Jesus offenbart sich den Kleinen
Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der Heiligen Messe mit den Mitgliedern der Internationalen Theologenkommission, Paulinische Kapelle, Dienstag, 1. Dezember 2009.
Predigt von Papst Benedikt XVI.
![Benedikt XVI. bei der Predigt in der Paulinischen Kapelle, Dienstag, 1. Dezember 2009. [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1266591846498.jpg)
Benedikt XVI. bei der Predigt in der Paulinischen Kapelle, Dienstag, 1. Dezember 2009. [© Osservatore Romano]
Die Worte des Herrn, die wir soeben im Abschnitt aus dem Evangelium gehört haben, sind für uns Theologen eine Herausforderung oder, besser gesagt, eine Einladung zur Gewissenserforschung: Was ist Theologie? Was sind wir Theologen? Wie können wir gut Theologie betreiben? Wir haben gehört, daß der Herr den Vater preist, weil er das große Mysterium des Sohnes, das trinitarische Mysterium, das christologische Mysterium den Weisen, den Gelehrten verborgen hat – sie haben es nicht erkannt –, es aber den Unmündigen, den nèpioi, also jenen, die nicht gelehrt sind und keine große kulturelle Bildung haben, kundgetan hat. Ihnen wurde dieses große Geheimnis offenbart.
Mit diesen Worten beschreibt der Herr einfach eine Gegebenheit aus seinem Leben; ein Faktum, das bereits zur Zeit seiner Geburt begonnen hat, als die Sterndeuter aus dem Osten die Fachkundigen, die Schriftgelehrten, die Exegeten nach dem Ort der Geburt des Erlösers, des Königs von Israel, fragen. Da die Schriftgelehrten erfahrene Fachleute sind, wissen sie die Antwort; sie können sofort sagen, wo der Messias geboren wird: in Betlehem! Sie fühlen sich jedoch nicht aufgerufen, dorthin zu gehen: es bleibt für sie eine rein akademische Erkenntnis, die keine konkreten Auswirkungen auf ihr Leben hat; sie bleiben Unbeteiligte. Sie können zwar Auskunft geben, aber dieses Wissen hat keinen Einfluß auf ihr Leben.
Später, während des gesamten öffentlichen Lebens des Herrn ist das gleiche Phänomen festzustellen. Die Gelehrten vermögen nicht zu erkennen, daß dieser nichtgelehrte Mann aus Galiläa wirklich der Sohn Gottes sein soll. Es ist für sie unannehmbar, daß der große und einzige Gott, der Gott des Himmels und der Erde, in diesem Mann gegenwärtig sein soll. Sie wissen alles, sie kennen auch das 53. Kapitel des Buches Jesaja und alle großen Prophezeiungen, doch das Geheimnis bleibt ihnen verborgen. Den Kleinen hingegen wird es offenbart, begonnen bei der Gottesmutter bis hin zu den Fischern vom See von Galiläa. Sie erkennen, ebenso wie es der römische Hauptmann unter dem Kreuz erkannt hat: dieser Mann ist der Sohn Gottes.
Die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Jesu gehören nicht nur der Vergangenheit an, sondern sie sind auf verschiedene Weise in allen Generationen gegenwärtig. Und auch in unserer Zeit, in den vergangenen 200 Jahren können wir genau dies feststellen. Es gibt große Gelehrte, große Fachleute, große Theologen, Lehrer des Glaubens, die uns vieles gelehrt haben. Sie haben sich zwar eingehend mit Detailfragen der Heiligen Schrift und der Heilsgeschichte befaßt, aber es ist ihnen nicht gelungen, das Mysterium selbst zu erkennen, den eigentlichen Kern: daß nämlich Jesus wirklich der Sohn Gottes gewesen ist, daß der dreifaltige Gott in unsere Geschichte eingetreten ist, in einem bestimmten geschichtlichen Moment, in einem Menschen, wie wir es sind. Das Wesentliche blieb ihnen verborgen! Es wäre nicht schwer, einige wichtige Namen aus der Geschichte der Theologie in den letzten 200 Jahren anzuführen, von denen wir viel gelernt haben: die Augen ihres Herzens sind jedoch vor dem Mysterium verschlossen geblieben.
Es gibt aber auch in unserer Zeit die Kleinen, die dieses Mysterium erkannt haben. Denken wir nur an die hl. Bernadette Soubirous; an die hl. Therese von Lisieux mit ihrer neuen, „unwissenschaftlichen“ Art, die Bibel zu lesen; bis hin zu den Heiligen und Seligen unserer Zeit: die hl. Josephine Bakhita, die sel. Teresa von Kalkutta, der hl. Damiaan de Veuster. Und wir könnten noch viele weitere Namen anführen.
Dabei drängt sich uns die Frage auf: Warum ist das so? Ist das Christentum die Religion der Einfältigen, der Menschen ohne Kultur und Bildung? Erlischt der Glaube dort, wo die Vernunft erwacht? Wie läßt sich all dies erklären? Vielleicht müssen wir noch einmal in die Geschichte zurückblicken. All das, was Jesus gesagt hat und was sich über alle Jahrhunderte hindurch beobachten läßt, bleibt wahr. Und doch gibt es eine „Art“ von Kleinen, die auch gelehrt sind.
Unter dem Kreuz steht die Gottesmutter, die demütige Magd Gottes, die zugleich die große, von Gott erleuchtete Frau ist. Und es steht dort auch Johannes, der Fischer vom See von Galiläa: doch eben dieser Johannes wird von der Kirche zu Recht „der Theologe“ genannt, da er es wirklich verstand, das Geheimnis Gottes zu sehen und zu verkünden: mit Adleraugen ist er in das unzugängliche Licht des göttlichen Geheimnisses vorgedrungen. In ähnlicher Weise berührt der Herr nach seiner Auferstehung auf dem Weg nach Damaskus das Herz des Saulus, der einer jener Gelehrten ist, die nicht sehen. Im ersten Brief an Timotheus schreibt er über sich selbst, daß er damals trotz seines Wissens „töricht“ gewesen sei.
Doch der Auferstandene ergreift ihn: er erblindet und wird zugleich zum wahrhaft Sehenden, er beginnt zu sehen. Der große Gelehrte wird ganz klein, und gerade deswegen erkennt er die Torheit Gottes, die Weisheit ist, eine Weisheit, die alle menschliche Weisheit übersteigt.

Die hl. Bernadette Soubirous und die hl. Therese von Lisieux.
Und es gibt auch eine andere Weise, den Verstand zu gebrauchen, weise zu sein, und zwar die des Menschen, der anerkennt, wer er ist; er erkennt sein eigenes Maß und die Größe Gottes, indem er sich in Demut der Neuheit des Wirkens Gottes öffnet. Auf sheit und deren Wahrheit zu finden ist.
Wir wollen daher in diesem Moment dafür beten, daß der Herr uns die wahre Demut schenke. Er gewähre uns die Gnade, klein zu sein, um wirklich weise sein zu können; er erleuchte uns und lasse uns sein Geheimnis der Freude im Heiligen Geist sehen; er helfe uns, wahre Theologen zu sein, die sein Mysterium verkünden können, weil sie im Tiefsten ihres Herzens und ihrer Existenz berührt worden sind. Amen.
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