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DIE...
Aus Nr. 03 - 2007

Gott hat sein Wort kurz gemacht



von Kardinal Agostino Cacciavillan



Wir feiern den 80. Geburtstag unseres Papstes Benedikt XVI. und wünschen ihm ein langes Leben! Möge uns der Herr noch lange sein intelligentes, von dichtem weißen Haar umrahmtes Antlitz erhalten, seinen entschlossenen und zugleich so gütigen Gesichtsausdruck, die Liebenswürdigkeit, die er seinen Mitmenschen, vor allem den Kranken, gegenüber an den Tag legt und die man besonders bei seinen Audienzen sehen kann. Die Herzlichkeit, mit der er die Kinder liebkost (über das Jesuskind und die Kinder im Allgemeinen spricht er in seiner Homilie bei der Christmette 2006). Der Herr erhalte ihm noch lange die Beweglichkeit, mit der er die Stufen zum Confessio-Altar und zum Audienzsaal emporsteigt!
Sein 80. Lebensjahr konnte er in großer geistiger Frische (nicht ohne einen feinen Sinn für Humor) und guter körperlicher Verfassung vollenden – obwohl die dem Bären des Korbinian aufgebürdete Last deutlich schwerer geworden ist (vgl. Aus meinem Leben. Erinnerungen 1927-1977, Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart 1998, SS. 179-181; und Grußworte auf dem Münchner Marienplatz, 9. September 2006).
Wie sollten wir die Worte vergessen, mit denen er sich am 19. April 2005 als „einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ vorstellte? Da kommt einem unweigerlich der Salesianergeist in den Sinn, also jener bescheidene und sanfte christliche Humanismus des Bischofs und Kirchenlehrers Franz von Sales. Vielleicht war auch Benedikt XV. so.
Die 80 Jahre von Papst Ratzinger lassen sich in zwei Phasen einteilen: in die 50 Jahre, bevor er Bischof wurde (1927-1977), und die 30 von seiner Bischofsweihe bis heute (1977-2007).
30 Jahre Episkopat: fünf in Deutschland als Erzbischof von München und Freising (1977-1982), 25 in Rom, im Vatikan, 23 davon (1982-2005) als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und zwei als Hirte der Weltkirche. 28 Jahre lang (1977-2005) war er auch Kardinal, fünf in München, 23 in Rom.
In 80 Lebensjahren und an der Schwelle zum 81. hat Benedikt XVI. vier bedeutende apostolische Reisen hinter sich gebracht, die alle ein großer Erfolg waren: die Reise nach Polen (25.-28. Mai 2006), Valencia (8.-9. Juli 2006), Bayern (9.-14. September 2006) und in die Türkei (28. November -1. Dezember 2006).
Die Reise nach Bayern war in einem gewissen Sinne auch seine ganz persönliche Feier dieser 80 Lebensjahre, besonders der Zeit vor Rom, also vor 1982: eine bewegende und erbauliche Feier an wohlbekannten Stätten. Mit Menschen, die ihm gut bekannt und teuer sind.Aber auch in der Erinnerung an jene, die nicht dabei sein konnten oder verstorben sind. Wie die Eltern Joseph und Maria und die Schwester Maria, an deren Grab er gemeinsam mit seinem Bruder, Mons. Georg, betete. Seine verschiedenen Lebensphasen und die Vergangenheit wieder Revue passieren zu lassen – von der Kindheit bis zum fruchtbaren Schaffen als Priester, Universitätsprofessor, Autor und Bischof –, war etwas, das er nur ganz für sich allein tun konnte. Vor dem Hintergrund seiner jüngsten Reise nach Bayern ist es interessant, in seinen oben erwähnten autobiographischen Erinnerungen an seine ersten 50 Lebensjahre nachzulesen.
Im vergangenen September, in der Heimat, hat er folgendes gesagt: „Ich kehre in meine Heimat [...] zurück in der Absicht, einige Orte zu besuchen, die in meinem Leben eine grundlegende Bedeutung hatten [...]. In diesem Augenblick steigen in meinem Innern viele Erinnerungen an die in München und Regensburg verbrachten Jahre auf – Erinnerungen an Menschen und Ereignisse, die tiefe Spuren in mir hinterlassen haben.[...] All jene, die zur Formung meiner Persönlichkeit in den Jahrzehnten meines Lebens beigetragen haben. [...] Ich sehe vor mir die Stationen meines Weges von Marktl über Tittmoning nach Aschau, nach Traunstein, nach Regensburg, nach München“ (Ansprache bei der Ankunft in München). Er war auch in Altötting und in Freising. „Ich freue mich [...], dass ich noch einmal die vertrauten Stätten besuchen kann, die mein Leben geprägt, mein Denken und Fühlen geformt haben [...]. Es ist eine Gelegenheit, all den vielen Lebenden und Verstorbenen zu danken, die mich geführt haben und die mich begleitet haben“ (Predigt in München). „Es ist mir zu Herzen gegangen, wie viele Menschen, besonders aus den Berufsschulen Weiden und Amberg, Firmen und Einzelne, Männer und Frauen, zusammengearbeitet haben, um auch mein kleines Haus und meinen Garten schön zu machen“ (Predigt auf dem Islinger Feld bei Regensburg). „Es ist für mich ein bewegender Augenblick, noch einmal in der Universität zu sein und noch einmal eine Vorlesung halten zu dürfen“ (Ansprache an der Universität Regensburg). „Es ist für mich tief bewegend, wieder auf diesem wunderschönen Platz zu Füßen der Mariensäule zu stehen, an einem Ort – es ist schon gesagt worden –, der für mich zweimal Zeuge entscheidender Wendepunkte in meinem Leben war [Beginn des Bischofsdienstes 1977 und Abschied vor der Reise nach Rom 1982]“ (Grußworte auf dem Münchner Marienplatz). Da ist die Erinnerung an seine Priesterweihe im Dom zu Freising und die Weihen von Priestern und Diakonen, die er selbst in diesem Dom vorgenommen hat (Ansprache im Freisinger Dom). „Es waren intensive Tage, und in meinem Gedächtnis konnte ich viele Ereignisse der Vergangenheit, die mein Leben geprägt haben, noch einmal neu erleben“ (Ansprache beim Abschied auf dem Münchner Flughafen). Auf all das kam Benedikt XVI. bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz (20. September) zurück. Die vier Pastoralreisen des Jahres 2006 stellte er auch in den Mittelpunkt der Weihnachtsansprache an die Römische Kurie (22. Dezember) und sagte: „Fahren wir im Geiste weiter nach Bayern – München, Altötting, Regensburg, Freising. Dort habe ich unvergeßlich schöne Tage der Begegnung mit dem Glauben und den Gläubigen meiner Heimat erleben dürfen. Das große Thema meiner Deutschland-Reise war Gott.“ Sie verlief also im Rahmen einer Vertiefung dieses Themas und zweier, damit verbundener Themen: Priesterdienst und Dialog.
Im Leben unseres Heiligen Vaters, einem Leben ganz im Dienst der Kirche, ragen besonders die 23 Jahre heraus, in denen er Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre war, Hauptmitarbeiter am Lehramt des unvergessenen Dieners Gottes Johannes Paul II. Von seinem 55. bis zu seinem 78. Lebensjahr war Kardinal Ratzinger Präfekt. Eine lange Zeit immer größer werdender Bekanntheit und wachsenden Prestiges. Seine Vorträge führten ihn in viele Länder; er veröffentlichte viel gelesene Bücher und Artikel, die große Anerkennung fanden.
Der Papst  begrüßt die Gläubigen im Blonie-Park (Krakau, 28. Mai 2006).

Der Papst begrüßt die Gläubigen im Blonie-Park (Krakau, 28. Mai 2006).

Besonders hinweisen möchte ich auf die zahlreichen offiziellen Dokumente, für die er in seiner Eigenschaft als Präfekt besagten Dikasteriums verantwortlich zeichnete. Erst kürzlich hat die Kongregation für die Glaubenslehre einen schönen Band herausgegeben, in dem Documenta inde a Concilio Vaticano Secundo expleto edita (1966-2005) gesammelt sind.
Der Großteil dieser Dokumente (von Nr. 46 bis Nr. 105, SS. 195-629) trägt die Unterschrift von Kardinal Joseph Ratzinger; weshalb Sekretär Angelo Amato auch schreiben konnte (S. 12): „Aus diesen Dokumenten wird seine große theologische Qualität ersichtlich – so tief verwurzelt in der Tradition der Kirche und gleichzeitig auch aufgeschlossen für das mit Sympathie und gesundem kritischen Geist betrachtete kulturelle novum . Ihm, der aus Gnade Gottes Papst Benedikt XVI. geworden ist, will die Kongregation für die Glaubenslehre voller Dankbarkeit dieses Sammelwerk widmen.“
Zwei sein ganzes Leben durchziehende wesentliche Charakterzüge seiner Person sind, dass er sich stets vollkommen in den Dienst der Wahrheit und in den der Liebe stellte, Substanz des christlichen Lebens.
In besagter Autobiographie über seiner ersten 50 Lebensjahre lesen wir: „Ich habe mir als bischöflichen Wahlspruch das Wort aus dem dritten Johannesbrief gewählt: ‚Mitarbeiter der Wahrheit‘; zum einen, weil es mir die vereinigende Klammer zwischen meiner bisherigen Aufgabe und dem neuen Auftrag zu sein schien: Bei allen Unterschieden ging und geht es doch um das gleiche, der Wahrheit nachzugehen, ihr zu Diensten zu sein. Und weil in der heutigen Welt das Thema Wahrheit fast ganz verschwunden ist, weil sie als für den Menschen zu groß erscheint und doch alles verfällt, wenn es keine Wahrheit gibt, deswegen schien mir dieser Wahlspruch auch zeitgemäß im guten Sinne zu sein.“ Diesen Wahlspruch gebrauchte er auch, als er von 1982 bis 2005 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre war.
In zitiertem dritten Johannesbrief findet sich aber nicht nur der Verweis auf die Wahrheit, sondern auch auf die Liebe. Wahrheit und Liebe sind in den Schriften des Apostels Johannes eng miteinander verflochten.
Auf der anderen Seite hängen auch Vernunft, Rationalität, Intelligenz mit der Wahrheit zusammen; der logos in Kleinbuchstaben und der Logos in Großbuchtstaben, der Schöpfer-Logos; aber auch die Themen Glaube und Vernunft, Religion und Vernunft. In diesen Rahmen fügen sich ein: die Ansprache, die der Heilige Vater am 12. September 2006 an der Universität Regensburg hielt; das, was er selbst in der Generalaudienz vom 20. September 2006 darüber sagte; sowie seine Ansprache beim vierten Nationalkongress der Kirche in Italien, Verona, am 19. Oktober 2006.
Und wenn die Wahrheit also am Anfang seines bischöflichen Dienstes und Lehramts stand, so geht es in der ersten Enzyklika seines Pontifikats um die Liebe. Auch hier mit unverkennbarer Anlehnung an Johannes: „Gott ist die Liebe“ ( 1Joh 4, 8). Und die Enzyklika wird auch in besagten Ansprachen in Regensburg und Verona zitiert: was unvermeidlich ist angesichts der engen Verflechtung zwischen Wahrheit und Liebe. Man beachte folgende Reflexion der Regensburger Ansprache: „[...] der wahrhaft göttliche Gott ist der Gott, der sich als Logos gezeigt und als Logos liebend für uns gehandelt hat. Gewiß, die Liebe ‚übersteigt‘, wie Paulus sagt, die Erkenntnis und vermag daher mehr wahrzunehmen als das bloße Denken (vgl. Eph 3, 19), aber sie bleibt doch Liebe des Gottes-Logos, weshalb christlicher Gottesdienst, wie noch einmal Paulus sagt, loghikè latreía ist, – Gottesdienst, der im Einklang mit dem ewigen Wort und mit unserer Vernunft steht (vgl. Röm 12, 1).“
Benedikt XVI. unterzeichnet die Enzyklika Deus caritas est 
(25. Dezember 2005).

Benedikt XVI. unterzeichnet die Enzyklika Deus caritas est (25. Dezember 2005).

Lesen wir noch einen Text von Papst Benedikt XVI, dieses Mal aus der Christmette 2006: „[...] ‚Gott hat sein Wort kurz gemacht.‘ Das Wort, das Gott uns in den Büchern der Heiligen Schrift mitteilt, war lang geworden im Lauf der Zeit. Lang und unübersichtlich [...]. Jesus hat das Wort „kurz gemacht“ – uns seine tiefste Einfachheit und Einheit wieder gezeigt. Alles, was Gesetz und Propheten uns lehren, so sagt er uns, ist vereinigt in dem einen Wort: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit all deinen Gedanken [...]. Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst‘ (Mt 22, 37 – 40). Das ist alles – der ganze Glaube ist bezogen auf diesen einen Gott und Menschen umfassenden Akt der Liebe.“ Und wie es bei Augustinus in der Stundenliturgie für die Weihnachtszeit (3. Januar) heißt: „Venit ipse Dominus, caritatis doctor, caritate plenus, brevians, sicut de illo praedictum est, verbum super terram, et ostendit in duobus praeceptis caritatis pendere legem et prophetas.“ In seiner Predigt im Dom zu Regensburg, am 12. September 2006, sagte der Heilige Vater: „Die Agape, die Liebe ist wirklich die Summe von Gesetz und Propheten. Alles ist in ihr ‚eingefaltet‘, muß aber im Alltag immer neu entfaltet werden.“
Die obigen Worte des Papstes Wahrheit-Wort-Logos und Liebe bilden sozusagen ein einziges Ganzes. Das Wort, die Wahrheit, betrifft hauptsächlich die Liebe: Gott ist die Liebe, und die Synthese des Gesetzes und der Propheten ist es, Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben.
Wahrheit und Liebe sind grundlegende Themen im Leben und Wirken der Kirche: ihre Sendung in der bürgerlichen Gesellschaft (die Bereiche Politik, Wirtschaft, Arbeit, Wissenschaft, Technik, usw.), die Förderung der Einheit der Christen, der Dialog mit den anderen Religionen und Kulturen, usw. In der wunderschönen Homilie zum Hochfest der Erscheinung des Herrn 2007 sprach der Papst von der politischen, wissenschaftlichen, religiösen Dimension und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Regierenden, die Männer des Denkens und der Wissenschaft, die spirituellen Leader der großen nicht-christlichen Religionen die Sterndeuter von heute sein mögen.
Bei den oben genannten Anforderungen kommt Benedikt XVI. eine übergeordnete Verantwortung zu, die er in bewundernswerter Weise mit großer Wissenschaft und großem Wissen erfüllt. Manchmal auch – so wurde gesagt – „in überraschender Weise“, und „mit bewundernswerter Eleganz in Wort und Geste“. Für diesen unermüdlichen großen Dienst an der Wahrheit und der Liebe danken wir unserem Papst und Theologen Benedikt XVI. von ganzem Herzen. Gleichzeitig mögen obige Verweise auf seine Lehre dabei helfen, uns in jenem „Beistand und jener Liebe“ seiner Person gegenüber wachsen zu lassen, wofür er uns oft sein „danke“ sagt, mit einer Bescheidenheit, die ebenso groß ist wie seine spirituelle Größe. Die schwerer gewordene Last des Korbiniansbären lässt ihn sich Gott näher fühlen.


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