USA UND HL. STUHL. Interview mit Francis Rooney.
„Immer mit der Ruhe, wie ihr Italiener so schön sagt…“
Zwischen Gewißheit und Vorsicht. Der weite Weg der diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Vatikan aus der Sicht des US-Botschafters beim Hl. Stuhl.
Interview mit Francis Rooney von Giovanni Cubeddu
„Ich war angenehm überrascht, über welch große
Kenntnisse man im Vatikan verfügt, bin dort niemandem begegnet, der
antiamerikanisch eingestellt wäre. Vielleicht ist das die
Erwartungshaltung eines Amerikaners, oder vielleicht bin ich einfach nur
sehr froh darüber, hier in Rom zu sein, in der Nähe der Kirche.
In Amerika ist mir das sicher seltener passiert.“
Francis Rooney wuchs in einer amerikanischen Familie auf, ging bei den Augustiner-Patres zur Schule – eine Zeit, an die er sicherlich des öfteren zurückdachte, als er am 13. Oktober 2005 vor dem Senat der Vereinigten Staaten seinen Eid als siebter US-Botschafter beim Hl. Stuhl ablegte. Der Lebenslauf des vielbeschäftigten Businessmans ist zu beachtlich, um hier näher darauf eingehen zu können; er selbst hat sich Papst Benedikt jedenfalls schlicht und einfach als „ersten Botschafter Ihres Pontifikats“ vorgestellt. Anders als sein Vorgänger Jim Nicholson, der sein Beglaubigungsschreiben nur zwei Tage nach dem 11. September 2001 überreichte, wurde Rooney eine turbulente Epoche „mit auf den Weg gegeben“, die zwischen dem Wunsch, der Politik und dem Wiederaufbau mehr Raum zu geben (um beispielsweise die Tragödie im Irak wieder gut zu machen) und der Furcht hin- und hergerissen ist, in der Atomwaffenfrage auf keinen gemeinsamen Nenner zu kommen (Iran und Nordkorea).
Wie soll man dann aber heute die drei Leitfäden der Beziehungen Washington-Vatikan interpretieren, die Rooney bei seiner ersten Begegnung mit dem Papst am 12. November 2005 wie folgt definierte: „den Frieden verbreiten, die Demokratie fördern und den Terrorismus bekämpfen“?
Vom ersten Tag seines Mandats an hat der derzeitige US-Botschafter jedoch zu verstehen gegeben, Vorsicht walten lassen zu wollen, die Taktik der „kleinen Schritte“ vorzuziehen, alles – wie er es bezeichnete – „mit Ruhe“ angehen zu wollen. Dieser vorsichtige Ansatz wird ihm sicher dabei helfen, die ersten Jahre seines Mandats abzustecken. Im Licht des Erfolgs der Demokraten bei den amerikanischen midterm-Wahlen, zu denen er keinen Kommentar abgeben wollte.

Herr Botschafter, können Sie nach einem Jahr
Mandat Bilanz ziehen und uns sagen, auf welchen Gebieten man mit dem Hl.
Stuhl zusammen arbeiten kann, und wo sich die Geister dagegen scheiden?
Sind Sie der Meinung, bei den Prioritäten, die Sie sich gesetzt haben,
weitergekommen zu sein?
FRANCIS ROONEY: Es mag in der jüngeren Vergangenheit Unstimmigkeiten gegeben haben; ein Zankapfel war sicher der Krieg im Irak. Das ist bekannt. Heute jedoch, bei dem Druck, der von der internationalen Tagesordnung auf uns ausgeübt wird, ziehen die Vereinigten Staaten und der Hl. Stuhl in deutlich mehr Punkten an einem Strang. Da kann ich als wichtige Beispiele zunächst einmal den Kampf gegen die Armut in Afrika und gegen AIDS nennen. Und wenn wir schon von Schwellenländern sprechen, so lassen Sie mich auch sagen, daß die Vereinigten Staaten mit Abstand der größte Geldgeber sind…
In Sachen Verteidigung des Lebens und Bioethik besteht Übereinstimmung mit dem Hl. Stuhl. Auf gewisse Punkte der kirchlichen Soziallehre scheint Washington dagegen nicht sehr bedacht zu sein – beispielsweise die Verteidigung der Interessen der weniger entwickelten Länder bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation.
ROONEY: Der Hl. Stuhl hat verstanden, daß die Globalisierung nun einmal Teil unseres täglichen Lebens geworden ist. Er hat sich öffentlich dahingehend geäußert, daß man die Uhr zwar leider nicht mehr zurückdrehen kann, aber doch zumindest versuchen müsste, die bittersten Aspekte der Globalisierung zu mäßigen. Nur so kann man verhindern, daß ganze Völker ausgegrenzt werden, deren einzige Hoffnung die illegale Einwanderung ist. Aber in diesem Punkt sind wir einer Meinung.
Apropos Einwanderung: in den USA geht die Debatte um einen bipartisan Ansatz zu einem Thema weiter, das für Ihr Land eine Art „heißes Eisen“ ist…
ROONEY: Die Einwanderung betrifft das ganze Land, es gibt da eine Debatte, und auch ein Konsens kristallisiert sich bereits heraus. Präsident Bush war einer der ersten, die ein Programm für die Gastarbeiter in unserem Land vorschlugen, bei dem es um die Schaffung einer neuen Zuständigkeitsbehörde in Sachen Staatsbürgerschaft, eine bessere Kenntnis der Bürgerrechte und –pflichten geht. Erreichen will man damit in Amerika die Schaffung einer funktionierenden, geordneten und gerechten Immigration. Eine, die den Leuten hilft, Bestandteil unseres Landes zu werden…
Aber?
ROONEY: Die Vereinigten Staaten sind eine Nation, die sowohl auf die Einwanderer als auch auf die Gesetze gegründet ist. Wir müssen beide Traditionen aufrecht halten. Wir müssen wissen, wer in unser Land kommt, und warum. Präsident Bush versteht, daß den Vereinigten Staaten die Verantwortung zukommt, die eigenen Grenzen effektiv zu gestalten, gleichzeitig aber auch ein Immigrations-System zu entwickeln, das unsere Werte widerspiegelt. Unser Land weiß, daß sich unsere Debatten und Entscheidungen auf das Leben von Menschen auswirken und daß jedes menschliche Wesen eine Würde und einen Wert hat.
Millionen von Einwanderern kommen in die USA, und auch die katholische Kirche in Amerika hat von der Regierung verlangt, diese armen Menschen mit politischer Besonnenheit zu behandeln, Verständnis für sie zu haben.
ROONEY: Aber es ist auch gerecht, daß unsere Regierung jeden, der in unser Land kommt, dem Namen nach kennt und für die Sicherheit aller Bürger garantiert. In Los Angeles hat Kardinal Mahoney, der das Argument der Sicherheit keineswegs beiseite lassen will, verlangt, daß man – um es mit den Worten von Präsident Bush zu sagen – alles tun muß, um „Personen, die kommen, um einer Erfordernis unserer Wirtschaft zu entsprechen, einen sicheren, vernünftigen und legalen Immigrations- und Arbeitsprozess bieten zu können.“
In diesem ersten Jahr Ihres Mandats hat es auch heikle Momente in den Beziehungen zwischen Hl. Stuhl und Peking gegeben. Wie haben Sie das empfunden?
ROONEY: Es gab da eine Art „Urteilsaussetzung“ am Vorabend der Kreierung von Kardinal Zen; einen Moment, in dem man sehen wollte, ob und wie China reagierte. Da war Besorgnis, jede Art von Spekulation war plausibel. Vor kurzem habe ich auch erfahren, daß in China eine Konferenz abgehalten wurde, bei der die katholischen Leader darüber diskutierten, wie man eine harmonische Gesellschaft bauen kann. Und ich glaube, daß die katholische Kirche einen sehr positiven und konstruktiven Beitrag zu jenem Mosaik leistet, das das heutige China ist. Das, was der Hl. Stuhl jedoch mit seinen Kardinälen und Bischöfen macht, ist für uns legitim, weil es sich um Dinge handelt, die in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Wenn wir aber von uns als souveränem Staat sprechen, muß ich sagen, daß wir für die Religionsfreiheit sind, und sowohl der Präsident als auch der Außenminister haben das bei ihren Reisen nach China öffentlich betont. Hinsichtlich der Dynamik der beiden chinesischen Kirchen, der patriotischen und der im Untergrund wirkenden, kommt es nicht mir zu, Kommentare abzugeben.
Kommen wir auf den Nahen Osten zu sprechen. Nach der Absetzung Saddam Husseins können die religiösen Minderheiten im Irak – Christen eingeschlossen – auf der Grundlage der neuen Verfassung dem Rechtssystem der sharia unterworfen werden. Sind Sie, als Botschafter der Vereinigten Staaten beim Hl. Stuhl, mit diesem Problem befaßt? Ein etwas paradoxes Resultat des Demokratieexports…
ROONEY: Im Irak haben wir es mit einem komplizierten Kontext zu tun. In der Verfassung ist sowohl von der sharia als Rechtsquelle die Rede als auch von den UNO-Erklärungen über die Menschenrechte. Die Vereinigten Staaten und der Hl. Stuhl sind für einen Ausbau jener bürgerlichen irakischen Einrichtungen, die Demokratie, Freiheit und Toleranz besser garantieren, als das unter Saddam der Fall war. Daß aber die heutige Situation sehr schwierig ist, kann nicht bezweifelt werden. Ich glaube, daß wir als internationale Gemeinschaft besser daran tun, gemeinsam mit allen in Bagdad repräsentierten Faktionen auf die Schaffung von Institutionen hinzuarbeiten, die die Minderheiten respektieren.
Erst kürzlich haben Sie eine jüdische Delegation der ADL (Anti Defamation League) empfangen, die zu Besuch nach Italien, in den Vatikan, gekommen war, um den Papst zu treffen. Sie haben doch sicher mit ihr über das Thema der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Hl. Stuhl gesprochen...
ROONEY: Ja, darüber haben wir gesprochen, und ich glaube auch, daß die ADL damit einverstanden ist, daß das Grundsatzabkommen [das 1993 abgesegnete Abkommen, das den Grundstein für die Beziehungen zwischen Israel und Hl. Stuhl legte und noch nicht vollkommen umgesetzt wurde, vor allem in seinen wirtschaftlichen Aspekten, Anm.d.Red.] ein wichtiges Thema ist, und daß beide Parteien aus einer Lösung der noch anstehenden Probleme Nutzen ziehen würden.
ROONEY: Ich kann nur wiederholen, daß es im Interesse aller ist, daß das Grundsatzabkommen zur Anwendung kommt, und wir haben dieses Anliegen auf verschiedenen Ebenen mit Nachdruck vorangetrieben. Es ist etwas, worüber ich jedes Mal spreche, wenn ich zu den Beziehungen zwischen Israel und Vatikan befragt werde. Mit dem Inkrafttreten dieses Abkommens würden sich die Beziehungen zwischen den beiden Parteien festigen, was nicht nur für diese, sondern für den gesamten Nahen Osten gut wäre. Die Christen sind ein wichtiges Erbe der Region und können inmitten der Instabilität oft einen mäßigenden Einfluß ausüben. Ein Fortschritt in dieser Sache könnte wesentlich dazu beitragen, den Fortbestand der christlichen Gemeinschaften zu gewährleisten.
Was halten Sie von den Fragen, die nach der „lectio“ des Papstes in Regensburg aufgeworfen wurden?
ROONEY: Der Papst gibt nach wie vor vollkommen unmißverständlich zu verstehen, daß Gewalt im Namen Gottes nicht toleriert werden kann. Was Regensburg angeht, hat er sich nicht dafür entschuldigt, fragliches Zitat gebraucht zu haben, sich aber betrübt darüber gezeigt, daß seine Worte mißverstanden wurden. Und klar gestellt, daß das Zitat nicht seine persönliche Meinung wiedergibt. Diese beiden Punkte hat er bei dem Treffen der mehr als zwanzig islamischen Botschafter am 25. September in Castel Gandolfo erneut bekräftigt. In dieser Angelegenheit bleibt für beide Parteien, Christentum und Islam, die Notwendigkeit eines offenen und ehrlichen Dialogs. Und der Papst hat geklärt, daß dieser Dialog verlangt, daß sowohl das Prinzip der Vernunftgemäßheit als auch das der Reziprozität angewendet werden muß. Wenn an dem Vorfall von Regensburg etwas Aufsehenerregendes ist, dann nur, daß die Welt dem, was der Papst sagt, offensichtlich sehr viel Bedeutung beimißt.
Die Vereinigten Staaten haben bei ihren Forderungen nach Religionsfreiheit – besonders der der Christen in der islamischen Welt – noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Hat Ihnen dieses erste Jahr Arbeit in Rom dabei geholfen, einen besseren Einblick in dieses heikle, symbolträchtige Thema zu bekommen?
ROONEY: Der Papst versucht, Brücken zum Islam zu schlagen, sowohl in Fragen, die nicht die Lehre betreffen, wie die Bevölkerungskontrolle, als auch in Sachen gegenseitiges Verständnis auf der Ebene der Lehre. Oder indem er das Thema der Gewalt im Namen Gottes anschneidet, das keineswegs gerechtfertigt werden kann und auch unter verschiedenen Gruppierungen des Islam eine Debatte auslöst, wenn sich diese anschicken, den Koran zu interpretieren. Das Thema der Reziprozität ist heikel, und mir scheint, daß man sich hier nur langsam vorwärts tastet. Wir können das nicht in den Griff bekommen, indem wir einfach sagen: „Bauen wir eine Moschee hier, eine Kirche da...“. Dann wäre auch die ganze Reihe der aufstrebenden Demokratien in Betracht zu ziehen. Das ist der Grund, warum das irakische Experiment so wichtig ist. „Immer mit der Ruhe“ also, wie ihr Italiener so schön sagt.
Francis Rooney wuchs in einer amerikanischen Familie auf, ging bei den Augustiner-Patres zur Schule – eine Zeit, an die er sicherlich des öfteren zurückdachte, als er am 13. Oktober 2005 vor dem Senat der Vereinigten Staaten seinen Eid als siebter US-Botschafter beim Hl. Stuhl ablegte. Der Lebenslauf des vielbeschäftigten Businessmans ist zu beachtlich, um hier näher darauf eingehen zu können; er selbst hat sich Papst Benedikt jedenfalls schlicht und einfach als „ersten Botschafter Ihres Pontifikats“ vorgestellt. Anders als sein Vorgänger Jim Nicholson, der sein Beglaubigungsschreiben nur zwei Tage nach dem 11. September 2001 überreichte, wurde Rooney eine turbulente Epoche „mit auf den Weg gegeben“, die zwischen dem Wunsch, der Politik und dem Wiederaufbau mehr Raum zu geben (um beispielsweise die Tragödie im Irak wieder gut zu machen) und der Furcht hin- und hergerissen ist, in der Atomwaffenfrage auf keinen gemeinsamen Nenner zu kommen (Iran und Nordkorea).
Wie soll man dann aber heute die drei Leitfäden der Beziehungen Washington-Vatikan interpretieren, die Rooney bei seiner ersten Begegnung mit dem Papst am 12. November 2005 wie folgt definierte: „den Frieden verbreiten, die Demokratie fördern und den Terrorismus bekämpfen“?
Vom ersten Tag seines Mandats an hat der derzeitige US-Botschafter jedoch zu verstehen gegeben, Vorsicht walten lassen zu wollen, die Taktik der „kleinen Schritte“ vorzuziehen, alles – wie er es bezeichnete – „mit Ruhe“ angehen zu wollen. Dieser vorsichtige Ansatz wird ihm sicher dabei helfen, die ersten Jahre seines Mandats abzustecken. Im Licht des Erfolgs der Demokraten bei den amerikanischen midterm-Wahlen, zu denen er keinen Kommentar abgeben wollte.

US-Botschafter Francis Rooney überreicht Benedikt XVI. sein Beglaubigungsschreiben (12. November 2005).
FRANCIS ROONEY: Es mag in der jüngeren Vergangenheit Unstimmigkeiten gegeben haben; ein Zankapfel war sicher der Krieg im Irak. Das ist bekannt. Heute jedoch, bei dem Druck, der von der internationalen Tagesordnung auf uns ausgeübt wird, ziehen die Vereinigten Staaten und der Hl. Stuhl in deutlich mehr Punkten an einem Strang. Da kann ich als wichtige Beispiele zunächst einmal den Kampf gegen die Armut in Afrika und gegen AIDS nennen. Und wenn wir schon von Schwellenländern sprechen, so lassen Sie mich auch sagen, daß die Vereinigten Staaten mit Abstand der größte Geldgeber sind…
In Sachen Verteidigung des Lebens und Bioethik besteht Übereinstimmung mit dem Hl. Stuhl. Auf gewisse Punkte der kirchlichen Soziallehre scheint Washington dagegen nicht sehr bedacht zu sein – beispielsweise die Verteidigung der Interessen der weniger entwickelten Länder bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation.
ROONEY: Der Hl. Stuhl hat verstanden, daß die Globalisierung nun einmal Teil unseres täglichen Lebens geworden ist. Er hat sich öffentlich dahingehend geäußert, daß man die Uhr zwar leider nicht mehr zurückdrehen kann, aber doch zumindest versuchen müsste, die bittersten Aspekte der Globalisierung zu mäßigen. Nur so kann man verhindern, daß ganze Völker ausgegrenzt werden, deren einzige Hoffnung die illegale Einwanderung ist. Aber in diesem Punkt sind wir einer Meinung.
Apropos Einwanderung: in den USA geht die Debatte um einen bipartisan Ansatz zu einem Thema weiter, das für Ihr Land eine Art „heißes Eisen“ ist…
ROONEY: Die Einwanderung betrifft das ganze Land, es gibt da eine Debatte, und auch ein Konsens kristallisiert sich bereits heraus. Präsident Bush war einer der ersten, die ein Programm für die Gastarbeiter in unserem Land vorschlugen, bei dem es um die Schaffung einer neuen Zuständigkeitsbehörde in Sachen Staatsbürgerschaft, eine bessere Kenntnis der Bürgerrechte und –pflichten geht. Erreichen will man damit in Amerika die Schaffung einer funktionierenden, geordneten und gerechten Immigration. Eine, die den Leuten hilft, Bestandteil unseres Landes zu werden…
Aber?
ROONEY: Die Vereinigten Staaten sind eine Nation, die sowohl auf die Einwanderer als auch auf die Gesetze gegründet ist. Wir müssen beide Traditionen aufrecht halten. Wir müssen wissen, wer in unser Land kommt, und warum. Präsident Bush versteht, daß den Vereinigten Staaten die Verantwortung zukommt, die eigenen Grenzen effektiv zu gestalten, gleichzeitig aber auch ein Immigrations-System zu entwickeln, das unsere Werte widerspiegelt. Unser Land weiß, daß sich unsere Debatten und Entscheidungen auf das Leben von Menschen auswirken und daß jedes menschliche Wesen eine Würde und einen Wert hat.
Millionen von Einwanderern kommen in die USA, und auch die katholische Kirche in Amerika hat von der Regierung verlangt, diese armen Menschen mit politischer Besonnenheit zu behandeln, Verständnis für sie zu haben.
ROONEY: Aber es ist auch gerecht, daß unsere Regierung jeden, der in unser Land kommt, dem Namen nach kennt und für die Sicherheit aller Bürger garantiert. In Los Angeles hat Kardinal Mahoney, der das Argument der Sicherheit keineswegs beiseite lassen will, verlangt, daß man – um es mit den Worten von Präsident Bush zu sagen – alles tun muß, um „Personen, die kommen, um einer Erfordernis unserer Wirtschaft zu entsprechen, einen sicheren, vernünftigen und legalen Immigrations- und Arbeitsprozess bieten zu können.“
In diesem ersten Jahr Ihres Mandats hat es auch heikle Momente in den Beziehungen zwischen Hl. Stuhl und Peking gegeben. Wie haben Sie das empfunden?
ROONEY: Es gab da eine Art „Urteilsaussetzung“ am Vorabend der Kreierung von Kardinal Zen; einen Moment, in dem man sehen wollte, ob und wie China reagierte. Da war Besorgnis, jede Art von Spekulation war plausibel. Vor kurzem habe ich auch erfahren, daß in China eine Konferenz abgehalten wurde, bei der die katholischen Leader darüber diskutierten, wie man eine harmonische Gesellschaft bauen kann. Und ich glaube, daß die katholische Kirche einen sehr positiven und konstruktiven Beitrag zu jenem Mosaik leistet, das das heutige China ist. Das, was der Hl. Stuhl jedoch mit seinen Kardinälen und Bischöfen macht, ist für uns legitim, weil es sich um Dinge handelt, die in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Wenn wir aber von uns als souveränem Staat sprechen, muß ich sagen, daß wir für die Religionsfreiheit sind, und sowohl der Präsident als auch der Außenminister haben das bei ihren Reisen nach China öffentlich betont. Hinsichtlich der Dynamik der beiden chinesischen Kirchen, der patriotischen und der im Untergrund wirkenden, kommt es nicht mir zu, Kommentare abzugeben.
Kommen wir auf den Nahen Osten zu sprechen. Nach der Absetzung Saddam Husseins können die religiösen Minderheiten im Irak – Christen eingeschlossen – auf der Grundlage der neuen Verfassung dem Rechtssystem der sharia unterworfen werden. Sind Sie, als Botschafter der Vereinigten Staaten beim Hl. Stuhl, mit diesem Problem befaßt? Ein etwas paradoxes Resultat des Demokratieexports…
ROONEY: Im Irak haben wir es mit einem komplizierten Kontext zu tun. In der Verfassung ist sowohl von der sharia als Rechtsquelle die Rede als auch von den UNO-Erklärungen über die Menschenrechte. Die Vereinigten Staaten und der Hl. Stuhl sind für einen Ausbau jener bürgerlichen irakischen Einrichtungen, die Demokratie, Freiheit und Toleranz besser garantieren, als das unter Saddam der Fall war. Daß aber die heutige Situation sehr schwierig ist, kann nicht bezweifelt werden. Ich glaube, daß wir als internationale Gemeinschaft besser daran tun, gemeinsam mit allen in Bagdad repräsentierten Faktionen auf die Schaffung von Institutionen hinzuarbeiten, die die Minderheiten respektieren.
Erst kürzlich haben Sie eine jüdische Delegation der ADL (Anti Defamation League) empfangen, die zu Besuch nach Italien, in den Vatikan, gekommen war, um den Papst zu treffen. Sie haben doch sicher mit ihr über das Thema der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Hl. Stuhl gesprochen...
ROONEY: Ja, darüber haben wir gesprochen, und ich glaube auch, daß die ADL damit einverstanden ist, daß das Grundsatzabkommen [das 1993 abgesegnete Abkommen, das den Grundstein für die Beziehungen zwischen Israel und Hl. Stuhl legte und noch nicht vollkommen umgesetzt wurde, vor allem in seinen wirtschaftlichen Aspekten, Anm.d.Red.] ein wichtiges Thema ist, und daß beide Parteien aus einer Lösung der noch anstehenden Probleme Nutzen ziehen würden.
Das Thema der Reziprozität ist heikel, und mir scheint, daß man sich hier nur langsam vorwärts tastet. Wir können das nicht in den Griff bekommen, indem wir einfach sagen: „Bauen wir eine Moschee hier, eine Kirche da...“.
Einige Presseorgane lassen verlauten, daß sich
die Vereinigten Staaten bereits des öfteren für die Verhandlungen
zwischen Hl. Stuhl und Israel interessiert haben. Sie sollen Israel sogar
dazu gebracht haben, die 2003 abgebrochenen Verhandlungen
wiederaufzunehmen. Wie ist die derzeitige Situation? Sind die USA immer
noch an diesem Verhandlungsprozess interessiert? Und vor allem: was
könnten sie besser machen?
ROONEY: Ich kann nur wiederholen, daß es im Interesse aller ist, daß das Grundsatzabkommen zur Anwendung kommt, und wir haben dieses Anliegen auf verschiedenen Ebenen mit Nachdruck vorangetrieben. Es ist etwas, worüber ich jedes Mal spreche, wenn ich zu den Beziehungen zwischen Israel und Vatikan befragt werde. Mit dem Inkrafttreten dieses Abkommens würden sich die Beziehungen zwischen den beiden Parteien festigen, was nicht nur für diese, sondern für den gesamten Nahen Osten gut wäre. Die Christen sind ein wichtiges Erbe der Region und können inmitten der Instabilität oft einen mäßigenden Einfluß ausüben. Ein Fortschritt in dieser Sache könnte wesentlich dazu beitragen, den Fortbestand der christlichen Gemeinschaften zu gewährleisten.
Was halten Sie von den Fragen, die nach der „lectio“ des Papstes in Regensburg aufgeworfen wurden?
ROONEY: Der Papst gibt nach wie vor vollkommen unmißverständlich zu verstehen, daß Gewalt im Namen Gottes nicht toleriert werden kann. Was Regensburg angeht, hat er sich nicht dafür entschuldigt, fragliches Zitat gebraucht zu haben, sich aber betrübt darüber gezeigt, daß seine Worte mißverstanden wurden. Und klar gestellt, daß das Zitat nicht seine persönliche Meinung wiedergibt. Diese beiden Punkte hat er bei dem Treffen der mehr als zwanzig islamischen Botschafter am 25. September in Castel Gandolfo erneut bekräftigt. In dieser Angelegenheit bleibt für beide Parteien, Christentum und Islam, die Notwendigkeit eines offenen und ehrlichen Dialogs. Und der Papst hat geklärt, daß dieser Dialog verlangt, daß sowohl das Prinzip der Vernunftgemäßheit als auch das der Reziprozität angewendet werden muß. Wenn an dem Vorfall von Regensburg etwas Aufsehenerregendes ist, dann nur, daß die Welt dem, was der Papst sagt, offensichtlich sehr viel Bedeutung beimißt.
Die Vereinigten Staaten haben bei ihren Forderungen nach Religionsfreiheit – besonders der der Christen in der islamischen Welt – noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Hat Ihnen dieses erste Jahr Arbeit in Rom dabei geholfen, einen besseren Einblick in dieses heikle, symbolträchtige Thema zu bekommen?
ROONEY: Der Papst versucht, Brücken zum Islam zu schlagen, sowohl in Fragen, die nicht die Lehre betreffen, wie die Bevölkerungskontrolle, als auch in Sachen gegenseitiges Verständnis auf der Ebene der Lehre. Oder indem er das Thema der Gewalt im Namen Gottes anschneidet, das keineswegs gerechtfertigt werden kann und auch unter verschiedenen Gruppierungen des Islam eine Debatte auslöst, wenn sich diese anschicken, den Koran zu interpretieren. Das Thema der Reziprozität ist heikel, und mir scheint, daß man sich hier nur langsam vorwärts tastet. Wir können das nicht in den Griff bekommen, indem wir einfach sagen: „Bauen wir eine Moschee hier, eine Kirche da...“. Dann wäre auch die ganze Reihe der aufstrebenden Demokratien in Betracht zu ziehen. Das ist der Grund, warum das irakische Experiment so wichtig ist. „Immer mit der Ruhe“ also, wie ihr Italiener so schön sagt.