Der dreißigste Jahrestag
Als die Situation in Italien Mitte der 1970er Jahre den Gipfel der Gefährlichkeit erreichte waren aber doch wenigstens für uns Christdemokraten und die Kommunisten die Bedingungen gegeben, das Kriegsbeil zu begraben. Seit 1947 stimmten die Kommunisten mit schöner Regelmäßigkeit gegen die Regierungen, von denen sie selbst ausgeschlossen waren. Man musste also einen Kompromiss finden.
Giulio Andreotti

Enrico Berlinguer, Sekretär der kommunistischen Partei Italiens, schüttelt Aldo Moro, Präsident der DC, die Hand (20. Mai 1977).
Die Kommunisten verpflichteten sich, für ein Dokument zu stimmen, das den Nordatlantikpakt und die Europäische Gemeinschaft als grundlegende Elemente der italienischen Außenpolitik anerkannte.
Die Stimmenthaltung der kommunistischen Fraktion, die entscheidend war, wurde „non sfiducia“ [Nicht-Misstrauen] getauft (ein Ausdruck, den der Wirtschaftsberater Prof. Luigi Cappugi geprägt hatte).
Ein psychologisches Hindernis war es, die genaue Bedeutung (Zweck und Limits) des italienischen Wandels auch im Ausland begreiflich zu machen. Besonders wichtig war die Wirkung auf die Vereinigten Staaten von Amerika, die eine „Abdrift“ unsererseits schon immer mit Besorgnis betrachtet hatten. Zwanzig Jahre zuvor, besonders zu Zeiten von US-Botschafterin Claire Boothe Luce, hatte man dort diesbezüglich starke Zweifel gehegt – wie auch aus den Tagebüchern von Alberto Tarchiani hervorgeht, unserem tüchtigen Botschafter in Washington.

Giulio Andreotti, Regierungschef der sog. „Regierung des Nicht-Mißtrauens” (29. Juli 1976-11. März 1978), bei einer Ansprache in der Aula der Abgeordnetenkammer.
Auf der anderen Seite gab es noch die negative Reaktion der extremen Linken, die nicht im Parlament vertreten war. Diese meinte, die kommunistischen Leader verrieten das „Vaterland“, wenn sie von ihren Prinzipien abließen. Eine Reaktion, die für die Entstehung der Roten Brigaden verantwortlich war oder diese doch zumindest begünstigte.
Moro bezahlte den italienischen Wandel, der in der Zwischenzeit im Parlament formalisiert worden war, mit seinem Leben.
Aber auch in den Reihen der italienischen Christdemokraten war der konstruktive „Nicht-Kriegszustand“ mit den Kommunisten nicht unumstritten. An der Abspaltung einiger Leader der sozialen Bewegung, die dann die „Democrazia nazionale“ schufen, soll Fanfani nicht unbeteiligt gewesen sein. Dass sie wirklich gehofft haben sollen, die DC würde einige ihrer Kandidaten unterstützen (z.B. Nencioni in Mailand), ist schwer zu glauben. Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass ich Jahre später von dieser hochgeheimen Abmachung erfahren habe. Als die Operation aber anlief und es im Parlament zur Wahl kam, löste ich eine Regierungskrise aus, als ich zwei christdemokratische Senatoren des Saales verwies: Todini und Della Porta, die somit das „Vertrauen“ verloren. Präsident Pertini löste die Kammern auf und rief so eine politisch sehr konfuse Wahlkampagne ins Leben. Den entscheidenden Schritt hatten die Kommunisten jedoch getan, und was die Säulen der italienischen Außenpolitik anlangte, konnten sie nicht mehr zurück.
Ein grundlegender, oft ins Spiel gebrachter Faktor sollte noch betont werden. Die Beziehungen Italiens zur Sowjetregierung waren stets klar und formal. Ich selbst konnte mit einem so bedeutenden Politiker wie Gromykow bei mehr als einer wichtigen Gelegenheit zusammenarbeiten. Während meiner ersten Amtsperiode als Ministerpräsident 1972 (in Allianz mit den Liberalen Malagodis) wurde mir bei meinem offiziellen Besuch in Moskau ein netter Empfang bereitet, obwohl das kommunistische Hauptquartier in Rom mit aller Kraft dagegen gearbeitet hatte. Das hatte aber nur bewirkt, dass ich nicht auf allerhöchster Ebene empfangen wurde. Wie ich später erfahren habe, war man den italienischen Genossen wenigstens diese protokollarische Einschränkung schuldig gewesen.