DEBATTE
Aus Nr. 10 - 2004
Christen und „Christianisten“
Die Zivilisation des christlichen Europa wurde von Menschen erbaut, die keineswegs den Zweck verfolgten, eine „christliche Zivilisation“ zu erbauen. Wir verdanken sie Menschen, die an Christus glaubten, nicht Menschen, die an das Christentum glaubten. Interview mit Rémi Brague
von Gianni Valente

Die Kathedrale von Chartres. Szenen aus dem Leben Jesu auf den Glasfenstern der Kathedrale von Chartres, Frankreich (12./13. Jh.); unten, Jesus und seine drei Lieblingsapostel.
Das Buch Europe. La voie romaine – in 15 Sprachen übersetzt und inzwischen ein Klassiker –, das Brague 1992 geschrieben hat, dokumentiert den Beitrag, den Rom und die „Romanität“ zur Blüte der europäischen Zivilisation geleistet haben, von einem modernen und originellen Gesichtspunkt aus. Aber beim Durchblättern besagten Buches kommt man doch nicht umhin zu bemerken, daß der Professor, fast schon en passant, auch die Unterscheidung zwischen Christen und „Christianisten“ eingefügt hat...
Herr Professor, ich möchte gleich diesen letzten Gedanken aufgreifen. Sie definieren die Christen als diejenigen, welche an Christus glauben. Die „Christianisten“ dagegen sind jene, welche das Christentum herausstreichen und verteidigen, die christliche Zivilisation...
RÉMI BRAGUE: Das Wort „Christianist“ ist kein sehr schönes Wort. Aber es tut mir nicht leid, es vorgeschlagen zu haben. Zunächst einmal, weil es originell ist. Und dann, weil es die Leute dazu bringt, darüber nachzudenken, was sie wirklich wollen. Jene, welche den Wert des Christentums und seine positive Rolle in der Geschichte verteidigen, sind mir sicher sympathischer als jene, die das bestreiten. Ich will sie ganz gewiß nicht entmutigen. Ich wäre sogar froh darüber, wenn es in Frankreich mehr davon gäbe. Und das nicht, weil sie „objektive Alliierte“ sind, sondern weil das, was sie sagen, stimmt. Ein Dank an die „Christianisten“ also! Ich möchte nur auch daran erinnern, daß sich das Christentum nicht für sich selbst interessiert. Es interessiert sich für Christus. Und auch das Interesse Christi selbst gilt nicht seinem eigenen Ich: Es gilt Gott, den er in einer einzigartigen Weise nennt: „Vater“. Und dem Menschen, dem er einen neuen Zugang zu Gott vorschlägt.

Der wundersame Fischfang.
BRAGUE: Die Action française hat, nach dem 1. Weltkrieg, wahre und intelligente Christen für sich gewinnen können: Bernanos beispielsweise. Aber die Bewegung war letztendlich doch rein nationalistisch inspiriert. Frankreich war von der Kirche geformt worden. Und deshalb nannten sie sich Katholiken, weil man 100prozentige Franzosen wollte. Ihr wichtigster Kopf, Charles Maurras, war ein Jünger von August Comte; ein Bewunderer der griechischen Klarheit und der römischen Ordnung. Er bezeichnete sich als Atheist, aber Katholik. Die Kirche war für ihn eine Garantie gegen „das jüdische Gift des Evangeliums“. Im Grunde war es ein Götzendienst der schlimmsten Sorte: was sie taten, war Gott in den Dienst des Kultes ihrer selbst zu stellen. Ob es hier um den Einzelnen oder um die Nation geht, ändert letzten Endes nicht viel. Und den Götzen muß stets etwas Lebendiges geopfert werden, wie die – in Verdun oder anderswo hingeschlachtete – junge Generation Europas.
Man wirft der Kirche des öfteren vor, gewisse Wahrheitsgehalte nicht mit genügend Nachdruck zu verteidigen. Welches Bild der Kirche schwebt Ihnen vor?
BRAGUE: Diejenigen, die der Kirche das vorwerfen, wollen, daß sie „gewisse Werte verteidigt“, in Sachen moralische Regeln aber unnachgiebig ist. Aber sind wir auch sicher, daß sie selber diese Regeln befolgen? Wohl kaum... Sie wollen eine Organisation mit einer festen Linie, mit einer klar definierten „Nummer eins“. Ich frage mich, ob sie letztendlich nicht von einer Kirche mit dem Stempel der kommunistischen Partei der Sowjetunion träumen.
„Sekundär“ zu sein bedeutet zu wissen, daß das, was man vermittelt, nicht von einem selber kommt, und daß man es nur in prekärer, provisorischer Weise besitzt. Das bedeutet u.a., daß es keine historische Konstruktion gibt, die etwas Definitives hat. Alles muß stets überdacht, korrigiert, reformiert werden.
In diesen Tagen wird viel über die christlichen Wurzeln Europas und, allgemeiner, über die westliche Zivilisation diskutiert. Wie beurteilen Sie die Interpretation dieser Beziehung?BRAGUE: Das Christentum hat nichts Westliches. Es ist aus dem Osten gekommen. Unsere Vorfahren sind Christen geworden. Sie haben eine Religion angenommen, die ihnen zu Anfang fremd war. Die Wurzeln? Was für ein merkwürdiges Bild... Warum sollte man sich mit einer Pflanze vergleichen wollen? Wenn wir auf französisch „se planter“ sagen meinen wir: sich irren, einen Fehler machen... Wenn wir also schon unbedingt Wurzeln brauchen, sagen wir es doch mit den Worten Platons: wir sind in umgekehrter Richtung gepflanzte Bäume, unsere Wurzeln sind nicht auf der Erde, sondern im Himmel. Wir sind in dem verwurzelt, was, wie der Himmel, nicht erfaßt, nicht in Besitz genommen werden kann. Auf einer Wolke kann man keine Fahnen hissen. Und wir sind auch bewegliche Tiere. Das Christentum ist nicht auf die Europäer beschränkt. Es ist missionarisch. Glaubt, daß jeder Mensch das Recht hat, die christliche Botschaft zu kennen, daß es jeder Mensch verdient, Christ zu werden.
In Ihren Studien und Ihren Büchern haben Sie die unleugbare Beziehung, die zwischen Christentum und europäischer Zivilisation besteht, beschrieben. Wie stehen die Dinge tatsächlich?
BRAGUE: Die Zivilisation des christlichen Europa wurde von Menschen erbaut, die keineswegs den Zweck verfolgten, eine „christliche Zivilisation“ zu erbauen. Wir verdanken sie Menschen, die an Christus glaubten, nicht Menschen, die an das Christentum glaubten. Denken wir nur an Papst Gregor den Großen. Das, was er geschaffen hat – beispielsweise den Gregorianischen Gesang – hat Jahrhunderte überdauert. Und dann darf man nicht vergessen, daß er der Meinung war, das Ende der Zeit wäre nahe, es also keine „christliche Zivilisation“ geben würde, weil die Zeit dafür nicht mehr ausreichte. Er wollte nur ein bißchen Ordnung auf der Welt schaffen, bevor er für immer von ihr ging. Genauso, wie wenn man bei sich zuhause Ordnung schafft, bevor man verreist. Christus ist nicht gekommen, um eine Zivilisation zu erbauen, sondern, um die Menschen aller Zivilisationen zu retten. Das, was man „christliche Zivilisation“ nennt, ist nichts anderes als die Gesamtheit der „Nebenwirkungen“, die der Glaube an Christus auf die Zivilisationen hatte, die seinen Weg gekreuzt haben. Wenn man an Seine Auferstehung glaubt, und an die Auferstehung eines jeden Menschen in Ihm, sieht man alles in einem anderen Licht und handelt auch demzufolge, und zwar in jedem Bereich. Aber es dauert sehr lange, bis man sich dessen bewußt ist und das auch in die Tat umsetzen kann. Daher befinden wir uns vielleicht erst am Anfang des Christentums.

Der auferstandene Jesus und Maria Magdalena.












