag, Soveria Mannelli, 2006, 372 SS., Euro 18,00.
Laut Weigel nahm mit der Konsolidierung der Kandidatur Ratzingers auch die Opposition zu dieser immer deutlichere Konturen an. Eine Gruppe, deren Hauptaugenmerk auf Themen wie der Globalisierung lag, soll sich um die Kardinäle Cláudio Hummes und Oscar Rodríguez Maradiaga gebildet haben. Eine andere wieder – aus den Kreisen der Römischen Kurie – optierte für die Rückkehr eines italienischen Papstes. Und dann war da noch die „progressive“ Opposition um Kardinal Carlo Maria Martini, dessen Kandidatur jedoch nur eine Art „Lückenbüßer“ gewesen sein soll: ein Mittel also, um die Ernennung Ratzingers abblocken und sich letztendlich auf einen anderen Namen einigen zu können.
So standen die Dinge also am Montag, dem 18. April, als das Konklave begann. Laut den Rekonstruktionen des Autors sollen die Kardinäle im ersten Wahlgang nicht nur für die Kardinäle Ratzinger und Martini gestimmt haben, sondern auch für Ruini und Bergoglio. Das, was dann geschah, faßt Weigel wie folgt zusammen: „Es gibt Grund zu der Annahme, daß Ruini und Bergoglio ihren Befürwortern am Abend des Montag zwar dankten, sie aber auch anhielten, ihre Stimme Ratzinger zu geben. So kam die Strategie von Martinis Namen als ‚Lückenbüßer‘ schnell zu Fall, und die Opposition der verschiedenen Gruppen gegen ein eventuelles Pontifikat Ratzingers begann, brüchig zu werden. Es ist wahrscheinlich, daß die ersten, die ihre Stimme ‚verlagerten‘, die Kurialisten waren – wie stets auf ihre Interessen bedacht und mit kirchlicher Realpolitik wohl vertraut. Die weniger intransigenten und politisch verschlageneren ‚Progressiven‘ schwenkten wahrscheinlich erst am späten Dienstag vormittag um, so daß man annehmen darf, daß die Stimmen für Kardinal Ratzinger von 50 Montag nacht auf mehr als 60 im ersten Wahlgang Dienstag morgen steigen konnten, und auf mehr als 70 im zweiten Wahlgang am Dienstag vormittag.“ An einer anderen Stelle des Buches wird jedoch eine andere Version der Fakten gegeben: „Einem wahrscheinlicheren Szenarium zufolge sollen Kardinal Ruini und Kardinal Martini ihre Wähler angehalten haben, von Anfang an für Kardinal Ratzinger zu stimmen.“
So wurde Kardinal Ratzinger am Dienstag, 19. April, Benedikt XVI.; gerade er, dessen höchste Ambition es – wie Weigel anmerkt – gewesen wäre, der große Wähler von jemand anderem zu sein...
Weniger interessant ist der letzte Teil des Buches, in dem der Autor versucht, den Kurs des neuen Pontifikats abzustecken. Hier wirkt das 2005 geschriebene Buch fast schon überholt. Verblüffend ist, mit wieviel Nachdruck Benedikt XVI. auf diesen Seiten gebeten wird, die Vatikandiplomatie nach den Lehren des Augustinus auszurichten und dabei besonders die Doktrin vom Präventivkrieg abzusegnen. Befremdet fragen wir uns, auf welche Schriften des Augustinus sich der Autor hier wohl beziehen mag...
Gewiß, Weigel ist ein namhafter Beobachter. Dennoch muß man seine Rekonstruktion der turbulenten Konklave-Tage als das nehmen, was sie ist: wahrscheinlich, aber deshalb noch lange nicht wahr. Was wirklich unter den Fresken des Jüngsten Gerichts geschah, wissen nämlich nur die, denen das Schicksal beschieden war, hinter den geschlossenen Türen der Sixtinischen Kapelle hautnah dabeizusein. Und wer das war, der wird sich vielleicht, wenn er das Buch Weigels oder auch diese einfachen Zeilen liest, ein Schmunzeln nicht verkneifen können.