Don Macchi
An jedem 6. August, Fest der Verklärung des Herrn und Todestag von Papst Paul VI., war Don Macchi in der Peterskirche bei der Seelenmesse dabei. Wo er mit Freude feststellen konnte, daß sich die Zahl der Teilnehmer nicht verringert hatte. Ganz im Gegenteil: man hatte die Feier von der Kapelle in den Vatikanischen Grotten in die Basilika verlagern müssen.
Giulio Andreotti

Paul VI. mit seinem Sekretär Pasquale Macchi in den Vatikanischen Gärten.
Nach Rom kam Macchi aber auch bei anderen Gelegenheiten im Lauf des Jahres, wo er bei zwei Freunden wohnte: Pater Carlo Cremona und Mons. Donato De Bonis. Sie sind jetzt dort oben.
Die Erinnerung an seinen Papst hat sich Don Macchi stets mit kindesgleicher Zuneigung und großer Intelligenz bewahrt, besonders die Öffnung der zeitgenössischen Kunst gegenüber, der in den neuen Sälen der Vatikanischen Museen Ehre getan wurde. Dazu gibt es eine amüsante Geschichte zu berichten. Als die Preise für die Litographien Chagalls vor fünfzig Jahren erschwinglich geworden waren, erwarb ich in Paris eine aus der biblischen Reihe, die in meinem Arbeitszimmer einen Ehrenplatz erhielt. Don Macchi gab mir höflich zu verstehen, daß sie gut in den Vatikan passen würde: nun gut! Nur kurze Zeit später war meine Frau, bei einem Besuch im Museum (anlässlich des Erwerbs der Werke Manzùs), sehr überrascht darüber, wie sehr die Litographie Chagalls... der meinen ähnelte.
Warum hat Macchi in seinem Tagebuch nicht davon berichtet? Ich glaube, daß er, solange Mons. Curoni noch lebte, Angst hatte, daß die Richter ihn und den Mailänder Kaplan dazu hätten nötigen können, den Namen des Häftlings zu nennen, von dem der Vorschlag gekommen war. Erlaubt unsere Strafgesetzgebung, nicht zu antworten unter Berufung auf das Beichtgeheimnis? Wie dem auch sei: gerade am 9. Mai,
dem Tag, an dem Moro ermordet wurde, stand der falsche Mittelsmann kurz davor,
ein angeblich definitives Gespräch zu führen.
Aber was Macchi (und Papst Montini) bewegte, war nicht
nur Kunstbegeisterung. Er war ein Mittel, um das Evangelisierungs-Apostolat
auch in diesem von der Kirche so gut wie vergessenen Ambiente
auszuüben. Macchi machte in Loreto, und auch danach, weiter. Man
muß nur an seine Unterstützung Floriano Bodinis denken, mit den
beiden Statuen Pauls VI. am Heiligen Berg von Varese und in der Aula Nervi.
Eines der interessantesten Bücher Macchis ist das Tagebuch über die schrecklichen Wochen der Entführung und Ermordung Aldo Moros. Fast jeden Abend kam Don Pasquale zu mir nach Hause, um den Papst auf dem Laufenden zu halten, ein mögliches Eingreifen abzusprechen, einander Trost zu spenden. In dem Buch bleibt nur eines unerwähnt; die Hypothese einer Lösegeldzahlung, die der Hl. Stuhl nur allzu bereitwillig geleistet hätte. Das stand nicht – wie die politischen Verhandlungen mit den Roten Brigaden – in unüberwindlichem Widerspruch zu gewissen Prinzipien, und so ermutigte ich ihn. Durch den Koordinator für die Gefangenenseelsorge Mons. Curoni hatte ein Mailänder Kaplan dieses Ansinnen vermittelt. Aber war er auch ein gültiger Mittelsmann? Macchi sagte mir, daß man einen „Beweis“ für tatsächlich bestehende Kontakte von ihm gefordert hatte. Er gab ihn, indem er sagte, daß die Mitteilung der Roten Brigaden vom Tag darauf nicht ernst zu nehmen sei. Jene aufsehenerregende Mitteilung, mit der der Tod Aldos angekündigt wurde, dessen Leichnam, wie man sagte, in den Duchessa See bei Rieti geworfen worden wäre. Es gab große Aufregung, eine fieberhafte Suche vor Ort, wo tatsächlich ein Leichnam gefunden wurde, aber nicht der Moros. Die Roten Brigaden beeilten sich, die Unwahrheit der Mitteilung kundzutun und machten fast schon glauben, daß es sich um ein Regierungsmanöver gehandelt hatte. Doch dann kam der tragische 9. Mai mit der Ermordung Moros und der emblematischen Auffindung des Leichnams in der Via delle Botteghe Oscure.

Mons. Pasquale Macchi bei der Vorstellung seines Buches Paolo VI e la tragedia di Moro (15. Juni 1998).
Warum hat Macchi in seinem Tagebuch nicht davon berichtet? Ich glaube, daß er, solange Mons. Curoni noch lebte, Angst hatte, daß die Richter ihn und den Mailänder Kaplan dazu hätten nötigen können, den Namen des Häftlings zu nennen, von dem der Vorschlag gekommen war. Erlaubt unsere Strafgesetzgebung, nicht zu antworten unter Berufung auf das Beichtgeheimnis? Wie dem auch sei: gerade am 9. Mai, dem Tag, an dem Moro ermordet wurde, stand der falsche Mittelsmann kurz davor, ein angeblich definitives Gespräch zu führen.
Die Hoffnung darauf, daß das Ganze keinen tragischen Ausgang nehmen würde, war in den letzten Tagen von dem Brief Moros genährt worden, in dem er dem Wunsch Ausdruck gegeben hatte, von der christdemokratischen Fraktion in die „gemischte“ Fraktion überzuwechseln. Ein Versuch, sein Leben zu retten, indem er seine Entführer glauben machte, daß er – am Leben und in Freiheit – unerbittlich gegen uns und die Kommunisten vorgegangen wäre.
Das Buch Don Macchis läßt zu einem Punkt keinen Zweifel offen. Als Paul VI. den Brief an die Entführer schrieb, sie anflehte, Moro ohne Bedingungen zu stellen, freizulassen, hatte er das aus freien Stücken getan.
Wie der Papst die Tragödie aufgenommen hat, zeigte sich dann in St. Johann im Lateran, wo er nicht nur die Mörder anprangerte, sondern auch mit Gott haderte, der seine Gebete nicht erhört hatte.
Bei vielen Anlässen – wenngleich nicht vergleichbar mit dieser – hat Macchi die Befehle Pauls VI. treu ausgeführt. Die Liebe des Papstes – im weitesten Sinne des Wortes – war unendlich. Für Don Macchi war das stets erbaulich.