Monsignor Kaas
Er war eine namhafte Persönlichkeit, der ich – nach dem ersten, dank Mons. Montini möglich gewordenen Kontakt – natürlich großen Respekt entgegen brachte. Ein gemeinsames Essen mit befreundeten Priestern (Don Bruno Wüstenberg und Mons. Quirino Paganuzzi) ließ mein Interesse an ihm noch wachsen.
Giulio Andreotti

Pius XII. mit Mons. Ludwig Kaas beim Verlassen der Vatikanischen Grotten (Juni 1950).
Die Weimarer Republik – deren Niedergang er als Katastrophe bezeichnete – wurde in den italienischen Schulbüchern kaum und sicher nicht mit lobenden Worten erwähnt.
Die von Mons. Kaas aufgestellte These schien endlich klar. Es hat wenig Sinn, sich einem Diktator entgegen zu stellen, wenn man nicht wirklich an einem Strang zieht. Das war nicht nur eine Lehre, was die Geschichte angeht, sondern auch ein Dankanstoß: man musste sich fragen, was wir selbst gegen die Gefahr des Kommunismus taten.
Es bedurfte allerdings noch einiger Zeit und vieler abendlichen Treffen, um die geschichtlichen Zusammenhänge ganz zu verstehen. Die deutschen Katholiken waren so sehr mit der Bewegung beschäftigt gewesen, die sich am russischen Kommunismus-Modell inspirierte, dass sie die Gefahr des „rechten“ Antikommunismus übersehen hatten. Und als sie sie endlich doch wahrnahmen, war es schon zu spät und Hitler konnte jeglichen Widerstand problemlos niederschlagen.
Merkwürdig war jedoch, dass es Mons. Kaas trotz seiner Freundschaft mit Pius XII. nicht gelungen war, den Papst von seiner klaren Analyse zu überzeugen. So dass es sogar dazu kommen konnte, dass im Namen Pius’ XII. – ja, diesen vielleicht mißbrauchend –, die so genannte „Operation Sturzo“ vorgeschlagen wurde. Der einzige Gegner in diesem Wahlkampf war der Kommunismus, alles andere trat in den Hintergrund.
Ich hatte bereits des Öfteren Gelegenheit, die turbulenten Tage zu beschreiben, in denen – auf ausdrücklichen Wunsch des Heiligen Vaters – die „Operation Sturzo“ ins Leben gerufen wurde.
Ein Freund von mir verwies in diesem Zusammenhang auf die altbekannte Schlussformel von Dekreten: Si preces veritate nitantur (bzw.: si vera sunt exposita).
Um bei der „Operation Sturzo“ zu bleiben: als der Heilige Vater das Schreiben gelesen hatte, das ich ihm (durch Sr. Pascalina) zukommen ließ, befahl er, das Ganze sofort ad acta zu legen. Mons. Tardini erteilte mir am Telefon einen Rüffel, weil ich das Staatssekretariat umgangen und direkt das Privatsekretariat des Papstes kontaktiert hatte. Der Rüffel war allerdings nicht sehr überzeugend, denn in Wahrheit war er ganz froh darüber, dass das römische Debakel endlich überstanden war.
Zu Mons. Kaas möchte ich noch sagen, dass er mir – ich war damals noch sehr jung und Präsident der katholischen (Studenten-)Aktion – stets großes Wohlwollen gezeigt hat. Er vererbte mir sogar einen wunderschönen Wandteppich.
Hergestellt hatte den Kontakt, wie bereits gesagt, Don Bruno Wüstenberg, ein Diplomat des Papstes und geschickter „Drahtzieher“ der Kontakte zwischen dem Hl. Stuhl und dem afrikanischen Staat Elfenbeinküste.
Die – positiven und negativen – Aspekte der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Hl. Stuhl und Nazi-Deutschland zu beurteilen, ist kein leichtes Unterfangen.
Man sollte vielleicht nicht vergessen, dass es nie gut ist, Urteile „übers Knie zu brechen.“ Das kann ins Auge gehen!