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CHRISTENTUM
Aus Nr. 12 - 2006

Das abgekürzte Wort


Die folgenden Textauszüge stammen aus einem Werk von Henri de Lubac: Exégèse médiévale. Les quatre sens de l’Écriture (Bd. III, zweiter Teil I, Aubier, Paris 1961)


von Henri de Lubac


Krippe in der Basilika St. Paul vor den Mauern, Rom.

Krippe in der Basilika St. Paul vor den Mauern, Rom.

In Ihm wurden die „verba multa“ (die vielen Worte) der biblischen Schriftsteller für immer „Verbum unum“ (das einzige Wort). Ohne Ihn hingegen löst sich der Zusammenhang auf: das Wort Gottes wird erneut auf Fragmente „menschlicher Worte“ reduziert; vielfältige Worte, nicht nur zahlreiche, sondern ihrem Wesen nach vielfältig und ohne mögliche Einheit, weil, wie Hugo von Sankt Victor feststellt: „multi sunt sermones hominis, quia cor hominis unum non est“ (zahlreich sind die Worte des Menschen, weil das Herz des Menschen nicht eins ist). [...]

Da ist es nun, dieses einzige Wort. Hier ist unter uns, „es geht aus Zion hervor“, es ist Fleisch geworden im Schoß der Jungfrau. „Omnem Scripturae universitatem, omne verbum suum Deus in utero virginis coadunavit“ (die Gesamtheit der Schriften, jedes einzelne Wort darin, hat Gott im Schoß der Jungfrau zusammengeführt). [...]

Da ist es, vollkommen, einzig, in seiner sichtbaren Einheit. Kurz gemachtes Wort, „konzentriertes“ Wort, nicht nur in diesem ersten Sinn, daß Er, der in sich selbst immens und unbegreiflich ist, Er, der unendlich ist im Schoß des Vaters, sich im Schoß der Jungfrau einschließt oder sich klein macht wie ein Kind – das Kind im Stall von Bethlehem –, wie der hl. Bernhard und seine Jünger zu sagen beliebten, wie es M. Olier in einem Hymnus des Offiziums des Inneren Lebens Marias sagte, und gestern noch, Pater Teilhard de Chardin. Sondern auch und gleichzeitig in diesem Sinne, daß sich der vielfältige Inhalt der Schriften, verteilt über Jahrhunderte der Erwartung hinweg, in seiner ganzen Gesamtheit zusammendrängt, um erfüllt, verwirklicht, leuchtend und transzendiert zu werden in Ihm. Semel locutus est Deus (ein einziges Wort hat Gott gesprochen): ein einziges Wort spricht Gott, nicht nur in sich selbst, in seiner Ewigkeit ohne Wechselfälle, in dem unbeweglichen Akt, in dem er das Wort zeugt, wie Augustinus bemerkt; sondern auch, wie es schon Ambrosius lehrte, in der Zeit und unter den Menschen, in dem Akt, in dem er sein Wort sendet, um unter uns auf unserer Erde zu wohnen. „Semel locutus est Deus quando locutus in Filio est“ (ein einziges Wort sprach Gott, als er in seinem Sohn sprach): denn Er ist es, der allen Worten, die ihn ankündigten, Sinn gibt, alles erklärt sich in Ihm, und einzig in Ihm: „Et audita sunt etiam illa quae ante audita non erant ab iis quibus locutus fuerat per prophetas“ (und da hat man auch all jene Worte verstanden, die vorher von jenen nicht verstanden wurden, zu denen er durch die Propheten sprach). [...]

Ja, abgekürztes Wort, „kurz gemacht“, „brevissimum“, doch wesentlich schlechthin. Kurz gemachtes Wort, aber größer als das, was Er kurz macht. Einheit der Fülle. Konzentration des Lichtes. Die Fleischwerdung des Wortes entspricht dem Öffnen des Buches, dessen äußere Vielfalt nunmehr das einzigartige „Mark“ erkennen läßt, dieses Mark, das die Gläubigen nähren wird. So wird mit dem fiat (es geschehe) Marias, die auf die Botschaft des Engels antwortet, das bisher nur „den Ohren hörbare“ Wort nunmehr auch „den Augen sichtbar, den Händen greifbar, den Schultern tragbar“. Aber mehr noch: es ist „essbar“ geworden. Nichts von den alten Wahrheiten, nichts von den alten Geboten ist verloren gegangen, aber alles ist in einen besseren Zustand übergegangen. Alle Schriften vereinigen sich in den Händen Jesu zum eucharistischen Brot; er hält sie und damit sich selbst in seinen Händen: „die ganze Bibel also, damit sie uns zu einem einzigen Bissen wird...“. „Mehrmals und unter verschiedenen Formen“ hatte Gott an die Menschen, Seite um Seite, ein geschriebenes Buch ausgeteilt, worin unter vielen Worten ein einziges Wort versteckt war: heute öffnet er für sie dieses Buch, um ihnen all diese Worte vereint in dem einzigen Wort zu zeigen. Filius incarnatus, Verbum incarnatum, Liber maximus (menschgewordener Sohn, fleischgewordenes Wort, Buch schlechthin): das Pergament des Buches ist nun sein Fleisch; das, was darauf geschrieben steht, seine Gottheit. [...]
Das ganze Wesen der Offenbarung ist im Gebot der Liebe enthalten; in diesem einen Wort, „das ganze Gesetz und die Propheten.“ Aber dieses von Jesus verkündete Evangelium, dieses von Ihm ausgesprochene Wort, enthält deshalb alles, weil es nichts anderes ist als Jesus selbst. Sein Werk, seine Lehre, seine Offenbarung: Er ist es! Die Vollkommenheit, die er lehrt, ist die Vollkommenheit, die er in sich trägt. Christus, plenitudo legis (Christus, Fülle des Gesetzes). Es ist unmöglich, seine Botschaft von seiner Person zu trennen, und jene, die es versucht haben, waren schon bald versucht, seine Botschaft zu verraten: Person und Botschaft sind endlich eins. Verbum abbreviatum, Verbum coadunatum: kondensiertes, geeinigtes, vollkommenes Wort! Lebendes und lebendig machendes Wort. Im Gegensatz zu den Gesetzen der menschlichen Sprache, die klar wird, indem man sie auslegt, wird es aus dem Verborgenen offenbar, indem es sich in seiner verkürzten Form zeigt: Wort, das zuerst „in abscondito“ (im Verborgenen) gesprochen war und jetzt „manifestum in carne“ (im Fleisch offenbar) ist. Kurz gemachtes Wort, in sich allzeit unerklärliches Wort, das dennoch alles erklärt! [...]

Die beiden Formen des verkürzten und ausgedehnten Wortes sind untrennbar. Das Buch folglich bleibt, zugleich aber geht es ganz in Jesus über, und für den Glaubenden besteht die Meditation darin, diesen Übergang zu betrachten. Mani und Mohammed haben Bücher geschrieben. Jesus dagegen hat nichts geschrieben; Mose und die anderen Propheten „haben über ihn geschrieben.“ Die Beziehung zwischen dem Buch und seiner Person ist also das Gegenteil der Beziehung, die man sonst beobachtet. Somit ist das Gesetz des Evangeliums keineswegs „lex scripta“ (geschriebenes Gesetz). Das Christentum ist genau genommen keineswegs eine „Religion des Buches“: es ist die Religion des Wortes – aber nicht ausschließlich und nicht einmal hauptsächlich des Wortes in seiner geschriebenen Form. Es ist die Religion des Wortes, „nicht eines geschriebenen, stummen Wortes, sondern eines fleischgewordenen, lebendigen Wortes.“ Das Wort Gottes ist jetzt unter uns „so, daß man es sehen und anfassen kann“: „lebendiges und wirksames“ Wort, einzig und personhaft; Wort, das alle Worte einigt und sublimiert, die Zeugnis für es ablegen. Das Christentum ist nicht „die Bibel-Religion“: es ist die Religion Jesu Christi.


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