REPORTAGE. Die verfallenen byzantinischen Kirchen im Norden der Insel.
Ein Erbe, das gerettet werden muss
Eine Reise zu den verfallenen antiken Kirchen im Norden Zyperns. Ein Erbe der Kunst und des Glaubens, das für immer verloren sein könnte. Und ein Thema, das die religiösen Oberhäupter der Insel am 21. Februar zum ersten Mal diskutierten. In der Hoffnung, eine neue Phase der Entspannung zwischen griechischer und türkischer Zone einleiten zu können. Eine Begegnung kurz vor der „Öffnung“ der Mauer, die Nikosia teilt: wichtiges Signal für ein Ende der Eiszeit.
von Giovanni Ricciardi

Die Ruinen der Kirche St. Nikolaus (15. Jh.) in Trachoni, nicht weit von Nikosia.
Die Geschichte
Am 20. Juli 1974 landeten die türkischen Truppen im Norden der Insel und hatten bald ein Drittel des Landes in ihre Gewalt gebracht. Nur wenige Jahre später, 1983, proklamierte sich das Gebiet zur „Türkischen Republik Nordzypern“ – wenngleich von der internationalen Gemeinschaft niemals legitimiert und nur von Ankara anerkannt. Noch heute sind auf diesem Territorium, das sich über mehr als 3.000km2 erstreckt, 40.000 Soldaten stationiert. An dem langen Stacheldrahtzaun, der das Gebiet vom Rest der Insel trennt, patrouillieren die Blauhelme der UNO. Eine „Grenze“, die die beiden ethnischen Gruppen, die seit Jahrhunderten auf der Insel zusammenleben, auch physisch trennte: die Griechisch-Zyprioten, orthodoxen Glaubens (82%, mit der ein oder anderen lateinischen, maronitischen und armenischen Minderheit), und die Türkisch-Zyprioten, Muslime (18%), die zum Teil von den Osmanen abstammen (die Zypern von 1571 bis 1878 regierten), zum anderen von den Griechen oder Lateinern (die in der Zeit der Herrschaft der Hohen Pforte zum Islam konvertierten).
Zu den ethnischen Gruppen, die aus Zypern stammen, kamen in den letzten dreißig Jahren noch 160.000 Siedler aus Zentralanatolien hinzu. Sie wurden von der türkischen Regierung im Norden Zyperns angesiedelt, was natürlich auch die demographische Zusammensetzung des Landes veränderte: die Türkisch-Zyprioten, die zur Minderheit geworden sind, wandern inzwischen nicht selten in die USA, nach Großbritannien und Australien aus, was ihre Zahl von 135.000 auf 80.000 schrumpfen ließ.

Das Fresko mit den Heiligen Andronikus und Athanasia in der Kirche St. Andronikus in Kythrea, eines der wenigen, die nach der Plünderung und dem Einsturz des Daches noch in situ erhalten sind.
Das Problem blieb bis Ende der 1990er Jahre auf dem Tisch – trotz der vielen Resolutionen der Vereinten Nationen, die den Rückzug der türkischen Truppen und die Wiederaussöhnung des Landes forderten. Als 1999 die Kandidatur Zyperns für die Europäische Union angenommen wurde, leitete man zähe Verhandlungen unter der Schirmherrschaft der UNO ein. Man wollte eine verhandelte Lösung finden, bevor die Insel Vollmitglied Europas wurde. UN-Generalsekretär Kofi Annan, der die Verhandlungen leitete, erlitt mit seinem Vorschlag bei der Volksabstimmung vom 24. April 2004 Schiffbruch. Eine Woche später nahm die Europäische Union den Beitritt Zyperns dennoch an; als einen Staat, der auch den Norden des Landes umfasst, in dem das sog. Acquis communautaire – also die Gesamtheit der von den Mitgliedstaaten akzeptierten Normen und Konventionen – immer noch in der Schwebe ist. Erst im vergangenen Juli haben sich die Parteien erneut verpflichtet, einen Dialog auf technischer, nicht politischer Ebene wiederaufzunehmen, der jedoch immer noch nicht wirklich in Gang gekommen ist.
Zwei Gemeinschaften begegnen einander wieder
Ein konkretes und wichtiges Resultat der UNO-Verhandlungen war allerdings die 2003 eingeleitete Öffnung einiger Durchfahrtswege zwischen den beiden Teilen der Insel, die bis dato vollkommen voneinander abgesperrt waren. 11 Millionen „Grenzübergänge“ hat es seither gegeben. Die beiden Gemeinschaften begegnen einander wieder. Der Handel blüht, Zeitungen werden zweisprachig herausgegeben, im Fernsehen Debatten der verschiedenen politischen und religiösen Repräsentanten übertragen. Viele Türkisch-Zyprioten begeben sich in den Süden, wo sie einen EU-Pass und kostenlose medizinische Betreuung erhalten, was ihnen (im Gegensatz zu den Siedlern) als vollwertige EU-Mitglieder zusteht. Und ein Zusammenleben könnte heute möglich sein – trotz der vielen ungelösten Probleme und einzelner Besitzstreitigkeiten, trotz der Frage der während des Krieges verschollenen Personen, von denen sich seit 1974 jede Spur verloren hat; und der darüber, wie der Weg zu einer Wiedervereinigung der Insel als föderativer Staat in einer derart ungeklärten Zukunft aussehen soll.
Auch die Griechisch-Zyprioten kommen oft in den anderen Teil des Landes, wollen die Stätten ihrer Kindheit wiedersehen, ihr Geburtshaus, ihre Dorfkirche. Eine oft schmerzliche Wallfahrt. Erst am 30. November pilgerten sie wieder zu Tausenden zum Heiligtum des Apostels Andreas, an der äußersten Spitze der Halbinsel Karpasia, um ihren Schutzpatron zu verehren. Sankt Andreas ist eine der wenigen Kirchen im Norden des Landes, die noch „funktionsfähig“ sind und für die die USAID (United States Agency for International Development) ein Restaurierungsprogramm eingeleitet hat. Im Rest des Landes stehen die Dinge leider anders.

Das Maronitenkloster des Propheten Elias in Skylloura, heute zerstört und zum Tierheim „umfunktioniert“.
Von 1974 bis heute sind von den funktionsfähigen Kirchen im Norden des Landes nur eine Handvoll übriggeblieben. 77 wurden zu Moscheen umgestaltet, nachdem man sie all ihrer Bilder und Kirchengeräte beraubt hatte; die anderen rücksichtslos geplündert und verwüstet, zu Tierställen degradiert, zu Lagerhallen, Garagen, Waffenlagern, Leichenschauhäusern, Hotels, Kunstgalerien, Nachtclubs - oder einfach nur ihrem Schicksal überlassen. Ohne die 50 Kultstätten zu zählen, über deren Zustand nichts bekannt ist, da sie sich in Zonen befinden, die unter militärischer Besatzung stehen, oder abgerissen wurden. Nicht einmal die zahlreichen archäologischen Stätten des Gebiets waren vor Raub und Verwüstung sicher. Besorgniserregend ist auch der seit 1974 erblühte Handel mit Mosaiken, Fresken und Ikonen auf dem internationalen Schwarzmarkt. Die Zahl dieser Kunstwerke, von denen sich praktisch jede Spur verloren hat, wird auf ca. 20.000 geschätzt: Ein Phänomen, das leider auch in vielen Nahost-Kriegsgebieten immer mehr um sich greift, im Norden Zyperns aber nun schon seit 32 Jahren systematisch betrieben wird. Die traurigen Folgen sind heute für aller Augen nur allzu offensichtlich.
Eines der gravierendsten Beispiele ist eine Kirche mit Kunstwerken von unschätzbarem Wert: Panagia Kanakaria. Ihr Apsismosaik aus der Zeit des Justinian (um 525-530) hatte zwar als eines der wenigen Bilder im östlichen Mittelmeerraum der Wut der Bilderstürmer entgehen können – aber nur, um dann 1979 von der Wand abgelöst und „zerstückelt“ zu werden. Dargestellt waren darauf Christus im Arm der Jungfrau Maria auf dem Thron, umgeben von den Erzengeln Michael und Gabriel, und von 13 Medaillons mit dem Antlitz Christi und denen der Apostel. Vier Stücke davon tauchten 1988 in Europa wieder auf. Ein türkischer Kunsthändler, Aydin Dikmen, bot sie der amerikanischen Antiquitätenhändlerin Peggy Goldberg an. Für eine Million Dollar. Mrs. Goldberg wollte das Mosaik dann, auf Vermittlung des Erzherzogs Géza von Habsburg und seines Genfer Auktionshauses, für 20 Millionen Dollar an die Leiterin des Paul-Getty-Museums in Malibu, Marion True, verkaufen. Das Museum beeilte sich aber, die amerikanischen Justizbehörden und die Kirche Zyperns zu verständigen, und so kam es, dass die kostbaren Stücke auf Beschluss der amerikanischen Staatsanwaltschaft wieder an ihren rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben wurden. Heute kann man sie im byzantinischen Museum von Nikosia bewundern. Der Rest des Mosaiks ist allerdings bis heute unauffindbar – wenn er nicht schon beim Ablösen des Kunstwerks von der Wand größtenteils zerstört wurde. Die Odyssee der Mosaike der Kirche von Kanakaria ist – wie der deutsche Bzyanzexperte Klaus Gallas 1990 nach der Rückkehr von einer Reise nach Nordzypern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb – nur eines von zahllosen Beispielen für verschwundene Kunstwerke, die nur in den seltensten Fällen als das erkannt werden konnten, was sie sind: gestohlene Kunstwerke.
Das berühmte byzantinische Kloster in Kalogrea, bekannt unter dem Namen Antiphonitis, wurde zum Sinnbild für die Zerstörung des künstlerischen und kirchlichen Erbes Nordzyperns. Seine herrlichen Fresken, die auf die Zeit zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert zurückgehen, wurden in kleine Stücke zerschnitten und an private Sammler verkauft. Die monumentale Darstellung der Wiederkunft Christi oder die des Jessebaums und einige Szenen aus dem Leben Marias sind für immer verloren. Die Kirche Zyperns konnte lediglich einige Fragmente zurückbekommen, andere dagegen sind wohl in Privatsammlungen eingegangen und unauffindbar. Und wenn das ein oder andere Stück irgendwann im Bestand westlicher Auktionshäuser doch wieder auftaucht, beginnt ein zäher Rechtsstreit. Und nicht immer gelingt es Zypern, seiner Kunstwerke wieder habhaft zu werden: erst 1995 sprach sich ein holländischer Gerichtshof gegen die „Heimkehr“ von vier wertvollen Ikonen aus, die aus der Kirche von Antiphonitis stammen. Auch die Versuche, eine Pforte aus der Ikonenwand der Kirche von Agios Anastasios, in Peristerona, nahe der Stadt Famagosta, nach Zypern zurückzuholen, scheiterten. Sie ist derzeit am japanischen Kunstkolleg Osaka ausgestellt.

Das wertvolle Fresko der Wiederkunft Christi (15. Jh.) des Klosters von Antiphonitis, im Umland von Kalogrea.
Die Rolle Europas
Die kulturellen Einrichtungen des Landes wollen nun die öffentliche Meinung in Europa beeinflussen, um ein Kulturerbe zu retten und zu erhalten, das für immer ausgelöscht werden könnte. Ein wichtiger Schritt hierbei wäre es, die Genehmigung für die Restaurierung der architektonischen Strukturen und Fresken in situ zu erhalten, um sie vor dem Einsturz zu bewahren. Auch gilt es, sie vor weiteren Plünderungen zu schützen, und der Rechtsstreit, in dem die Türkei der orthodoxen Kirche das Besitzrecht auf diese heiligen Gebäude aberkennen will, müsste ein für allemal entschieden werden.
In Europa dagegen zeigt man endlich erste Reaktionen. Nach der im Juli vergangenen Jahres ergangenen Resolution des Straßburger Parlaments approbierte die Europäische Kommission im Dezember die systematische Katalogisierung der religiösen Monumente in Nordzypern und eine Auflistung der vom Krieg verursachten Schäden und Plünderungen, um dann zur Restaurierung und zum Schutz dieser Kultstätten schreiten zu können. Und beim jüngsten Besuch des Präsidenten der Parlamentsversammlung des Europäischen Rates, Renè Van der Linden, in Zypern wurde der Kommission die in den letzten Jahren zusammengestellte database unterbreitet. Van der Linden baten die Zyprioten, sich dafür einzusetzen, dass Kunstexperten der Zutritt zu den fünfzig Kirchen gewährt wird, die sich in der Militärzone im Norden des Landes befinden. Sie haben auch klargestellt, dass an dem Projekt Repräsentanten aller beteiligten religiösen Gruppen teilnehmen sollten – also nicht nur Orthodoxe, sondern auch lateinische Katholiken und Maroniten, Anglikaner, Protestanten, Armenier und Juden –, die Besitzer der jeweiligen Kultstätten, damit ein jeder seinen Beitrag zur Restaurierung und Bewahrung dieser Gebäude leisten kann.

Eines der 35 Fragmente der Fresken des Klosters von Antiphonitis (15. Jh.), die in München sichergestellt werden konnten und 1997 den zypriotischen Behörden zurückgegeben wurden. Heute befinden sie sich im byzantinischen Museum von Nikosia.
Aber durch den Besuch Van der Lindens konnte auch ein Dialog zwischen den religiösen Führern der Insel eingeleitet werden. Am 21. Februar kam es im Ledra Palace Hotel, Sitz des UNO-Kommandos, das die Demarkationslinie zwischen Nord und Süd kontrolliert, zur ersten offiziellen Begegnung des neuen orthodoxen Erzbischofs von Zypern, Chrysostomos II., und des religiösen Oberhaupts der Türkisch-Zyprioten, Ahmed Yonluer. Dem Präsidenten der Parlamentsversammlung des Europäischen Rates gelang es, die heikle Frage der Kirchen des Nordens „diskret“ auf die Tagesordnung zu setzen, was noch bis vor kurzem alles andere als selbstverständlich war. Der Erzbischof brachte die Notwendigkeit zum Ausdruck, ein großangelegtes Restaurierungsprojekt einzuleiten. Yonluer schlug vor, beim Kloster des Apostels Andreas zu beginnen, und bat als Gegenleistung um die ständige Einsetzung eines hodja, eines muslimischen Ordensmanns, in der Hala Sultan Tekke, einem beliebten Pilgerziel der Muslime Zyperns am Ufer des Salzsees von Larnaka, im Süden des Landes. Chrysostomos II. erklärte sich bereit, die Präsenz eines islamischen Klerus an allen islamischen Kultstätten des Südens zu akzeptieren, Yonluer plädierte eher für eine Politik der kleinen Schritte. Die Begegnung war jedenfalls eine sehr herzliche. Der Erzbischof erklärte, in Yonluer „einen Freund gefunden“ zu haben und fügte an: „Wir haben uns beide dazu bereit erklärt, für die Restaurierung und Bewahrung der religiösen Monumente in beiden Teilen der Insel einzutreten.“
Die Annäherung der Türkei an Europa hat unweigerlich auch damit zu tun. Und die Frage der Kirchen Zyperns könnte, auch für Ankara, eine Gelegenheit sein, jene Länder zu überzeugen, die den Beitritt des Landes zur EU mit kritischen Augen sehen. Ohne Kraftproben, aber durch einen faktischen Dialog zu konkreten Themen. „Der Prozess der europäischen Integration ist von seiner Natur her ein Friedensprozess,“ kommentiert Botschafterin Erato Kozakou-Marcoullis, Leiterin der Angelegenheiten für die zypriotische Frage im Außenministerium von Nikosia, und schließt: „Deshalb bin ich auch optimistisch – trotz aller Probleme.“