SYRIEN. Unter irakischen Flüchtlingen.
In Damaskus, auf der Flucht vor dem Alptraum Irak
Eine Million irakischer Flüchtlinge suchen in der Peripherie der syrischen Hauptstadt Zuflucht. Geschichten und Bilder eines stillen Exodus, von dem Zehntausende von Christen betroffen sind. Und der die Auslöschung des Christentums in dem Land beschleunigt, aus dem Abraham auszog. Reportage.
von Gianni Valente

Wissam, der Geigenspieler, und die anderen Jungen des Chores der Pfarrei der hl. Therese in Damaskus.
Zum Chor gehört auch Wissam, der bei der Messe Geige spielt. Sie wollten ihn umbringen, nur weil er groß ist, von heller Hautfarbe, wie ein Amerikaner aussieht. Auch Malad, einem Lautenspieler, der sich mit Musikunterricht über Wasser hält, haben sie schon nachgestellt, wollten ihn gefangen nehmen, Lösegeld erpressen. Bei Nacht und Nebel mussten die beiden fliehen, mit ihren Eltern und Schwestern (beide haben jeweils fünf). Dennoch sind sie der Meinung, dass sie noch Glück gehabt haben. Als am Ende der Messe das Gebet für die Verstorbenen verlesen wird, wird in der Kirche unterdrücktes Schluchzen laut. Hier gibt es niemanden, der nicht einen Trauerfall zu beklagen hätte, durch die Schuld der Bomben, Attentate und Entführungen nicht einen geliebten Menschen verloren hat. Vor der Kirche stehen sie dicht gedrängt vor der Liste mit den Familien, die sich heute Morgen ihre Zucker- und Ölration abholen können. Die Sakristei ist zu einer Art Behelfslager für jene Menschen geworden, die aus dem neuen „demokratischen“ Irak fliehen mussten. Trockenmilch und Rosenkränze, Gasflaschen und Marienbilder, Decken und Heiligenkerzen. „In dieser Zeit erfahren wir den Trost, den uns Jesus Christus schenkt, besonders intensiv. Wir, die wir nichts mehr haben und Gott nur unser Herz darbieten können. Dein Reich komme, unser tägliches Brot gib uns heute,“ wie der Pater mit den müden Augen von der Kanzel gepredigt hat. Als Pater Yussif erfuhr, dass sein Name auf der Liste der Todeskandidaten steht, ist er geflohen. Auf dem Kirchplatz werden an die Herauskommenden Kuchen- und Pizzastücke ausgegeben. Giorgio erzählt, wie die Kriege, mit denen die Demokratie exportiert werden soll, für das gemeine Volk aussehen: „Von Politik verstehe ich nichts. Saddam war sicher ein schlechter Mensch. Aber jetzt haben wir gesehen, dass es noch schlimmer kommen kann.“

Irakische Frauen zünden in der Kirche St. Therese für die Muttergottes Kerzen an.
Auch die Flucht der Iraker nach Syrien ist, mit all ihren Anomalien, ein Zeichen für die Katastrophe, die der Krieg ausgelöst hat. Der Holländer Laurens Jolles, Repräsentant des UN-Kommissariats für Flüchtlinge in Damaskus erklärt: „Als das Regime fiel, rechneten alle mit einem plötzlichen, enormen Flüchtlingsstrom – ähnlich dem nach den Kriegen in Afrika. Strukturen, Sponsoren und NGOs waren in Alarmbereitschaft. Fonds standen bereit. Aber die Flüchtlinge blieben aus. Mit Ausnahme kleiner Gruppen – größtenteils Menschen, die irgendwie mit dem alten Regime in Zusammenhang standen, Repressalien befürchten mussten, und denen es gelungen war, ihr Vermögen ins Ausland zu schaffen. In den letzten zweieinhalb Jahren, als die internationale Alarmbereitschaft allmählich abebbte, hat sich das anfängliche Rinnsal aus dem befreiten Irak in einen wahren Strom von Flüchtlingen verwandelt, der mit so gewaltiger Wucht über uns hereinbrach, dass wir, als Gastland, auf eine harte Probe gestellt werden.“ „Jede Woche strömen 30-40.000 Flüchtlinge in unser Land,“ berichtet Herr Jolles. Menschen der verschiedensten ethnischen und religiösen Gruppen, jeder sozialen Schicht, „aber auch jene, die wohlhabend waren, kommen mit so gut wie nichts hierher. Über den Daumen gepeilt kann man davon ausgehen, dass es inzwischen allein hier in Syrien schon mindestens eine Million sind. Laut Regierungsquellen sind es aber noch sehr viel mehr.“ Ein leiser biblischer Exodus, der sich nicht in Flüchtlingslager ergießt, sondern in die slums und chaotischen Peripheriezonen von Damaskus. Die unterschiedlichsten Menschen – auf der Flucht vor den gleichen strategischen Bomben, vor einer Welt, die verrückt spielt, mit Mordkommandos, Entführungen und Misshandlungen. Ein Horrorszenarium, dem sich niemand entziehen kann und das besonders hart die Christen trifft.
In Giaramana vermittelt das kleine, mit Karteikästchen und Fotos angefüllte Büro der Caritas den Eindruck einer großen Schaluppe der Kühnen in einem Sturm, den sie unmöglich bewältigen kann. Sr. Antoinette bringt die Lage der Christen, die aus dem Irak geflohen sind, auf den Punkt: „Die Sunniten entführen und morden nun dort nur die Schiiten, und die Schiiten entführen und morden nur die Sunniten. Aber sowohl die Schiiten als auch die Sunniten entführen und morden die Christen.“ In dem zermürbenden Stammeskrieg, der auf Zutun des Westens im Irak ausbrechen konnte, sind sie eine besonders leichte Beute. Personen, Häuser und Dinge als Spielball der Barbarei. Personen, für die es keinen Schutz gibt, weder in Stadtvierteln, noch durch Milizen oder mächtige Stammesclans.
Im Viertel Massaken Barzi, in dem Gebäude, das man wieder zur Kirche umfunktioniert und Abraham von Ur der Chaldäer geweiht hat, dem Vater aller Gläubigen, wird die kollektive Tragödie in den Erzählungen der Flüchtigen lebendig. Wie der von Jalal, der im Norden Bagdads in einem Fitness-Center arbeitete und sein Haus und sein Auto verkaufen musste, um die Entführer seiner Tochter bezahlen zu können. Oder der kleine Martin, der zwei Jahre lang die Stimme verloren hatte, nachdem sie ihn misshandelt hatten, um seine Schreie auf eine Kassette aufnehmen und seinem Vater schicken zu können. Und Nader, ein Bär von einem Mann, der für eine Ölfirma arbeitete: auch er wurde entführt und erst nach Bezahlung von 20.000 Dollar wieder freigelassen. „Manch einen unserer Nachbarn gelüstet es wohl nach unserem Geld. Sie entführen die Christen, weil sie wissen, dass viele von ihnen Verwandte im Ausland haben, die bereit sind, Lösegeld zu zahlen.“ Aber nicht nur eine gehobene gesellschaftliche Position weckt den Neid und das Interesse krimineller Elemente. Sherma ist 33 und schon Witwe. Ihren Mann haben sie umgebracht, weil er als Dolmetscher für die amerikanischen Firmen arbeitete. Und der religiöse background der Eindringlinge liefert der Brutalität und dem Fanatismus der Islamisten einen guten Vorwand. „Sie sagten, dass wir die Diener der Kreuzfahrer seien, zwangen meine Töchter, einen Schleier zu tragen, schickten uns Drohbriefe, in denen stand: wenn ihr nicht geht, schneiden wir euch die Kehle durch,“ berichtet Alisha. Man erzählt uns, dass die neuen Gewaltwellen in den Monaten nach der Ansprache von Regensburg ihren Höhepunkt erreicht hätten: „Sie haben uns bedroht und gesagt: niemand geht in die Kirche, bevor sich der Papst nicht bei den Muslimen entschuldigt hat. Und sie haben uns gesagt, dass wir hier ausgespielt hätten: verschwindet! – riefen sie – bittet doch euren Papst um Asyl!“. Durch Mundpropaganda erfahren wir, dass einige Priester und junge Christen nach Regensburg Repressalien über sich ergehen lassen mussten. Michel, ein aus Mossul geflohener Taxifahrer, gibt seine Sehnsucht nach den alten Zeiten unumwunden zu: „Eines kannst Du mir glauben, mein Freund: vor dem Krieg haben wir noch in Frieden gelebt. Wenn man nach der Arbeit nach Hause kam, hatte man seine Ruhe.“ Und fast alle geben ihm Recht, niemand protestiert. „Jeder Krieg, der hier ausbricht, ist ein Krieg gegen die Christen. Das ist immer so. Sie sind immer diejenigen, die bezahlen müssen,“ stellt Robert, ein syrisch-katholischer tour operator in Aleppo, mit bitterem Realismus fest.

Eine Familie irakischer Flüchtlinge in ihrem Zimmer im Viertel Massaken Barzi.
Mindestens 40.000 der nach Syrien geflohenen Iraker – Chaldäer, Syrer, Armenier, Orthodoxe – sind Christen. Für sie ist der „Schurkenstaat“, den die USA schon seit jeher auf dem Kieker haben, eine Art Verheißenes Land, der beste Ort, wohin jene flüchten können, die den Namen Christi tragen. In Damaskus sind die Christen hauptsächlich auf die Viertel Giaramana, Tabbaleh, Massaken Barzi oder Dwela konzentriert. „Wenn ein neuer Flüchtling kommt, gehen die Familien in das Heiligtum und danken Gott und der Muttergottes dafür, dass die Reise gut verlaufen ist,“ berichtet Toufic Eid, der Pfarrer der Kirche der Heiligen Sergius und Bacchus in Maalula, dem Ort, wo man noch Armenisch spricht, wie Jesus. „Aber dann bitten sie auch um ein leichteres Leben, denn die Flüchtlinge haben es wirklich schwer.“
In Massaken Barzi lebt Samir mit seiner Familie. Zu acht in zwei Zimmern zusammengepfercht, schlafen sie auf Sofas und Matratzen auf dem Boden. An den Wänden hängen Marienbilder, Abbildungen des Heiligen Herzens Jesu. Fotos aus glücklichen Tagen. Auch das von seiner Tochter Yasmina, die nach einer der üblichen Blitzentführungen nach 11 Tagen endlich wieder auf freiem Fuß war („11 Tage lang musste sie mit gefesselten Händen ausharren! Und wir warteten und warteten, konnten weder schlafen noch essen…“). Berge von Wäsche, weinende kleine Kinder, Vogelkäfige, offene Koffer, die immer bereit sind, in Windeseile mit dem wenigen gepackt zu werden, das diesen Menschen geblieben ist, die das sinkende Schiff gerade noch verlassen konnten. Für solch schäbige Zweizimmerwohnungen, die man im Jahr 2000 noch für 10 Dollar im Monat mieten konnte, müssen die Iraker nun schon mindestens 400 Dollar berappen. Und der „Irak-Effekt“ auf dem Immobilienmarkt treibt auch die Syrer zur Verzweiflung. „Mein ältester Sohn schickt mir jeden Monat aus Australien Geld, damit ich meine Miete bezahlen kann,“ erzählt Samir. Man hat gar keine andere Wahl als sich zu arrangieren. Die syrische Regierung garantiert Gastfreundschaft, öffnet den Flüchtlingen ihre Schulen, garantiert all jenen, die ein refugee certificate der UNO vorzeigen können, ein Minimum an ärztlicher Versorgung. Aber die Wirtschaft des Landes liegt im Argen, und den Irakern, die sich nicht selbstständig machen können, bleibt der Zutritt zum Arbeitsmarkt verwehrt. Viele der Flüchtlinge sind zum Nichtstun verdammt. Wie Michel, der in Bagdad Ingenieurwesen studierte und nun – wie viele seiner Altersgenossen – die Tage auf dem Sofa verbringt und sich vom Satellitenfernsehen berieseln lässt, das dank des dichten Antennenwaldes der Stadt sogar bis hierher vordringen konnte. Und bei den Frauen sieht es keineswegs besser aus: viele – meist blutjunge Witwen, die vor der Flucht gerade noch genug Zeit hatten, ihre Männer zu begraben – wissen nicht mehr, wie sie ihre Kinder ernähren sollen, sehen oft als einzigen Ausweg die Prostitution. Dass viele Kinder in den Schulen sozusagen nur „Gastspiele geben“ (laut UNO-Statistik 2006 muss man von einer Ausfallrate von 30% ausgehen), zeigt, wie weit verbreitet das Phänomen der Kinderarbeit hier ist. Und wenn man dann noch bedenkt, dass die Kriminalitätsstatistik immer häufiger von irakischen Flüchtlingen angeführt wird, kann man verstehen, warum die Syrer von dem Einwanderungsstrom der „Nach-Saddam-Zeit“ immer weniger begeistert sind.

Irakische Kinder in Damaskus: nach der Messe.
Im Niemandsland der Flüchtlinge gibt es aber auch Menschen, die in dieses Ghetto der Schiffbrüchigen mitten im wirklichen Leben ein wenig Nächstenliebe und Barmherzigkeit bringen wollen. Sr. Thérèse vom Guten Hirten kommt jeden Tag nach Massaken Barzi, verteilt Rosenkränze und kleine Öfen, Minikühlschränke und Kruzifixe. Sie hört sich die Sorgen der Menschen an, und schreitet – wo immer das angesichts des vollkommenen Mangels an Initiativen auch seitens der kirchlichen Assistenzorganismen möglich ist – helfend ein. Ihre Sorgenkinder sind vor allem die jungen verwitweten Mütter – neunzig von den 500 Familien, die sie kennt. Manche der 60 Kinder, denen sie Katechismusunterricht gibt, muss sie „freikaufen“, wenn sie sie auf einen Ausflug mitnehmen will: ihre „Arbeitgeber“, meist Friseure oder Lagerhallen, zahlen ihnen dreieinhalb Dollar in der Woche. Mit den Größeren hat sie eine Art „Genossenschaft“ auf die Beine gestellt. Sie nennen sich „die Domenico Savianer“, wie der heilige Salesianer, der ihr Vorbild ist. Diese fröhlichen jungen Menschen geben Englisch- und Computerkurse. Stets darum bemüht, das kleine Wunder säuberlich geführter Schulhefte auch unter derart ungewöhnlichen Umständen möglich zu machen. Während fast alles andere um sie herum, ein jeder dieser sinnlosen Tage, von einem Gefühl der Leere und Orientierungslosigkeit geprägt ist.
Das Ende einer Christenheit
„Gruppen irakischer Christen haben die Irak-Politik der Administration Bush als ‚heimtückische Verschwörung‘ definiert. Und diese Heimtücke könnte dazu führen, dass eine der ältesten christlichen Nationen der Welt auf ihrem Heimatboden ausgelöscht wird.“ Das schrieb der amerikanische Politologe und Analyst Glenn Chancy bereits im April 2004. Und nach den Erzählungen der chaldäischen Flüchtlinge in Syrien zu urteilen, schreitet dieser Auslöschungsprozess mit Riesenschritten voran.

Damaskus: die Schlange vor dem UNO-Büro, das die „refugee certificates“ ausstellt.
Sie können nicht in den Irak zurück. Und sie können auch nicht beginnen, sich in Syrien ein neues Leben aufzubauen. Aber auch in anderen Ländern bleiben ihnen die Türen verschlossen, vor allem im Westen, wo die Politik auf einen immer immigrationsfeindlicheren Kurs geht. Auch dort mutet man den irakischen Flüchtlingen eine frustrierende Odyssee zwischen Botschaften und Konsulaten zu, wo sie sich mit unwilligen Beamten herumschlagen müssen, die es mit der Erstellung von Visa alles andere als eilig haben.
Susan war auch heute Morgen wieder auf der australischen Botschaft. Wie so oft umsonst. Mit ihren großen, traurigen Augen schaut sie ihren Sohn Semir an, einen hoch gewachsenen, 15jährigen Burschen, das Älteste ihrer vier Kinder. Sie berichtet uns, dass ihr Mann nach Bagdad zurückgekehrt ist, um zu versuchen, ihr Haus, das Auto, zu verkaufen. Dass ihn dieser Versuch, mit ein bisschen Geld zurückzukommen, vielleicht das Leben kosten könnte. Viele Familienväter sind von derartigen Reisen, auf denen sie ihre Vermögensverhältnisse regeln wollten, nicht mehr zurückgekommen. Die neuen „Besatzer“ würgen jeden Besitzanspruch sofort ab, indem sie oft auch gleich dem Anspruchsteller den Garaus machen. Wie sehr sich Susan und ihr Sohn sorgen, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Immer wieder fragt sie verzweifelt: „Warum gibt uns die Botschaft kein Visum? Nimmt das denn nie ein Ende? Haben wir überhaupt noch irgendwo eine Zukunft?“ Fragen, auf die ihr niemand eine Antwort gibt.