Die Politik der vollendeten Tatsachen
Wie man die vatikanischen Normen, die der Aussöhnung der chinesischen Kirche im Wege stehen, ausräumen, ein stillschweigendes, provisorisches modus vivendi für die Prozedur der Bischofsernennungen finden kann. Die mögliche neue Rolle der Patriotischen Vereinigung. Interview mit Jeroom Heyndrickx, Missionar und Sinologe.
Interview mit Jeroom Heyndrickx von Gianni Valente
Anfang September fand in
der Villa Sacro Cuore von Triuggio, im italienischen Brianza, ein Treffen
von Freunden der katholischen Kirche Chinas aus aller Welt statt –
Mitgliedern von Instituten und Missions-Kongregationen, Gelehrten, Leitern
von Stiftungen und Studienzentren, Priestern und Laien –, die die
kontroverse Geschichte der chinesischen Katholiken mitverfolgen. Das
Treffen – das siebte „European Catholic China Colloquium“
– wurde dieses Mal vom Päpstlichen Institut der
Auslandsmissionen (PIME) organisiert. Einer der
„altgedientesten“ europäischen katholischen
„Sinologen“, der mit dem anspruchsvollen Thema der
Studientagung betraut wurde („25 Jahre Begegnung mit der Kirche
Chinas: eine zukunftsweisende Bilanz“), war zweifelsohne der
75jährige Flame Jeroom Heyndrickx. Der Priester der Scheut-Missionare
und Präsident der Verbiest-Stiftung von Lovaine stand nicht nur wegen
seines kürzlich begangenen Priesterjubiläums im Mittelpunkt,
für das er sogar von Königin Paola von Belgien geehrt
wurde. Heyndrickx kann nämlich auch auf eine langjährige
Erfahrung als Missionar und Theologe zurückblicken, ganz im
Zeichen der Leidenschaft für die Samen des christlichen Lebens, das
jenseits der Chinesischen Mauer aufkeimen kann. Wer könnte besser als
er geeignet sein, den heiklen Übergangsmoment in den Beziehungen
zwischen Pekinger Regierung, Kirche Chinas und Hl. Stuhl jenseits aller
vorherrschenden Stereotypen zu beschreiben?

Pater Jeroom, kann man die Situation der Kirche in
China Ihrer Meinung nach als unverändert bezeichnen?
JEROOM HEYNDRICKX: Sie hat sich sehr verändert. Vielleicht nicht in der theoretischen Diskussion über die Religionsfreiheit und die offiziellen Statuten, aber in den Fakten. Wenn man heute nach China kommt, kann man feststellen, dass es den einfachen Gläubigen meist sehr wohl möglich ist, die Messe zu besuchen, die Sakramente zu empfangen, zu beten, am Katecheseunterricht in der Pfarrei teilzunehmen, die ganz gewöhnliche Praxis des christlichen Lebens zu üben, und das ohne große Probleme. Auch in Peking, im Zentrum der staatlichen Macht, gibt es an den ganz normalen Werktagen in der Kathedrale drei Morgenmessen, und an einer jeden nehmen mindestens hundert Gläubige teil. Ich weiß nicht, in wie vielen europäischen Kathedralen, in wie vielen Kirchen in Rom man jeden Tag so gut zelebrierte Messen erleben kann, mit Homilie und Gesängen.
Und doch hört man noch von zerstörten Kirchen, Bischöfen und Priestern, die unter Polizeischutz stehen…
HEYNDRICKX: Die lokalen Regierungen gebrauchen manchmal noch immer Kulturrevolutionsmethoden, die Überbleibsel der Ära Maos sind und der von der Zentralregierung so lautstark proklamierten Religionsfreiheit widersprechen. Man muss aber auch sagen, dass fast die gesamte Information über die Kirche Chinas von tiefsitzenden Missverständnissen und Vorurteilen verfälscht ist. Ich werde immer ungehalten, wenn ich höre, dass es in China zwei Kirchen gibt, eine rechtgläubige, dem Papst treue, und eine „patriotische“, von der Regierung geschaffene. Anfang der Achtzigerjahre, nach der Kulturrevolution, mag man ja noch den Verdacht gehabt haben, dass in China tatsächlich versucht wurde, auf Druck der Regierung eine vom Papst und vom Rest der universalen Kirche getrennte Nationalkirche zu schaffen. Aber das war schon damals ein Verdacht, der jeder Grundlage entbehrte. Die in den letzten 25 Jahren gesammelten Daten haben gezeigt, dass es gerade der sensus fidei der chinesischen Katholiken war, dem es – vielleicht in aller Stille – gelungen ist, alle Versuche, sie vom Papst zu trennen, zu vereiteln. Nach dem Tod von Johannes Paul II. haben alle Gemeinschaften, sowohl die registrierten als auch die von der Regierung nicht anerkannten, Tage lang für den verstorbenen Papst gebetet, Seelenmessen zelebriert, und dann, später, für die Wahl des neuen Papstes Dank gesagt.
Einige Nachrichten überraschen. Der „Untergrund“-Weihbischof von Baoding, Francis An, der jahrelang von der Bildfläche verschwunden war, ist nun wieder aufgetaucht: sein Verschwinden soll auch Kontraste mit Priestern seiner eigenen, „nicht offiziellen“ Gemeinschaft zur Ursache gehabt haben...
HEYNDRICKX: In China gibt es eine einzige Kirche, auch wenn sie geteilt ist, und das manchmal in schmerzlicher Weise. Zu den internen Konflikten und Problemen der Kirche kommen noch Situationen hinzu, die oft verwickelter sind als es von außen den Anschein hat.
Und doch hat es gerade in dem heikelsten Punkt der anomalen Situation der chinesischen Kirche – den Bischofsernennungen – erst kürzlich wichtige Neuigkeiten gegeben.
HEYNDRICKX: In den letzten Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. konnten zum ersten Mal seit der Zeit Maos einige neue Bischofsweihen vorgenommen werden, die sowohl von der Pekinger Regierung als auch vom Hl. Stuhl approbiert waren. Die Approbation von beiden Seiten war allgemein bekannt. Dann kam Benedikt XVI., und dieser Kurs wurde beibehalten. Die Namen der Kandidaten wurden Rom mitgeteilt, der Wunschkandidat vom Papst ernannt, die Regierung wusste es, und ließ es zu. Dieses Modell stellte eine Art de facto Normalisierung der diesbezüglichen Prozeduren dar. Und auch wenn man das nie besonders herausstellte, muss man doch sagen, dass wir es hier mit einem Jahrhundertereignis zu tun hatten.
Warum?
HEYNDRICKX: Weil die Volksrepublik China die praktische Umsetzung des Prinzips, laut dem die Ernennung der Bischöfe dem Papst zusteht, de facto akzeptiert oder zumindest nicht behindert hat – auch wenn das offiziell und öffentlich nicht zugegeben wurde. In der gesamten Geschichte der Kirche Chinas lässt sich eine allmähliche Überwindung der Anomalien erkennen, die sich zunächst auf der Ebene der Fakten vollzieht, ohne gleich mit einer Anerkennung auf der Ebene der Regeln und der formellen Prozeduren einher zu gehen. Dieser Weg wurde eingeschlagen, als sich – Anfang der Achtzigerjahre – ein unrechtmäßig gewählter Bischof an den Hl. Stuhl wandte und um seine Legitimierung bat. Die Regierung drohte, ihn zu bestrafen, aber bei dieser Drohung blieb es, und so konnte sein Vorbild in den Achtziger- und Neunzigerjahren von Dutzenden von Bischöfen nachgeahmt werden …

Bis es dann zu den oben erwähnten Fällen kam,
wo man einen Schritt voraus war: schließlich war es schon vor der
Weihe kein Geheimnis mehr, dass die Bischöfe von Rom ernannt worden
waren.
HEYNDRICKX: Es war wie eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Regierung und Hl. Stuhl: als hätte man, ohne vorherige Abstimmung, gesagt: spielt ruhig euer Spiel, wir spielen inzwischen das unsrige. Lasst uns eine Generation neuer Bischöfe schaffen, die vom Papst ernannt werden und den von der Regierung vorgeschriebenen Prozeduren entsprechend gewählt werden. Dann werden wir ja sehen, wie man die Dinge auch auf formaler Ebene einrenken kann.
Dann aber, im Frühling, die kalte Dusche…
HEYNDRICKX: Zunächst einmal war da eine von den Medien weidlich ausgeschlachtete Polemik zwischen dem Bischof von Hongkong, Joseph Zen – seit kurzem Kardinal – und Anthony Liu Bainian, Vizepräsident der Patriotischen Vereinigung. Der Hl. Stuhl hatte sich aus dieser Auseinandersetzung herausgehalten, die chinesischen Behördenvertreter auch. Doch dann, kurze Zeit später, Ende April/Anfang Mai, erfolgte die illegitime Konsekration von zwei Bischöfen, die ohne apostolisches Mandat geweiht wurden.
Sie haben erklärt, dass auch diese beiden illegitim geweihten Bischöfe kurz davor standen, die päpstliche Ernennung zu erhalten.
HEYNDRICKX: Die Namen dieser beiden Bischöfe hatte man Rom schon seit geraumer Zeit mitgeteilt, zusammen mit denen der Kandidaten für die Leitung anderer Diözesen. In ihren Heimatdiözesen schien man ihre Kandidatur für den Episkopat allgemein positiv zu beurteilen. Auch andere Bischöfe und Priester hatten Rom ihre positive Beurteilung mitgeteilt. Die päpstliche Ernennung aus Rom blieb aus bürokratischen Gründen dann aber doch länger als erwartet aus. Und nach den Kontrasten zwischen Zen und Liu Bainian waren die beiden Weihen sozusagen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Anträge auf Verschiebung der Weihen wurden abgelehnt. Um die Bischöfe zur Teilnahme an den Weihen zu bewegen, brachte man auch das Gerücht in Umlauf, dass der Papst die Weihen „stillschweigend“ approbiert hätte.
Was wird jetzt passieren?
HEYNDRICKX: Die nächsten Monate werden entscheidend sein. Es gibt vierzig Diözesen, die entweder vakant oder mit einem schon sehr alten Bischof besetzt sind. Aus Rom erwartet man in kürzester Zeit eine Entscheidung. Es gibt keine offiziellen Kommunikationskanäle, um diese Arbeit voranzutreiben, die Ansprechpartner sind misstrauisch, die Situation könnte sich wieder zuspitzen. Aber nach den beiden unrechtmäßigen Weihen, als alles erneut auf Messers Schneide zu stehen schien, schickte der Papst zwei Diplomaten nach Peking (Erzbischof Claudio Maria Celli und Mons. Gianfranco Rota Graziosi), die die Situation der Kirche in China sehr gut kennen, um direkte Gespräche anzukurbeln. Das ist das unverkennbare Zeichen dafür, dass Benedikt XVI. weiter den Weg des Dialogs beschreiten will.
Sie haben gesagt, dass die stillschweigende Übereinkunft der letzten Jahre dem Slogan zu entsprechen schien, ein jeder solle sein Spiel spielen. Werden Ihrer Meinung nach Schritte unternommen, mit denen der Hl. Stuhl unilateral die Normalisierung des kirchlichen Lebens in China befürworten kann?
HEYNDRICKX: Man müsste sich offiziell von den „acht Punkten“ distanzieren: jenem 1988 vom Hl. Stuhl herausgegebenen Dokument mit Leitlinien hinsichtlich der Probleme der Kirche Chinas, einschließlich dem Verbot, die Eucharistie mit Priestern und Bischöfen zu konzelebrieren, die die Kontrolle der Patriotischen Vereinigung akzeptieren. Im Jahr 2000, bei einer Begegnung von 45 Personen, an der auch Repräsentanten des Hl. Stuhls zugegen waren, hatte man beschlossen, dieses veraltete Vademecum offiziell für ungültig zu erklären, wozu es aber leider nie kam, und ich weiß nicht, warum.
Ist das denn so wichtig?
HEYNDRICKX: Diese Punkte haben schon viel Schaden angerichtet, und das tun sie immer noch. Man hat sie dazu benutzt, Gerüchte zu nähren, die von einigen „Untergrund“-Priestern in Umlauf gebracht wurden, die sagen, dass der Empfang der Sakramente in den von der Regierung anerkannten Pfarreien einer Todsünde gleichkäme. So konnte ein Zweifel hinsichtlich des größten Schatzes wachsen, den die Kirche auch in China hütet, den der Sakramente, aus dem die chinesischen Katholiken problemlos schöpfen können. Die schwersten Vergehen gegen die Kirche sind jene, die ihre sakramentale Natur betreffen. Dann werden auch die Forderungen nach Aussöhnung ineffizient. Die Einheit unter den Christen kann nicht auf menschlichen Befehl entstehen, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes in den Herzen der Gläubigen, die an ein und demselben Altar an der Eucharistie teilnehmen.

Bei der Studientagung in Triuggio wurde auch von den
Diözesegrenzen gesprochen.
HEYNDRICKX: Der Hl. Stuhl hält sich weiterhin an die Diözesanstruktur aus der Zeit vor 1949. Der Plan der Diözesen in China hat sich in der Zwischenzeit aber verändert, einige wurden zusammengelegt, andere getrennt oder haben nun andere Grenzen, oft, weil sie sich den neuen territorialen Subdivisionen der zivilen Administration anpassen mussten. Das schafft nicht nur bürokratische Probleme, sondern auch Zuständigkeitskonflikte und erschwert die Beziehungen zwischen ziviler Macht, Ortskirche und Hl. Stuhl zusehends. Der chinesische Priester, der auf der Studientagung in Triuggio darüber sprach, behauptete, dass der Hl. Stuhl die neue „Karte“ der Diözesen erst dann akzeptieren können wird, wenn sich die Beziehungen zur Volksrepublik normalisiert haben. Ich dagegen glaube, dass man schon vorher darüber sprechen könnte, auf direktem oder indirektem Wege. Man könnte zumindest zu verstehen geben, dass es keine prinzipiellen Einwände gegen die Anerkennung der neuen Unterteilung der Diözesen gibt.
Sollten die Mechanismen der Bischofswahl Ihrer Meinung nach auf lange Sicht der anomalen Situation Rechnung tragen, in der die Kirche Chinas Jahrzehnte lang gelebt hat?
HEYNDRICKX: Ich glaube, man sollte zumindest dieselbe Flexibilität zeigen wie anderen Staaten gegenüber und in anderen Situationen, wo man den lokalen Instanzen einen gewissen Handlungsspielraum lässt. Die Möglichkeit besteht, aber sie muss und kann nur als Frucht des Dialogs umgesetzt werden.
Es heißt auch, dass der Dialog zwischen Peking und Hl. Stuhl gerade von Funktionären behindert wird, die Organismen wie der Patriotischen Vereinigung der chinesischen Katholiken angehören und die im Falle einer eventuellen Normalisierung eine Machteinbuße befürchten.
HEYNDRICKX: Die Patriotische Vereinigung und die anderen Kontrollorganismen der Kirche haben keine autonome Entscheidungsfreiheit. Sie folgen den Richtlinien, die ihnen von der staatlichen Administration für die religiösen Angelegenheiten vorgegeben werden.
Was würde im Falle einer Normalisierung aus diesen bürokratischen Strukturen werden? Erklärt sich deren Widerstand auch mit sehr konkreten Dingen, beispielsweise der Angst, ihre Mitarbeiter könnten den Arbeitsplatz verlieren?
HEYNDRICKX: Einige Sektoren des nicht von der Regierung anerkannten kirchlichen Bereichs verlangen die Abschaffung der Patriotischen Vereinigung, und ich glaube nicht, dass die chinesische Regierung das jemals tun wird. Aber die Patriotische Vereinigung könnte der Leitung der Bischöfe unterstellt werden. Jeder Bischof könnte, gemeinsam mit der diözesanen Liturgiekommission oder der Finanzkommission auch eine „patriotische“ Kommission haben, die damit beauftragt ist, die Beziehungen zur Regierung zu leiten. Es wäre eine Art und Weise, das Profil der Patriotischen Vereinigung von innen her zu verändern, anstatt sie abzuschaffen. Aber auch das ist nicht einfach. Die Verweise auf den Bau einer unabhängigen Nationalkirche müssten aus den Statuten der Vereinigung allerdings entfernt werden.

Betende Gläubige vor der katholischen Kirche Xishiku in Peking.
JEROOM HEYNDRICKX: Sie hat sich sehr verändert. Vielleicht nicht in der theoretischen Diskussion über die Religionsfreiheit und die offiziellen Statuten, aber in den Fakten. Wenn man heute nach China kommt, kann man feststellen, dass es den einfachen Gläubigen meist sehr wohl möglich ist, die Messe zu besuchen, die Sakramente zu empfangen, zu beten, am Katecheseunterricht in der Pfarrei teilzunehmen, die ganz gewöhnliche Praxis des christlichen Lebens zu üben, und das ohne große Probleme. Auch in Peking, im Zentrum der staatlichen Macht, gibt es an den ganz normalen Werktagen in der Kathedrale drei Morgenmessen, und an einer jeden nehmen mindestens hundert Gläubige teil. Ich weiß nicht, in wie vielen europäischen Kathedralen, in wie vielen Kirchen in Rom man jeden Tag so gut zelebrierte Messen erleben kann, mit Homilie und Gesängen.
Und doch hört man noch von zerstörten Kirchen, Bischöfen und Priestern, die unter Polizeischutz stehen…
HEYNDRICKX: Die lokalen Regierungen gebrauchen manchmal noch immer Kulturrevolutionsmethoden, die Überbleibsel der Ära Maos sind und der von der Zentralregierung so lautstark proklamierten Religionsfreiheit widersprechen. Man muss aber auch sagen, dass fast die gesamte Information über die Kirche Chinas von tiefsitzenden Missverständnissen und Vorurteilen verfälscht ist. Ich werde immer ungehalten, wenn ich höre, dass es in China zwei Kirchen gibt, eine rechtgläubige, dem Papst treue, und eine „patriotische“, von der Regierung geschaffene. Anfang der Achtzigerjahre, nach der Kulturrevolution, mag man ja noch den Verdacht gehabt haben, dass in China tatsächlich versucht wurde, auf Druck der Regierung eine vom Papst und vom Rest der universalen Kirche getrennte Nationalkirche zu schaffen. Aber das war schon damals ein Verdacht, der jeder Grundlage entbehrte. Die in den letzten 25 Jahren gesammelten Daten haben gezeigt, dass es gerade der sensus fidei der chinesischen Katholiken war, dem es – vielleicht in aller Stille – gelungen ist, alle Versuche, sie vom Papst zu trennen, zu vereiteln. Nach dem Tod von Johannes Paul II. haben alle Gemeinschaften, sowohl die registrierten als auch die von der Regierung nicht anerkannten, Tage lang für den verstorbenen Papst gebetet, Seelenmessen zelebriert, und dann, später, für die Wahl des neuen Papstes Dank gesagt.
Einige Nachrichten überraschen. Der „Untergrund“-Weihbischof von Baoding, Francis An, der jahrelang von der Bildfläche verschwunden war, ist nun wieder aufgetaucht: sein Verschwinden soll auch Kontraste mit Priestern seiner eigenen, „nicht offiziellen“ Gemeinschaft zur Ursache gehabt haben...
HEYNDRICKX: In China gibt es eine einzige Kirche, auch wenn sie geteilt ist, und das manchmal in schmerzlicher Weise. Zu den internen Konflikten und Problemen der Kirche kommen noch Situationen hinzu, die oft verwickelter sind als es von außen den Anschein hat.
Und doch hat es gerade in dem heikelsten Punkt der anomalen Situation der chinesischen Kirche – den Bischofsernennungen – erst kürzlich wichtige Neuigkeiten gegeben.
HEYNDRICKX: In den letzten Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. konnten zum ersten Mal seit der Zeit Maos einige neue Bischofsweihen vorgenommen werden, die sowohl von der Pekinger Regierung als auch vom Hl. Stuhl approbiert waren. Die Approbation von beiden Seiten war allgemein bekannt. Dann kam Benedikt XVI., und dieser Kurs wurde beibehalten. Die Namen der Kandidaten wurden Rom mitgeteilt, der Wunschkandidat vom Papst ernannt, die Regierung wusste es, und ließ es zu. Dieses Modell stellte eine Art de facto Normalisierung der diesbezüglichen Prozeduren dar. Und auch wenn man das nie besonders herausstellte, muss man doch sagen, dass wir es hier mit einem Jahrhundertereignis zu tun hatten.
Warum?
HEYNDRICKX: Weil die Volksrepublik China die praktische Umsetzung des Prinzips, laut dem die Ernennung der Bischöfe dem Papst zusteht, de facto akzeptiert oder zumindest nicht behindert hat – auch wenn das offiziell und öffentlich nicht zugegeben wurde. In der gesamten Geschichte der Kirche Chinas lässt sich eine allmähliche Überwindung der Anomalien erkennen, die sich zunächst auf der Ebene der Fakten vollzieht, ohne gleich mit einer Anerkennung auf der Ebene der Regeln und der formellen Prozeduren einher zu gehen. Dieser Weg wurde eingeschlagen, als sich – Anfang der Achtzigerjahre – ein unrechtmäßig gewählter Bischof an den Hl. Stuhl wandte und um seine Legitimierung bat. Die Regierung drohte, ihn zu bestrafen, aber bei dieser Drohung blieb es, und so konnte sein Vorbild in den Achtziger- und Neunzigerjahren von Dutzenden von Bischöfen nachgeahmt werden …

Jeroom Heyndrickx.
HEYNDRICKX: Es war wie eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Regierung und Hl. Stuhl: als hätte man, ohne vorherige Abstimmung, gesagt: spielt ruhig euer Spiel, wir spielen inzwischen das unsrige. Lasst uns eine Generation neuer Bischöfe schaffen, die vom Papst ernannt werden und den von der Regierung vorgeschriebenen Prozeduren entsprechend gewählt werden. Dann werden wir ja sehen, wie man die Dinge auch auf formaler Ebene einrenken kann.
Dann aber, im Frühling, die kalte Dusche…
HEYNDRICKX: Zunächst einmal war da eine von den Medien weidlich ausgeschlachtete Polemik zwischen dem Bischof von Hongkong, Joseph Zen – seit kurzem Kardinal – und Anthony Liu Bainian, Vizepräsident der Patriotischen Vereinigung. Der Hl. Stuhl hatte sich aus dieser Auseinandersetzung herausgehalten, die chinesischen Behördenvertreter auch. Doch dann, kurze Zeit später, Ende April/Anfang Mai, erfolgte die illegitime Konsekration von zwei Bischöfen, die ohne apostolisches Mandat geweiht wurden.
Sie haben erklärt, dass auch diese beiden illegitim geweihten Bischöfe kurz davor standen, die päpstliche Ernennung zu erhalten.
HEYNDRICKX: Die Namen dieser beiden Bischöfe hatte man Rom schon seit geraumer Zeit mitgeteilt, zusammen mit denen der Kandidaten für die Leitung anderer Diözesen. In ihren Heimatdiözesen schien man ihre Kandidatur für den Episkopat allgemein positiv zu beurteilen. Auch andere Bischöfe und Priester hatten Rom ihre positive Beurteilung mitgeteilt. Die päpstliche Ernennung aus Rom blieb aus bürokratischen Gründen dann aber doch länger als erwartet aus. Und nach den Kontrasten zwischen Zen und Liu Bainian waren die beiden Weihen sozusagen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Anträge auf Verschiebung der Weihen wurden abgelehnt. Um die Bischöfe zur Teilnahme an den Weihen zu bewegen, brachte man auch das Gerücht in Umlauf, dass der Papst die Weihen „stillschweigend“ approbiert hätte.
Was wird jetzt passieren?
HEYNDRICKX: Die nächsten Monate werden entscheidend sein. Es gibt vierzig Diözesen, die entweder vakant oder mit einem schon sehr alten Bischof besetzt sind. Aus Rom erwartet man in kürzester Zeit eine Entscheidung. Es gibt keine offiziellen Kommunikationskanäle, um diese Arbeit voranzutreiben, die Ansprechpartner sind misstrauisch, die Situation könnte sich wieder zuspitzen. Aber nach den beiden unrechtmäßigen Weihen, als alles erneut auf Messers Schneide zu stehen schien, schickte der Papst zwei Diplomaten nach Peking (Erzbischof Claudio Maria Celli und Mons. Gianfranco Rota Graziosi), die die Situation der Kirche in China sehr gut kennen, um direkte Gespräche anzukurbeln. Das ist das unverkennbare Zeichen dafür, dass Benedikt XVI. weiter den Weg des Dialogs beschreiten will.
Sie haben gesagt, dass die stillschweigende Übereinkunft der letzten Jahre dem Slogan zu entsprechen schien, ein jeder solle sein Spiel spielen. Werden Ihrer Meinung nach Schritte unternommen, mit denen der Hl. Stuhl unilateral die Normalisierung des kirchlichen Lebens in China befürworten kann?
HEYNDRICKX: Man müsste sich offiziell von den „acht Punkten“ distanzieren: jenem 1988 vom Hl. Stuhl herausgegebenen Dokument mit Leitlinien hinsichtlich der Probleme der Kirche Chinas, einschließlich dem Verbot, die Eucharistie mit Priestern und Bischöfen zu konzelebrieren, die die Kontrolle der Patriotischen Vereinigung akzeptieren. Im Jahr 2000, bei einer Begegnung von 45 Personen, an der auch Repräsentanten des Hl. Stuhls zugegen waren, hatte man beschlossen, dieses veraltete Vademecum offiziell für ungültig zu erklären, wozu es aber leider nie kam, und ich weiß nicht, warum.
Ist das denn so wichtig?
HEYNDRICKX: Diese Punkte haben schon viel Schaden angerichtet, und das tun sie immer noch. Man hat sie dazu benutzt, Gerüchte zu nähren, die von einigen „Untergrund“-Priestern in Umlauf gebracht wurden, die sagen, dass der Empfang der Sakramente in den von der Regierung anerkannten Pfarreien einer Todsünde gleichkäme. So konnte ein Zweifel hinsichtlich des größten Schatzes wachsen, den die Kirche auch in China hütet, den der Sakramente, aus dem die chinesischen Katholiken problemlos schöpfen können. Die schwersten Vergehen gegen die Kirche sind jene, die ihre sakramentale Natur betreffen. Dann werden auch die Forderungen nach Aussöhnung ineffizient. Die Einheit unter den Christen kann nicht auf menschlichen Befehl entstehen, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes in den Herzen der Gläubigen, die an ein und demselben Altar an der Eucharistie teilnehmen.

28. Juni 2005: der Bischof von Shanghai, Aloysius Jin Luxian, weiht seinen Weihbischof, Joseph Xing Wenzhi: die erste Bischofsweihe in der Kirche Chinas unter dem Pontifikat von Benedikt XVI.
HEYNDRICKX: Der Hl. Stuhl hält sich weiterhin an die Diözesanstruktur aus der Zeit vor 1949. Der Plan der Diözesen in China hat sich in der Zwischenzeit aber verändert, einige wurden zusammengelegt, andere getrennt oder haben nun andere Grenzen, oft, weil sie sich den neuen territorialen Subdivisionen der zivilen Administration anpassen mussten. Das schafft nicht nur bürokratische Probleme, sondern auch Zuständigkeitskonflikte und erschwert die Beziehungen zwischen ziviler Macht, Ortskirche und Hl. Stuhl zusehends. Der chinesische Priester, der auf der Studientagung in Triuggio darüber sprach, behauptete, dass der Hl. Stuhl die neue „Karte“ der Diözesen erst dann akzeptieren können wird, wenn sich die Beziehungen zur Volksrepublik normalisiert haben. Ich dagegen glaube, dass man schon vorher darüber sprechen könnte, auf direktem oder indirektem Wege. Man könnte zumindest zu verstehen geben, dass es keine prinzipiellen Einwände gegen die Anerkennung der neuen Unterteilung der Diözesen gibt.
Sollten die Mechanismen der Bischofswahl Ihrer Meinung nach auf lange Sicht der anomalen Situation Rechnung tragen, in der die Kirche Chinas Jahrzehnte lang gelebt hat?
HEYNDRICKX: Ich glaube, man sollte zumindest dieselbe Flexibilität zeigen wie anderen Staaten gegenüber und in anderen Situationen, wo man den lokalen Instanzen einen gewissen Handlungsspielraum lässt. Die Möglichkeit besteht, aber sie muss und kann nur als Frucht des Dialogs umgesetzt werden.
Es heißt auch, dass der Dialog zwischen Peking und Hl. Stuhl gerade von Funktionären behindert wird, die Organismen wie der Patriotischen Vereinigung der chinesischen Katholiken angehören und die im Falle einer eventuellen Normalisierung eine Machteinbuße befürchten.
HEYNDRICKX: Die Patriotische Vereinigung und die anderen Kontrollorganismen der Kirche haben keine autonome Entscheidungsfreiheit. Sie folgen den Richtlinien, die ihnen von der staatlichen Administration für die religiösen Angelegenheiten vorgegeben werden.
Was würde im Falle einer Normalisierung aus diesen bürokratischen Strukturen werden? Erklärt sich deren Widerstand auch mit sehr konkreten Dingen, beispielsweise der Angst, ihre Mitarbeiter könnten den Arbeitsplatz verlieren?
HEYNDRICKX: Einige Sektoren des nicht von der Regierung anerkannten kirchlichen Bereichs verlangen die Abschaffung der Patriotischen Vereinigung, und ich glaube nicht, dass die chinesische Regierung das jemals tun wird. Aber die Patriotische Vereinigung könnte der Leitung der Bischöfe unterstellt werden. Jeder Bischof könnte, gemeinsam mit der diözesanen Liturgiekommission oder der Finanzkommission auch eine „patriotische“ Kommission haben, die damit beauftragt ist, die Beziehungen zur Regierung zu leiten. Es wäre eine Art und Weise, das Profil der Patriotischen Vereinigung von innen her zu verändern, anstatt sie abzuschaffen. Aber auch das ist nicht einfach. Die Verweise auf den Bau einer unabhängigen Nationalkirche müssten aus den Statuten der Vereinigung allerdings entfernt werden.