Der Wunsch unserer seligen Vorgänger
Der Nachruf des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., auf Papst Wojyla.
von Bartholomaios I.

Bartholomaios I. und Johannes Paul II. in der vatikanischen Basilika, bei der Zeremonie der Überreichung eines Teils der Reliquien der Heiligen Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos, Bischöfe von Konstantinopel und Kirchenlehrer, an den Patriarchen von Konstantinopel (Rom, 27. November 2004).
Ich bin dem Papst im vergangenen Jahrzehnt viermal begegnet, von 1995 bis heute, und – wie die ganze Welt – konnte auch ich seine vielen Charismen erkennen und bewundern. Er war wirklich überaus charismatisch. Er hat mehr Reisen unternommen als jeder seiner Vorgänger, um die Botschaft des Evangeliums hinauszutragen in die Welt, die Botschaft des Friedens, der Gerechtigkeit, der Liebe, der Bruderschaft und der Zusammenarbeit unter den Menschen und den Völkern. In seinem Leben mußte er viele Prüfungen über sich ergehen lassen, ganz besonders in den 26 Jahren seines Pontifikats.
Wir hier im ökumenischen Patriarchat sind ihm besonders dankbar für den Besuch, mit dem er uns ca. ein Jahr nach seiner Wahl beehrte, um seine Disponibilität und seine Bereitschaft zu zeigen, für die Einheit der geteilten Christen tätig zu werden, besonders der Katholiken und der Orthodoxen; eine Einheit, die eine Erfordernis unserer Zeit ist, Willen des Herrn und Erfüllung des Gebets Jesu zu Seinem himmlischen Vater im Garten Getsemani, kurz vor seiner Passion: „damit alle eins sind.“ Deshalb ist er hierher gekommen und hat, gemeinsam mit meinem verehrten Vorgänger, Patriarch Dimitrios, im November 1979, am Tag unseres Thronfestes, die Einsetzung einer gemischten Kommission angekündigt, die sich dann schon bald mit der Entwicklung des theologischen Dialogs zwischen der orthodoxen Kirche und der römisch-katholischen Kirche befaßte.
Wir sind ihm aber auch dankbar für eine erst vor kurzem von ihm vollbrachte, großzügige Geste: die Erfüllung unserer Bitte der Rückgabe der heiligen Reliquien der großen heiligen Patriarchen von Konstantinopel und ökumenischen Lehrmeister, Gregor, dem Theologen, und Johannes Chrysostomos.
Unsere seligen Vorgänger, Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras, hegten diesen Wunsch nach Einheit aller, und durch ihre symbolische Umarmung – vor vierzig Jahren – an den Heiligen Stätten wurde ein neues Kapitel in der Geschichte der Christenheit aufgeschlagen. Was sich in den letzten vierzig/fünfzig Jahren im Bereich des ökumenischen Dialogs, der Annäherung und der Zusammenarbeit der Kirchen getan hat, hat dort seinen Ausgang genommen, an jenem Januar des Jahres 1964 in Jerusalem. Auch der verstorbene Papst Johannes Paul II., sowie der direkte Vorgänger [von Paul VI.] Johannes XXIII., haben diese Linie weiterverfolgt, und das hat auch mein seliger direkter Vorgänger Dimitrios getan, und auch ich verfolge sie mit meinen bescheidenen Kräften, weil ich fest an die Notwendigkeit des Friedens, der Einheit, der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Zeugnisses aller Christen in dieser unserer heutigen Welt glaube.