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Aus Nr. 12 - 2004

Die liebliche Muttergottes aus weißem Marmor


Ein heiliger Berg im Kleinformat, am westlichen Ufer des Comer Sees gelegen. Hier fand ein taubstummes Hirtenmädchen, als es gerade seine Herde an dem Ort weidete, wo laut Plinius dem Jüngeren in der Antike der Tempel der Göttin Ceres gestanden hatte, eine Statue der Muttergottes mit Kind. Und konnte wieder sprechen.


von Giuseppe Frangi


Der Glockenturm des Marienheiligtums Unsere Liebe Frau vom Beistand in Ossuccio, von dem aus man das herrliche Panorama bewundern kann, das von Bellagio nach Varenna, und bis hin zu den ersten Gipfeln der Alpen reicht.

Der Glockenturm des Marienheiligtums Unsere Liebe Frau vom Beistand in Ossuccio, von dem aus man das herrliche Panorama bewundern kann, das von Bellagio nach Varenna, und bis hin zu den ersten Gipfeln der Alpen reicht.

Ein heiliger Berg im Kleinformat, am westlichen Ufer des Comer Sees gelegen, wo das Wasser mehr als 400 gefährliche Meter tief ist. Darum herum eine Landschaft von atemberaubender Schönheit, lieblich und wild zugleich; beunruhigend, und doch einladend. Wir befinden uns in Ossuccio, einem Ort, auf den schon Plinius der Jüngere ein Auge geworfen hatte. Er hatte sich am anderen Ufer niedergelassen und in einem Brief an den Comer Bauherrn Mustius von einem der Göttin Ceres geweihten Tempel berichtet, „der sich einst inmitten dieser Landschaft erhob“ und der verfallen war, obwohl er viele Menschen angezogen hatte: „An den Iden des September versammelt sich dort immer eine große Menschenmenge; viele Geschäfte werden gemacht, so manches Gelübde abgelegt; aber es gibt keinerlei Zufluchtsstätte, die vor Regen oder Sonne Schutz bietet.“
Dieser Teil des Sees, der auf die Comacina-Insel blickt, gefiel aber nicht nur den Römern, sondern auch Manzoni (der in der Villa Beccari wohnte, nur wenige Kilometer entfernt), und so manchem Hollywood-Star (zuletzt George Clooney). Hier lieferten sich im Laufe der Jahrhunderte Lombarden und Byzantiner erbitterte Kämpfe, Berengarius II. und Otto I,. Mailänder und Friedrich Barbarossa.
Aber nicht nur die Geschichte dieser Stätten ist hörenswert – es gibt auch eine Episode zu berichten, die zwar weniger geschichts­trächtig ist, dafür aber das Schicksal dieses Herrgottswinkels nachhaltig geprägt hat. Die Geschichte eines taubstummen Hirtenmädchens, das, als es gerade seine Herde an dem Ort weidete, wo laut Plinius dem Jüngeren in der Antike der Tempel der Ceres gestanden hatte, eine Statue der Muttergottes mit Kind fand und wieder sprechen konnte. Ein genaues Datum kennt man nicht, aber die weiße Marmorstatue, die noch heute im Sanktuarium Unsere Liebe Frau vom Beistand steht, geht auf Anfang des 15. Jahrhunderts zurück. Es wird erzählt, daß die Gläubigen die Statue mehrmals in die „Collegiata“ der Insel gebracht hätten, doch diese wundersam immer wieder an den Ort zurückkehrte, wo man sie gefunden hatte. Bis man dann, Anfang des 16. Jahrhunderts, beschloß, dort eine Kirche zu bauen, in der die Statue untergebracht werden sollte. Ein Ort, der einem den Atem raubt: 200m über dem Seespiegel (419 über dem des Meeres), mit einer Aussicht über Bellagio bis hin nach Varenna und zu den ersten Alpengipfeln. Der erste, der davon sprach, war der Bischof von Como, Feliciano Ninguarda, der 1593 auf Pastoralbesuch hierher kam. In den Akten zu diesem Besuch heißt es: „Anderthalb Meilen mühsamen Weges sind zurückzulegen“; und dann: „Zuerst war da nur ein kleines Kapitell mit einer Abbildung der Jungfrau Maria, was noch immer zu sehen ist; doch dann hat man wegen einiger Wunderheilungen, die es hier gegeben hat, beschlossen, eine Kirche daraus zu machen.“ Auch dem heutigen Pilger bietet sich noch dieses Bild: eine weiße Marmorstatue, die einst mit goldenen Verzierungen versehen war, wie man am Saum des Gewandes noch erkennen kann. Maria, in feierlicher Pose, aber voller Süße, hat das stehende Kind auf ihrem Schoß; beide umgreifen mit der rechten Hand ein blumenbekränztes Zepter. Das Kind hält in der Linken einen kleinen Vogel. Die Muttergottes trägt eine Krone auf dem Kopf: ein Detail, das für den weiteren Verlauf der Geschichte ausschlaggebend ist.
Die Statue mit Krone fungiert nämlich heute als 15. Kapelle an einer Wegstrecke, die weiter unten beginnt: Am Rande eines Weges, der in sanften Kurven im Schatten von Platenen den Berg hinaufführt, befinden sich die anderen 14 Kapellen mit den Rosenkranzgeheimnissen. In Ossuccio wiederholt sich also, sozusagen im Kleinen, die schöne Vareser Tradition der heiligen Berge. Der Weg, ein Ort der Prozession, ist das Rückgrat; die Kapellen am Wegrand weisen den Weg und rufen mit ihren Statuen und Fresken das wach, was Objekt der Gebete der Gläubigen war.
Auch in Ossuccio ist der heilige Berg eng mit der Präsenz von Franziskanermönchen verbunden (noch heute wird das Sanktuarium von Kapuzinern der Abtei Acquafredda geleitet). Der Urheber des Projekts war ein Mönch nordischer Abstammung, Timotheus Snider, der zwischen 1645 und 1685 gute vierzig Jahre lang Baumeister war. Ein Bildnis im Innern des Heiligtums zeigt ihn uns mit dem Plan des Gebäudes in der Hand, wahrscheinlich einer der 14 Kapellen.
Aber der Fall des Mönches Snider führt uns zu einem der Schlüsselerlebnisse, denen das Marienheiligtum von Ossuccio seine Existenz verdankt. Hier fand nämlich ein lebhafter Kontakt mit Nord­europa statt, es war ein Ort der Emigration. Die Familien, die hier nicht von dem leben konnten, was der Boden hervorbrachte, ersannen allerlei Handelsgeschäfte, die ihnen lukrativere Einnahmen zusicherten. Die Geschichten dieses genialen Unternehmensgeistes hat Lucia Pini wieder ausgegraben; gestützt auf die Pfarreiarchive der Zone und das Staatsarchiv Como. Da ist beispielsweise die der Familie Brentano, die es in Deutschland durch den Verkauf der hier am See wachsenden Zitronen zu Reichtum gebracht haben soll (wenn man auch sagen muß, daß sie die Zitronen – über gekonnt dirigierte verwandtschaftliche Beziehungen – in Wahrheit aus Sizilien bezogen...). Da sind die Salice da Campo, die dagegen „Christusdorne“ verkauften, eine Stechpalme, die aus den Bergen von Ossuccio kam; oder die Familie von Andrea Cetti, aus dem nahegelegenen Lenno, der damit beauftragt worden war, die Münze des deutschen Kaisers Leopold zu prägen. All diese Familien, die sich ihrer Heimat tief verbunden fühlten, stifteten eine, zwei (die Brentanos), oder drei (die Cettis) Kapellen: und die jeweiligen Wappen zeigen den Pilgern noch heute, welche Werke der Nächstenliebe in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts vollbracht wurden.
Entlang dieses Weges liegen die 14 Kapellen, in denen jeweils ein Rosenkranz-Geheimnis dargestellt ist

Entlang dieses Weges liegen die 14 Kapellen, in denen jeweils ein Rosenkranz-Geheimnis dargestellt ist

Das Ergebnis ist sehenswert: 230 Statuen, Engel eingeschlossen, plus sechs Pferde und neun andere Tiere – und das alles in eleganten, aber sehr nüchternen Kapellen, mit zentralem Grundriss, die meisten davon mit Bogengang, um den Pilgern einen besseren Ausblick zu bieten. Den hier beschäftigten Künstlern stand eine große und schwierige Aufgabe bevor: wesentlich war vor allem die Rolle von Agostino Silva, einem Bildhauer aus Ticino und Sohn jenes Francesco, der schon für den heiligen Berg von Varallo verantwortlich gezeichnet hatte.
Wer in Ossuccio nach großartigen Meisterwerken wie in Varese oder Cerveno sucht, wird enttäuscht sein. Aber man muß doch sagen, daß aufrichtige Künstler am Werk waren, die es verstanden, mit wenigen Mitteln große Effekte zu schaffen. Und das ein oder andere Mal wird man hier unweigerlich gerührt sein: wenn man beispielsweise die sechs Figuren betrachtet, die einen Kropf haben – ein Zeichen dafür, wie weit verbreitet dieses Übel in einer so armen Bevölkerung war; Menschen, die im Elend lebten und sich nur schlecht ernähren konnten, fast ausschließlich von Kohl, der keine Proteine hat. Oder das demütige und liebreizende Antlitz Mariens in der Kapelle, die der Herabkunft des Heiligen Geistes gewidmet ist.
Es gibt auch Statuen zu sehen, die anmuten, als sollten sie die müden Pilger fast ein wenig aufmuntern, so kurios sind sie. Denken wir nur an die Soldaten, die aussehen, als kämen sie direkt von einer Modenschau. Ihr überaus elegantes Rüstzeug, besonders in der 8. Kapelle, der der Dornenkrönung, wirken reichlich deplaziert, fast schon anachronistisch. Zeigen sie doch, in einem Anflug von Eitelkeit, ihre schön verzierten Beinschafte. Doch was soll’s? So ist es nun einmal im Leben, und warum sollte es auf der Bühne der heiligen Berge anders sein?


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