DIE...
Aus Nr. 03 - 2007

Nova et vetera



von Kardinal José Saraiva Martins CMF



Wie bei jenem, der fähig ist, aus dem eigenen Schatz alte und neue Dinge zu ziehen (vgl. Mt 13, 44), kann man im theologischen Schaffen von Joseph Ratzinger Faktoren der Tradition erkennen, durch die die absolute Neuheit des christlichen Ereignisses zum Ausdruck kommen und in ihrer ganzen Schönheit erstrahlen kann. Und genau auf diese christliche Neuheit möchte ich kurz eingehen, über die „Person“ im Denken dessen nachdenken, der heute der Heilige Vater Benedikt XVI. ist.
Da ist eine Tatsache in der christlichen Offenbarung, die an die Oberfläche drängt: das Novum! In jeder Form sagt es dem Menschen etwas, das er noch nicht wusste, sich nie vorzustellen wagte. Der Theologe Ratzinger hat beobachtet, dass „der schöpferische Vorgang im Übrigen immer ein Empfangensvorgang ist; […] dieses ‚schöpferische Umprägen‘ war nur möglich in der Form eines Empfangens von Offenbarung “1.
Das heißt, dass die Entscheidung der Väter Israels für einen persönlichen und transzendenten Gott, oder das Bekenntnis der Kirche, dass Gott dreifaltige Gemeinschaft der Personen ist, ursprünglich keine ihrer Initiativen ist, nicht Frucht einer kulturellen Initiative, sondern notwendigerweise ein Geschenk bedeutet, eine Rezeption, und daher eine wahre historische Initiative Gottes dem Menschen gegenüber.
Dieser Aspekt absoluter Neuheit der Identität Gottes, der sich offenbart und so dem Menschen eine vollkommen neue Dimension erschließt, geht aus der Leseart der Bibel hervor, die der derzeitige Papst vollzogen hat, für den der Personengedanke ein Geschenk ist, das sich uns mit dem Sich-Offenbaren Gottes erschließt: „Man könnte sagen, dass das 4. Evangelium uns in jene Intimität Jesu einbezieht, in die er nur seine Freunde zuließ. Es zeigt Jesus aus solcher Erfahrung der Freundschaft, die ins Innere blicken lässt“2.
Ebenso muss man auch darauf aufmerksam machen, dass nicht nur der Personengedanke Frucht der Offenbarung ist, sondern dass er auch einen der bedeutungsvollsten Ausdrücke jener revolutionären Semantik und Linguistik darstellt, die das Christentum zustande gebracht hat.
Man denke in diesem Zusammenhang nur an den Beitrag, den Tertullian zur theologischen Reflexion geleistet hat, vor allem durch die Schaffung einer theologischen Sprache. Ratzinger meint dazu: „Tertullian hat das Latein zu einer theologischen Sprache geformt und sofort mit einer fast unbegreiflichen, genialischen Sicherheit eine theologische Terminologie hinzustellen verstanden […]3. Es dauerte noch Jahrhunderte, bis diese Aussage auch geistig eingeholt und bewältigt werden konnte. Nicht weniger bedeutungsvoll ist das, was er zum Personengedanken sagt: „Zur Lösung dieser beiden Grundfragen, die sofort mit dem Einsetzen des Denkens im Glauben sich erhoben, hat dieses Denken das bisher philosophisch unbedeutende oder überhaupt nicht im Spiel gewesene Wort prósopon = persona verwendet und ihm so einen neuen Sinn gegeben und eine neue Dimension menschlichen Denkens eröffnet“4.
Die Neuheit des christlichen Ereignisses hat sich natürlich nicht nur auf den linguistischen Aspekt ausgeprägt, sondern konnte eben durch diesen eine noch ausgeprägtere kulturelle Neuheit bewirken. Wenn die christliche Tradition der prosopographischen Exegese eine literarische Neuheit zum Ausdruck brachte, so zeigt die von den Vätern, vor allem von Augustinus, vollzogene Einführung der Kategorie der Beziehung und der Person gerade die Umkehrung der alten kulturellen Parameter einer zutiefst vom klassischen Denken geprägten Welt.
Man muss in diesem Fall nur die Thesen der Trinitätsdogmatik hernehmen, die der nun auf den Petrusstuhl berufene Theologe formuliert hat. Darin bekräftigte er, dass das Paradox „Una essentia tres personae“ – ein Wesen in drei Personen“ der Frage nach dem Ursinn von Einheit und Vielheit zugeordnet ist. Das Paradox „una essentia tres personae“ ist dem Problem von Absolut und Relativ zugeordnet und stellt die Absolutheit des Relativen, des Beziehentlichen heraus. Dieses Paradox steht darüber hinaus in Funktion zum Begriff der Person5. In der einfachen Annahme also, dass als gleichermaßen ursprüngliche Form des Seins sich neben der Substanz auch die Beziehung findet, verbirgt sich eine Revolution des Weltbildes: die Alleinherrschaft des Substanzdenkens wird gebrochen: „Die Relation wird als eine gleichrangige Urweise des Wirklichen entdeckt“6.
All das hat nach wie vor die Überwindung dessen möglich gemacht, was wir als „objektivierendes Denken“ bezeichnen, insofern als eine neue Ebene des Seins in Erscheinung tritt. So konnte unser Autor auch feststellen: „Wahrscheinlich wird man sagen müssen, dass der Auftrag an das philosophische Denken, der von diesen Tatbeständen ausgeht, noch lange nicht vollstreckt ist, sosehr das neuzeitliche Denken von den hier eröffneten Möglichkeiten abhängt und ohne sie nicht vorstellbar wäre“.
„Ich glaube, wenn man diesen Prozess des Ringens […] verfolgt, dann sieht man, welch ungeheure Anstrengung und geistige Verwandlung hinter der Erarbeitung dieses Personenbegriffs steckt, der in seiner Anlage dem griechischen und lateinischen Geiste durchaus fremd ist:Er ist nicht substantialistisch gedacht, sondern […] existentiell“7.
Die Theologie dessen, der sich als „bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn“ bezeichnet hat, könnte man als Fähigkeit definieren. stets alles auf den eigenen Ursprung , den genetischen Punkt, zurückzuführen. In der Tat „ist der Begriff der Person entstanden aus zwei Fragen, die sich dem christlichen Denken als Zentralfragen von Anfang an aufgedrängt haben, das heißt aus den beiden Fragen: Was ist Gott? und: Wer ist Christus?“8.
Der Personengedanke in der christologischen Rede erweist sich als überaus wichtig. In dem Moment, wo Ratzinger die Inkarnationstheologie und die Kreuzestheologie behandelt, oder wenn er die Christologie analysiert, also die Lehre vom Sein Jesu, und die Soteriologie, erscheint offensichtlich, dass es der christologische Gedanke von der Person als Beziehung ermöglicht, aus der Sackgasse der Trennung der Wege herauszufinden, in der sich die christliche Theologie manchmal verfahren hat. In der Tat ist es gerade das relationale Verständnis des Personseins Christi, das es gestattet, die Inkarnationstheologie in die Kreuzestheologie übergehen zu lassen, und umgekehrt. Ebenso wie es auch das Bewusstsein der in Christus gegebenen Einheit von Person und Werk (die Person hat nicht Beziehung, sondern ist Beziehung) erlaubt, eine Christologie in soteriologischer Perspektive und eine richtig angesetzte Soteriologie zu formulieren9.
Abschließend noch ein Gedanke Ratzingers, der große Aktualität hat: „Wenn Gott sich nach dem Selbstverständnis des Glaubens benennt, drückt er nicht so sehr sein inneres Wesen aus, sondern er macht sich nennbar, er gibt sich den Menschen so preis, dass er für sie rufbar wird“10. Gott läßt sich, in Jesus durch die Gabe des Geistes Abbà, Vater, nennen und läßt uns so eintreten in seine göttliche Intimität. „Die Geheime Offenbarung spricht vom Gegenspieler Gottes, dem Tier. Das Tier […] hat keinen Namen, sondern eine Nummer […]. Es ist Nummer und macht zur Nummer. Was das heißt, wissen wir, die die Welt der Konzentrationslager erlebt haben: deren Schrecklichkeit gründet aber darin, dass sie das Gesicht auslöscht, dass sie die Geschichte auslöscht, dass sie den Menschen zur Nummer macht, zum ersetzbaren Teilchen einer großen Maschine. […] Gott aber hat Namen und ruft beim Namen. Er ist Person und sucht die Person. Er hat ein Angesicht und sucht unser Gesicht. Er hat ein Herz und sucht unser Herz. Für ihn sind wir nicht Funktion in einer Weltmaschinerie!“11.
Benedikt XVI. mit seinem Bruder Georg in der Pfarrkirche Sankt Oswald, in seinem Geburtsort Marktl am Inn (11. September 2006).

Benedikt XVI. mit seinem Bruder Georg in der Pfarrkirche Sankt Oswald, in seinem Geburtsort Marktl am Inn (11. September 2006).

Ich wollte auf einen Aspekt der theologischen Reflexion von Joseph Ratzinger eingehen, nicht auf das Lehramt von Benedikt XVI. Und das, obwohl ich weiß, dass der Papst oder ein Bischof, wie er selbst vor ein paar Jahren präzisierte, nicht seine persönlichen Meinungen darlegen darf, sondern dem gemeinsamen Wort der Kirche Raum lassen muss12. Getan habe ich es aber gerade, weil ich hoffe, dass die Bischöfe, Priester und Laien – dem Vorbild der Heiligen folgend – dieses Bewusstsein haben. Und schließlich wünsche ich dem Heiligen Vater ganz besonders zu diesem feierlichen Anlass seines 80. Geburtstags, dass alle sein hohes Lehramt beherzigen, Ausdruck der Liebe und Einheit der katholischen Kirche, wie es Zyprian Papst Kornelius gegenüber ausdrückte13.
Der einstimmige Gesang der Kirche vereint uns alle in der Wertschätzung und Verehrung, die wir dem Nachfolger Petri entgegenbringen, den uns die göttliche Vorsehung geschenkt hat: „Dominus conservet eum et vivificet eum...“


Anmerkungen
1 J. Ratzinger, Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis, Klösel-Verlag GmbH & Co., München 1968, S. 348, Anm. 10.
2 Idem, Schauen auf den Durchbohrten, Johannes Verlag, Einsiedeln, 1984, S. 20.
3 Idem, Dogma und Verkündigung, Erich Wewel Verlag, München Freiburg/Br., 1973, S. 206.
4 Ibid., S. 205.
5 Vgl. idem, Einführung in das Christentum, op. cit., SS. 167-171.
6 Ibid., S. 171.
7 Idem, Dogma und Verkündigung, op. cit., S. 216.
8 Ibid., S. 205.
9 Vgl. idem, Einführung in das Christentum, op. cit., SS. 180-185.
10 Ibid., S. 123.
11 Idem, Der Gott Jesu Christi, Klösel-Verlag, München 1976, SS. 28-29.
12 J. Ratzinger/Benedikt XVI., Vi ho chiamati amici. La compagnia nel cammino della fede, San Paolo, Cinisello Balsamo 2006, SS. 31-32.
13 Epistola 48, 3 (CSEL 3/2, 607).


Italiano Español English Français Português