Erinnerung an Don Primo
Beim Durchsehen von Dokumenten aus meiner Jugendzeit bin ich auf Anmerkungen gestoßen, die ich bei einer Begegnung von „Fucini“ mit Don Primo Mazzolari gemacht habe. Don Primo war jener kämpferische Priester aus Cremona, der den Faschisten Farinaccis ein Dorn im Auge war, dem aber auch ein Großteil der Römischen Kurie nicht vorbehaltlos gegenüber stand.
Giulio Andreotti

Pater Primo Mazzolari.
Mit Cremona war das ohnehin so eine Sache. Die „Verbürgerlichung“ des Faschismus hat dort nie so richtig klappen wollen, nachdem man jede auch noch so kleine Kritik sofort zum Schweigen gebracht hatte. Und schließlich stand ja sogar an den Hauswänden geschrieben, daß Mussolini immer recht hat! Ein Universitätsprofessor (der nach dem Krieg Abgeordneter wurde) schrieb sogar ein Buch über den „Duce perpetuo“ [Duce auf ewig]. Unsere Pflicht war es, den Grande Navigatore [„Großer Seefahrer“, Anm.d.Red.] nicht zu stören.
Sogar einige katholische Kreise hatten sich mit dem politischen Einheitskurs abgefunden. Vielleicht, weil sie es für das kleinere Übel hielten. Die Aussöhnung zwischen Staat und Kirche war sowohl Ursache als auch Ergebnis dieser „Koexistenz“ (der turbulenten Jahre nach dem 1. Weltkrieg). Don Sturzo hatte man ins Exil geschickt und den restlichen Hohen Funktionären der Volkspartei den Rat gegeben, sich aus der Politik rauszuhalten. Einige – De Gasperi beispielsweise – wurden sogar verfolgt. Im Staatsarchiv gibt es Akten über diese überwachten Politiker, die nicht gut angeschrieben waren, weil sie sich den neuen Gegebenheiten nicht „anpassen“ wollten.
Pius XI. wurde lange vorgeworfen, Mussolini als „Mann der Vorsehung“ gelobt zu haben. Dabei hat er eigentlich nur gesagt, daß die Vorsehung ihm einen Mann zugeführt hatte, mit dem die Versöhnung zwischen Kirche und Staat möglich geworden war. Vor der Zeit des Faschismus hatten sich alle diesbezüglichen Versuche als Schlag ins Wasser erwiesen.
Vittorio Emanuele Orlando war einer Lösung sehr nahe gekommen, als er sich während der Friedenskonferenz in Paris mit dem Gesandten des Hl. Stuhls traf (dem späteren Kardinal Bonaventura Cerretti). Es kam bei dieser Gelegenheit sogar zu einem definitiven Entwurf. Die – damals häufigen – Regierungskrisen ließen die Formalisierung dann aber doch platzen. Einige Sätze aus diesem Entwurf finden sich allerdings tatsächlich im Konkordat von 1929. Beispielsweise das Verbot für Geistliche und Ordensleute, sich bei Parteien einzuschreiben (wo es 1929 doch nur die Partei gab).
Der ein oder andere schrieb die Détente den Mailänder Wurzeln – sowohl des Faschismus’ als auch Papst Rattis – zu. Das mag stimmen, aber es handelte sich dabei doch bestenfalls um eine Begleiterscheinung. Die Zeit war reif, um die „Bresche in der Porta Pia“ hinter uns zu lassen. Und gewisse Öffnungen dem Faschismus gegenüber – beispielsweise der Religionsunterricht in den Schulen und die Rolle der Kapläne in der faschistischen Jugendorganisation Balilla [nach dem Vorbild der Balilla wurde in Deutschland die Hitlerjugend aufgebaut, Anm.d.Red.] erleichterten die Entspannung.
Pius XI. zog sich 1938 (während des Staatsbesuchs Hitlers) demonstrativ nach Castel Gandolfo zurück und erklärte, nicht in Rom sein zu können, während man dort einem Kreuz (dem Hakenkreuz) Ehrerbietung erwies, das nicht das Kreuz Christi war.
Aber die Widersprüche in der Realität der
Dinge brachten bald auch Krisen hervor, wie die der Verfolgung katholischer
Kreise im Jahr 1931. Da ich zu einer von Zeremonienmeister Mons. Carlo
Respighi gegründeten Jugendgruppe gehörte, war ich am 31. Mai
1931 zufällig im Konsistoriumssaal dabei, als Pius XI. seinen feierlichen Protest formulierte.
Ich verstand damals nicht wirklich, was vorgefallen war (ich war erst 12),
aber ich war derart beeindruckt, den Papst schreien und weinen zu sehen,
daß ich prompt in Ohnmacht fiel. Noch heute kann ich mich an den
weißen Seidenvorhang erinnern, hinter dem man mich platzierte, damit
ich die Audienz nicht störte.
Das Einvernehmen zwischen Mussolini und Hitler bewirkte ein entschiedenes Auf-Distanz-Gehen. Pius XI. zog sich 1938 (während des Staatsbesuchs Hitlers) demonstrativ nach Castel Gandolfo zurück und erklärte, nicht in Rom sein zu können, während man dort einem Kreuz (dem Hakenkreuz) Ehrerbietung erwies, das nicht das Kreuz Christi war.
Allgemein gesprochen würde ich sagen, daß das Klima in der Katholischen Aktion (besonders in der FUCI, an die ich persönliche Erinnerungen habe) eher ein Klima des A-Faschismus, denn des Anti-Faschismus war.
Der Krieg brachte den Untergang des Faschismus, und in der schwierigen Zeit der deutschen Besatzung fungierte die Kirche als „Aufnahmezentrum“ zum Schutz vor Faschisten und Nazis.
Die kleine Gruppe, die den Volkskatholizismus wiederaufleben ließ (die italienischen Christdemokraten) betonte sofort, wie positiv es sei, daß der Konflikt mit dem Staat endlich der Vergangenheit angehörte. De Gasperi war der Meinung, daß gerade das für die Demokraten – ganz besonders die Christdemokraten – der wahre Stolperstein gewesen wäre. Um zwei wichtige Themen (Scheidung und Abtreibung) kam es zu erbitterten Kontrasten, die zeigten, daß Italien – statistisch gesehen fast zur Gänze katholisch – de facto der Kirche eben doch nicht gehorsam ist. Zusehends erbitterte Auseinandersetzungen in heiklen Fragen sind im Gange, beispielsweise zum Thema Familie.
Sich mit Don Primo zu befassen, hilft dabei, uns Klarheit zu verschaffen und unsere Absichten abzustecken. Unter seinen Schriften befindet sich ein Heftchen, das man zum 80. Geburtstag von Benedikt XVI. veröffentlichen sollte. Es heißt Auch ich liebe den Papst.
Eingefleischte Laizisten haben sich gegen die
katholischen Schulen verschworen und dabei vergessen, wieviel Gutes diese
getan haben: beispielsweise die Berufsschulen der Salesianer oder der
Josephiner, die als Industrialisierungs- und Modernisierungsfaktoren ihrer
Zeit weit voraus waren.
Allgemein gesprochen müssen wir – ohne Zurschaustellung und mit der gebotenen Mäßigung – diesen „Akteuren“ eines Konflikts den Boden entziehen, für dessen Existenz es keinen objektiven Grund mehr gibt, ohne hierbei bestehende Rechte und Pflichten anzutasten.
Ich werde noch auf einen Aspekt dieses Themas zurückkommen: Die soziale Natur, die im Wesen der christlichen Inspiration liegt.
Ich habe erst kürzlich daran erinnert, daß wir nur allzu oft vergessen, daß die ersten Christen sogar Gütergemeinschaft hatten.
Sich mit Don Primo zu befassen, hilft, uns Klarheit zu verschaffen und unsere Absichten abzustecken. Zu den von ihm verfaßten Werken gehört auch ein Heftchen, das man zum 80. Geburtstag von Benedikt XVI. veröffentlichen sollte. Es heißt Auch ich liebe den Papst.