Startseite > Archiv > 10 - 2007 > Im Haus von Pater Sebastian
MUTTER TERESA
Aus Nr. 10 - 2007

Im Haus von Pater Sebastian


Begegnung mit dem Generaloberen des kontemplativen Zweiges der Missionare der Nächstenliebe, Pater Sebastian Vazhakala. Zehn Jahre nach dem Tod der Seligen von Kalkutta: Erinnerungen und bisher unveröffentlichte Briefe.


von Giovanni Cubeddu


Der Eingang des Armenhauses Casa Serena, in der Nähe des Largo Preneste in Rom, das von den kontemplativen Missionaren der Nächstenliebe geleitet wird.

Der Eingang des Armenhauses Casa Serena, in der Nähe des Largo Preneste in Rom, das von den kontemplativen Missionaren der Nächstenliebe geleitet wird.

„Ich bin allein nach Italien gekommen, geschickt hat mich die Mutter. Ich kam aus Los Angeles und fuhr vom Flughafen direkt nach Acilia, in ein Bauernhaus ohne Wasser, Licht und Sanitäranlagen. Am liebsten wäre ich schon am nächsten Tag wieder nach Los Angeles zurückgeflogen... von den ersten ‚Missionarskandidaten‘, die bei mir vorstellig wurden, sind viele nicht lange geblieben. Nach Acilia zog ich in eine Souterrainwohnung in der Nähe des Bahnhofs Termini in Rom. Bis ich dann diesen entlegenen Ort hier fand, inmitten der Barackenbewohner – damals mehr als acht tausend –, am Largo Preneste. Anfänglich wollte die Mutter, dass ich am Bahnhof Termini blieb, doch als ich sie überreden konnte, sich vor Ort ein Urteil zu machen, war sie froh über meine Entscheidung. Kardinalvikar Poletti war unschlüssig, weil das Haus am Largo Preneste einsturzgefährdet war, aber ich habe mich trotzdem hier niedergelassen, bin nun schon seit dem 8. März 1979 hier. In den Momenten der Versuchung und der Trostlosigkeit habe ich immer an den Rat gedacht, den mir die Mutter gegeben hat: ‚Schau’ auf den Durchbohrten. Wenn auch viele wieder gegangen sind, ist Jesus doch nie vom Kreuz herab gestiegen.‘ Die Mutter hat es verstanden, in der übergroßen Liebe Jesu zu ihr und in ihrer eigenen übergroßen Liebe zu Jesus auszuharren.“
Der in Indien geborene Pater Sebastian war gern bereit, seine zahlreichen Erinnerungen an die „Mutter“, wie er Mutter Teresa von Kalkutta der Einfachheit halber nennt, mit uns zu teilen. Seine erste Begegnung mit ihr geht auf den März 1966 zurück: es war in Ranchi gewesen und er war damals noch ein junger Philosophiestudent. Im November darauf besuchte er sie in Kalkutta. „Wir tun die Arbeit, die der Herr uns gibt,“ pflegte Mutter Teresa immer zu sagen, „es ist kein sozialer oder humanitärer Dienst: was immer wir tun, für wen wir es auch tun, wir tun es für Jesus, sind gerufen, den Ärmsten der Armen zu dienen. Und ein einfaches und bescheidenes Leben zu führen.“ Seit dem 5. September 1997, dem Tag, an dem Mutter Teresa – mit weltlichem Namen Agnes Gonxha Bojaxhiu – starb, sind nun schon zehn Jahre vergangen. Ein Jahrestag, dem viele Menschen, in deren Herzen Mutter Teresa einen festen Platz eingenommen hat, gedenken wollten. So auch wir von 30Tage.
Vor vierzig Jahren begann das Noviziat von Sebastian Vazhakala. Heute ist er der Generalobere des kontemplativen Zweiges der Missionare der Nächstenliebe, der 1979 von ihm und Mutter Teresa gegründet wurde. In dem Haus, in dem Sebastian mit seinen Mitbrüdern lebt, pflegte Mutter Teresa Station zu machen, wenn sie ihn in Rom besuchte. Ihr kleines Zimmer ist inzwischen von den vielen Dingen „besetzt“, die im Alltag der Missionare nicht fehlen dürfen; vor allem aber von ihren „Gästen“: den Armen ohne festen Wohnsitz, die morgens das Haus verlassen und sich abends, einer nach dem anderen, zur Vesper, zur Messe und zum gemeinsamen Abendessen wieder einstellen. Wenigstens hier finden sie eine Ruhestätte. „Casa serena“ heißt dieses Armenhaus. Pater Sebastian zeigt ein Foto, auf dem man Papst Johannes Paul II. und Mutter Teresa das Dokument unterzeichnen sieht, in dem dieses Haus nichts weiter war als ein schönes, skizziertes Projekt. Mutter Teresa hat es nicht nur unterschrieben, sondern auch einen kleinen Segenswunsch angefügt.
„Mutter Teresa war ein praktischer Mensch. Sie redete nicht lange um den heißen Brei herum, sondern packte die Dinge einfach an und hatte auch stets ein Wort des Trostes für alle, die sie um Hilfe baten. Einmal, als sie mich in den hinteren Teil unseres Generalats begleitete, wo wir Missionare der Nächstenliebe in der Anbetung Jesu leben – berichtet Pater Sebastian – sagte sie etwas zu mir, das sie in der Folge wie ein Gebet komponierte: ‚Wenn ich leide, so schick’ mir einen, der mehr leidet als ich. Wenn ich hungrig bin, so schick’ mir jemanden, der mehr Hunger hat als ich. Wenn ich mich einsam fühle, so schick’ mir einen Menschen, der sich einsamer fühlt als ich‘. Diese Begegnungen mit den Bedürftigsten unserer Mitmenschen waren ihr Trost, der Beweis dafür, dass der Herr wollte, dass sie Zeugnis ablegte für seine Erlösung. Wie im September 1946, als der Herr von ihr verlangte – wie Mutter Teresa erzählte –, dass sie den Orden der Schwestern von Loreto, dem sie angehörte, verließ, um sich den Ärmsten der Armen in Kalkutta zu widmen. Das war ihr ‚Ruf im Ruf‘.“
Die erste diözesane Anerkennung der Missionarinnen der Nächstenliebe als Kongregation erfolgte im Oktober 1950 in Kalkutta. Der männliche Zweig – die Missionare der Nächstenliebe – wurde von Mutter Teresa erst später, 1963, gegründet (der kontemplative Zweig 1979). „Die beste Erklärung für diese Ordensgründung hat sie selbst abgegeben,“ erläutert „Augenzeuge“ Sebastian. „Und zwar bei ihrer Ansprache an das erste Generalkapitel der Missionare 1972. ‚Unsere Kongregation soll keine großen und wichtigen Dinge vollbringen,‘ sagte sie, ‚wir wollen alltägliche Dinge tun, aber mit einer alles andere als alltäglichen Liebe; mit einer übergroßen Liebe wollen wir Einfaches tun. Was zählt, ist nicht der Erfolg, sondern unser Glaube… Einer von euch hat einmal zu mir gesagt: Mutter Teresa, meine Berufung ist es, den Leprakranken zu dienen. Nein, sagte ich zu ihm: deine Berufung ist es, Jesus zu gehören‘.“
Pater Sebastian und Mutter Teresa.

Pater Sebastian und Mutter Teresa.

In der Kapelle des Generalats, wo auch die Gäste des „Casa serena“ die Messe besuchen, ist fast alles Werk der geduldigen Arbeit und des Enthusiasmus der Missionare und ihrer Laien-Mitarbeiter, die ebenfalls von Pater Sebastian und Mutter Teresa 1984 gegründet wurden. Auf dem Platz davor wacht eine Marienstatue von ihrem Platz auf einem eisernen Turm aus über dieses Fleckchen Natur voller Nächstenliebe, das den bedrängenden angrenzenden Hochhäusern (und der Gier der Immobilienmakler) standhalten konnte. In der Kirche, gleich hinter dem Altar, befindet sich ein Kruzifix – dasselbe wie in allen Häusern der Missionarinnen und Missionare der Nächstenliebe, wo Jesus, auf dem Gipfel seines Leidens, sagt: „Mich dürstet“, „I thirst.“ Und hier bekommt alles wieder einen Sinn, auch die schmerzlichsten Briefe Mutter Teresas über das Fernsein von Jesus, auf die sich die Skandalpresse nur allzu bereitwillig stürzte. Pater Sebastian kommentiert: „Ich kann verstehen, dass es vielleicht seine Zeit braucht, bis man versteht, aber die Wahrheit ist einfach: Mutter Teresa hat die – sowohl materielle als auch spirituelle – Armut all jener geteilt, die ihr begegnet sind. Weil es der Herr für sie so gewollt hat. Und die Reichen und Starken, die keinen Glauben haben, sind nicht weniger arm als die Einsamen und Verlassenen von Kalkutta. Ja, vielleicht sogar noch mehr als sie. Im Westen, in Amerika, herrscht eine schreckliche Armut: die erschreckende Kälte und Gleichgültigkeit der Menschen, die so sehr auf sich selbst konzentriert, so voller Hochmut sind…“. Das war es, was Mutter Teresa auf sich nehmen sollte: die Seelenkälte ohne Jesus. Ohne Jesus wartet nur die Hölle auf uns. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie mächtige Männer mit feuchten Augen vor ihr standen,“ erzählt Sebastian. „Ja, sogar vor ihr weinten. Sie haben sich sicher nicht von einer Frau ohne Glauben zu Tränen rühren lassen! Nein, Dunkelheit bringt keine Rührung hervor. Mutter Teresa wollte, dass jeder, der ihr begegnete, einzig Jesus sah. Wie schon die hl. Therese von Lisieux sagte auch Mutter Teresa immer, dass sie ihre eigenen Schmerzen „weglächeln“ würde. Und deshalb lächelte sie: weil man auch unter für den Herrn erlittenen Schmerzen froh sein kann. Aber dabei wollen wir es belassen; dürfen uns nicht anmaßen, bis in die Tiefen ihrer Seele vordringen zu wollen: die Freude Mutter Teresas auch im größten Leid, erlitten für die Erlösung derer, die keinen Glauben haben, ist ein unergründliches Geheimnis und liegt allein in Gottes was er von Mutter Teresa selbst gehört hat: „Einmal hatten wir in Kalkutta keinen Zucker mehr und – ich weiß nicht, warum – , aber alle kamen zu Mutter Teresa und baten sie um Zucker für ihre Kinder! Ein kleines Hindukind – es war wohl kaum mehr als vier Jahre alt – sagte zu seinen Eltern: ‚Ich werde drei Tage keinen Zucker mehr essen. Meinen Zucker soll Mutter Teresa für ihre Kinder haben.‘ So kamen seine Eltern, die nie zuvor in unserem Haus gewesen waren – ich kannte sie nicht – mit dem kleinen Jungen zu uns. Er überreichte mir den Zucker und sagte: ‚Ich habe drei Tage meinen Zucker aufgespart. Gib ihn deinen Kindern.‘ Dieser kleine Junge hat uns eine übergroße Liebe entgegengebracht, uns so sehr geliebt, dass es weh tut.“
„Wenn ich wohltätig bin,“ sagte die hl. Therese von Lisieux – deren Namen Agnes Gonxha, die 1931 bei den Schwestern von Loreto ein zeitliches Gelübde ablegte, annehmen wollte –, „ist das nur Jesus, der in mir wirkt.“
Wir haben vielleicht ein bisschen zuviel von Pater Sebastians Zeit für uns beansprucht. Aber doch stets im Gedenken an Mutter Teresa. Jetzt erwartet ihn wieder sein Tagwerk, das einen Pater und Ordensoberen in die große weite Welt führt. In der Zwischenzeit stellen sich hier, in diesem ehemaligen römischen Stadtrandgebiet pünktlich zur Eucharistie und zum Abendessen die „Hausherren“ wieder ein – die Armen. Um so, dem gekreuzigten Jesus „zu trinken“ zu geben.


Italiano Español English Français Português