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FRONLEICHNAM
Aus Nr. 05 - 2005

Der einzige Sieg, der den Menschen glücklich macht


Das Fest der Dankbarkeit für den Triumph Jesu Christi über den Tod. Das ist Fronleichnam.


von Kardinal Joseph Ratzinger


Das Letzte Abendmahl, Heiligblutaltar, Holzskulptur, Tilman Riemenschneider, Sankt-Jakobskirche, Rothenburg ob der Tauber.

Das Letzte Abendmahl, Heiligblutaltar, Holzskulptur, Tilman Riemenschneider, Sankt-Jakobskirche, Rothenburg ob der Tauber.

Was bedeutet Fronleichnam für mich? Nun, zunächst Erinnerung an festliche Tage, in denen das Motto ganz wörtlich genommen wurde, das Thomas von Aquin mit einer seiner Fronleichnams-Hymnen für diesen Anlaß geprägt hat: Quantum potes tantum aude – Was du kannst, das sollst du wagen, ihm gebührend Lob zu sagen... Diese Verse erinnern übrigens an ein Wort, das Justinus der Märtyrer schon im 2. Jahrhundert formuliert hat. In seiner Darstellung der christlichen Liturgie schreibt er, der Vorsteher, das heißt der Priester, solle bei der Eucharistiefeier Gebete und Danksagungen emporschicken „mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung steht“. An Fronleichnam fühlt sich nun die ganze Gemeinde in diesen Auftrag gerufen: Was du kannst, das sollst du wagen. Ich spüre noch den Duft, der von den Blumenteppichen und von den frischen Birken ausging; der Schmuck an allen Häusern gehört dazu, die Fahnen, die Gesänge; ich höre noch die dörfliche Blasmusik, die an diesem Tag manchmal sogar mehr wagte, als sie konnte, und ich höre das Krachen der Böller, mit denen die Burschen ihre barocke Lebensfreude ausdrückten, aber dabei eben doch Christus wie ein Staatsoberhaupt, ja als das Oberhaupt, als den Herrn der Welt auf ihren Straßen und in ihrem Dorf begrüßten. Die immerwährende Anwesenheit Christi wurde an diesem Tag gleichsam als ein Staatsbesuch begangen, der auch das kleinste Dorf nicht auslässt.
Fronleichnam – das ist dann auch Erinnerung an die Fragen, die die liturgische Erneuerung mit ihren theologischen Erkenntnissen aufgab. Ist es eigentlich richtig – so fragten wir uns nun –, Eucharistie einmal im Jahr als Staatsbesuch des Herrn der Welt mit allen Zeichen triumphaler Freude zu begehen? Wir wurden daran erinnert, daß die Eucharistie im Abendmahlssaal eingesetzt wurde und von dort her ihr bleibendes Maß nimmt. Die Zeichen von Brot und Wein, die der Herr für sie gewählt hat, weisen auf das Empfangen hin. Die rechte Weise, für die Einsetzung des Sakraments zu danken, ist daher die Eucharistiefeier selbst, in der wir seinen Tod und seine Auferstehung begehen und von ihm her zur lebendigen Kirche aufgebaut werden. So schien alles andere eigentlich ein Mißverständnis der Eucharistie zu sein. Dazu kam noch die erschrockene Abwehr von allem, was nach Triumphalismus aussah: das schien mit dem Sündenbewusstsein der Christen und mit der Tragik der Weltlage nicht vereinbar. So wurde Fronleichnam zur Verlegenheit. Das maßgebende zweibändige Handbuch der Liturgiewissenschaft, das in den Jahren 1963 bis 1965 erschien, erwähnt denn auch Fronleichnam in seiner Darstellung des Kirchenjahres überhaupt nicht. Es bringt lediglich verschämt eine gute Seite darüber unter der Überschrift: „Eucharistische Andachten“; es versucht sich in seiner Verlegenheit mit dem eher abstrusen Vorschlag zu helfen, man solle die Fronleichnamsprozession mit einer Krankenkommunion abschließen, denn eigentlich sei die Krankenkommunion der einzige Fall, wo eine Prozession, ein Weg mit der Hostie, einen funktionellen Sinn habe.
Das Konzil von Trient war da weniger verkrampft gewesen. Es hatte gesagt, Fronleichnam sei dazu da, um Dank und Erinnerung an den gemeinsamen Herrn wachzurufen1. Hier begegnen uns also in wenigen Worten gleich drei Motive. Fronleichnam soll der Gedächtnislosigkeit des Menschen entgegenwirken; es soll ihn dankbar machen und es hat mit Gemeinsamkeit zu tun, mit der vereinigenden Kraft, die von dem Hinblick auf den einen Herrn ausgeht. Dazu gäbe es eine Menge zu sagen. Sind wir nicht gerade in der Zeit des Computers, der Sitzungen und der Terminkalender, die sogar von Schulkindern geführt werden, entsetzlich gedankenlos und gedächtnislos geworden?
Die Psychologen sagen uns, daß das rationale Tagesbewusstsein nur die Oberfläche des Ganzen unserer Seele ist. Aber wir sind so von diesem Vordergrund gejagt, daß die Tiefe sich nicht mehr zu Wort melden kann. Im letzten macht das den Menschen krank, weil er das Eigentliche nicht mehr hört; er lebt gar nicht mehr sich selbst, sondern wird vom Zufälligen und Oberflächlichen gelebt. Damit hängt unser Verhältnis zur Zeit zusammen. Unser Verhältnis zur Zeit ist das Vergessen. Wir leben im Augenblick. Wir wollen sogar vergessen, weil wir das Alter und den Tod leugnen. Aber dieses Vergessenwollen ist in Wirklichkeit eine Lüge, und so schlägt es um in den aggressiven Schrei nach der Zukunft, der die Zeit zerschlagen will. Aber auch diese Zukunftsromantik, die der Zeit nicht mehr untertan sein mag, ist eine Lüge, die Mensch und Welt zerstört. Die einzige Weise, die Zeit wirklich zu bewältigen, ist die Vergebung und die Dankbarkeit, die Zeit als Gabe empfängt und sie in der Dankbarkeit verwandeln läßt.
Gott Vater hält den Leib Jesu Christi, Holzskulptur, 
Tilman Riemenschneider, Nationalmuseum, Berlin.

Gott Vater hält den Leib Jesu Christi, Holzskulptur, Tilman Riemenschneider, Nationalmuseum, Berlin.

Aber kommen wir auf Trient zurück. Da steht nämlich nun ganz ungeschützt der Satz, daß an Fronleichnam der Sieg Christi über den Tod, sein Triumph begangen werde. Wie unser bayerisches Brauchtum Christus als den großen Staatsgast geehrt hatte, so wird hier auf den altrömischen Brauch zurückgegriffen, den siegreich heimgekehrten Feldherrn mit einem Triumphzug zu ehren. Sein Feldzug war gegen den Tod gerichtet, der die Zeit verzehrt und uns damit zu der Lüge nötigt, die die Zeit vergessen und zerstören will. Nur wenn es eine Antwort auf den Tod gibt, hat der Mensch überhaupt etwas zu lachen. Aber umgekehrt: wenn es eine Antwort darauf gibt, dann ist sie die eigentliche und gültige Ermächtigung zur Freude – das, was eigentlich ein Fest begründen kann. Die Eucharistiefeier ist ihrem Kern nach die Antwort auf die Todesfrage, die Begegnung mit der Liebe, die stärker ist als der Tod. Fronleichnam ist Antwort auf diese Mitte des eucharistischen Geheimnisses. Einmal im Jahr stellt es die triumphale Freude über diesen Sieg groß in die Mitte und geleitet den Sieger im Triumphzug durch die Straßen. Die Fronleichnamsfeier verstößt daher auch nicht gegen den Primat des Empfangens, der in den Gaben von Brot und Wein ausgedrückt ist. Im Gegenteil, sie bringt erst vollends ans Licht, was empfangen in Wahrheit heißt: es bedeutet, daß wir dem Herrn den Empfang geben, der dem Sieger gebührt. Ihn empfangen heißt, ihn anbeten; ihn empfangen, das bedeutet von selbst: Quantum potes tantum aude – Was du kannst, das sollst du wagen.
Das Konzil von Trient schließt seine Ausführungen über Fronleichnam mit einem Satz, der unseren ökumenischen Ohren weh tut und der gewiß nicht unerheblich dazu beigetragen hat, das Fest bei unseren evangelischen Brüdern in Misskredit zu bringen. Wenn man aber seine Formulierungen von der Leidenschaft des 16. Jahrhunderts reinigt, dann kommt überraschend Positives und Großes zutage. Aber hören wir zunächst einfach, was da gesagt wird. Im Konzilstext heißt es, Fronleichnam müsse den Triumph der Wahrheit derart darstellen, daß „deren Gegner angesichts solchen Glanzes und einer solchen Freude der ganzen Kirche entweder... dahinschmelzen oder aber von Scham erschüttert endlich zur Einsicht kommen“2. Wenn wir das von der Polemik befreien, so heißt es: Die Kraft, mit der die Wahrheit sich durchsetzt, muß die Freude sein, in der sie sich ausweist. Einheit kommt nicht durch Polemik und auch nicht durch akademische Theorien zustande, sondern durch Ausstrahlung der österlichen Freude; sie führt in die Mitte des christlichen Bekenntnisses, das da heißt: Jesus ist auferstanden. Sie führt in die Mitte des Menschseins, das auf diese Freude mit allen Fasern wartet. So wird die österliche Freude als das eigentliche Element des Ökumenischen und des Missionarischen gekennzeichnet; in ihr sollten die Christen miteinander wetteifern und an ihr sich der Welt zu erkennen geben. Dazu ist Fronleichnam da. Und das ist der tiefste Sinn des Mottos: quantum potes tantum aude – biete allen Glanz des Schönen auf, wenn es gilt, die Freude aller Freuden auszudrücken. Die Liebe ist stärker als der Tod, Gott ist in Jesus Christus mitten unter uns.

Anmerkungen
1„Aequissimum est enim sacros aliquos statutos esse dies, cum christiani omnes singulari ac rara quadam significatione gratos et memores testentur ani­mos erga communem Dominum et Redemptorem pro tam ineffabili et plane divino beneficio, quo mortis eius victoria et triumphus repraesentatur (Es ist nämlich richtig, daß einige heilige Tage festgelegt sind, an denen alle Christen durch eine besondere und gewissermaßen seltene Kundgebung ihre dankbare und erkenntliche Gesinnung gegenüber dem gemeinsamen Herrn und Erlöser bezeugen angesichts der so unaussprechlichen und eindeutigen göttlichen Wohltat, durch die der Sieg und der Triumph seines Todes dargestellt wird)“. Decr. de. dc. Eucharestia (Sessio XIII, 11.10.1551), Kap. 5, DS 1644.
2 „…Ut eius adversarii, in conspectu tanti splendoris et in tanta Ecclesiae laetitia positi, vel debilitati et fraeti tabescant, vel pudore affecti et confusi aliquando resipiscant.“ Ebd.


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