Don Bosco in Kairo
Das Salesianerinstitut Don Bosco ist eine der begehrtesten Schulen der ägyptischen Hauptstadt. 600 Schüler besuchen hier die Berufsschule und das Technische Institut. Ohne die Sprach- und Berufsfortbildungskurse zu zählen, die Jahr für Jahr mehr als 3000 Facharbeiter anziehen. Italienische Firmen stellen Hunderte von Arbeitern ein, die hier ausgebildet wurden.
Interview mit Don Renzo Leonarduzzi von Giovanni Ricciardi

Ein Blick auf Kairo.
Warum wenden sich so viele italienische Firmen, die Facharbeiter in Ägypten einstellen, ausgerechnet an Sie?
DON RENZO LEONARDUZZI: An unseren Schulen – wir haben eine in Kairo, eine andere in Alexandria – ist die berufliche Ausbildung mit einer gründlichen Sprachausbildung gekoppelt. Wenn unsere Kursteilnehmer nach Italien kommen, sprechen sie bereits unsere Sprache.
Wie kommt es zu einer Anstellung?
LEONARDUZZI: Wir stehen mit Firmen im Nordosten Italiens in Kontakt, besonders mit Italcementi und Iveco. Firmen, die Schüler von uns einstellen wollen. Seit einigen Jahren vertrauen aber auch norditalienische Firmen Don Bosco die Ausbildung der Arbeiter an, die sie hier in Ägypten anwerben.
Wie funktioniert dieses System?
LEONARDUZZI: Die Firmen wissen, dass es möglich ist, sozusagen vor Ort Arbeiter auszubilden – und zwar sowohl, was das Fachliche als auch das Italienische angeht. Sie nehmen durch die italienische Botschaft Kontakt mit uns auf und entnehmen die Informationen über ihre zukünftigen Arbeitskräfte der database der Handelskammer. Letztes Jahr haben wir für Firmen in Mailand und Bergamo eine Gruppe Jugendlicher ausgebildet. Für dieses Jahr sind Italienischkurse und technische Ausbildung von 250 Jugendlichen im Gespräch. Wir arbeiten an der Sprache, an den Normen in Sachen Sicherheit am Arbeitsplatz, und an der beruflichen Ausbildung. Dieser Mechanismus funktioniert sehr gut, und das auch dank der Unterstützung, die der italienische Botschafter in Ägypten, Antonio Badini, der Schule zukommen lässt. Er setzt sich wirklich sehr für unsere Arbeit ein.
Gibt es andere, ähnliche Werke?
LEONARDUZZI: Ich glaube nicht, zumindest nicht im Mittelmeerraum. Ein Zentrum, an dem berufliche und sprachliche Ausbildung miteinander einhergehen, kann man nicht improvisieren.
Sind die Salesianer auch in anderen Gebieten des Mittelmeerraumes vertreten?
LEONARDUZZI: Wir haben zwei Berufsschulen in Israel, eine in Betlehem, eine andere in Nazareth. Aber diese Schulen sind in den jeweiligen Ortskontext eingebunden. Der Unterricht erfolgt in arabischer Sprache und die dort ausgebildeten Schüler finden in ihrer Heimat Arbeit. Vor zwei Jahren haben wir eine neue Berufsschule im Libanon ins Leben gerufen, die derzeit allerdings „lahmgelegt“ ist, weil sie zu einem Zentrum für Flüchtlinge umfunktioniert werden musste.
Sind die Salesianer in Ägypten erst seit kurzem vertreten?
LEONARDUZZI: Nein, ganz im Gegenteil. Die Salesianer kamen 1896 nach Ägypten. Damals versuchten viele italienische Arbeiter bei den großen Bauvorhaben wie beispielsweise dem Suez-Kanal ihr Glück; viele andere waren aus politischen Gründen ins Exil gegangen. Die Salesianer sorgten aber nicht nur für das geistliche Wohl dieser Gemeinschaft, die mehr als 50.000 Mitglieder zählte, sondern gründeten für die Kinder der Emigranten auch eine erste Berufsschule. Das war in Alexandria. Die Gründung in Kairo dagegen geht auf das Jahr 1926 zurück.
Wenn man die damaligen Zeiten bedenkt, also eine echte Pioniererfahrung …
LEONARDUZZI: Ja, das kann man wohl sagen. In den alten Chroniken steht, dass die Schule von Alexandria 1904 sogar ein Segelschiff mietete, um das notwendige Material für den Bau einer Mechanikerwerkstätte aus Sizilien heranzuschaffen. Mit der Zeit konnten in Alexandria, dem Salesianer-Beispiel folgend, noch weitere italienische Schulen entstehen, die manchmal auch in Konkurrenz zu uns standen, wie die zur Zeit der Monarchie eingerichteten Handelsschulen. Diese konnten sich halten, solange die italienische Präsenz bedeutungsvoll war, also bis zur Epoche Nassers.
Die Salesianer aber sind geblieben …
LEONARDUZZI: Bis zu den sechziger Jahren wurde unsere Schule nur von italienischen oder europäischen Schülern besucht, z.B. Griechen und Franzosen. Als aber die Verstaatlichungen begannen und immer mehr Ausländer abreisten, beschlossen wir, auch einheimische Schüler an unseren Berufsschulen aufzunehmen. Dann, in den siebziger Jahren, bat Ägypten die italienische Regierung um Eröffnung eines Technischen Instituts in Kairo. Italien wollte damals eine vollkommen neue Schule aufmachen und bat Don Bosco um Hilfe. So wurde also auch das fünfjährige Technische Institut eröffnet, und die Don-Bosco-Schule von Kairo konnte zu einer richtigen italienischen Schule im Ausland werden, die von beiden Regierungen anerkannt ist. Seit damals ist das Institut der Hauptstadt wichtiger als das in Alexandria, das gewissermaßen zu einer Zweigstelle wurde.

Aufnahmen vom Institut Don Bosco in Kairo.
Wie ist die Schule strukturiert?
LEONARDUZZI: In Kairo haben wir zwei Typen von Schule: eine drei Jahre dauernde Berufsschule für den Zweig Industrie und Handwerk; das Abschlussdiplom wird sowohl von der italienischen als auch ägyptischen Regierung anerkannt. Dann gibt es noch das Institut für Industrie und Technik, an dem Mechanikingenieure, Mechaniker und Elektrotechniker ausgebildet werden. All unsere Schüler sind Abgänger der ägyptischen Mittelschule. Wenn sie zu uns kommen, können sie kein Wort Italienisch. Im Juli/August absolvieren sie dann bei uns einen Intensivsprachkurs und beginnen im September mit dem Unterricht – rigoros auf italienisch. Nur Geschichte, Erdkunde und Religion werden auf arabisch unterrichtet.
Bekommen Sie viele Anfragen für Ihre Schule?
LEONARDUZZI: Wir konnten dieses Jahr schon nach zweieinhalb Tagen keine Bewerbungen mehr annehmen – bei nur 200 freien Plätzen waren schon 350 Anfragen eingegangen!
Wie viele Schüler haben Sie insgesamt?
LEONARDUZZI: Wir unterrichten derzeit 280 Jungen an der Berufsschule und 320 am Technischen Institut. Aber unsere Schule hat noch mehr zu bieten. Wir organisieren jedes Jahr auch Kurse. Diese Kurse, die zwei bis sechs Monate dauern, sind Fortbildungskurse für Erwachsene, für junge Menschen, die die Schule abgebrochen haben oder für Jungakademiker, die sich perfektionieren wollen. Es handelt sich um technische Fortbildungskurse, die von Schweißverfahren bis zum Drechseln reichen, von der Mechanik im Allgemeinen bis zu Elekrotechnik und Informatik. Diese auf arabisch gehaltenen Kurse werden jedes Jahr von fast 3000 Teilnehmern besucht.
Wie wird die Schule finanziert?
LEONARDUZZI: Die Schulgebühren liegen bei 190 bis 300 Euro im Jahr. Da unsere Schüler zum Großteil aus einfachen Familien stammen, können nicht alle den gesamten Betrag aufbringen. Wir sprechen uns normalerweise mit den Familien ab und kommen ihnen entgegen, lassen manchmal einen Teil oder den ganzen Satz nach – eben nach guter alter Salesianer-Tradition. Mit den Gebühren für die Sommerkurse – die niedrig sind, wenn man bedenkt, dass ein Halbjahreskurs nur ca. 25 Euro kostet – können die fehlenden Einnahmen dank der großen Teilnehmerzahl zum Teil gedeckt werden. Und dann sind wir ja in Zeiten, in denen kein Unterricht gehalten wird, auch bemüht, die Werkstätten in Betrieb zu nehmen.
Was tun Ihre Schüler nach Beendigung ihrer Ausbildung?
LEONARDUZZI: Da muss ich zunächst einmal sagen, dass man unter unseren Schulabgängern nur schwer Arbeitslose finden wird. Sie sind nämlich nicht nur in Italien sehr gefragt, sondern auch in Ägypten – wenn wegen der niedrigen Gehälter auch nur wenige in der hiesigen Industrie, vor allem der privaten, arbeiten wollen. Da sie aber italienisch können, steht ihnen auch die Tourismusbranche offen. Viele gehen auch an die italienischen Universitäten.
Für einen ägyptischen Studenten ist es sicher nicht einfach, an einer italienischen Universität zu studieren - immerhin ist das nicht gerade billig …
LEONARDUZZI: Ja, da haben Sie recht. Deshalb sind wir ja auch dabei, einen Vertrag mit UniNettuno abzuschließen, der italienischen „Fern-Universität.“ Dank online -Vorlesungen ermöglicht sie sozusagen eine Art Fernstudium, und unsere Studenten können so direkt von Kairo aus auf italienisch Kurzstudien mit einer Dauer von drei Jahren absolvieren und in Ägypten auch die Prüfungen ablegen.
Wie sind Ihre Beziehungen zu den ägyptischen Behörden?
LEONARDUZZI: Was das Kultusministerium und die Universitäten betrifft, sehr gut. Sie würden es gerne sehen, wenn wir das Don Bosco „ausweiten“ würden. Im vergangenen Jahr hat man uns sogar vorgeschlagen, die Koordinierung der ägyptischen Berufsschulen zu übernehmen, was wir aber leider aus Mangel an Personal nicht tun können. Wenn es jedoch um bürokratische Dinge geht, um irgendwelche Unterschriften, kann es schon vorkommen, dass uns manch einer aus Neid oder Eifersucht Steine in den Weg zu legen versucht. Aber irgendwie geht es dann doch immer.
Ist die Situation in Alexandria anders als in Kairo?
LEONARDUZZI: In Alexandria haben wir nur eine Berufsschule, aber auch dort ist die Unterrichtssprache Italienisch. Normalerweise werden dort ca. 300 Jungen unterrichtet. Außerdem leiten wir auch eine Schule der Grundstufe und eine der Mittelstufe mit Kursen auf arabisch.
Wie viele Salesianer sind in Ägypten eingesetzt?
LEONARDUZZI: In Kairo neun, in Alexandria elf. Einige von uns sind schon alt und daher sind auch nicht alle im Schulbereich tätig. Wir haben aber auch Mitbrüder, die schon achtzig sind und noch immer unterrichten. Ein Salesianer geht schließlich nie in Pension!

Aufnahmen vom Institut Don Bosco in Kairo.
LEONARDUZZI: Nein. Es gibt auch die Brüder der christlichen Schulen, die Jesuiten und einige Frauenorden, die die namhaftesten Institute des Landes leiten. Als Berufsschule für die Kinder des Volkes gibt es aber nur uns.
Werden an Ihrer Schule Christen und Muslime gemeinsam unterrichtet?
LEONARDUZZI: In Kairo machen die christlichen Studenten – fast alle koptische Orthodoxe – die Mehrheit aus, 68% verglichen mit den 32% Muslimen. In Alexandria kehrt sich der Prozentsatz um: dort haben wir 30% Christen, 70% Muslime. Natürlich werden die Christen – die in Ägypten Schätzungen zufolge zwischen 7 und 10% der Bevölkerung ausmachen – von dem Umstand angezogen, dass wir eine katholische Schule sind, aber leider auch von den Problemen, die sie an den öffentlichen Schulen zu haben beginnen. Unglücklicherweise gestaltet sich das Zusammenleben in der letzten Zeit immer schwieriger, das Klima wird fast jeden Tag angespannter. Kein Vergleich mit der ruhigen Stimmung, die in den sechziger und siebziger Jahren herrschte, als ich hierher kam!
Wirkt sich dieses Klima auch auf Ihre Schulen aus?
LEONARDUZZI: Zum Glück nicht. Es kommt nur selten zu Spannungen zwischen christlichen und muslimischen Schülern. Die Schüler, aber auch unsere muslimischen Lehrer, spüren das Klima des Respekts und der Wertschätzung, von dem das Don Bosco geprägt ist. In Momenten der gemeinsamen Reflexion versuchen wir die Themen herauszustellen, die uns vereinen, den Respekt, das gemeinsame Studium und den Spaß, den wir miteinander haben, die ehrliche Freundschaft ohne Hintergedanken. Wenn man viele Jahre miteinander studiert und eine schöne Zeit miteinander verbracht hat, können spontane Freundschaften entstehen. Freundschaften, die nicht nach der Herkunft des anderen fragen und helfen, Misstrauen und Vorurteile abzubauen. Ja, ich glaube, dass das die einzige Voraussetzung ist, das Klima zu „entgiften“ und harmonische Beziehungen unter uns allen zu schaffen. Vor ein paar Jahren hat mir ein muslimischer Junge kurz vor seiner Abiturprüfung anvertraut: „Als ich hierher kam, habe ich die Christen gehasst, weil man mir das so beigebracht hat. Heute dagegen sind gerade sie meine besten Freunde!“