Der 150. Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes
„Dieses etwas, das die Form eines Mädchens hat“
So beschrieb Bernadette Kommissar Jacomet gegenüber das, was sie in der Grotte von Massabielle gesehen hat. Chronik der 18 Begegnungen.
von Giovanni Ricciardi
Vor 150 Jahren, 1858, erschien die Jungfrau Maria in
der Grotte von Massabielle, unweit Lourdes, achtzehn Mal der
14-jährigen Bernadette Soubirous: Vom 11. Februar bis zum Abend des
16. Juli. Diese kleine Chronik jener Tage (die vor allem als Gebetshilfe
verstanden werden will) lässt die wichtigsten Fakten und einige Worte
und Zeugnisse wieder aufleben, die Bernadette damals selbst erzählt
hat.

11. Februar
Donnerstag: erste Erscheinung
Bernadette verlässt ihr Elternhaus in Begleitung ihrer Schwester Toinette und ihrer Freundin Jeanne Baloum, um beim Fluss Gave Brennholz zu sammeln. Da sie sich beim Überqueren des Flusses nicht die Füße nass machen will, sie sich die Strümpfe aus. Während sie das tut, hört sie auf einmal ein Sausen wie einen Windstoss, der durch die Blätter fährt. Sie dreht sich um und sieht, dass sich die Pappeln hinter ihr nicht bewegen. „Dann,“ so berichtet sie, „begann ich, mir die Schuhe auszuziehen.“ Da erhebt sich wieder ein Windstoss. Dieses Mal blickt sie in Richtung der Grotte, die in ein geheimnisvolles Licht gehüllt ist, und in diesem Licht erscheint Bernadette eine weiße Gestalt, die ihr zulächelt. „Sie war weiß gekleidet, hatte einen weißen Schleier, einen blauen Gürtel und je eine gelbe Rose auf den Füßen. Auch ihr Rosenkranz war gelb. Ich war verwirrt, und glaubte, mich zu irren. Ich rieb mir die Augen und sah noch einmal hin. Die Dame war immer noch da. Da griff ich in meine Tasche und zog den Rosenkranz heraus. Ich wollte das Kreuzzeichen machen, aber meine Hand gehorchte mir nicht. Ich schaffte es nicht, sie zur Stirn zu führen. Sie fiel einfach herunter. Das erschreckte mich sehr, und meine Hand begann zu zittern. Aber ich lief nicht fort. Die Dame nahm den Rosenkranz, den sie am Arm trug und machte das Kreuzzeichen; ich versuchte es ihr gleichzutun, und dieses Mal gelang es mir. Ich hatte kaum das Kreuzzeichen gemacht, da war die Angst, die mich befallen hatte, wie weggeblasen. Ich kniete nieder und betete mit der schönen Dame zusammen den Rosenkranz. Die Erscheinung ließ die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger laufen, ohne die Lippen zu bewegen. Nach dem Rosenkranz bedeutete sie mir, näher zu kommen, aber das wagte ich nicht. Da war die schöne Dame auf einmal verschwunden.“
Auf dem Rückweg erzählt Bernadette der Schwester und der Freundin, was sie gesehen hat und lässt sich versprechen, es niemandem zu verraten. Toinette sagt es jedoch den Eltern, die Bernadette am Abend ausfragen und ihr verbieten, zur Grotte zurückzukehren. Nach dieser ersten Erscheinung um die Mittagszeit ereignen sich alle anderen am Morgen, außer der vierzehnten und der achtzehnten, die sich am Abend ereignen.
14. Februar
Sonntag: zweite Erscheinung
Es ist der Sonntag vor Aschermittwoch. Bernadette erzählt: „Am folgenden Sonntag bin ich zum zweiten Mal zur Grotte gegangen. Ich kann mich gut daran erinnern, weil ich von einer inneren Stimme dazu getrieben wurde. Meine Mutter hatte mir verboten, wieder dorthin zu gehen. Nach der Messe ging ich mit meinen beiden Gefährtinnen zu meiner Mutter und bat sie, mich zur Grotte gehen zu lassen. Sie wollte nichts davon wissen. Sie fürchtete, ich könnte ins Wasser fallen und nicht rechtzeitig zur Vesper wieder nach Hause kommen, was ich ihr aber hoch und heilig versprach. Da ließ sie mich gehen. Zuerst ging ich aber mit einer Flasche in die Pfarrei, um Weihwasser zu holen. Als wir bei der Grotte angekommen waren, begannen wir, den Rosenkranz zu beten. Ich hatte gerade die ersten 10 Ave Maria gebetet, als ich die Erscheinung wieder sah. Ich besprengte die Dame mit Weihwasser und bat sie, zu bleiben, sofern sie von Gott käme, andernfalls aber zu verschwinden. Sie lächelte mir zu und verneigte sich.“
Bernadette fällt in Ekstase, ihre Gefährtinnen flüchten erschrocken. Erst der Müller Nicolau schafft es, sie von dort fortzubringen. Das Geschehene spricht sich in Windeseile herum. Ihre Mutter macht sich Sorgen und verbietet ihr erneut, zur Grotte zu gehen.
18. Februar
Donnerstag: dritte Erscheinung
Die reiche Dame Milhet, von Neugier getrieben, kann der Mutter Bernadettes das Versprechen entlocken, sich von dem Mädchen zur Grotte von Massabielle begleiten zu lassen. Sie befiehlt Bernadette, die Erscheinung nach ihrem Namen zu fragen, drückt ihr ein Blatt Papier, einen Füllfederhalter und ein Tintenfaß in die Hand: „Würden Sie wohl die Güte haben, Ihren Namen aufzuschreiben?.“ Da hört Bernadette zum ersten Mal die Stimme der Dame, als ihr diese antwortet: „Das ist nicht notwendig.“ Und mit überraschender Güte bittet sie Bernadette: „Mach mir nur die Freude und komm vierzehn Tage lang täglich hierher.“ Bernadette erzählt: „Ich bejahte. Sie versprach mir nicht, mich in dieser Welt glücklich zu machen, sondern in der andern. Ich kehrte vierzehn Tage lang zur Grotte zurück. Die Erscheinung zeigte sich mir jeden Tag, mit Ausnahme eines Montags und eines Freitags.“
19. Februar
Freitag: vierte Erscheinung
Die Erscheinung dauert eine Viertelstunde. Bernadette hat die Kerze in der Hand, die ihr ihre Patin, Bernarde Castérot, gegeben hat, die mit einem Dutzend Personen mit ihr zur Grotte gekommen war. Die schöne Dame lächelt nur, und Bernadette antwortet ihr mit Gesten: „Sie grüßte mit den Händen und mit dem Kopf,“ berichtet ihre Freundin Josèphe Barinque: „Es war eine Freude, ihr zuzusehen. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan, als diese Gesten des Grußes einzustudieren. Ich konnte den Blick gar nicht von ihr abwenden.“
ider, „nicht einmal, als sie den Kopf zum Gruß neigte,“ berichtet Rosine Cazenave.
21. Februar
Sonntag: sechste Erscheinung
Auch dieses Mal, am ersten Sonntag der Fastenzeit, gibt es nur Gesten und Lächeln, keine Worte. Am Nachmittag wird Bernadette von Kommissar Jacomet verhört, der davon überzeugt ist, dass die Geschichte erfunden ist. Bei dieser Gelegenheit wird zum ersten Mal der Begriff Aquerò gebraucht – der im Dialekt von Lourdes soviel bedeutet wie „dieses etwas“ –, und mit dem das bezeichnet werden soll, was Bernadette sieht: „Sag mir, Bernadette, gehst du jeden Tag nach Massabielle?“. „Ja, Herr Kommissar.“ „Und siehst du dort etwas Schönes?“. „Ja, Herr Kommissar.“ „Sag mir, Bernadette, siehst du die heilige Jungfrau?“. „Ich sage nicht, dass ich die heilige Jungfrau gesehen habe.“ „Dann hast du also nichts gesehen.“ „Doch, etwas habe ich gesehen.“ „Und was hast du gesehen?“. „Etwas Weißes.“ „Etwas oder jemanden?“. „Aquerò / Dieses etwas, das die Form eines Mädchens hat“. „Und sie hat dir nicht gesagt: ich bin die heilige Jungfrau?“. „Das hat mir Aquerò nicht gesagt.“
23. Februar
Dienstag: siebte Erscheinung
Bernadettes Vater lässt sich vom Kommissar einschüchtern und verbietet Bernadette, zur Grotte zurückzukehren. Sie ist ihm zunächst gehorsam, am Nachmittag jedoch zieht es sie wieder unwiderstehlich nach Massabielle. Die Dame erscheint ihr jedoch nicht. Am Tag darauf heben die Eltern das Verbot auf, und dieses Mal dauert die Erscheinung eine Stunde, erfolgt vor einer Menge von150 Menschen. Während der Ekstase sticht Elénoire Pérand, die ein Jahr später in den Orden der Schwestern des hl. Vincenzo de’ Paoli eintritt, Bernadette mit einer Brosche. Doch das Mädchen zeigt keine Schmerzreaktion. Aquerò lehrt sie ein Gebet, das nur für sie bestimmt ist und das Bernadette von da an jeden Tag ihres Lebens beten sollte. Sie vertraut ihr auch drei Geheimnisse an, die sie niemandem anvertrauen darf.

24. Februar
Mittwoch: achte Erscheinung
An diesem Tag hat die schöne Dame zum ersten Mal eine Botschaft, die alle betrifft: „Heute hat Aquerò ein neues Wort ausgesprochen: Buße! Und dann fügte sie an: ‚Bete für die Umkehr der Sünder.‘ Und ich antwortete: ‚Ja‘. Sie fragte mich, ob mir das unangenehm wäre, was ich verneinte. Dann bat sie mich, auf Knien ins Innere der Grotte zu kommen und den Boden zu küssen zur Buße für die Sünder.“
25. Februar
Donnerstag: neunte Erscheinung
An jenem Tag ist zum ersten Mal von der Quelle im Innern der Grotte die Rede, aus der heute die Wasserbecken und Brunnen von Lourdes gespeist werden.
Vor 500 Personen rutscht Bernadette auf Knien den leicht ansteigenden Weg empor, der ins Höhleninnere führt, und küsst den Boden. Wie ihr von Aquerò geheißen wurde, gräbt sie mit den Händen ein Loch, aus dem eine Quelle entspringt. Dreimal muss sie das daraus hervorsprudelnde Wasser wegschütten, weil es schmutzig ist, das vierte Mal kann sie es trinken.
27. Februar
Samstag: zehnte Erscheinung
Dieses Mal lächelt sie nur. Bernadette vollzieht dieselben Gesten wie die zwei Tage zuvor: sie rutscht auf Knien ins Grotteninnere und trinkt das aus dem Boden hervorsprudelnde Wasser.
28. Februar
Sonntag: elfte Erscheinung
Ein Beamter, der geschickt wird, um die Lage zu kontrollieren, registriert die Anwesenheit von 1.100 Personen während der Erscheinung, die sich genauso vollzieht wie am Tag zuvor. Am Nachmittag befragt Antonie Clarens Bernadette über die „merkwürdigen“ Gesten, die Aquerò von ihr verlangt: „Die Erscheinung will, dass ich sie zur Buße vollziehe“, antwortet sie, „zunächst einmal für mich, und dann für die anderen.“ Clarens fragt: „Ist dir irgendetwas mitgeteilt ,… vielleicht eine Mission übertragen worden?“. „Nein, noch nicht.“ Am Abend gehen einige Steinmetze von Lourdes zur Grotte und graben an der Stelle, wo Bernadette niederkniete, um zu trinken. Da sprudelt klares Quellwasser im Überfluss hervor.
1. März
Montag: zwölfte Erscheinung
Vor 1.500 Personen vollzieht Bernadette wieder die üblichen Gesten der Buße. Antoine Dézirat, ein junger Priester, sieht aus nächster Nähe zu: „Bernadette ließ den Rosenkranz durch ihre Finger laufen und bewegte kaum die Lippen, ihre entrückte Haltung, die ihr ins Gesicht geschriebene Verzückung waren nicht zu übersehen. Ihr Lächeln war so schön, dass man es nicht beschreiben kann… Nur Bernadette sah die Erscheinung, aber alle hatten den Eindruck, ihre Gegenwart zu spüren… ich kam mir vor wie im Vorzimmer zum Paradies.“ Wenig später fühlt sich Catherine Latapie, eine junge schwangere Frau mit einer gelähmten Hand, unwiderstehlich von der Grotte angezogen, taucht die Hand ins Quellwasser und ist von der Lähmung geheilt. Es ist das erste von der Kirche anerkannte Wunder, das Unserer Lieben Frau von Lourdes zugeschrieben wird.
2. März
Dienstag: dreizehnte Erscheinung
Bernadette erinnert sich an jenen Tag wie folgt: „Sie befahl mir, den Priestern zu sagen, dass sie eine Kapelle errichtet haben will. Ich ging zum Herrn Pfarrer, um es ihm zu sagen.“
Die Botschaft wird wenig begeistert aufgenommen. Pfarrer Peyramale ist unsicher. Bernadette lässt sich nicht beirren und besteht auf „einer Kapelle, auch einer ganz kleinen.“ „Nun gut,“ antwortet Peyramale, „zuerst soll sie einmal ihren Namen sagen und den Rosenstrauch der Grotte erblühen lassen, dann bauen wir auch die Kapelle, und zwar keine kleine, sondern eine ganz große.“
3. März
Mittwoch: vierzehnte Erscheinung
Am Morgen erscheint Aquerò nicht. Das tut sie erst am Abend, gegen 21 Uhr, und die Verspätung erklärt sie mit folgenden Worten: „Du hast mich heute morgen nicht gesehen, weil Personen, die nicht würdig waren, gekommen waren, um dein Verhalten mir gegenüber zu beobachten.“ Bernadette fragt Aquerò nach ihrem Namen, aber sie antwortet nicht, sondern lächelt nur.
4 März
Donnerstag: fünfzehnte Erscheinung
Es ist der letzte der 15 Tage. Eine riesige Menschenmenge wohnt der Erscheinung bei, wartet auf ein deutliches Zeichen für alle, aber wird enttäuscht. Nach dem vor Aquerò gebeteten Rosenkranz unterbricht sich Bernadette zweimal, bevor sie eines jener Kreuzzeichen vollendet, die die Anwesenden wegen ihrer Schönheit und Einfachheit immer so sehr beeindruckt haben. Ihre Cousine Jeanne Védère fragt sie: „Warum hast du dreimal zum Kreuzzeichen angesetzt?“. „Aquerò hatte es noch nicht gemacht. Ich konnte meine Hand nicht zur Stirn heben.“ „Warum bist du manchmal froh, manchmal traurig?.“ „Ich bin traurig, wenn Aquerò traurig ist, und ich lächle, wenn sie lächelt.“

25. März
Donnerstag: sechzehnte Erscheinung
Von einer inneren Stimme getrieben, eilt Bernadette zur Grotte von Massabielle. Aquerò ist wieder dort und Bernadette stellt ihr die Frage, die ihr der Pfarrer aufgetragen hat: „Könnten Sie bitte die Güte haben, mir zu sagen, wer Sie sind?“. Aquerò lächelt schweigend, aber Bernadette gibt sich dieses Mal nicht zufrieden. Da hebt die Dame die Augen zum Himmel, verschränkt die Arme in Brusthöhe und antwortet: „Que soy era Immaculada Councepciou / Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Bernadette ist dieser Ausdruck fremd. Auf dem ganzen Weg von der Grotte bis zum Haus des Pfarrers sagt sie ihn mit lauter Stimme immer wieder vor sich hin, um ihn nur ja nicht zu vergessen. Der Pfarrer ist sprachlos. „Eine Dame kann nicht diesen Namen haben! Du musst dich irren, weißt du denn, was er bedeutet?“. Bernadette kann nur das wiederholen, was sie vernommen hat. Peyramale weiß, dass dieses einfache Mädchen niemals eine dogmatische Definition erfunden haben kann. Und nun ist auch er sichtlich ergriffen.
7. April
Mittwoch: siebzehnte Erscheinung
Bei dieser Erscheinung kommt es zum so genannten „Kerzenwunder“. Die Flamme der Kerze, die Bernadette während der Erscheinung eine Viertelstunde lang in der Hand hält, züngelt lange um ihre andere Hand, ohne sie zu verbrennen. Doktor Dozous, der das Phänomen beobachtet, gibt seine Skepsis auf und bekehrt sich. Die heilige Jungfrau erneuert ihre Bitte, an diesem Ort eine Kapelle errichten zu lassen.
16. Juli
Freitag: achtzehnte Erscheinung
Bei Sonnenuntergang zieht es Bernadette erneut zur Grotte. Die heilige Jungfrau ist dort, wie das erste Mal, zu einer stillen Begegnung, der letzten hier auf Erden. „Was hat sie Dir gesagt?“, fragen sie die Freundinnen: „Nichts.“ Es genügt ihr, sie gesehen zu haben. Und sie schließt: „Nie zuvor war sie so schön.“

Die Muttergottes erscheint Bernadette.
Donnerstag: erste Erscheinung
Bernadette verlässt ihr Elternhaus in Begleitung ihrer Schwester Toinette und ihrer Freundin Jeanne Baloum, um beim Fluss Gave Brennholz zu sammeln. Da sie sich beim Überqueren des Flusses nicht die Füße nass machen will, sie sich die Strümpfe aus. Während sie das tut, hört sie auf einmal ein Sausen wie einen Windstoss, der durch die Blätter fährt. Sie dreht sich um und sieht, dass sich die Pappeln hinter ihr nicht bewegen. „Dann,“ so berichtet sie, „begann ich, mir die Schuhe auszuziehen.“ Da erhebt sich wieder ein Windstoss. Dieses Mal blickt sie in Richtung der Grotte, die in ein geheimnisvolles Licht gehüllt ist, und in diesem Licht erscheint Bernadette eine weiße Gestalt, die ihr zulächelt. „Sie war weiß gekleidet, hatte einen weißen Schleier, einen blauen Gürtel und je eine gelbe Rose auf den Füßen. Auch ihr Rosenkranz war gelb. Ich war verwirrt, und glaubte, mich zu irren. Ich rieb mir die Augen und sah noch einmal hin. Die Dame war immer noch da. Da griff ich in meine Tasche und zog den Rosenkranz heraus. Ich wollte das Kreuzzeichen machen, aber meine Hand gehorchte mir nicht. Ich schaffte es nicht, sie zur Stirn zu führen. Sie fiel einfach herunter. Das erschreckte mich sehr, und meine Hand begann zu zittern. Aber ich lief nicht fort. Die Dame nahm den Rosenkranz, den sie am Arm trug und machte das Kreuzzeichen; ich versuchte es ihr gleichzutun, und dieses Mal gelang es mir. Ich hatte kaum das Kreuzzeichen gemacht, da war die Angst, die mich befallen hatte, wie weggeblasen. Ich kniete nieder und betete mit der schönen Dame zusammen den Rosenkranz. Die Erscheinung ließ die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger laufen, ohne die Lippen zu bewegen. Nach dem Rosenkranz bedeutete sie mir, näher zu kommen, aber das wagte ich nicht. Da war die schöne Dame auf einmal verschwunden.“
Auf dem Rückweg erzählt Bernadette der Schwester und der Freundin, was sie gesehen hat und lässt sich versprechen, es niemandem zu verraten. Toinette sagt es jedoch den Eltern, die Bernadette am Abend ausfragen und ihr verbieten, zur Grotte zurückzukehren. Nach dieser ersten Erscheinung um die Mittagszeit ereignen sich alle anderen am Morgen, außer der vierzehnten und der achtzehnten, die sich am Abend ereignen.
14. Februar
Sonntag: zweite Erscheinung
Es ist der Sonntag vor Aschermittwoch. Bernadette erzählt: „Am folgenden Sonntag bin ich zum zweiten Mal zur Grotte gegangen. Ich kann mich gut daran erinnern, weil ich von einer inneren Stimme dazu getrieben wurde. Meine Mutter hatte mir verboten, wieder dorthin zu gehen. Nach der Messe ging ich mit meinen beiden Gefährtinnen zu meiner Mutter und bat sie, mich zur Grotte gehen zu lassen. Sie wollte nichts davon wissen. Sie fürchtete, ich könnte ins Wasser fallen und nicht rechtzeitig zur Vesper wieder nach Hause kommen, was ich ihr aber hoch und heilig versprach. Da ließ sie mich gehen. Zuerst ging ich aber mit einer Flasche in die Pfarrei, um Weihwasser zu holen. Als wir bei der Grotte angekommen waren, begannen wir, den Rosenkranz zu beten. Ich hatte gerade die ersten 10 Ave Maria gebetet, als ich die Erscheinung wieder sah. Ich besprengte die Dame mit Weihwasser und bat sie, zu bleiben, sofern sie von Gott käme, andernfalls aber zu verschwinden. Sie lächelte mir zu und verneigte sich.“
Bernadette fällt in Ekstase, ihre Gefährtinnen flüchten erschrocken. Erst der Müller Nicolau schafft es, sie von dort fortzubringen. Das Geschehene spricht sich in Windeseile herum. Ihre Mutter macht sich Sorgen und verbietet ihr erneut, zur Grotte zu gehen.
18. Februar
Donnerstag: dritte Erscheinung
Die reiche Dame Milhet, von Neugier getrieben, kann der Mutter Bernadettes das Versprechen entlocken, sich von dem Mädchen zur Grotte von Massabielle begleiten zu lassen. Sie befiehlt Bernadette, die Erscheinung nach ihrem Namen zu fragen, drückt ihr ein Blatt Papier, einen Füllfederhalter und ein Tintenfaß in die Hand: „Würden Sie wohl die Güte haben, Ihren Namen aufzuschreiben?.“ Da hört Bernadette zum ersten Mal die Stimme der Dame, als ihr diese antwortet: „Das ist nicht notwendig.“ Und mit überraschender Güte bittet sie Bernadette: „Mach mir nur die Freude und komm vierzehn Tage lang täglich hierher.“ Bernadette erzählt: „Ich bejahte. Sie versprach mir nicht, mich in dieser Welt glücklich zu machen, sondern in der andern. Ich kehrte vierzehn Tage lang zur Grotte zurück. Die Erscheinung zeigte sich mir jeden Tag, mit Ausnahme eines Montags und eines Freitags.“
19. Februar
Freitag: vierte Erscheinung
Die Erscheinung dauert eine Viertelstunde. Bernadette hat die Kerze in der Hand, die ihr ihre Patin, Bernarde Castérot, gegeben hat, die mit einem Dutzend Personen mit ihr zur Grotte gekommen war. Die schöne Dame lächelt nur, und Bernadette antwortet ihr mit Gesten: „Sie grüßte mit den Händen und mit dem Kopf,“ berichtet ihre Freundin Josèphe Barinque: „Es war eine Freude, ihr zuzusehen. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan, als diese Gesten des Grußes einzustudieren. Ich konnte den Blick gar nicht von ihr abwenden.“
ider, „nicht einmal, als sie den Kopf zum Gruß neigte,“ berichtet Rosine Cazenave.
21. Februar
Sonntag: sechste Erscheinung
Auch dieses Mal, am ersten Sonntag der Fastenzeit, gibt es nur Gesten und Lächeln, keine Worte. Am Nachmittag wird Bernadette von Kommissar Jacomet verhört, der davon überzeugt ist, dass die Geschichte erfunden ist. Bei dieser Gelegenheit wird zum ersten Mal der Begriff Aquerò gebraucht – der im Dialekt von Lourdes soviel bedeutet wie „dieses etwas“ –, und mit dem das bezeichnet werden soll, was Bernadette sieht: „Sag mir, Bernadette, gehst du jeden Tag nach Massabielle?“. „Ja, Herr Kommissar.“ „Und siehst du dort etwas Schönes?“. „Ja, Herr Kommissar.“ „Sag mir, Bernadette, siehst du die heilige Jungfrau?“. „Ich sage nicht, dass ich die heilige Jungfrau gesehen habe.“ „Dann hast du also nichts gesehen.“ „Doch, etwas habe ich gesehen.“ „Und was hast du gesehen?“. „Etwas Weißes.“ „Etwas oder jemanden?“. „Aquerò / Dieses etwas, das die Form eines Mädchens hat“. „Und sie hat dir nicht gesagt: ich bin die heilige Jungfrau?“. „Das hat mir Aquerò nicht gesagt.“
23. Februar
Dienstag: siebte Erscheinung
Bernadettes Vater lässt sich vom Kommissar einschüchtern und verbietet Bernadette, zur Grotte zurückzukehren. Sie ist ihm zunächst gehorsam, am Nachmittag jedoch zieht es sie wieder unwiderstehlich nach Massabielle. Die Dame erscheint ihr jedoch nicht. Am Tag darauf heben die Eltern das Verbot auf, und dieses Mal dauert die Erscheinung eine Stunde, erfolgt vor einer Menge von150 Menschen. Während der Ekstase sticht Elénoire Pérand, die ein Jahr später in den Orden der Schwestern des hl. Vincenzo de’ Paoli eintritt, Bernadette mit einer Brosche. Doch das Mädchen zeigt keine Schmerzreaktion. Aquerò lehrt sie ein Gebet, das nur für sie bestimmt ist und das Bernadette von da an jeden Tag ihres Lebens beten sollte. Sie vertraut ihr auch drei Geheimnisse an, die sie niemandem anvertrauen darf.

Die Grotte von Lourdes auf einem Foto des Jahres 1914.
Mittwoch: achte Erscheinung
An diesem Tag hat die schöne Dame zum ersten Mal eine Botschaft, die alle betrifft: „Heute hat Aquerò ein neues Wort ausgesprochen: Buße! Und dann fügte sie an: ‚Bete für die Umkehr der Sünder.‘ Und ich antwortete: ‚Ja‘. Sie fragte mich, ob mir das unangenehm wäre, was ich verneinte. Dann bat sie mich, auf Knien ins Innere der Grotte zu kommen und den Boden zu küssen zur Buße für die Sünder.“
25. Februar
Donnerstag: neunte Erscheinung
An jenem Tag ist zum ersten Mal von der Quelle im Innern der Grotte die Rede, aus der heute die Wasserbecken und Brunnen von Lourdes gespeist werden.
Vor 500 Personen rutscht Bernadette auf Knien den leicht ansteigenden Weg empor, der ins Höhleninnere führt, und küsst den Boden. Wie ihr von Aquerò geheißen wurde, gräbt sie mit den Händen ein Loch, aus dem eine Quelle entspringt. Dreimal muss sie das daraus hervorsprudelnde Wasser wegschütten, weil es schmutzig ist, das vierte Mal kann sie es trinken.
27. Februar
Samstag: zehnte Erscheinung
Dieses Mal lächelt sie nur. Bernadette vollzieht dieselben Gesten wie die zwei Tage zuvor: sie rutscht auf Knien ins Grotteninnere und trinkt das aus dem Boden hervorsprudelnde Wasser.
28. Februar
Sonntag: elfte Erscheinung
Ein Beamter, der geschickt wird, um die Lage zu kontrollieren, registriert die Anwesenheit von 1.100 Personen während der Erscheinung, die sich genauso vollzieht wie am Tag zuvor. Am Nachmittag befragt Antonie Clarens Bernadette über die „merkwürdigen“ Gesten, die Aquerò von ihr verlangt: „Die Erscheinung will, dass ich sie zur Buße vollziehe“, antwortet sie, „zunächst einmal für mich, und dann für die anderen.“ Clarens fragt: „Ist dir irgendetwas mitgeteilt ,… vielleicht eine Mission übertragen worden?“. „Nein, noch nicht.“ Am Abend gehen einige Steinmetze von Lourdes zur Grotte und graben an der Stelle, wo Bernadette niederkniete, um zu trinken. Da sprudelt klares Quellwasser im Überfluss hervor.
1. März
Montag: zwölfte Erscheinung
Vor 1.500 Personen vollzieht Bernadette wieder die üblichen Gesten der Buße. Antoine Dézirat, ein junger Priester, sieht aus nächster Nähe zu: „Bernadette ließ den Rosenkranz durch ihre Finger laufen und bewegte kaum die Lippen, ihre entrückte Haltung, die ihr ins Gesicht geschriebene Verzückung waren nicht zu übersehen. Ihr Lächeln war so schön, dass man es nicht beschreiben kann… Nur Bernadette sah die Erscheinung, aber alle hatten den Eindruck, ihre Gegenwart zu spüren… ich kam mir vor wie im Vorzimmer zum Paradies.“ Wenig später fühlt sich Catherine Latapie, eine junge schwangere Frau mit einer gelähmten Hand, unwiderstehlich von der Grotte angezogen, taucht die Hand ins Quellwasser und ist von der Lähmung geheilt. Es ist das erste von der Kirche anerkannte Wunder, das Unserer Lieben Frau von Lourdes zugeschrieben wird.
2. März
Dienstag: dreizehnte Erscheinung
Bernadette erinnert sich an jenen Tag wie folgt: „Sie befahl mir, den Priestern zu sagen, dass sie eine Kapelle errichtet haben will. Ich ging zum Herrn Pfarrer, um es ihm zu sagen.“
Die Botschaft wird wenig begeistert aufgenommen. Pfarrer Peyramale ist unsicher. Bernadette lässt sich nicht beirren und besteht auf „einer Kapelle, auch einer ganz kleinen.“ „Nun gut,“ antwortet Peyramale, „zuerst soll sie einmal ihren Namen sagen und den Rosenstrauch der Grotte erblühen lassen, dann bauen wir auch die Kapelle, und zwar keine kleine, sondern eine ganz große.“
3. März
Mittwoch: vierzehnte Erscheinung
Am Morgen erscheint Aquerò nicht. Das tut sie erst am Abend, gegen 21 Uhr, und die Verspätung erklärt sie mit folgenden Worten: „Du hast mich heute morgen nicht gesehen, weil Personen, die nicht würdig waren, gekommen waren, um dein Verhalten mir gegenüber zu beobachten.“ Bernadette fragt Aquerò nach ihrem Namen, aber sie antwortet nicht, sondern lächelt nur.
4 März
Donnerstag: fünfzehnte Erscheinung
Es ist der letzte der 15 Tage. Eine riesige Menschenmenge wohnt der Erscheinung bei, wartet auf ein deutliches Zeichen für alle, aber wird enttäuscht. Nach dem vor Aquerò gebeteten Rosenkranz unterbricht sich Bernadette zweimal, bevor sie eines jener Kreuzzeichen vollendet, die die Anwesenden wegen ihrer Schönheit und Einfachheit immer so sehr beeindruckt haben. Ihre Cousine Jeanne Védère fragt sie: „Warum hast du dreimal zum Kreuzzeichen angesetzt?“. „Aquerò hatte es noch nicht gemacht. Ich konnte meine Hand nicht zur Stirn heben.“ „Warum bist du manchmal froh, manchmal traurig?.“ „Ich bin traurig, wenn Aquerò traurig ist, und ich lächle, wenn sie lächelt.“

Die Grotte von Lourdes heute.
Donnerstag: sechzehnte Erscheinung
Von einer inneren Stimme getrieben, eilt Bernadette zur Grotte von Massabielle. Aquerò ist wieder dort und Bernadette stellt ihr die Frage, die ihr der Pfarrer aufgetragen hat: „Könnten Sie bitte die Güte haben, mir zu sagen, wer Sie sind?“. Aquerò lächelt schweigend, aber Bernadette gibt sich dieses Mal nicht zufrieden. Da hebt die Dame die Augen zum Himmel, verschränkt die Arme in Brusthöhe und antwortet: „Que soy era Immaculada Councepciou / Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Bernadette ist dieser Ausdruck fremd. Auf dem ganzen Weg von der Grotte bis zum Haus des Pfarrers sagt sie ihn mit lauter Stimme immer wieder vor sich hin, um ihn nur ja nicht zu vergessen. Der Pfarrer ist sprachlos. „Eine Dame kann nicht diesen Namen haben! Du musst dich irren, weißt du denn, was er bedeutet?“. Bernadette kann nur das wiederholen, was sie vernommen hat. Peyramale weiß, dass dieses einfache Mädchen niemals eine dogmatische Definition erfunden haben kann. Und nun ist auch er sichtlich ergriffen.
7. April
Mittwoch: siebzehnte Erscheinung
Bei dieser Erscheinung kommt es zum so genannten „Kerzenwunder“. Die Flamme der Kerze, die Bernadette während der Erscheinung eine Viertelstunde lang in der Hand hält, züngelt lange um ihre andere Hand, ohne sie zu verbrennen. Doktor Dozous, der das Phänomen beobachtet, gibt seine Skepsis auf und bekehrt sich. Die heilige Jungfrau erneuert ihre Bitte, an diesem Ort eine Kapelle errichten zu lassen.
16. Juli
Freitag: achtzehnte Erscheinung
Bei Sonnenuntergang zieht es Bernadette erneut zur Grotte. Die heilige Jungfrau ist dort, wie das erste Mal, zu einer stillen Begegnung, der letzten hier auf Erden. „Was hat sie Dir gesagt?“, fragen sie die Freundinnen: „Nichts.“ Es genügt ihr, sie gesehen zu haben. Und sie schließt: „Nie zuvor war sie so schön.“