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LITURGIE
Aus Nr. 12 - 2004

Die organische Entwicklung der Liturgie


Zwischen den radikalen Reformern und deren erbitterten Gegnern ist eine rechte Entwicklung der Liturgie nur im sorgenden Achten auf die inneren Baugesetze dieses „Organismus“ möglich.


von Joseph Ratzinger


Ambrosianisches Missal (Ende 11. Jh./Anfang 12. Jh.), Bibliothek Ambrosiana, Mailand.

Ambrosianisches Missal (Ende 11. Jh./Anfang 12. Jh.), Bibliothek Ambrosiana, Mailand.

Die Frage der rechten Feier der Liturgie ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einem zentralen Punkt des Streits um das II. Vatikanische Konzil, um seine Wertung und um die Weise seiner Aufnahme im Leben der Kirche geworden. Da gibt es die unerbittlichen Verteidiger der Reform, für die es einen unerträglichen Sündenfall bedeutet, daß unter bestimmten Bedingungen die Feier der heiligen Eucharistie nach der letzten Ausgabe des Missales vor dem Konzil – 1962 – wieder zugelassen worden ist. Zugleich freilich wird Liturgie als semper reformanda angesehen, so daß es am Ende die jeweilige „Gemeinde“ ist, die „ihre“ Liturgie macht, in der sie sich selbst ausdrückt. Ein protestantisches „Liturgisches Kompendium“ (herausgegeben Chr. Grethlein - Ruddat. 2003) hat kürzlich den Gottesdienst als „Reformprojekt“ vorgestellt (Seite 13-41) und damit die Bewußtseinslage auch vieler katholischer Liturgiker ausgedrückt. Da gibt es dann umgekehrt die erbitterten Kritiker der Liturgiereform – nicht nur ihrer konkreten Durchführung, sondern auch ihrer konziliaren Grundlagen. Sie sehen das Heil nur in der vollkommenen Ablehnung der Reform. Zwischen den beiden Gruppen von radikalen Reformern und ihren radikalen Verneinern verlieren sich die Stimmen derer, die Liturgie als etwas Lebendiges und daher in Aufnahme und Abschließung auch Wachsendes und sich Erneuerndes ansehen, aber aus der gleichen Logik heraus auch darauf bestehen, daß das Wachstum ohne Wahrung der Identität nicht sein kann und des weiteren betonen, daß rechte Entwicklung nur im sorgenden Achten auf die inneren Baugesetze dieses „Organismus“ möglich ist: Wie ein Gärtner das Lebendige in seiner Entfaltung begleitet, auf seine eigenen Lebenskräfte und ihre Gesetzlichkeit achtet, so müsse auch die Kirche ehrfürchtig den Weg der Liturgie durch die Zeiten begleiten, das Helfende und Heilende vom Gewalttätigen und Zerstörerischen unterscheiden.
Wenn es so ist, dann muß man die innere Bauart eines Ritus und seine Lebensgesetze zu erkunden versuchen, um so auch die rechten Wege zu finden, ihm seine Lebenskraft in den wechselnden Zeiten zu erhalten, zu stärken, zu erneuern. In diese Richtung des Denkens stellt sich das Buch von Alcuin Reid hinein. Es sucht in einem Durchgang durch die Geschichte des römischen Ritus (Messe und Brevier) von den Anfängen bis zum Vorabend des II. Vatikanischen Konzils die Prinzipien liturgischer Entwicklung zu ermitteln und damit von der Geschichte – von ihren Abstiegen und Aufstiegen – her Maßstäbe zu finden, die jeder Reform zugrunde liegen müssen. Das Buch gliedert sich in drei Kapitel. Im ersten, sehr knapp gehaltenen Kapitel wird die Reformgeschichte des römischen Ritus von den Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts untersucht. Das zweite Kapitel ist der Liturgischen Bewegung bis 1948 gewidmet. Das weitaus längste – das dritte - behandelt die Liturgiereform unter Pius XII. bis zum Vorabend des II. Vatikanischen Konzils. Dieser Teil ist deswegen sehr nützlich, weil diese Phase liturgischer Reform weitgehend aus dem Gedächtnis verschwunden ist, aber gerade in ihr – wie natürlich auch in der Geschichte der Liturgischen Bewegung – spiegeln sich alle Fragen nach der rechten Weise der Reform, so daß von da aus auch Urteilsmaßstäbe gewonnen werden können. Daß der Autor vor der Schwelle des II. Vatikanischen Konzils Halt gemacht hat, war eine sehr weise Entscheidung. Er vermeidet es so, in den Streit einzutreten, der mit der Interpretation und der Rezeption des Konzils verbunden ist und zeigt doch dessen geschichtlichen Ort und das Gefüge der verschiedenen Tendenzen auf, das für die Frage nach den Maßstäben der Reform grundlegend ist.
Am Schluß seines Buches benennt der Autor Prinzipien für die rechte Reform: Sie hält die Offenheit für Entwicklung und die Kontinuität mit der Tradition in geziemendem Ausgleich; sie weiß sich gebunden an eine objektive liturgische Tradition und achtet daher auf substantielle Kontinuität. Mit dem Katechismus der katholischen Kirche (KKK) betont der Autor, daß auch die höchste kirchliche Autorität die Liturgie nicht beliebig verändern kann, sondern Reform nur durchführen darf im Gehorsam des Glaubens und in ehrfürchtigem Achthaben auf das Geheimnis der Liturgie (Nr. 1125; im Buch Seite 289). Als Nebenkriterien begegnen schließlich die Legitimität lokaler Liturgietraditionen sowie das Anliegen pastoraler Effizienz.
Einige der damit kurz angedeuteten Maßstäbe liturgischer Erneuerung möchte ich aus meiner persönlichen Sicht noch besonders unterstreichen. Ich beginne mit den letzten beiden Hauptkriterien. Es scheint mir sehr wichtig, daß der KKK mit der Begrenzung der Vollmachten der höchsten kirchlichen Autorität in Sachen Reform genau das Wesen von Primat wieder ins Gedächtnis ruft, wie es vom I. und II. Vaticanum gezeichnet worden war: Der Papst ist nicht ein absoluter Monarch, dessen Wille Gesetz ist, sondern er ist der Hüter der authentischen Tradition und damit der erste Garant des Gehorsams. Er kann nicht machen, was er will und kann daher auch jenen entgegentreten, die ihrerseits machen wollen, was ihnen im Sinn steht. Sein Gesetz ist nicht die Beliebigkeit, sondern der Glaubensgehorsam. Daher hat er der Liturgie gegenüber die Funktion des Gärtners, nicht des Technikers, der neue Maschinen baut und alte zum Gerümpel wirft. Der „Ritus“, die im Glauben und Leben der Kirche gereifte Gestalt des Betens und Feierns, ist kondensierte Gestalt der lebendigen Überlieferung, in der ein Ritenraum das Ganze seines Glaubens und Betens ausdrückt und so zugleich die Gemeinschaft der Generationen erlebbar wird, die Gemeinschaft mit den Betern vor uns und nach uns. So ist der Ritus eine Vor-Gabe an die Kirche, lebendige Gestalt von Paradosis.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die „substantielle Kontinuität“ richtig zu interpretieren. Der Verfasser warnt uns ausdrücklich vor dem Irrweg, zu dem eine von der lebendigen liturgischen Gestalt abgelöste neuscholastische Sakramententheologie verführen könnte. Von ihr aus könnte man die „Substanz“ auf Materie und Form des Sakraments reduzieren und sagen: Brot und Wein sind die Materie des Sakraments, die Einsetzungsworte seine Form. Nur dies beides ist notwendig, alles andere kann geändert werden. An dieser Stelle können sich Modernisten und Traditionalisten die Hand reichen. Wenn nur die Materie da ist und die Einsetzungsworte gesprochen werden, dann steht alles zur freien Disposition. Nach dieser Devise handeln heute leider manche Priester, und die Theorien mancher Liturgiker gehen leider in die gleiche Richtung. Sie wollen den Ritus als etwas Starres überwinden und bauen ihre angeblich pastoralen Phantasiegebilde um diesen gerade noch gelassenen Kern herum, der damit entweder ins Magische abgedrängt wird oder überhaupt seinen Sinn verliert. Der Liturgischen Bewegung war es gerade darum gegangen, diesen Reduktionismus einer abstrakten Sakramententheologie zu überwinden und uns Liturgie als lebendiges Gefüge gestaltgewordener Tradition verstehen zu lehren, das man nicht in Stücke auseinanderreißen kann, sondern in seiner lebendigen Ganzheit sehen und leben muß. Wer wie ich in der Zeit der Liturgischen Bewegung am Vorabend des II. Vatikanischen Konzils von dieser Einsicht berührt wurde, kann nur mit großer Trauer vor der Zerstörung genau dessen stehen, worum es gegangen war.
Noch zwei weitere im Buch von Alcuin Reid aufscheinende Einsichten möchte ich kurz kommentieren. Gleichermaßen falsch sind Archäologismus und pastoraler Pragmatismus, der übrigens häufig ein pastoraler Rationalismus ist. Beide könnte man als ein unheiliges Zwillingspaar bezeichnen. Die Liturgiker der ersten Generation waren überwiegend Historiker. So neigten sie zum Archäologismus: Sie wollten die älteste Gestalt in ihrer Reinheit wieder ausgraben; die gegenwärtigen liturgischen Bücher mit den darin vorgegebenen Riten sahen sie als Ausdruck historischer Wucherungen an, in denen Mißverständnisse und Unkenntnis des Vergangenen gewirkt hätten. Man versuchte, die älteste römische Liturgie zu rekonstruieren und sie von allen späteren Zutaten zu reinigen. Daran war manches richtig, aber Liturgiereform ist doch etwas anderes als Ausgräberarbeit, und nicht alle Entwicklung des Lebendigen muß logisch nach einem rationalistisch-historistischen Maßstab sein. Dies ist auch der Grund, weshalb – wie der Verfasser zu Recht bemerkt – den Experten nicht das letzte Wort in der Liturgiereform zukommen darf. Experten und Hirten haben ihre je eigene Funktion (wie in der Politik Fachleute und Entscheidungsträger zwei verschiedene Ebenen darstellen). Die Erkenntnisse der Gelehrten sind wichtig, aber sie können nicht unmittelbar zu Entscheiden der Hirten werden, die ihre eigene Verantwortung behalten im Hören auf die Gläubigen, im verstehenden Mitvollzug dessen, was heute die Sakramente glaubend zu feiern hilft und was nicht. Es war eine der Schwächen der ersten Reformphase nach dem Konzil, daß die Fachleute weithin fast ausschließlich das Sagen hatten. Mehr Eigenständigkeit der Hirten wäre zu wünschen gewesen.
Mit dem Katechismus der katholischen Kirche (KKK) betont der Autor, daß auch die höchste kirchliche Autorität die Liturgie nicht beliebig verändern kann, sondern Reform nur durchführen darf im Gehorsam des Glaubens und in ehrfürchtigem Achthaben auf das Geheimnis der Liturgie.
Weil die Unmöglichkeit, historische Erkenntnis geradewegs zu neuer liturgischer Norm zu erheben, oft unmittelbar zu Tage liegt, hat sich der Archäologismus sehr leicht mit dem pastoralen Pragmatismus verbunden: Man ist zunächst entschieden, das nicht als ursprünglich und daher nicht als „substantiell“ Erkannte abzustreifen und ergänzt dann die „Ausgrabung“, wenn sie doch nicht auszureichen scheint, nach „pastoralen Einsichten“. Aber was ist pastoral? Die Urteile von intellektuellen Professoren über diese Frage waren häufig von ihren rationalen Vorstellungen bestimmt und gingen nicht selten vorbei an dem, was wirklich das Leben der Gläubigen trägt. So sucht man denn heute nach der weitgehenden Rationalisierung der Liturgie in der frühen Reformphase eifrig wieder nach Formen der Feierlichkeit, nach „mystischer“ Atmosphäre und nach ein wenig Sakralität. Weil aber notwendig und immer deutlicher die Urteile über das, was pastoral wirksam ist, weit auseinandergehen, ist das „Pastorale“ zur Einbruchsstelle der „Kreativität“ geworden, die die Einheit der Liturgie auflöst und uns häufig mit einer beklagenswerten Banalität konfrontiert. Damit sei nicht bestritten, daß die eucharistische Liturgie wie auch die Wortgottesdienste vielerorten ehrfürchtig und im besten Sinn „schön“ aus dem Glauben heraus gefeiert werden. Aber da wir nach den Maßstäben der Reform suchen, müssen eben auch die Gefahren benannt werden, die leider in den letzten Jahrzehnten keinesfalls bloß Hirngespinste reformfeindlicher Traditionalisten geblieben sind.
Ich möchte noch mal darauf zurückkommen, daß in einem liturgischen Kompendium Gottesdienst als Reformprojekt vorgestellt wurde und also als eine Baustelle, auf der man immerfort herumwerkelt. Wieder etwas anders gelagert und doch verwandt ist der Vorschlag katholischer Liturgiker, die Reform endlich der anthropologischen Wende der Neuzeit anzupassen und sie anthropozentrisch zu bauen. Wenn Liturgie in erster Linie als Werkstätte unseres Machens erscheint, wird das Eigentliche vergessen: Gott. Denn in der Liturgie geht es nicht um uns, sondern um Gott. Gottvergessenheit ist die bedrängendste Gefahr unserer Zeit. Liturgie müßte ihr gegenüber die Gegenwart Gottes aufrichten. Was aber geschieht, wenn in der Liturgie selbst die Gottvergessenheit einzieht und wir dabei nur noch an uns selber denken? Bei aller liturgischen Reform und bei jeder liturgischen Feier müßte zuallererst der Primat Gottes im Blickfeld stehen.
Damit bin ich nun über das Buch von Pater Alcuin hinausgegangen. Aber ich denke, es sei sichtbar geworden, daß das Buch mit seinem reichen Material uns Maßstäbe lehrt und zum Weiterdenken einlädt. Darum empfehle ich dieses Buch.


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