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NOVA ET VETERA
Aus Nr. 05 - 2010

Archiv 30Tage

Die Briefe von „Nennolina“


Ein kleines römisches Mädchen, das 1937 im Alter von sechs Jahren an Krebs gestorben ist,könnte die jüngste Heilige der Kirchengeschichte werden,die keine Märtyrerin ist. Eine Kurzbiographie der kleinen Römerin.


von Stefania Falasca


Antonietta Meo

Antonietta Meo

„Es wird heilige Kinder geben!“, rief Pius X. aus, als er das Mindestalter für den Kommunionempfang herabsetzte und ihnen somit die Tabernakel öffnete. Er dachte aber wohl nicht, daß dies schon so bald eintreffen würde. „Lieber Jesus, ich bin so froh, wirklich sehr froh, daß du in der Eucharistie in mein Herz eingetreten bist. Verlaß mich nie mehr, sondern bleibe immer bei mir, in meinem Herzen. Jesus, ich liebe dich sehr, ich gebe mich ganz in deine Hand, mach mit mir, was du willst. [...] Liebster Jesus, gib mir Seelen, gib mir sehr viele!“ Diese Zeilen hat kein Erwachsener geschrieben, sondern ein sechsjähriges Kind. Schrift und Fehler sind die eines Kindes, das gerade Schreiben gelernt hat. Sein Name ist Antonietta Meo, seine Eltern und Verwandten nennen das Mädchen jedoch schlicht Nennolina. Als Antonietta dieses Briefchen an ihren „liebsten Jesus“ schrieb, war sie erst vor kurzem zur Erstkommunion gegangen, und die Krankheit, die sie schon seit einiger Zeit auszehrte, hatte sie eine Beinamputation gekostet. Drei Monate später, am 3. Juli 1937, starb sie an Knochenkrebs. Nennolina wurde nur sechseinhalb Jahre alt. Dennoch folgen Bekehrungen und Gnaden auf ihren Tod. Gebets- und Votivzettelchen schmücken ihr Grab auf dem Friedhof Verano in Rom. Bereits ein Jahr nach ihrem Tod erschienen zwei Biographien über ihr Leben. Der Ruf der Heiligkeit verbreitete sich so plötzlich und spontan, daß er nicht nur über die Grenzen ihrer Pfarrei Santa Croce in Gerusalemme, sondern auch Roms und Italiens hinausging. Bereits 1940 erschienen ihre beiden Biographien in anderen Sprachen – sogar auf Armenisch. 1942 wurde der diözesane Seligsprechungsprozeß eingeleitet, der 1972 zum Abschluß kam. Ihr junges Alter – sie hatte gerade das Alter des Vernunftgebrauchs erreicht – hat bei denjenigen, die ihren Fall untersuchten, Perplexität ausgelöst und zu nicht wenigen Schwierigkeiten geführt. Auch wenn das Kirchenrecht kein Mindestalter für die Einleitung eines Seligsprechungsprozesses vorschreibt, hat die Kirche erst 1981 durch die Erklärung der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse vollkommen anerkannt, daß auch Kinder heroische Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe vollbringen können und daher zur Ehre der Altäre erhoben werden dürfen.
Die Pfarrei Santa Croce in Gerusalemme ist im Begriff, eine Antonietta-Meo-Stiftung einzurichten, und die sterblichen Überreste des Mädchens werden in Kürze in die Basilika, die die Reliquien vom Leiden Christi beherbergen, übertragen. Wenn der Seligsprechungsprozeß nun zügig verläuft, wird dieses römische Mädchen bald die jüngste Heilige der Kirchengeschichte sein, die keine Märtyrerin ist und dennoch zur Ehre der Altäre erhoben wird.

Die Briefchen an den „liebsten Herrn Jesus“
Antonietta wurde am 15. Dezember 1930 als Kind wohlhabender Eltern geboren. Das Haus der Familie Meo befand sich unweit der Basilika Santa Croce in Gerusalemme. Ihre ältere Schwester Margherita zeigt uns Fotos von Nennolina: ein kecker Pagenschnitt und fröhliche dunkle Augen, Eimer und Schaufel in der Hand, während sie mit anderen Kindern am Meer spielt. Ein anderes Foto zeigt sie beim Bootfahren auf dem kleinen See im römischen Park Villa Borghese, auf einem anderen ist sie im Karnevalskostüm zu sehen: „Meine Schwester“, sagt sie, „war ein fröhliches, lebhaftes Kind wie alle Kinder in diesem Alter.“ Im Oktober 1933 meldeten die Eltern sie im Kindergarten der Schwestern in der Nähe ihres Hauses an. „Sie ging gern in den Kindergarten“, erzählt ihre Schwester, „und wenn wir zusammen spielten, sagte sie oft: ‚Die Schule macht mir großen Spaß. Ich wäre auch gern nachts dort.‘ Die Kindergärtnerin mag sie sofort, und die Schwestern sagten zu meinen Eltern: ‚Sie ist ein Perpetuum mobile. Doch sie ist aufgeweckt und lernt schnell. Sie ist für ihr Alter ein reifes Kind.‘“ Sie war noch keine fünf Jahre alt, als die Eltern eine Schwellung des linken Knies feststellten. Sie meinten, sie stamme von einem ihrer vielen Stürze. Nach einigen Fehldiagnosen und falschen Behandlungen lautete der niederschmetternde Befund: Osteosarkom. Am 25. April 1936 wurde das Bein amputiert. Es war ein fürchterlicher Schlag – doch mehr für die Eltern als für Antonietta selbst. Nachdem sie das Schlimmste überstanden hatte, setzte sie trotz der Schwierigkeiten mit dem orthopädischen Apparat ihr gewohntes Leben fort: Spielen, Schule. Ihre Eltern beschlossen zur großen Freude ihres Kindes, es schon vor dem vorgesehenen Alter zur Erstkommunion gehen zu lassen, und so begann die Mutter, Nennolina abends Katechismusunterricht zu erteilen. Seit diesem Zeitpunkt begann Antonietta, ihrer Mutter die sogenannten Briefchen zu diktieren, bevor sie sie dann später selbst schrieb. Danach legte sie sie unter die Statue vom Jesuskind, die neben ihrem Bett stand, „damit es nachts kommt, um sie zu lesen“. „Für sie war dies zunächst ein Spiel“, erklärt die Mutter im Rahmen des Seligsprechungsprozesses. „Dann schlug ich ihr vor, einen Brief an die Oberin der Schwestern des Kindergartens zu schreiben und sie um die Erlaubnis zu bitten, in ihrer Kapelle am Heiligabend in der Christmette die Erstkommunion zu empfangen. Nach dem Gebet zum Schutzengel wurde es langsam zur Gewohnheit, daß Antonietta mir ‚Poesien‘ (wie sie ihre Briefchen nannte) diktierte: zunächst für mich, dann für ihren Papa und Margherita und schließlich für Jesus und die Gottesmutter. Ich nahm das erstbeste Blatt Papier und schrieb auf, was sie in großer Schlichtheit und Sicherheit diktierte.“
Das erste Briefchen stammte vom 15. September 1936: „Liebster Jesus, heute gehe ich spazieren, und ich gehe zu meinen Schwestern und sage ihnen, daß ich an Weihnachten zur Erstkommunion gehen will. Jesus, komm recht bald in mein Herz, damit ich dich ganz fest an mich drücken und küssen kann. O Jesus, ich will, daß du immer in meinem Herzen bleibst.“ Und ein paar Tage später: „Liebster Jesus, ich hab' dich so gern, ich möchte dir immer wieder sagen, daß ich dich sehr lieb habe. Ich schenke dir mein Herz. Liebe Gottesmutter, du bist so gut. Nimm mein Herz und trage es zu Jesus.“ Doch in diesem Kind gab es etwas, das für ein fünfjähriges Kind wirklich außergewöhnlich war: „Mein guter Jesus, gib mir Seelen, gib mir sehr viele, ich bitte dich darum, ich bitte darum, damit du sie gut machst und sie mit dir ins Paradies kommen können.“ Und Antonietta wiederholte dies mehrere Male.
„Ich sah, daß das Kind sich besser als erwartet auszudrücken vermochte. Doch ich glaube, es ist unnütz, wenn ich sage, daß wir den Briefchen zu Hause keinerlei Wert beimaßen. Sie wurden einfach beiseite gelegt, und viele von ihnen gingen verloren“, erklärt ihre Mutter weiter. Ihre Schwester bestätigte diese Nachlässigkeit der Mutter. „Meine Mutter“ erinnert sie sich, „war eine zurückhaltende, umsichtige, konkrete Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden stand. Sie war sicherlich nicht sentimental oder leichtgläubig. Leichtfertigen Schwärmereien begegnete sie mit Ernüchterung: ‚Ich glaube nur an die Heiligen, wenn die Kirche sie heiliggesprochen hat,‘ pflegte sie zu sagen. Sie versuchte immer, die Lobreden auf Antonietta herabzuspielen, und es gefiel ihr nicht, wenn man sie idealisierte. Ich erinnere mich, daß ein Priester kurz nach dem Tod meiner Schwester im Radio eine Ansprache über den Sinn des Leidens hielt und auch von Antonietta sprach. Meine Mutter war davon gar nicht begeistert, im Gegenteil. Sie sagte, dies seien Verdrehungen und Übertreibungen. Es hieß, Antonietta bezeige ihre Liebe zu Jesus mit großen Gesten. ‚Was für ein Unsinn!‘, schimpfte unsere Mutter. Es hieß, Jesus sei das erste Wort gewesen, das Antonietta gesprochen habe. Und wieder protestierte sie: ‚Nein. Mama, Mama hat sie gesagt! Wie jedes Kind!‘“

Die Basilika Santa Croce in Gerusalemme in Rom in den dreißiger Jahren. Sie war die Pfarrkirche von Antonietta Meo.

Die Basilika Santa Croce in Gerusalemme in Rom in den dreißiger Jahren. Sie war die Pfarrkirche von Antonietta Meo.

„Bewahre mich immer in deiner Gnade“
Als Nennolina in der Grundschule gerade den Stift in die Hand nehmen konnte, wollte sie schon selbst unterschreiben: „Antonietta und Jesus.“ „Mein liebster Jesus, heute habe ich das ‚O‘ gelernt. Bald werde ich selbst schreiben.“ Antonietta wandte sich an Jesus und Maria mit zarter Vertrautheit. Ihre Briefchen enden immer mit Umarmungen, Zärtlichkeiten, Küßchen an ihre himmlischen Adressaten. Auch die Schwestern sind Zeuginnen dieser zarten Vertrautheit. Nicht selten sahen sie, wie das Kind sich dem Tabernakel näherte und ausrief: „Jesus, komm und spiel mit mir!“, bevor es die Kirche verließ. Auch in ihren Briefchen wünschte sie sich Jesus immer bei sich: „Liebster Jesus, geh mit mir morgen zur Schule.“
In den Monaten vor Weihnachten kommen in ihren Briefchen die ganze Liebe zu Jesus und die große Sehnsucht zum Ausdruck, ihn in ihr Herz aufzunehmen. Immer wieder äußert sie diesen Wunsch, ja sie zählt sogar Tage, Stunden, Minuten. Der Inhalt der Briefchen ist immer derselbe, und die Gedanken sind zusammenhangslos aneinandergereiht, wie dies bei Kindern stets der Fall ist, doch ihre Gedanken sind nicht kindisch oder banal, sondern kindlich. Am Tag vor der Erstkommunion diktiert sie ihrer Mutter: „Liebster Jesus, wenn du morgen in mein Herz einkehrst, so bedenke, daß meine Seele ein Apfel ist. Und wie der Apfel Kerne hat, so mache, daß es in meiner Seele ein Schränkchen gibt. Und wie es unter der schwarzen Schale der Kerne einen weißen Kern gibt, so gib, daß in dem Schränkchen deine Gnade ist, die wie der weiße Kern ist.“ An dieser Stelle unterbrach ihre Mutter sie: „‚Antonietta, was redest du da daher! Was soll das bedeuten?‘ Ich versuchte vergeblich, ihr dies auszureden. Schließlich erklärte sie mir: ‚Höre, Mama, bedenke, daß meine Seele ein Apfel ist. Im Apfel sind diese schwarzen Dinger, das sind die Kerne. Und in der Schale der Kerne, ist da nicht dieses Weiße da? Nun gut, dann bedenke, daß dies die Gnade ist.‘“ „Ich fand, daß dieser Vergleich, der mir gar nicht bekannt war, tief war“, erklärt ihre Mutter weiter, „doch ich wollte mich nicht geschlagen geben und wandte erneut ein: ‚Wer hat dir denn das weiß gemacht? Hat die Lehrerin in der Schule einen Apfel genommen, um euch zu erklären...‘ ‚Nein, Mama‘, erwiderte sie treuherzig, ‚das hat nicht die Lehrerin gesagt, das habe ich mir so ausgedacht.‘ Dann schloß sie ihren Gedanken mit der Bitte: ‚Jesus, gib, daß diese Gnade immer, immer bei mir ist.‘“
Trotz des orthopädischen Apparats, der ihr Schmerzen bereitete, sahen die Anwesenden, wie sie am Heiligen Abend nach der Christmette mit gefalteten Händen in der Bank kniete.

„Ohne deine Gnade kann ich nichts tun“
Antonietta schrieb Jesus insgesamt 105 Briefchen. Weitere richtete sie an Maria, Gott Vater, den Heiligen Geist, einen an die heilige Agnes, einen an die heilige Theresia vom Kinde Jesu. Sie bat Jesus immer um seinen Gnadenbeistand: „Heute habe ich ein bißchen Blödsinn gemacht, doch du, liebster Jesus, nimmst dein Kind auf den Arm...“; „du aber hilfst mir, denn ohne deine Hilfe kann ich nichts tun“; „ich bitte dich, guter Jesus, bewahre mir immer die Gnade der Seele.“ Unaufhörlich bat sie ihn und seine Mutter um Gnaden für die ihr Nahestehenden, für die, die sich ihrem Gebet anempfohlen haben, und für die Sünder: „Ich bitte dich für jenen Menschen, der so viel Böses getan hat“; „ich bitte dich für jenen Sünder, der, wie du weißt, schon alt ist und im Krankenhaus San Giovanni liegt.“
„Das ist das wunderbare Werk Gottes!“, schreibt Pater Pierotti als Kommentar zu den Briefchen, die er als erster herausgab: „Die Gnade Gottes wählt sich nach freiem Ermessen ihre Seelen aus [...]. Nur so sind die Sätze, Spiele, Haltungen, das ganze Leben von Nennolina zu erklären.“
„Wahrhaft, der Herr ludit in orbe terrarum“, rief der spätere Paul VI. und damalige Substitut des Staatssekretärs aus, als er die Briefe und die Biographie von Antonietta Meo las, „und wirkt in den Seelen auf äußerst geheimnisvollen Wegen. Er gebe, daß viele durch die Lektüre der Biographie dieses nicht einmal siebenjährigen Kindes in das Geheimnis jener Weisheit eindringen, die sich den Hochmütigen verbirgt und den Kleinen offenbart.“
Im Mai empfing Antonietta das Sakrament der Firmung. Es waren die letzten Tage ihres Lebens. Ihre Mutter erzählt: „Nach der Firmung begann sich Antoniettas Zustand allmählich zu verschlechtern. Die Atemnot und der Husten ließen ihr keine Ruhe. Sie konnte nicht einmal mehr sitzen und war ans Bett gefesselt. Man sah, daß sie litt, aber allen, einschließlich mir, sagte sie immer: ‚Mir geht es gut!‘ Sie wollte immer ihr Morgen- und Abendgebet verrichten, auch wenn es ihr Mühe bereitete. Sie bat, der Priester möge ihr jeden Tag die Kommunion bringen, und die Stunden nach dem Kommunionempfang waren immer die ruhigsten [...] Sobald sie konnte, bat sie mich, ihre Briefchen zu schreiben.“ Der letzte stammt vom 2. Juni. Und dieser Brief gelangte in die Hände von Pius XI. Ihre Mutter erinnert sich: „Ich setzte mich zu ihr ans Bett und schrieb, was Antonietta mir mit Mühe und Not diktierte: ‚Liebster gekreuzigter Jesus, ich habe dich sehr gern, und ich habe dich sehr lieb! Ich möchte bei dir auf dem Kalvarienberg sein. Liebster Jesus, sag Gott Vater, daß ich auch ihn sehr lieb habe. Liebster Jesus, gib mir die nötige Kraft, um diese Schmerzen auszuhalten, die ich dir für die Sünder aufopfere.‘“ „In diesem Augenblick“, erzählt die Mutter, „überfielen sie ein heftiger Hustenanfall und starker Brechreiz, doch als alles vorüber war, wollte sie gleich weiter diktieren: ‚Liebster Jesus, sag dem Heiligen Geist, er möge mich mit Liebe erleuchten und mich mit seinen sieben Gaben erfüllen. Liebster Jesus, sag der Gottesmutter, daß ich sie sehr lieb habe und bei ihr sein will. Liebster Jesus, ich will dir immer wieder sagen, daß ich dich sehr lieb habe. Mein guter Jesus, ich empfehle dir meinen geistlichen Vater. Gib ihm die nötigen Gnaden. Liebster Jesus, ich empfehle dir meine Eltern und Margherita. Dein Kind gibt dir so viele Küßchen.‘ Ich verspürte ganz plötzlich ein Gefühl der Auflehnung, als ich sah, wie sie litt, und in einem Wutanfall knüllte ich das Blatt zusammen und warf es in eine Schublade. Einige Tage später rief Dr. Vecchi den päpstlichen Leibarzt, Prof. Milani, zu Antonietta und bat ihn um Rat. Er sagte, der Zustand des Mädchens sei ernst, sie müsse daher zu einer erneuten Operation ins Krankenhaus gebracht werden. Der päpstliche Leibarzt blieb noch eine Weile und sprach mit Antonietta. Er wunderte sich, daß sie solch große Schmerzen ohne Klagen ertrug. Mein Mann erzählte ihm von den Briefchen, die sie schrieb. Er bat, den letzten lesen zu dürfen, und ich wagte nicht, ihm diese Bitte zu verweigern. Ich holte den Brief aus der Schublade, wohin ich ihn an jenem Tag gelegt hatte, und zeigte ihn ihm. Nachdem er ihn gelesen hatte, sagte er, er wolle mit dem Papst über Antonietta sprechen, und bat um die Erlaubnis, den Brief mitzunehmen. Ich erwiderte stammelnd: ‚Ich...weiß nicht..., ob...‘ ‚Aber Frau Meo‘, sagte er, ‚es ist doch der Papst.‘
Am darauffolgenden Tag hielt ein Auto des Vatikans vor unserem Haus. Eine von Papst Pius XI. gesandte Delegation brachte dem Kind den Apostolischen Segen. Der Papst ließ uns sagen, er sei von dem Brief stark beeindruckt gewesen. Auch Professor Milani überließ uns ein Kärtchen, auf dem er Antonietta bat, ihn dem Herrn anzuempfehlen und für ihn jene Gaben zu erflehen, um die sie ihn selbst gebeten hatte.“
Körper befallen und zerstört hatte, obwohl der Tumor ihre Brust so sehr zusammengepreßt hatte, daß sich das Herz verschoben hatte. Alle äußerten im Rahmen des Seligsprechungsprozesses ihre Verwunderung über die außergewöhnliche Heiterkeit. Ihre Mutter hegte sogar Zweifel daran, daß sie überhaupt gelitten hat: „Ich ging zum Doktor und sagte: ‚Herr Doktor, ich glaube nicht... sagen Sie mir die Wahrheit, sagen sie mir, leidet Antonietta wirklich sehr?‘ ‚Aber Frau Meo, was für eine Frage stellen Sie da! Was sagen Sie da! Die Schmerzen sind natürlich unerträglich.‘ Ich kehrte zu ihrem Bettchen zurück... ich konnte meine Stimme nicht mehr beherrschen, und zum ersten Mal sagte ich: ‚Antonietta, segne deine Mama, Antonietta, segne die Mama.‘ Mit großer Mühe machte sie mit der Hand ein Kreuzzeichen auf meine Stirn.“

Erstkommunionkinder  in Santa Croce in Gerusalemme (1931).

Erstkommunionkinder in Santa Croce in Gerusalemme (1931).

„...das die Engel anlacht, während der Schlaf kommt“
Ihr Vater sagte beim Seligsprechungsprozeß: „Eines Tages, als sich ihr Zustand ernsthaft verschlechterte, beschloß ich, meiner Kleinen die Letzte Ölung spenden zu lassen. Ich fragte Antonietta: „Weißt du, was das heilige Öl ist?‘ ‚Das Sakrament, das die Sterbenden empfangen‘, antwortete sie. Ich wollte sie nicht beunruhigen und sagte daher: ‚Manchmal bewirkt sie aber auch die Gesundheit des Leibes.‘ Antonietta lehnte aber ab. ‚Es ist noch zu früh‘, sagte sie, und ich bestand nicht darauf. Als ihr der Priester später sagte, das heilige Öl vermehre die Gnade, antwortete Antonietta, die ihm aufmerksam zugehört hatte: ‚Ja, ich will es.‘ Sie antwortete ruhig auf alle Gebete, sprach das Reuegebet, streckte dem Priester ihre offenen Hände entgegen, damit er sie salbe. Sie küßte zärtlich das Kreuz ihrer Erstkommunion. Alles geschah in Ruhe und Schlichtheit.“
„Märtyrer sah ich wie Fackeln in den Flammen lodern und sich so ewig grüne Palmen bereiten“ schreibt Péguy in Das Mysterium der Unschuldigen Kinder . „Und rinnen sah ich unter den eisernen Klauen Blutstropfen, die wie Diamanten erstrahlten. Und rinnen sah ich Tränen der Liebe, die länger währen als alle Sterne am Himmel. Und die Blicke von Betern sah ich, Blicke der Zärtlichkeit, verloren in Liebe zum Nächsten [...] Die größten Heiligen hab' ich gesehen, spricht Gott. Ich aber sage, spricht Gott, nichts Schöneres kenne ich auf der Welt als dieses Kind, das einschläft beim Beten, und die Engel anlacht, während der Schlaf kommt. Nichts ist so schön wie dieses kleine Wesen, das einschlummert aus Vertrauen.“
Im Morgengrauen des 3. Juli 1937 trat der Vater an ihr Bett, rückte das Kissen zurecht, und als er ihr einen Kuß geben wollte, flüsterte Antonietta: „Jesus, Maria,... Mama, Papa...“ „Sie starrte vor sich hin“, erinnerte sich ihre Mutter, „lächelte, dann machte sie einen letzten langen Atemzug.“
Am nächsten Tag wurde der kleine weiße Sarg mitten durch die bewegte Menge in die Basilika Santa Croce in Gerusalemme getragen. Sechs Jahre zuvor, am 28. Dezember 1930, am Festtag der Unschuldigen Kinder, war Nennolina in derselben Basilika, wo die Reliquien vom Leiden Christi aufbewahrt werden, getauft worden.


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