Maria Maddalena de’ Pazzi, der verborgene Schatz der Kirche
Vierhundert Jahre nach ihrem Tod lassen einige Studien und bisher unveröffentlichte Dokumente die freudvolle „österliche“ Spiritualität der heiligen Mystikerin aus Florenz in einem neuen Licht erscheinen.
von Chiara Vasciaveo

Die Originalaufzeichnungen der Gespräche der hl. Maria Maddalena de’ Pazzi, die 2005 von Chiara Vasciaveo wieder entdeckt wurden, Archiv Santa Maria degli Angeli, Florenz.
Wichtige Gelehrte bestätigen, dass „Maria Maddalena de’ Pazzi, zusammen mit Angela von Foligno und Katherina von Siena zu den bekanntesten spirituellen Autorinnen Italiens gehört“1. Viele herausragende Vertreter des Katholizismus schätzten ihr Zeugnis und ihr Wort. Verehrungswürdige wie Diomira des Menschgewordenen Wortes (Margherita Allegri, 1651-1677) der Schwestern der Nächstenliebe (Philippinerinnen von Florenz), Selige wie Ippolito Galantini (1619) oder Heilige wie Alfonso Maria de’ Liguori (1696-1787)2 und Theresia von Lisieux (1873-1897)3, brachten der Mystikerin von Florenz große Verehrung entgegen.
Paul VI. las ihre Werke immer wieder gern, und Don Divo Barsotti zögerte bei seinem letzten Besuch bei den Nonnen von Careggi nicht, mit stark autobiograhischem Ton herauszustellen: „Die hl. Maria Maddalena lebte ihre Sendung der Liebe zu uns… Deshalb möchte ich mich selbst und die ganze Gemeinschaft San Sergio der hl. Maria Maddalena anvertrauen… Sie war die Freundin, die Hilfe, das Licht meines Weges. Und dafür können wir ihr gar nicht genug danken. Ich hätte nie gedacht, dass uns hier unten eine so lebendige und tiefe, in besonderem Sinne göttliche Erfahrung gegeben würde“4.
Leider wurde durch eine unzureichende Herausstellung der ihr entgegen gebrachten Verehrung und kurzsichtige Hüter ihres Zeugnisses in Texten und Bildern ein barockes Bild der Heiligen vermittelt (also eine Deutung ihres Lebens, die sich vor allem auf die außergewöhnlichen Fakten konzentriert) und ihren Worten wenig Beachtung geschenkt. Diese Worte – stark und eindringlich – prägen sich ihren Zuhörern in der drängenden Bitte um eine Kirchenreform ein. Vielleicht ist das der Grund, warum die authentischen Texte der Karmelitin auch anlässlich dieses Jahrestages nur von wenigen gelesen werden. Mit den Resultaten, die man sich unschwer vorstellen kann.
Bei den christlichen Heiligen gibt es verschiedene Modelle der Heiligkeit. Normalerweise sind jene Sendungen, die vom Dienst der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit gekennzeichnet sind, „einfacher“ und werden besser verstanden. Schwieriger wird es da schon, wo es um prophetische Gaben geht, die weniger „von der Ankündigung der Zukunft“ denn von einem authentischen geistlichen Lehramt geprägt sind, im Vernehmen des Wortes, das entsprechend gelebt und damit authentisch wird.
Ein Leben in der Verborgenheit
Die Biographie der hl. Maria Maddalena ist nicht sehr ereignisreich. Sie wurde am 2. April 1566 als zweites Kind von Maria Buondelmonti und Camillo di Geri de’ Pazzi geboren, einer der bekanntesten florentinischen Adelsfamilien. Man gab ihr den Namen Caterina. Zweimal (von 1574-1578 und von 1580-1581) war sie Zögling in San Giovannino, dem weiblichen Zweig des Ritterordens der Johanniter. In vielleicht noch zu jungen Jahren, im Alter von 16 Jahren (am 27. November 1582) beschloss sie, Karmelitin zu werden, kurz nach Abschluss des Konzils von Trient (1545-1563).
Die ersten fünf Jahre ihres Klosterlebens sind jene der Biographie Maddalenas, über die man am meisten weiß. „Abstraktionen“, „Ekstasen“, Dramatisierungen des Evangeliums verflechten sich mit dem Alltagsleben der jungen Karmelitin. In Wahrheit bezeichnen diese Begriffe eine Vielfalt von Phänomenen, die auf die betende Meditation des Wortes gegründet sind. Im großen Karmel Santa Maria degli Angeli (dem ältesten des Ordens) lebten zu Zeiten Maddalenas fast 80 Nonnen. Einige davon hatten eine große Spiritualität, wie z.B. Mutter Evangelista del Giocondo oder Pacifica del Tovaglia, Freundin und eine der wichtigsten „Sekretärinnen“ der Heiligen.
Maddalena verbrachte fast 20 Jahre mit Gebeten und der Arbeit des Klosterlebens. Sie war zunächst zuständig für die Aufnahme junger Frauen im Gästehaus (1586-1589) und wurde ab 1589, in verschiedenen Ämtern, mit der Ausbildung der jungen Frauen betraut. 1604 wurde sie Unterpriorin. Dann erkrankte sie schwer, ihr körperlicher und geistiger Leidensweg dauerte drei Jahre. Sie starb am 25. Mai 1607 im Alter von 41 Jahren.

Maria Maddalena de’ Pazzi, eine Frau, in der der Heilige Geist wohnte, Darstellung von Sr. Benedetta Tenore, Privatsammlung.
Der Karmel Santa Maria degli Angeli unterhielt Jahre lang enge Verbindungen zu den weiblichen Savonarola-Kreisen, in denen schon seit geraumer Zeit Zeugnisse und handschriftliche Texte über berühmte und geschätzte Frauen zirkulierten. Frauen wie der heiligen Dominikanerin Caterina de’ Ricci da Prato (1522-1590) und der seligen Maria Bartolomea de’ Bagnesi (1514-1577), deren sterbliche Hülle noch heute in dem florentinischen Karmel verehrt wird. Ihr Beichtvater wurde 1563 Leiter des Klosters.
Wir haben die Bedeutung der Schrift angesprochen. Eine Zeugin führte beim kanonischen Prozess aus: „Ich erinnere mich, dass sie sich jeden Samstag, wenn sie das Evangelium zur Hand nahm, zwei oder drei Punkte heraussuchte für den kommenden Sonntag und sich die ganze Woche in Meditationen darüber übte. Diesen Meditationen widmete sie ca. zwei Stunden am Morgen und eine am Abend“ (Sum 57). Dieser in franziskanischen und dominikanischen Kontexten gereiften Vertrautheit entsprang ihr persönliches Verständnis von Gott als einem mitteilsamen Gott.
Die überreiche Ausgießung des Geistes, die sie besonders zu Pfingsten 1585 empfing, führte die jungen Karmelitin auf die entbehrungsreichen Wege einer Wüste, gemacht aus der Mühe des Geschöpfes und der Kirche, um Platz zu schaffen für die Gnade und die Notwendigkeit, in der Barmherzigkeit eines Gottes zu wachsen, der der „über alles liebende Vater“ ist, Wort, das den „Friedenskuss“ überbringt und Geist, veränderndes Feuer5. Von jeglicher Sentimentalität einmal abgesehen, die ihre Anhänger in unangemessener Weise herausstellten, ist die Zentralität der Trinität im spirituellen Leben und im kirchlichen Leben sicherlich die größte Gabe, die sie unserer Zeit anzubieten hat.
So wurde Maria Maddalena durch ihre Begegnung mit dem Beziehungen, wenn auch reich an Riten.
Christus und seine Kirche zu lieben, trotz der Mittelmäßigkeit – oder wie sie es nannte: „verfluchten Lauheit“ – so vieler Getaufter und „Christen“ (Priester), war für sie sicher „Hölle und Paradies zugleich“. Und man versteht nun auch, warum die einzigartige Gabe des Geistes sie – ebenso wie die hl. Katherina und Savonarola – zu einem so geschätzten, aber de facto unbeachteten Werk wie der „renovatione“ der Kirche „zwang“.
Trotz allem vollbrachte sie, sowohl durch Begegnungen als auch von ihr diktierte (und nicht immer abgeschickte) Briefe an den Papst und an die Kardinäle, ihren Teil der ihr übertragenen Sendung und rief alle zu einem persönlichen und kirchlichen Leben, das auf der Nacktheit des Evangeliums gründete.
![Die Originalhandschrift des Briefes über die „Renovatione della Chiesa“ [kirchliche Reform], der hl. Maria Maddalena de’ Pazzi, an Sixtus V., der allerdings nie abgeschickt wurde, Archiv Santa Maria degli Angeli; unten,
die hl. Maria Maddalena de’ Pazzi, eine Frau, in der der Heilige Geist wohnte.](/upload/articoli_immagini_interne/1202485479984.jpg)
Die Originalhandschrift des Briefes über die „Renovatione della Chiesa“ [kirchliche Reform], der hl. Maria Maddalena de’ Pazzi, an Sixtus V., der allerdings nie abgeschickt wurde, Archiv Santa Maria degli Angeli; unten, die hl. Maria Maddalena de’ Pazzi, eine Frau, in der der Heilige Geist wohnte.
Die Mystik Maddalenas war auf derselben Linie wie die der Katherina von Siena eine kirchliche Mystik, die das gesamte Gottesvolk zur Umkehr rief. Nicht aber, um es zu „kasteien“, sondern damit man dem Geist, der anklopft, und „seiner Gabe öffnen möge.“
Besonders schön ist das (im Original vorliegende) Zeugnis, das Priorin Evangelista am 1. Mai 1595 abgab: „Ich, Schwester Evangelista, zur Ehre des Ewigen Vaters. Ich erinnere mich, dass Sr. Maria Maddalena heute, an diesem ersten Tag im Mai 1595 Gott versprochen hat, seine Braut und nicht Magd sein zu wollen zu Seiner größeren Ehre; und damit er Gefallen finde an ihr, hat sie versprochen, bloß mit ihrem Gott zu gehen und allein Seiner Stimme zu lauschen und der derer, die an seiner Stelle sprechen; und wann immer sie zweifeln solle, zuerst den bloßen Christus um Rat zu bitten und die vollkommen bloß gelegte Seele, wie sie vor ihren Augen und denen ihrer Oberen erscheint“6.
Aus den Texten, und nicht den Kommentaren, scheint also hervorzugehen, dass die Erfahrung der Maddalena nicht auf das Leiden konzentriert ist (das auch von Gesundheitsproblemen hervorgerufen wurde, die ihren Ursprung in einer wenig ausgewogenen Askese hatten), sondern in der theologalen Vertiefung eines bräutlichen Bundes mit dem Herrn besteht, reich an „reiner Liebe“, die sie „tote Liebe“, oder Brautliebe zu nennen pflegte. Sie lebte aus dieser österlichen Liebe, verwurzelt im vergöttlichenden Blut der Eucharistie dank des Hauches des Geistes. Dieser Aufnahmebereitschaft entsprang ihr zerbrechliches weibliches Wort, geformt von der Kraft des Evangeliums. Zeugnis all dessen ist ihr unverwester Leib, der im florentinischen Karmel Santa Maria degli Angeli verehrt und noch heute von der betenden Präsenz ihrer Mitschwestern gehütet wird.
Ein verborgener Schatz, der es lohnt, wieder entdeckt zu werden – für die florentinische wie die universale Kirche. Don Barsotti hoffte, dass man die hl. Maria Maddalena eines Tages zur Kirchenlehrerin ernennen würde. Die vielen Pilger, die aus aller Welt auf fast schon undenkbaren Wegen hierher kommen, ihr begegnen und sich ihrer sterblichen Hülle nähern, machen nachdenklich hinsichtlich der Notwendigkeit, ihre Stimme wieder ertönen zu lassen und ihre Sendung zu erfüllen.
Anmerkungen
1 G. Pozzi – C. Leonardi, Scrittrici mistiche italiane, Marietti, Genua 1988, S. 419.
2 Vgl. sant’Alfonso M. de’ Liguori, La vera sposa di Gesù Cristo, Casa Mariana, Frigento 1991, SS. 23.25.29.39.157.
3 Vgl. Theresia vom Kinde Jesus, Opere complete di santa Teresa di Gesù Bambino e del Volto Santo. Scritti e ultime parole, Vatikanische Verlagsbuchhandlung – Ed. OCD, Rom 1997, ms. A, 183.
4 D. Barsotti, Riflessioni (12. Juli 2005), Abschrift, Careggi 2005.
5 C. Vasciaveo, Danzare al passo di Dio. Santa Maria Maddalena di Firenze, Cantagalli, Siena 2006; „... in noi una fonte di acqua viva“. Mistica e profezia in santa Maria Maddalena di Firenze, in Horeb, 46 (2007), Nr 1.
6 Verheißung (1. Mai 1595), in Miscellanea Santa Maria Maddalena, Archiv der hl. Maria degli Angeli, 1.4.IA.2.