Papst Ratzinger: Herz und Verstand
von Kardinal Jozef Tomko

1977 ernannte ihn Paul VI. zum Erzbischof von München und kreierte ihn zum Kardinal; Johannes Paul II. machte ihn 1980 zum Generalrelator der wichtigen Synodenversammlung zum Thema Ehe und Familie. Man kann sagen, dass das sein erster öffentlicher Auftritt war. Ein Monat kollegialer Kooperation unter den Augen der Bischöfe aus aller Welt. Die Tiefe der Lehre, der Respekt vor den Meinungen anderer, gepaart mit Klarheit und pastoraler Sensibilität, sicherten ihm die Wertschätzung vieler Bischöfe. Und als er 1981 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und Nachfolger von Kardinal Franjo Seper wurde, war vielleicht er am meisten überrascht.
Und hier begann die Metamorphose – natürlich nicht die Kardinal Ratzingers, sondern seines Images in den Medien. Einem Teil der Presse hatte es gefallen, ihn in eine Schublade zu stecken und ihm jenes Klischee anzudichten, mit dem man bereits das ehemalige Heilige Uffizium bedacht hatte: das des herzlosen, gestrengen und unerbittlichen „Großinquisitors“ – Adjektive, für die sich die Presse heute nur schämen kann. Ein von gewissen Kreisen gewollt verfälschtes Bild, und zwar sowohl unter dem Aspekt des Hüters der Glaubenslehre als auch des Menschen. Wer ihn kannte, konnte über soviel Verbissenheit nur den Kopf schütteln und die Gelassenheit und Heiterkeit Kardinal Ratzingers bewundern. Ich erinnere mich an seine tiefen, improvisierten Reflexionen in einem Gespräch über die Tugend der Stärke: seine stille und würdevolle Antwort auf ungerechte, gemeine Angriffe. Bei unseren Versammlungen in der Kongregation, wo – kein Zufall – noch immer die Methode der kollegialen Arbeit gilt, und bei unseren persönlichen Kontakten haben wir einen anderen Ratzinger kennen gelernt. Die sorgfältig in sein Notizbuch geschriebenen Anmerkungen, die dazu dienten, das zur Diskussion stehende Thema zu vertiefen, waren nicht nur eine Schule der hohen Theologie, sondern auch der vernünftigen Mäßigung des Tons. Wenn die Ansichten eines Theologen gehört werden sollten, war der Präfekt immer zum Dialog bereit. Wie viel Herz er hat, konnte man an seinem Verhalten dem Personal oder den Menschen gegenüber sehen, denen er begegnete, wenn er – die Baskenmütze auf dem Kopf und die Aktentasche in der Hand – nach einem Arbeitstag im Büro den Petersplatz überquerte.
Ein gutes Herz, das Herz eines Hirten. Wer seine Predig zum 25. Jahrestag seines Bischofsdienstes in der Kirche Santa Maria in Trastevere (wo sich auch viele seiner bayerischen Landsleute in ihren unverkennbaren Trachten eingefunden hatten) oder andere Ansprachen von ihm gehört hat, konnte sich ein Bild machen von der tiefen priesterlichen Spiritualität des Kardinals. Einem breiten Publikum wurde er bei dem unvergessenen Trauergottesdienst für Johannes Paul II. bekannt. Und schließlich konnte ihn auch das Kardinalskollegium, das während der Novemdiales vollzählig zusammen gekommen war, bei dieser Gelegenheit kennen lernen: Seine weise und taktvolle Leitung der Versammlungen brachte ihm die Wertschätzung auch jener Kardinäle ein, die von weither gekommen waren.

Benedikt XVI. beim sonntäglichen Angelusgebet.
Die zwei Jahre fruchtbaren Pontifikats stehen uns allen deutlich vor Augen: die Reise nach Polen, der Weltjugendtag, die Ansprachen in Bayern – einschließlich der in Regensburg –, die Reise in die Türkei ganz im Zeichen der Ökumene und des interreligiösen Dialogs, die Ansprache an die italienische Kirche in Verona, um nur einige Gesten zu nennen. Die Menschen strömen zusammen, wollen Benedikt XVI. hören, weil jede seiner Predigten, seiner Ansprachen, Nahrung ist für Geist und Verstand. Sogar die kurze sonntägliche Reflexion des Angelusgebets vom Fenster des Apostolischen Palastes aus – inzwischen zu einer Art Kanzel geworden – lockt immer mehr Gläubige an, aus dem In- und Ausland. Ein junger Mann hat mir das so erklärt: „Ich höre ihm gerne zu: er sagt immer so tiefgründige Dinge, aber verstehen tue ich ihn trotzdem!“. Die Welt hat in Benedikt XVI. nicht nur den klaren Verstand des Professors und Theologen wiederentdeckt, sondern – und vor allem – das Herz eines Hirten, servus servorum Dei, mit einem liebenswürdigen Lächeln und ausgebreiteten Armen.
Ich glaube, der beste Glückwunsch zum 80. Geburtstag von Benedikt XVI. ist das klassische, liturgische: „Dominus conservet eum!.“