Notizen zur vierten Vorlesung von Don Giacomo Tantardini zum Thema „Augustinus, Zeuge der Tradition“, Mittwoch, 18. Mai 2004 Universität Padua – Akademisches Jahr 2003-2004
Studientagungen zur Aktualität des Augustinus
Plus enim erat amicos docere humilitatem, quam inimicis exprobrare veritatem In der Tat war es wichtiger, die Freunde die Demut zu lehren als die Feinde mit der Wahrheit herauszufordern. (Augustinus, Sermo 284)
von Giacomo Tantardini

Die Ungläubigkeit des Thomas, Caravaggio, Potsdam-Sanssouci, Bildergalerie.
Rektor der Universität Padua
Ich freue mich, die hier anwesenden Studenten, Dozenten, Behördenvertreter und auch alle anderen begrüßen zu dürfen, die gekommen sind, um heute mit uns diese Woche ausklingen zu lassen, die ganz im Zeichen der Aktualität des Augustinus stand.
Unsere Studientagungen sind für die Universität und für mich inzwischen zu einer lieben Gewohnheit geworden, und so werden Sie mir sicher erlauben, nicht nur meine Zufriedenheit über die Form der lectio (die, wie man sieht, immer wieder geschätzt wird) zum Ausdruck zu bringen, sondern auch über die Organisation (der sich wichtige Studentenvereinigungen angeschlossen haben) und das von der Öffentlichkeit, den Behördenvertretern und Massenmedien gezeigte Interesse.
Daß ein Gelehrter weltweit so große Beachtung findet, ist ausgesprochen ungewöhnlich. Wir konnten des öfteren feststellen, daß wir es hier mit einem der ganz großen Denker zu tun haben – und das durchaus nicht nur in Sachen Kirchengeschichte. Aber er ist sicher nicht der einzige, auf den diese beiden Eigenschaften zutreffen.
Augustinus scheint in letzter Zeit ohnehin großes allgemeines Interesse zu finden. Auf der gerade erst ausgeklungenen Mailänder Ausstellung „Ambrosius und Augustinus“ wurde viel über ihn gesprochen, und auch der Città-Nuova-Verlag hat erst vor kurzem seine Gesammelten Werke in italienischer Übersetzung herausgegeben.
Aber auch die Tageszeitungen schreiben immer wieder über Augustinus – und das keinesfalls nur zu besonderen Anlässen. Besonders beeindruckend fand ich eine in Sole 24Ore erschienene Artikelreihe über den Heiligen aus Hippo. Der Titel einer dieser Artikel scheint genau dem Motto unserer eigenen Augustinus-Tagungen zu entsprechen: „‚Den Geist nährt nur das, was ihn erfreut‘: in diesem Motto liegt der Schlüssel zu seiner Aktualität.“
In der Tat flößt uns die Gestalt des Augustinus – wie sie uns auch dank Don Tantardini in den vergangenen Jahren wieder nahegebracht wurde –, unweigerlich Respekt ein, erfüllt uns mit der Bewunderung, die man angesichts eines so herausragenden Philosophen und Theologen unweigerlich empfinden muß. Ihm haftet eine Frische an, die ihm wie eine ganz persönliche und besondere Gabe geschenkt zu sein scheint und unweigerlich den Wunsch wachsen läßt, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen, was wir auf unseren Studientagungen ja auch getan haben.
Ich glaube, daß das Geheimnis seiner Faszination gerade in dieser durch die Studientagungen der letzten Jahre vermittelten Frische liegt. Und hier ist wohl auch der Grund dafür zu suchen, warum die Vorlesungen über Augustinus von so vielen – Dozenten und Studenten aller Fakultäten – geschätzt wurden. Ich möchte Ihnen allen also meinen tiefempfundenen Dank aussprechen in der Hoffnung, daß diese schöne Tradition fortgesetzt wird.
Ich kann Ihnen schon jetzt versichern, daß Sie stets mit meiner Unterstützung und der der von mir repräsentierten Universität rechnen können, die auch im kommenden Jahr gerne bereit sein wird, Sie, zusammen mit Don Giacomo, hier in dieser Aula magna zum achten Augustinus-Zyklus zu empfangen.
Don Giacomo Tantardini
Ihnen allen meinen herzlichen Dank für das ehrliche Interesse, mit dem Sie an unseren Begegnungen teilgenommen, mir meine mangelnde Kompetenz stets so großzügig nachgesehen haben. Ein kleiner Trost ist mir hierbei ein Gedanke des Augustinus: „Melius est reprehendant nos grammatici quam non intelligant populi / Es ist besser, daß uns die Intellektuellen kritisieren als daß uns die Einfachen nicht verstehen“1. Besonders danken möchte ich dem Rector magnificus für seine herzlichen Worte wie auch für die so besonders liberale Gastfreundschaft, die unsere Tagungen an dieser Universität stets erfahren haben.
Unser heutiges Treffen steht ganz im Zeichen einer lectio brevis, und das auch, weil es die letzte Begegnung im Monat Mai ist und wir schließlich Prüfungszeit haben, Vor-Ferienzeit sozusagen. Ich möchte Ihnen also nur zwei Passagen vorlesen. Die erste wurde an Sie alle ausgegeben, die zweite können Sie in der Beilage zur letzten Nummer von 30Giorni2 finden. Es handelt sich dabei um die Abschrift der letzten Vorlesung, der dritten in diesem Jahr.
Das Thema dieser Begegnung, der Lesungen von heute, könnte man wie folgt formulieren. Letztes Mal habe ich darauf hingewiesen, daß nicht wir das Subjekt des christlichen Zeugnisses sind, sondern Jesus Christus. Das Zeugnis ist die Geste Seiner lebendigen, wirkenden Präsenz. Das ist das Zeugnis über Jesus Christus (vgl. 1Kor 1, 6)3. Wenn also das Subjekt des Zeugnisses seine lebendige, wirkende Präsenz ist, in welchem Sinne sind dann auch wir, wie die Jünger des Herrn, Zeugen für Ihn, „Zeugen Seiner Auferstehung“ (vgl. Apg 1, 22)? Die Antwort auf diese Frage wird sozusagen von dem Satz des Augustinus vorweggenommen, den ich als Titel des von 30Giorni herausgegebenen Büchleins vorgeschlagen habe: „In parvulis sanctis ecclesia Christi diffunditur“4. Die Kirche Christi verbreitet sich durch kleine Heilige, durch heilige Kinder. In den beiden Lesungen von heute werden wir versuchen, diesen Ausspruch auch anhand von Bildern anschaulich und verständlich zu machen. Heilige Kinder bedeutet einfache, demütige Leute5, in deren Gesichtern und alltäglichen Gesten sich die Präsenz, die Herrlichkeit des Herrn wiederspiegelt. Das christliche Zeugnis ist der Widerschein einer Präsenz. „Wir alle spiegeln […] die Herrlichkeit des Herrn wider“ (vgl. 2Kor 3, 18).
1. Sermo 284, 6
Beginnen wir mit der Lesung. Die erste Passage ist einer Homilie entnommen, die Augustinus in Karthago gehalten hat. Der Bischof jener Kirche hatte ihn zum Fest der heiligen Märtyrer Marianus und Jakobus eingeladen, das am 6. Mai begangen wurde. Augustinus begab sich also nach Karthago und hielt bei der Eucharistiefeier diese Homilie. Die fragliche Passage findet sich am Ende dieser Homilie für die große Gemeinschaft von Karthago. Verglichen mit dem kleinen Hippo war Karthago fast schon eine Metropole.
„Propter nos pati voluit Christus. / Christus wollte für uns leiden. / Ait apostolus Petrus: ‚Pro vobis passus est, relinquens vobis exemplum, ut sequamini vestigia eius‘. / Der Apostel Petrus sagt: ‚Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt‘. / Pati te docuit, / Er hat dich gelehrt, das Leiden zu ertragen / et patiendo te docuit [wie hat er dich gelehrt, das Leiden zu ertragen?] / und er hat es dich gelehrt, indem er selbst seine Passion erlitten hat. / Parum erat verbum, nisi adderetur exemplum. / Was wäre ein Wort gewesen, wenn es nicht vom Vorbild begleitet gewesen wäre. / Et quomodo docuit, fratres? / Und wie hat er uns gelehrt, oh Brüder? / Pendebat in cruce, / Er hing am Kreuz, / Iudaei saeviebant / die Juden ließen ihre ganze Grausamkeit an ihm aus.“ Der Begriff Juden steht hier lediglich für jene, die unter dem Kreuz standen und seinen Tod wollten, denn auch Jesus war Jude. Maria, seine Mutter, und die ersten Jünger waren alle Juden6. Mit Juden ist hier also kein Volk als Ganzes gemeint, sondern nur einzelne Personen dieses Volkes;
„in asperis clavis pendebat, sed lenitatem non amittebat. / er ward ans Kreuz geschlagen mit harten Nägeln, und blieb doch stets voll Sanftmut. / Illi saeviebant, illi circumlatrabant, illi pendenti insultabant; / Sie ließen ihre ganze Grausamkeit an ihm aus, und als er so hing am Kreuz mußte er die wüstesten Beschimpfungen und Beleidigungen über sich ergehen lassen;/ quasi uno summo medico in medio constituto, phrenetici, circumquaque saeviebant. / der einzige oberste Medicus war dort, von Rasenden umgeben, die ihre ganze Grausamkeit an ihm ausließen [summo: der nicht seinesgleichen hat, mit nichts verglichen werden kannn; Medicus: einer, der fähig ist, ihr Herz zu heilen]. / Pendebat ille, et sanabat. / Er hing am Kreuz und heilte [Aber wie heilte er?] / ‚Pater’ inquit ‚ignosce illis, quia nesciunt quid faciunt‘. / ‚Vater,‘ sagte er, ‚vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‘. “ So heilte er: indem er Vergebung übte. Die von der Ursünde verletzte menschliche Natur kann nicht durch eine lange ethisch-religiöse Askese geheilt werden, sondern durch die Vergebung: „Vater, vergib.“
„Petebat, et tamen pendebat“: Augustinus spricht als großer Rhetor. Die Konversion des Augustinus hat – wie bei der christlichen Konversion üblich – all seine menschlichen, natürlichen, auch kulturellen, Eigenschaften, Fähigkeiten zur Enfaltung kommen lassen.
„Petebat, et tamen pendebat; / Er betete [bat] und hing doch am Kreuz; / non descendebat / stieg nicht vom Kreuz herab, / quia de sanguine suo medicamentum phreneticis faciebat / weil er sein Blut zur Medizin für jene machte, die ihre ganze Grausamkeit an ihm ausließen / Denique quia verba petentis Domini, eiusdemque misericordiam exaudientis, quia Patrem petiit, et cum Patre exaudivit; / Und schließlich, weil die Worte des Herrn, der um Barmherzigkeit bat, [‚Vater, vergib ihnen denn sie wissen nicht, was sie tun‘] auch die Worte Dessen waren, der [wie Gott] ihnen lauschte, weil er [als Mensch] den Vater bat, und [als Gott] mit dem Vater erhörte [als Mensch bat er um Vergebung, und als Gott gewährte er diese Bitte um Vergebung], / quia illa verba non potuerunt inaniter fundi / weil diese Worte nicht umsonst ausgesprochen worden sein konnten / post resurrectionem suam sanavit quos pendens insanissimos toleravit / heilte er nach seiner Auferstehung all jene, die er, als er am Kreuz hing, ertragen hatte und die ihn so wüst beschimpft hatten.“
Und hier beginnt der Abschnitt, wegen dem ich diesen Text des Augustinus vorgelesen habe. Hier ein kleiner Hinweis, der große Aktualität hat. In der letzten Zeit hat man – und damit meine ich die zivilen Behördenvertreter, wie beispielsweise den Senatspräsidenten Marcello Pera – von Wahrheit gesprochen, von der fehlenden Entschlossenheit, die Wahrheit zu vertreten, von Relativismus, und dabei wurden Dinge gesagt, über die man geteilter Meinung sein kann. Ich wollte nur darauf hinweisen, daß die Gnade des Glaubens ein neues Verständnis des Inhalts von Begriffen vermitteln kann, die doch tagtäglich in aller Munde sind, wie der Begriff Wahrheit. Die Sätze des Augustinus, die wir jetzt lesen werden, lassen dieses neue Verständnis im Bezug auf die Schemata der Welt erahnen (vgl. Röm 12, 2).
„Ascendit in caelum, misit Spiritum Sanctum; / Er fuhr in den Himmel auf, sandte den Heiligen Geist / nec se illis ostendit post resurrectionem, / und zeigte sich denen, die ihn ans Kreuz geschlagen hatten, nach seiner Auferstehung nicht sichtbar, / sed solis fidelibus discipulis suis, / sondern [zeigte sich sichtbar] nur seinen treuen Jüngern / ne quasi insultare se occidentibus voluisse videretur / damit es nicht den Anschein hätte, er wolle jene, die ihn getötet hatten, herausfordern. / Plus enim erat amicos docere humilitatem, quam inimicis exprobrare veritatem. / Es war nämlich wichtiger, die Freunde Demut zu lehren als die Feinde mit der Wahrheit herauszufordern.“ Die Wahrheit ist kein Besitz, den man zum Herausfordern benutzen kann. Sie ist reine confessio, reine Erkenntnis7. Dieser Satz des Augustinus scheint mir von offensichtlicher, erstaunlicher Aktualität zu sein.
„Resurrexit: plus fecit quam illi exigebant, non credendo, sed insultando, / Er ist auferstanden: er hat mehr getan als diese forderten, die nicht glaubten, sondern ihn beschimpften/ et dicendo: ‚Si filius Dei est, descendat de cruce‘. / und sagten: ‚Wenn du der Sohn Gottes bist, so steig herab vom Kreuz’. / Et qui de ligno descendere noluit, de sepulcro surrexit. / Und jener, welcher nicht vom Kreuz herabsteigen wollte, ist aus dem Grabe auferstanden / Ascendit in caelum, misit inde Spiritum Sanctum; implevit discipulos. / Er ist in den Himmel aufgefahren, hat vom Himmel [vom Vater] den Heiligen Geist gesandt, hat die Jünger [mit Gnade] erfüllt; / correxit timentes, fecit fidentes / hat jene, welche sich fürchteten, aufgerichtet [alle haben ihn aus Furcht verlassen. Augustinus wird von Petrus sprechen, von seiner Furcht und seinem Verrat. Er hat aufgerichtet, also jene ermutigt, die Furcht hatten. Aufrichten im Sinne von ermutigen] und hat sie so zum Glauben an Christus geführt [auf ihn vertrauend]. „Petri trepidatio in fortitudinem praedicatoris repente conversa est. / Und die Furcht des Petrus wurde in einem Augenblick [repente] zur Stärke des Zeugen.“ Dieses repente ist eines der erstaunlichsten Dinge des christlichen Ereignisses. Vor zwei Monaten habe ich das antike Taufbecken unter dem Dom von Mailand besichtigt, wo Ambrosius in der Osternacht des Jahres 387 den Augustinus taufte. Zu Zeiten des Ambrosius befand sich der Dom von Mailand – der hl. Thekla geweiht, einer Märtyrerin aus Kleinasien – auf dem heutigen Domplatz, und das Taufbecken unter dem Vorplatz des heutigen Doms. Heute, nach Abschluß der Ausgrabungsarbeiten, stehen auf einer Grabplatte die Verse zu lesen, die Ambrosius für das Taufbecken schrieb, in dem Augustinus die Taufe empfing. Die Inschrift endet mit folgenden Worten: „Nam quid divinius isto / Was gibt es in der Tat Göttlicheres als daß, / ut puncto exiguo / in einem Augenblick / culpa cadat populi? / die Schuld eines Volkes zusammenbricht?8.“ Punto exiguo ist genau dasselbe wie repente: in einem einzigen Augenblick, einem Moment nur, im Augenblich der Taufe am Taufbecken, bricht die Schuld eines ganzen Volkes zusammen. Gegenüber der ganzen religiösen und moralischen Askese ist das etwas Erschütterndes. In einem einzigen Augenblick. Kein Ende eines langen Weges, sondern ein kurzer Zeitpunkt. Und Augustinus muß von diesem Oster-Hymnus des Ambrosius, Hic est dies verus Dei, den er sicher kannte, unweigerlich fasziniert gewesen sein. Der Oster-Hymnus des Ambrosius ist Ausdruck des Staunens über den Umstand, daß der gute Schächer, der gute Mörder, zur Rechten des Herrn ans Kreuz geschlagen, direkt ins Paradies kommt. „... Iesum brevi quaesiit fide.“ Der gute Mörder hat Jesus mit einem Glauben gesucht, der klein war, dem Glauben eines Augenblicks sozusagen, „iustosque praevio gradu / praevenit in regnum Dei‚ und so ist er mit einem kleinen Schritt all den Gerechten im Reich Gottes vorausgegangen. Das ist das Christentum. Ein Augenblick genügt. Ein Augenblick des Erkennens, des Fragens, supplici confessione: „Jesus‚ denk an mich, wenn du in dein Reich kommst“ (Lk 23, 42). So war das für jenen Mörder. Und so ist es für einen jeden von uns im Moment des Sakraments der Taufe und im Moment des Sakraments der Beichte. Repente. Dieses Wort steht nicht für etwas, das langsam errungen werden mußte, sondern für einen Augenblick des Fragens und der Gnade9.
Und dann beschreibt Augustinus den Augenblick, in dem Petrus von der Angst zum Zeugnis übergegangen ist.
„Unde hoc homini? / Wie wird das dem Menschen gegeben? [Wie wird es dem Petrus gegeben, daß er von der Angst zum Zeugnis übergehen kann, vom Verleugnenden zum Zeugen wird?] / Quaere Petrum praesumentem, invenis Petrum negantem... [sich etwas anzumaßen muß nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Sich anzumaßen bedeutet etwas vorwegnehmend zu fordern. Im vornherein. Vor dem Geschenk des Herrn10] / Suche Petrus, der sich anmaßt und du findest Petrus, der verleugnet, / quaere Deum adiuvantem, Petrum invenis praedicantem / suche Gott, der hilft [die Gnade Gottes, die sich zu Petrus herabneigt] und finde Petrus, der Zeugnis ablegt.“ Danach folgt eine Passage über die Angst des Petrus und über dieses in einem Augenblick Zum-Zeugen-Werden. In einem Augenblick / repente.
„Ad horam trepidavit infirmitas, / Als die Stunde gekommen war, machte die Schwäche [des Petrus] ihn zittern, / ut praesumptio vinceretur, non ut pietas deleretur / damit die Anmaßung [sein Vorwegnehmen-Wollen] überwunden, nicht aber die pietas ausgelöscht werde.“ Das ist wunderschön. Petrus hat ihn nämlich auch geliebt, als er ihn verraten hat. Das ist ganz einfach rührend. So sind die christlichen Sünden, die Sünden unserer Zerbrechlichkeit. Auch als er ihn betrogen hat, empfand Petrus Zuneigung für Jesus. Er hat ihn aus Schwäche betrogen, aber das tat der pietas, die ihn mit dem Herrn verband, keinen Abbruch. Und das ist etwas ganz Wunderbares. Péguy sagt, daß die Tragödie der Moderne darin besteht, daß die Sünden keine christlichen Sünden mehr sind11. Die christlichen Sünden sind Sünden und können auch Todsünden sein, also dergestalt, daß sie uns der Gnade Gottes berauben12, aber sie löschen dennoch nicht jenes letzte Gefühl der Zuneigung dem gegenüber aus, der das Herz mit Gnade und Freude erfüllt hat.
„Implet ille Spiritu suo, / Jesus erfüllt mit Seinem Geist / et facit praedicatorem fortissimum, / und macht zum starken Zeugen / cui praesumenti praedixerat: ‚Ter me negabis‘. / jenen, dem er, als er anmaßend war [als er, stark durch seinen guten Willen, vorwegnehmen wollte] vorhergesagt hatte: ‚Dreimal wirst Du mich verleugnen.‘ / Praesumpserat enim ille de viribus suis / Petrus hatte sich nämlich alles seinen Kräften angemaßt [hatte sich auf seine Kräfte verlassen] / non de Dei dono / nicht auf die Gnade Gottes, / sed de libero arbitrio / sondern auf seine freie Entscheidung gesetzt. / Dixerat enim: ‚Tecum ero usque ad mortem.‘ / Er hat [zu Jesus, vor der Passion] gesagt: ‚Ich werde bis zum Tod bei Dir bleiben.‘ / Dixerat in abundantia sua: / In seiner positiven, ungestümen Spontaneität hatte er gesagt: [in abundantia sua: was man, glaube ich, wie folgt übersetzen kann: in diesem seinem Sich-Anmaßen lag an sich keine böse Absicht, es war Ausdruck eines ungestümen Gemüts] / ‚Non movebor in aeternum’. / ‚Niemals werde ich wanken‘ [hier zitiert Augustinus Psalm 29]. / Sed qui in voluntate sua praestiterat decori eius virtutem / Aber Er, der nach seinem Plan dem Petrus das Strahlen der Tugend geschenkt hatte / avertit faciem suam, et factus est conturbatus. / hat seinen Blick von Petrus abgewandt, und Petrus ist gefallen. / ‚Avertit’ inquit ‚Dominus faciem suam‘; / ‚Der Herr,‘ sagt er ‚hat den Blick abgewandt‘; / ostendit Petro Petrum / und hat so dem Petrus Petrus gezeigt“, hat dem Petrus gezeigt, wer Petrus war, nämlich ein armer Kerl, der verraten hat. Er hat dem Petrus gezeigt, wer er war, welche Kraft in seinem guten Vorsatz lag;
„sed postea respexit / doch dann hat er ihn angeblickt/ et Petrum firmavit in petra / und [als er ihn ansah] Petrus als den Fels bestätigt [in der Gnade des Glaubens].“ Wie schön ist doch dieses respexit. Es ist ein Widerschein dieses Blickes, der Glaube des Petrus, die Tränen des Petrus. „Quem Dominus respicit salvat.“ Soweit Ambrosius13.
„Imitemur ergo, fratres mei, quantum possumus, in Domino passionis exemplum / Eifern wir, Brüder und Schwestern, soweit wir können dem Vorbild der Passion des Herrn nach. / Implere poterimus, si ab illo poscamus adiumentum, / Aber wir können dem Vorbild nacheifern, wenn wir ihn um Hilfe bitten, [die Worte, die ich da gerade vorlese, beschreiben das ganze christliche Leben] / non praeveniendo sicut Petrus praesumens, / nicht durchs Vorwegnehmen [indem man also nicht zuvor-kommen, nicht über das hinausgehen will, was der Herr gibt] wie Petrus, als er sich anmaßte, / sed sequendo et orando / sondern indem man nachfolgt und fragt [bittet] / sicut Petrus proficiens / wie Petrus als er im Voranschreiten wuchs.“ Mich hat auch der Ausdruck proficiens beeindruckt. Denn so wächst man. Man wächst nicht, indem man vorwegnehmen will. Im christlichen Leben wächst man, indem man nachfolgt und bittet. Indem man dem Sich-Ereignen der Gnade folgt und bittet. Und das ist, verglichen mit den Kriterien der Welt, die man auch als gut bezeichnen könnte; denen der Religiosität, der Ethik, der Erziehung seitens des Weltstaates, etwas Unvergleichliches14. Im christlichen Leben wächst man nicht, indem man etwas vorwegnimmt, etwas wie ein Eigentum besitzt. Man wächst, indem man nachfolgt und bittet.
„Quando enim Petrus ter negavit, quid evangelista dicit, attendite: / Aufgepaßt auf das, was der Evangelist sagt, als Petrus zum dritten Mal verleugnete: / ‚Et respexit eum Dominus, et recordatus est Petrus‘. / ‚Der Herr blickte ihn an und Petrus erinnerte sich‘. / Quid est: ‚respexit eum‘? / Was heißt dieses ‚er blickte ihn an‘? [Ich weiß nicht, ob die Exegese des Augustinus dieser Evangeliums-Passage die richtigste ist. Sie verweist jedoch auf jeden Fall auf etwas, das auch vom Gesichtspunkt der menschlichen Erfahrung her etwas Rührendes hat] / Non enim Dominus in facie corporali eum tamquam commemorando respexit / Der Herr blickte ihm nicht leiblich ins Gesicht, wie um ihn an die Sünde zu gemahnen.“ Wie schön ist das doch. Dasselbe passiert auch Vätern und Müttern mit ihren Kindern. Man kann einem Kind einen strafenden Blick zuwerfen, wenn es launisch war, und damit macht man es traurig, bestärkt es noch in seinen Launen. So hat der Herr den Petrus nicht angeblickt, es war kein vorwurfsvoller Blick, wie um zu sagen: „Hast Du gesehen? Du hast mich also doch betrogen!“. So hat er ihn nicht angesehen, um ihn daran zu erinnern, daß er ihn betrogen hatte.
„Non sic est: Evangelium legite. / So ist es nicht: lest das Evangelium. / Dominus in interioribus domus iudicabatur, / Jesus wurde im Palast abgeurteilt, / Petrus in atrio tentabatur / Petrus wurde im Hof versucht. / Ergo ‚respexit eum Dominus’ non corpore, sed maiestate; / Und so hat ihn der Herr nicht leiblich angeblickt, sondern mit seiner Göttlichkeit; / non oculorum carnis intuitu, sed misericordia altissima / nicht mit dem Blick der Augen aus Fleisch, sondern mit einer übergroßen Barmherzigkeit.“ Das ist ein anderer Blick, der Blick der Barmherzigkeit15. Der Blick der Barmherzigkeit beschwört die Erinnerung an eine Schönheit herauf, eine Dankbarkeit. Die Erinnerung an die erste Begegnung, an all jene Male in diesen drei Jahren, wo ihn Jesus so angeblickt hat. Der Blick dagegen, der an die Sünde gemahnt bewirkt, daß an die Sünden erinnert wird (vgl. Hebr 10, 3) und schafft damit also nur eine noch größere Traurigkeit.
„Ille qui averterat faciem suam, respexit eum, et factus est liberatus. / Jener, der seinen Blick abgewandt hatte, blickte ihn an, und Petrus wurde befreit.“ Es ist schön, dieses factus est liberatus. „Ipsa est enim vera et sana libertas“16. Eine gesunde Freiheit, also eine von der Wunde der Sünde befreite. Eine wahre Freiheit, die also seiner wahren Natur entspricht. Das ist die umfaßte Freiheit. Das ist die Freiheit des erfüllten, gestillten Verlangens.
„Ergo praesumptor periisset, nisi Redemptor respexisset. / Und so wäre Petrus an seiner Anmaßung zugrundegegangen, wenn ihn der Erlöser nicht angeblickt hätte. / Et ecce / Und so [weil er ihn so angeblickt hat] / lacrymis suis ablutus, / geläutert durch seine Tränen [Tränen der Freude, Tränen der Dankbarkeit dafür, so angeblickt worden zu sein17], / correptus et ereptus praedicat Petrus. / aufgerichtet und aufgehoben, kann Petrus Zeugnis ablegen. / Praedicat qui negaverat; / Bezeugt jener, der erst geleugnet hatte; / credunt qui erraverant. / Und jene, die sich zuvor entfernt hatten, glauben. / Valet in phreneticis medicina illa sanguinis Domini. / Wie heilsam für die Bösen ist doch die Medizin des Blutes des Herrn. / Bibunt credentes quod fuderunt saevientes / Als Gläubige trinken sie jenes Blut, das sie durch ihre Raserei vergossen hatten.“
Das ist der erste Textauszug. Augustinus hatte in den Confessiones geschrieben: „Warum, oh Herr, hast du mich die Bücher der neuplatonischen Philosophen lesen lassen? Warum ist mir dann, als ich den Apostel Paulus gelesen hatte und deine pflegenden Finger die Wunden meines Herzens heilten, der Unterschied inter praesumptionem et confessionem / zwischen Selbstgenügen und demütigem Bekenntnis aufgegangen?18“. Confessio ist die reine Erkenntnis eines gegenwärtigen Ereignisses. Gratia facit fidem19. Wenn es die Anziehungskraft eines gegenwärtigen Ereignisses ist, die die Erkenntnis auslöst, kann der Glaube nicht als Provokation benutzt werden, als etwas, das herausfordert. Der Blick Jesu („Respexit eum et factus est liberatus“) kann nicht etwas sein, das wir besitzen, mit dem wir die anderen herausfordern. Wieviel Aktualität liegt doch in dieser christlichen Einfachheit, dieser christlichen Wehrlosigkeit.
2. Sermo 213, 8
Lesen wir nun den Textauszug der Anmerkung 53 auf S. 27 des von 30Giorni herausgegebenen Büchleins. Augustinus kommentiert das Apostolische Glaubensbekenntnis, in dem alles enthalten ist, was man glauben soll20. In dem kleinen Apostolischen Glaubensbekenntnis ist all das enthalten, was wir glauben müssen. Augustinus kommentiert hier die letzten Sätze.
„Iam quod sequitur ad nos pertinet. / Das, was nun folgt, betrifft uns. / In* sanctam Ecclesiam“. Man beachte das Sternchen neben dem Wort In; in vielen Codices ist nämlich kein In. Auch das ist bedeutungsvoll. Man glaubt nämlich an Gott Vater, man glaubt an Jesus Christus seinen eingeborenen Sohn, man glaubt an den Heiligen Geist; man glaubt an sich nicht ‚an‘ die Kirche, man glaubt ‚die‘ Kirche. Man bekräftigt ein Faktum. Der eigentliche Glaube ist allein der an den Herrn21. Das ist der Grund, warum es in vielen Handschriften kein In gibt. Und so bekräftigen auch wir im Glaubensbekenntnis, das wir bei der Messe sagen: „Credo [...] unam, sanctam, catholicam et apostolicam Ecclesiam.“
„Sancta Ecclesia nos sumus / Die heilige Kirche sind wir / sed non sic dixi ‚nos‘, quasi ecce qui sumus, qui me modo audistis. / Aber mit diesem ‚wir‘ meine ich nicht nur die hier Anwesenden, euch, die ihr mir eben zugehört habt.“ Die heilige Kirche sind wir. Aber damit meine ich nicht uns hier in der Aula Anwesende. Es ist ein wir in einem Horizont, der an den Himmel grenzt.
„Quotquot hic sumus Deo propitio christiani fideles in hac ecclesia, id est, in ista civitate / Wieviele gläubige Christen sind wir doch hier aus Gnade Gottes in dieser Kirche, in dieser Stadt [Hippo], / quotquot sunt in ista regione, / wieviele [gläubige Christen, aus Gnade Gottes] in dieser Region, / quotquot sunt in ista provincia / wieviele [gläubige Christen, aus Gnade Gottes] in dieser Provinz [Afrikas], / quotquot sunt et trans mare / wieviele [gläubige Christen, aus Gnade Gottes] jenseits des Meeres, / quotquot sunt in toto orbe terrarum / wieviele [gläubige Christe