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RATZINGER: STUDENT IN...
Aus Nr. 01/02 - 2006

Wie Ratzinger den englischen Kardinal entdeckte, der vom Anglikanismus kam.

Newman, die Nazis und Freund Alfred



von Joseph Card. Ratzinger


Kardinal John Henry Newman. 
„Newman war für uns nicht nur ein Thema, er war unsere Leidentschaft,“ kommentiert Prof. Läpple.

Kardinal John Henry Newman. „Newman war für uns nicht nur ein Thema, er war unsere Leidentschaft,“ kommentiert Prof. Läpple.

Als ich im Januar 1946 in dem nach den Kriegswirren endlich wiedereröffneten Freisinger Priesterseminar mein Studium der Theologie beginnen konnte, fügte es sich, daß unserer Gruppe ein älterer Student als Präfekt zugeteilt wurde, der noch vor Kriegsbeginn an einer Dissertation über Newmans Theologie des Gewissens zu arbeiten begonnen hatte. In all den Jahren seines Einsatzes im Krieg hatte er dieses Thema nicht aus den Augen verloren, das er nun mit neuer Begeisterung und Energie aufgriff. Schon bald verband uns eine persönliche Freundschaft, die ganz um die großen Probleme der Philosophie und der Theologie kreiste. Daß Newman dabei immer gegenwärtig war, versteht sich von selbst. Alfred Läpple – er war der genannte Präfekt – hat dann 1952 seine Dissertation unter dem Titel „Der einzelne in der Kirche“ veröffentlicht; leider ist der dort angekündigte zweite Band ungedruckt geblieben.
Newmans Lehre vom Gewissen wurde für uns damals zu einer wichtigen Grundlegung des theologischen Personalismus, der uns alle in seinen Bann zog. Unser Menschenbild wie unser Bild von der Kirche wurde von diesem Ausgangspunkt her geprägt. Wir hatten den Anspruch einer totalitären Partei erlebt, die sich selbst als die Erfüllung der Geschichte verstand und das Gewissen des einzelnen negierte, einer ihrer Führer hatte gesagt: „Ich habe kein Gewissen: Mein Gewissen ist Adolf Hitler.“ Die ungeheure Verwüstung des Menschen, die daraus folgte, stand uns vor Augen.

Aus der Predigt von Joseph Card. Ratzinger zum 100. Todestag
von Kardinal John Henry Newman. Rom, 28. April 1990.


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