Kongregation für die Orientalischen Kirchen.
Die Christen könnten bald aus dem Irak verschwunden sein
Kardinal Leonardo Sandri zieht über sein erstes Jahr an der Leitung des vatikanischen Dikasteriums Bilanz, das für die katholischen Gemeinschaften der verschiedenen orientalischen Riten zuständig ist. Licht und Schatten im Heiligen Land, Nahost, Osteuropa, Indien und der Diaspora.
Interview mit Kardinal Leonardo Sandri von Gianni Cardinale
Kardinal Leonardo Sandri (64), geboren als Kind
italienischer Einwanderer in Buenos Aires, Argentinien, ist seit gut einem
Jahr Präfekt der Kongregation für die Orientalischen Kirchen. Im
Jahr 2000 wurde er Substitut für die allgemeinen Angelegenheiten des
Staatssekretariats. Als solcher gab er am Abend des 2. April 2005 auf dem
Petersplatz auch die traurige Nachricht vom Tod Johannes Pauls II. bekannt.
Seine Kreierung zum Kardinal erfolgte beim Konsistorium vom 24. November
durch Benedikt XVI. In dem mit 30Tage geführten Interview erzählt uns Kardinal
Sandri von seinem ersten Jahr an der Leitung des Dikasteriums, das für
die katholischen Kirchen der verschiedenen orientalischen Riten
zuständig ist. Den Auftakt zu unserem Gespräch bildet die
dramatische Ermordung von Paulos Faraj Rahho. Die Entführung des
Erzbischofs von Mossul der Chaldäer am 29. Februar, einem Freitag in
der Fastenzeit, nahm am 13. März mit der Auffindung seiner Leiche ein
tragisches Ende.

Herr Kardinal, konnten die Umstände, die zum Tod
von Erzbischof Rahho führten, inzwischen geklärt werden?
LEONARDO SANDRI: Nein, noch nicht ganz. Klar ist jedenfalls, dass der Tod von Mons. Rahho mit seiner Entführung zu tun hat – ob nun in direkter oder indirekter Weise, spielt ja wohl inzwischen keine Rolle mehr. Und dieser Tod, den er erlitt, nachdem er die Feier des Kreuzweges geleitet hatte, scheint alle Merkmale eines Martyriums aufzuweisen.
Waren seine Entführer Banditen oder Terroristen?
SANDRI: Auch das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auch wenn es – den Informationen nach zu urteilen, die vom Nuntius, dem Patriarchen und den chaldäischen Bischöfen kamen – den Anschein hat, dass es wohl eher Banditen waren, die sich die chaotische Situation im Irak zunutze machen, um Lösegelder zu erpressen. Aber was tut es noch zur Sache, ob es nun Terroristen oder Banditen waren. Klar ist nur eines: dass das Opfer, wie im Irak nur allzu oft, wieder einmal ein Christ, ein Katholik war. Inzwischen ist es eine Tatsache, dass unsere Glaubensbrüder und -schwestern von diesem Territorium zu verschwinden drohen. Einem Territorium, wo sie schon seit apostolischen Zeiten zuhause sind.
Ist an dieser Situation das Nachkriegs-Chaos schuld, oder steckt dahinter die gezielte Absicht, die Christen aus dem Irak zu vertreiben?
SANDRI: Ich glaube nicht, dass man von einer gezielten Absicht sprechen kann, einer richtig gehenden Strategie – mir scheint vielmehr, dass wir es im Irak mit einer Diskriminierung der Christen, der Katholiken, zu tun haben. Die dann aus einer Art Selbsterhaltungstrieb heraus beschließen, dem Land ihrer Väter den Rücken zu kehren.
Ist diese Situation auf den Krieg zurückzuführen, der den Sturz Saddam Husseins herbeiführte, oder steckt dahinter der islamistische Fundamentalismus?
SANDRI: Am 16. März hat Papst Benedikt XVI. beim Angelusgebet gesagt, dass das irakische Volk „seit fünf Jahren unter den Folgen eines Krieges zu leiden hat, der die Auflösung seines zivilen und sozialen Lebens verursacht hat.“ Natürlich haben die Nachwirkungen des Krieges eine Situation entstehen lassen, in der der pusillus grex der Christen Gefahr läuft, von hier zu verschwinden. Und wenn das – was Gott verhindern möge – wirklich passieren sollte, würde damit auch jenes multireligiöse und multikulturelle Element verschwinden, das schon immer den Irak ausgemacht hat.
Der Ausspruch „als es uns schlechter ging, waren wir besser dran“ ist also doch nicht ganz aus der Luft gegriffen?
SANDRI: Der ein oder andere meint, den Christen wäre es bei Saddam Hussein besser gegangen. Er war zwar ein Diktator und hat nicht einmal die grundlegendsten Menschenrechte respektiert, vor allem die der Regimegegner. Man kann aber nicht leugnen, dass die Kirche unter seinem Regime ein relativ normales Leben führen konnte und nicht ständig um das Leben ihrer Hirten bangen musste, wie das leider heute der Fall ist.
Sind vielleicht auch die irakischen Polizeibehörden und die Besatzungsmächte für die fehlende Sicherheit der Christen im Irak verantwortlich?
SANDRI: Es ist eine Tatsache, dass die Behörden nicht einmal das für ein normales Leben unerlässliche Mindestmaß an Sicherheit garantieren können – und das gilt sowohl für die Christen als auch die Muslime. Vereinzelte Zeichen für eine Rückkehr zur Normalität hat es zwar gegeben – wie die unlängst auf die Beine gestellte Fußballmeisterschaft – , aber die jüngsten Ereignisse verheißen nichts Gutes.
Sie waren einer der engsten Mitarbeiter von Johannes Paul II., der 2003 mit allen Mitteln versucht hat, den Irakkrieg zu verhindern…
SANDRI: An seinen dramatischen Appell bei einem Angelusgebet kann ich mich noch gut erinnern. Das war vor fünf Jahren, genau gesagt am 16. März... Es waren spontane, eindringliche Worte: er berichtete, dass er wisse, was ein Krieg bedeutet, den er als junger Mann selbst miterlebt hat. Deshalb versuchte er ja auch besonders den jüngeren unter den Regierenden, die selbst keinen Krieg miterlebt haben klarzumachen, dass man dieses Unheil unbedingt abwenden müsse. Aber man schenkte ihm leider kein Gehör. Die Regierenden entschieden anders – sofern es in Sachen Krieg überhaupt nach bestem Wissen und Gewissen getroffene Entscheidungen geben kann.
Wie beurteilen Sie die Beileidsbezeugungen, die zum Tod von Erzbischof Rahho aus dem Weißen Haus eingingen?
SANDRI: Als formale diplomatische Höflichkeitsgeste. Leider sind ja auch unter den amerikanischen Soldaten viele Opfer zu beklagen.
Sie haben vorhin das Problem der Entführungen angesprochen, der Lösegeldforderungen. Was gedenkt der Hl. Stuhl diesbezüglich zu tun?
SANDRI: Der Hl. Stuhl überlässt die icherheit garantieren.
Haben Sie einen Besuch im Irak geplant?
SANDRI: Das ist tatsächlich etwas, das ich schon lange vorhabe. Aber der Patriarch, Kardinal Delly, hat mir in der derzeitigen Situation dringend davon abgeraten. Es wäre mir derzeit ja nicht einmal möglich, die Kirchen, Stätten und Orte zu besuchen, wo noch viele Glaubensbrüder leben. Ich hoffe aber, dass die Bedingungen für einen solchen Besuch schon bald gegeben sein werden.

In den vergangenen Monaten machte der maronitische
Patriarch Nasrallah Pierre Sfeir mehrfach auf die alarmierende Situation
der Christen im Libanon aufmerksam…
SANDRI: Das habe ich gelesen. Der Libanon ist – was hoffentlich auch so bleiben wird – ein blühendes Land, in dem die Christen auch zahlenmäßig und politisch gesehen ein gewisses Gewicht haben. Der Libanon ist auch das einzige Land in dieser Region, in dem der Präsident der Verfassung nach Christ sein muss. Aber inzwischen sind Monate ins Land gegangen, und man hat ihn immer noch nicht gewählt. Und somit kann sich durchaus noch alles in Schall und Rauch auflösen. Auch dort hat der Exodus der Christen bereits begonnen.
Besonders heikel ist die Situation für die Christen im Heiligen Land…
SANDRI: Ich war erst kürzlich eine Woche dort. Und ich muss sagen, dass die Situation in Jerusalem, Nazareth und Bethlehem ruhig schien. Es waren Gott sei Dank viele Pilger da. Und das ist ein gutes Zeichen. Gewiss – dass man eine Mauer überqueren muss, um nach Bethlehem zu gelangen, ist schon sehr traurig… Und man darf auch nicht vergessen, dass den israelischen Blitzangriffen nur 150km von hier entfernt, in Gaza – Antwort auf die palästinensischen Raketen – auch viele Kinder zum Opfer fielen. Eine Tragödie, die uns dazu veranlasst hat, in Jerusalem um einen dauerhaften Frieden unter den beiden Völkern zu beten.
Was macht das Leben der Christen im Heiligen Land so schwer?
SANDRI: Einerseits die fehlende Koordination mit gewissen Sektoren der islamischen Gemeinschaft, andererseits noch ungeklärte rechtliche Probleme mit den staatlichen israelischen Behörden – ich denke da beispielsweise an die Visa für Priester, die nur mühsam zu bekommen sind und an die Hypothese, dass den kirchlichen Behörden historisch erworbene Steuerbefreiungen gestrichen werden. All das ist der Präsenz der Christen im Land Jesu nicht gerade zuträglich. Die Autoritäten müssten hier ein wenig guten Willen zeigen. Schließlich sprechen wir von Werken, die nicht nur der Kirche zugute kommen, sondern der ganzen Gesellschaft. Werken, die ein Klima des Friedens begünstigen.
Ihrer Beschreibung nach scheint es um die Christen im Nahen Osten nicht gerade gut zu stehen. Gibt es denn so gar keinen Hoffnungsschimmer?
SANDRI: Nun ja, menschlich gesprochen kann ich Ihnen da leider nicht widersprechen. Wir können nur hoffen, dass der Herr unsere Gebete bald erhört. Wir fordern alle Christen der Welt auf, weiter inbrünstig um den Frieden und das Wohlergehen der Christen und Nicht-Christen im Heiligen Land und in ganz Nahost zu beten. Hoffentlich lassen diese Gebete auch die Regierenden dieser Welt nicht unberührt.
Herr Kardinal, kommen wir auf ein anderes Thema zu sprechen: Ihr Dikasterium ist auch für die Katholiken byzantinischen Ritus’ in Osteuropa zuständig. Eine besonders wichtige Rolle spielt hier – geschichtlich und auch von der Größenordnung her gesehen – die ukrainische griechisch-katholische Kirche. Beim letzten Besuch ad limina drängte der Leader dieser Kirche, Kardinal Lubomyr Husar, darauf, dass endlich das katholische Patriarchat Kiev-Halyc geschaffen wird, das derzeit noch den Rang eines Großerzbistums hat. Gibt es diesbezüglich Neuigkeiten?
SANDRI: Kardinal Husar, von dem diese Initiative ausging, ist sich der negativen Folgen, die eine derartige Entscheidung haben könnte, sehr wohl bewusst. Damit meine ich Folgen auf der Ebene des ökumenischen Dialogs, die einer vollen Einheit noch im Wege stehen könnten. Schon Johannes Paul II. hatte betont, dass die ukrainische griechisch-katholische Kirche ein Patriarchat verdient, dass diese Geste aber nur in vollem Einverständnis mit unseren orthodoxen Brüdern vollzogen werden könne, und nicht gegen ihren Willen. Die Zeit wird zeigen, wann und ob das möglich ist. Ich glaube, dass das auch Kardinal Husar weiß.
In den Zuständigkeitsbereich Ihres Dikasteriums fallen auch die orientalischen katholischen Kirchen in Asien, ja, besonders in Indien, die syro-malabarische und die syro-malankarische…
SANDRI: Ja, zwei sehr lebendige Kirchen, die nicht nur zahlenmäßig stark im Wachsen sind, sondern auch eine wahre Blüte an Berufungen und pastoralen Initiativen vorweisen können. Die von uns dafür erbetene finanzielle Hilfe können wir ihnen aber leider nicht immer zusichern. Auch unsere Mittel sind beschränkt.
Es sind aber auch Kirchen, deren Beziehungen zur katholischen Kirche lateinischen Ritus’ manchmal schwierig sind…
SANDRI: Ich kann nicht leugnen, dass es Probleme gibt, die mit dem Umstand zusammen hängen, dass viele der Gläubigen dieser Kirchen längst nicht mehr in ihren Ursprungsgebieten leben, also im Südwesten des indischen Subkontinents. Wir hoffen aber, dass diese Probleme zur Zufriedenheit aller gelöst werden können. Hier scheint mir bedeutsam, dass Kardinal Varkey Vithayathil zum Präsidenten der indischen Bischöfe gewählt wurde, der der Großerzbischof der syro-malabarischen Gläubigen ist.
Bei seiner jüngsten Reise in die Vereinigten Staaten hat der Papst die amerikanischen Ortsbischöfe auf die vielen Diözesen byzantinischen und orientalischen Ritus’ auf amerikanischem Boden aufmerksam gemacht…
SANDRI: Es war sehr schön, dass der Papst dieses Thema angesprochen hat. In den Vereinigte Staaten gibt es 17 derartige Diözesen. Der Großteil davon gehört der ukrainischen und rutenischen griechisch-katholischen Kirche an, aber es gibt auch Eparchien melchitischer, chaldäischer, armenischer, maronitischer, rumänischer, syrischer und syro-malabarischer Katholiken. Sie sind das Ergebnis einer immensen Einwanderungswelle, bei der – wie wir gesehen haben – noch kein Ende abzusehen ist. Diese Kirchen haben eine große Vitalität, wenn es an Problemen auch nicht fehlt. Beispielsweise einer gewissen Assimilation, die den Verlust der eigenen Besonderheiten bedeuten kann.

Die katholischen Kirchen orientalischen Ritus’
haben ihren eigenen verheirateten Klerus. Gilt das auch für die
Diözesen der Kirchen in der so genannten Diaspora?
SANDRI: Die derzeit gültige Regel sieht vor, dass der verheiratete Klerus nur in den ursprünglichen Gebieten des Patriarchats oder der katholischen Kirchen orientalischen Ritus’ zugelassen ist. Nicht aber in den Diözesen der Diaspora. Es mag einzelne Ausnahmen geben, doch die Regel ist die eben beschriebene. Ich möchte diesbezüglich aber auf ein Phänomen aufmerksam machen, das mir gegenüber auch die Verantwortlichen des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen angesprochen haben.
Und welches?
SANDRI: Auch bei den orthodoxen Kirchen ist derzeit eine große Wiederentdeckung der Bedeutung und Größe des kirchlichen Zölibats im Gange. Das geht zwar nicht so weit, dass man in unseren katholischen Kirchen orientalischen Ritus’ oder in den orthodoxen daran denkt, die Priester nicht mehr heiraten zu lassen. Es ist aber doch eine gewisse Wertschätzung des Zölibats festzustellen, sei es wegen einiger praktischer Aspekte, sei es wegen des ihm zugrunde liegenden tiefen theologischen Wertes – einer größeren Gleichgestaltung mit Jesus Christus. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass in den orthodoxen Kirchen, die nicht in voller Einheit mit Rom stehen, die Bischöfe immer aus den Reihen des zölibateren Klerus gewählt werden, normalerweise denen der Mönche.
Eminenz, erlauben Sie mir eine letzte, vielleicht etwas heikle Frage: ist – in Anbetracht der möglichen vollen Einheit der orthodoxen und orientalischen Kirchen mit Rom – überhaupt noch Platz für die von Ihnen geleitete Kongregation?
SANDRI: Die katholischen Kirchen byzantischen Ritus’ können und müssen eine Brücke sein für die volle Einheit mit unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern. Wir wissen um den Willen Gottes, dass die Kirche sichtbar eins sei. Aber wir wissen nicht, wie und wann. Wer weiß: vielleicht wird dieses Dikasterium – oder auch der Rat zur Förderung der Einheit der Christen – eines schönen Tages gar nicht mehr notwendig sein. Überlassen wir das dem lieben Gott.

Kardinal Leonardo Sandri führt den Vorsitz beim Trauergottesdienst für den Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho. Die Entführung des Erzbischofs nahm am 13. März 2008 mit der Auffindung seiner Leiche ein tragisches Ende.
LEONARDO SANDRI: Nein, noch nicht ganz. Klar ist jedenfalls, dass der Tod von Mons. Rahho mit seiner Entführung zu tun hat – ob nun in direkter oder indirekter Weise, spielt ja wohl inzwischen keine Rolle mehr. Und dieser Tod, den er erlitt, nachdem er die Feier des Kreuzweges geleitet hatte, scheint alle Merkmale eines Martyriums aufzuweisen.
Waren seine Entführer Banditen oder Terroristen?
SANDRI: Auch das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auch wenn es – den Informationen nach zu urteilen, die vom Nuntius, dem Patriarchen und den chaldäischen Bischöfen kamen – den Anschein hat, dass es wohl eher Banditen waren, die sich die chaotische Situation im Irak zunutze machen, um Lösegelder zu erpressen. Aber was tut es noch zur Sache, ob es nun Terroristen oder Banditen waren. Klar ist nur eines: dass das Opfer, wie im Irak nur allzu oft, wieder einmal ein Christ, ein Katholik war. Inzwischen ist es eine Tatsache, dass unsere Glaubensbrüder und -schwestern von diesem Territorium zu verschwinden drohen. Einem Territorium, wo sie schon seit apostolischen Zeiten zuhause sind.
Ist an dieser Situation das Nachkriegs-Chaos schuld, oder steckt dahinter die gezielte Absicht, die Christen aus dem Irak zu vertreiben?
SANDRI: Ich glaube nicht, dass man von einer gezielten Absicht sprechen kann, einer richtig gehenden Strategie – mir scheint vielmehr, dass wir es im Irak mit einer Diskriminierung der Christen, der Katholiken, zu tun haben. Die dann aus einer Art Selbsterhaltungstrieb heraus beschließen, dem Land ihrer Väter den Rücken zu kehren.
Ist diese Situation auf den Krieg zurückzuführen, der den Sturz Saddam Husseins herbeiführte, oder steckt dahinter der islamistische Fundamentalismus?
SANDRI: Am 16. März hat Papst Benedikt XVI. beim Angelusgebet gesagt, dass das irakische Volk „seit fünf Jahren unter den Folgen eines Krieges zu leiden hat, der die Auflösung seines zivilen und sozialen Lebens verursacht hat.“ Natürlich haben die Nachwirkungen des Krieges eine Situation entstehen lassen, in der der pusillus grex der Christen Gefahr läuft, von hier zu verschwinden. Und wenn das – was Gott verhindern möge – wirklich passieren sollte, würde damit auch jenes multireligiöse und multikulturelle Element verschwinden, das schon immer den Irak ausgemacht hat.
Der Ausspruch „als es uns schlechter ging, waren wir besser dran“ ist also doch nicht ganz aus der Luft gegriffen?
SANDRI: Der ein oder andere meint, den Christen wäre es bei Saddam Hussein besser gegangen. Er war zwar ein Diktator und hat nicht einmal die grundlegendsten Menschenrechte respektiert, vor allem die der Regimegegner. Man kann aber nicht leugnen, dass die Kirche unter seinem Regime ein relativ normales Leben führen konnte und nicht ständig um das Leben ihrer Hirten bangen musste, wie das leider heute der Fall ist.
Sind vielleicht auch die irakischen Polizeibehörden und die Besatzungsmächte für die fehlende Sicherheit der Christen im Irak verantwortlich?
SANDRI: Es ist eine Tatsache, dass die Behörden nicht einmal das für ein normales Leben unerlässliche Mindestmaß an Sicherheit garantieren können – und das gilt sowohl für die Christen als auch die Muslime. Vereinzelte Zeichen für eine Rückkehr zur Normalität hat es zwar gegeben – wie die unlängst auf die Beine gestellte Fußballmeisterschaft – , aber die jüngsten Ereignisse verheißen nichts Gutes.
Sie waren einer der engsten Mitarbeiter von Johannes Paul II., der 2003 mit allen Mitteln versucht hat, den Irakkrieg zu verhindern…
SANDRI: An seinen dramatischen Appell bei einem Angelusgebet kann ich mich noch gut erinnern. Das war vor fünf Jahren, genau gesagt am 16. März... Es waren spontane, eindringliche Worte: er berichtete, dass er wisse, was ein Krieg bedeutet, den er als junger Mann selbst miterlebt hat. Deshalb versuchte er ja auch besonders den jüngeren unter den Regierenden, die selbst keinen Krieg miterlebt haben klarzumachen, dass man dieses Unheil unbedingt abwenden müsse. Aber man schenkte ihm leider kein Gehör. Die Regierenden entschieden anders – sofern es in Sachen Krieg überhaupt nach bestem Wissen und Gewissen getroffene Entscheidungen geben kann.
Wie beurteilen Sie die Beileidsbezeugungen, die zum Tod von Erzbischof Rahho aus dem Weißen Haus eingingen?
SANDRI: Als formale diplomatische Höflichkeitsgeste. Leider sind ja auch unter den amerikanischen Soldaten viele Opfer zu beklagen.
Sie haben vorhin das Problem der Entführungen angesprochen, der Lösegeldforderungen. Was gedenkt der Hl. Stuhl diesbezüglich zu tun?
SANDRI: Der Hl. Stuhl überlässt die icherheit garantieren.
Haben Sie einen Besuch im Irak geplant?
SANDRI: Das ist tatsächlich etwas, das ich schon lange vorhabe. Aber der Patriarch, Kardinal Delly, hat mir in der derzeitigen Situation dringend davon abgeraten. Es wäre mir derzeit ja nicht einmal möglich, die Kirchen, Stätten und Orte zu besuchen, wo noch viele Glaubensbrüder leben. Ich hoffe aber, dass die Bedingungen für einen solchen Besuch schon bald gegeben sein werden.

Erzbischof Paulos Faraj Rahho mit Kardinal Emmanuel Delly und Benedikt XVI.
SANDRI: Das habe ich gelesen. Der Libanon ist – was hoffentlich auch so bleiben wird – ein blühendes Land, in dem die Christen auch zahlenmäßig und politisch gesehen ein gewisses Gewicht haben. Der Libanon ist auch das einzige Land in dieser Region, in dem der Präsident der Verfassung nach Christ sein muss. Aber inzwischen sind Monate ins Land gegangen, und man hat ihn immer noch nicht gewählt. Und somit kann sich durchaus noch alles in Schall und Rauch auflösen. Auch dort hat der Exodus der Christen bereits begonnen.
Besonders heikel ist die Situation für die Christen im Heiligen Land…
SANDRI: Ich war erst kürzlich eine Woche dort. Und ich muss sagen, dass die Situation in Jerusalem, Nazareth und Bethlehem ruhig schien. Es waren Gott sei Dank viele Pilger da. Und das ist ein gutes Zeichen. Gewiss – dass man eine Mauer überqueren muss, um nach Bethlehem zu gelangen, ist schon sehr traurig… Und man darf auch nicht vergessen, dass den israelischen Blitzangriffen nur 150km von hier entfernt, in Gaza – Antwort auf die palästinensischen Raketen – auch viele Kinder zum Opfer fielen. Eine Tragödie, die uns dazu veranlasst hat, in Jerusalem um einen dauerhaften Frieden unter den beiden Völkern zu beten.
Was macht das Leben der Christen im Heiligen Land so schwer?
SANDRI: Einerseits die fehlende Koordination mit gewissen Sektoren der islamischen Gemeinschaft, andererseits noch ungeklärte rechtliche Probleme mit den staatlichen israelischen Behörden – ich denke da beispielsweise an die Visa für Priester, die nur mühsam zu bekommen sind und an die Hypothese, dass den kirchlichen Behörden historisch erworbene Steuerbefreiungen gestrichen werden. All das ist der Präsenz der Christen im Land Jesu nicht gerade zuträglich. Die Autoritäten müssten hier ein wenig guten Willen zeigen. Schließlich sprechen wir von Werken, die nicht nur der Kirche zugute kommen, sondern der ganzen Gesellschaft. Werken, die ein Klima des Friedens begünstigen.
Ihrer Beschreibung nach scheint es um die Christen im Nahen Osten nicht gerade gut zu stehen. Gibt es denn so gar keinen Hoffnungsschimmer?
SANDRI: Nun ja, menschlich gesprochen kann ich Ihnen da leider nicht widersprechen. Wir können nur hoffen, dass der Herr unsere Gebete bald erhört. Wir fordern alle Christen der Welt auf, weiter inbrünstig um den Frieden und das Wohlergehen der Christen und Nicht-Christen im Heiligen Land und in ganz Nahost zu beten. Hoffentlich lassen diese Gebete auch die Regierenden dieser Welt nicht unberührt.
Herr Kardinal, kommen wir auf ein anderes Thema zu sprechen: Ihr Dikasterium ist auch für die Katholiken byzantinischen Ritus’ in Osteuropa zuständig. Eine besonders wichtige Rolle spielt hier – geschichtlich und auch von der Größenordnung her gesehen – die ukrainische griechisch-katholische Kirche. Beim letzten Besuch ad limina drängte der Leader dieser Kirche, Kardinal Lubomyr Husar, darauf, dass endlich das katholische Patriarchat Kiev-Halyc geschaffen wird, das derzeit noch den Rang eines Großerzbistums hat. Gibt es diesbezüglich Neuigkeiten?
SANDRI: Kardinal Husar, von dem diese Initiative ausging, ist sich der negativen Folgen, die eine derartige Entscheidung haben könnte, sehr wohl bewusst. Damit meine ich Folgen auf der Ebene des ökumenischen Dialogs, die einer vollen Einheit noch im Wege stehen könnten. Schon Johannes Paul II. hatte betont, dass die ukrainische griechisch-katholische Kirche ein Patriarchat verdient, dass diese Geste aber nur in vollem Einverständnis mit unseren orthodoxen Brüdern vollzogen werden könne, und nicht gegen ihren Willen. Die Zeit wird zeigen, wann und ob das möglich ist. Ich glaube, dass das auch Kardinal Husar weiß.
In den Zuständigkeitsbereich Ihres Dikasteriums fallen auch die orientalischen katholischen Kirchen in Asien, ja, besonders in Indien, die syro-malabarische und die syro-malankarische…
SANDRI: Ja, zwei sehr lebendige Kirchen, die nicht nur zahlenmäßig stark im Wachsen sind, sondern auch eine wahre Blüte an Berufungen und pastoralen Initiativen vorweisen können. Die von uns dafür erbetene finanzielle Hilfe können wir ihnen aber leider nicht immer zusichern. Auch unsere Mittel sind beschränkt.
Es sind aber auch Kirchen, deren Beziehungen zur katholischen Kirche lateinischen Ritus’ manchmal schwierig sind…
SANDRI: Ich kann nicht leugnen, dass es Probleme gibt, die mit dem Umstand zusammen hängen, dass viele der Gläubigen dieser Kirchen längst nicht mehr in ihren Ursprungsgebieten leben, also im Südwesten des indischen Subkontinents. Wir hoffen aber, dass diese Probleme zur Zufriedenheit aller gelöst werden können. Hier scheint mir bedeutsam, dass Kardinal Varkey Vithayathil zum Präsidenten der indischen Bischöfe gewählt wurde, der der Großerzbischof der syro-malabarischen Gläubigen ist.
Bei seiner jüngsten Reise in die Vereinigten Staaten hat der Papst die amerikanischen Ortsbischöfe auf die vielen Diözesen byzantinischen und orientalischen Ritus’ auf amerikanischem Boden aufmerksam gemacht…
SANDRI: Es war sehr schön, dass der Papst dieses Thema angesprochen hat. In den Vereinigte Staaten gibt es 17 derartige Diözesen. Der Großteil davon gehört der ukrainischen und rutenischen griechisch-katholischen Kirche an, aber es gibt auch Eparchien melchitischer, chaldäischer, armenischer, maronitischer, rumänischer, syrischer und syro-malabarischer Katholiken. Sie sind das Ergebnis einer immensen Einwanderungswelle, bei der – wie wir gesehen haben – noch kein Ende abzusehen ist. Diese Kirchen haben eine große Vitalität, wenn es an Problemen auch nicht fehlt. Beispielsweise einer gewissen Assimilation, die den Verlust der eigenen Besonderheiten bedeuten kann.

Kardinal Leonardo Sandri in Bethlehem (Februar 2008).
SANDRI: Die derzeit gültige Regel sieht vor, dass der verheiratete Klerus nur in den ursprünglichen Gebieten des Patriarchats oder der katholischen Kirchen orientalischen Ritus’ zugelassen ist. Nicht aber in den Diözesen der Diaspora. Es mag einzelne Ausnahmen geben, doch die Regel ist die eben beschriebene. Ich möchte diesbezüglich aber auf ein Phänomen aufmerksam machen, das mir gegenüber auch die Verantwortlichen des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen angesprochen haben.
Und welches?
SANDRI: Auch bei den orthodoxen Kirchen ist derzeit eine große Wiederentdeckung der Bedeutung und Größe des kirchlichen Zölibats im Gange. Das geht zwar nicht so weit, dass man in unseren katholischen Kirchen orientalischen Ritus’ oder in den orthodoxen daran denkt, die Priester nicht mehr heiraten zu lassen. Es ist aber doch eine gewisse Wertschätzung des Zölibats festzustellen, sei es wegen einiger praktischer Aspekte, sei es wegen des ihm zugrunde liegenden tiefen theologischen Wertes – einer größeren Gleichgestaltung mit Jesus Christus. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass in den orthodoxen Kirchen, die nicht in voller Einheit mit Rom stehen, die Bischöfe immer aus den Reihen des zölibateren Klerus gewählt werden, normalerweise denen der Mönche.
Eminenz, erlauben Sie mir eine letzte, vielleicht etwas heikle Frage: ist – in Anbetracht der möglichen vollen Einheit der orthodoxen und orientalischen Kirchen mit Rom – überhaupt noch Platz für die von Ihnen geleitete Kongregation?
SANDRI: Die katholischen Kirchen byzantischen Ritus’ können und müssen eine Brücke sein für die volle Einheit mit unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern. Wir wissen um den Willen Gottes, dass die Kirche sichtbar eins sei. Aber wir wissen nicht, wie und wann. Wer weiß: vielleicht wird dieses Dikasterium – oder auch der Rat zur Förderung der Einheit der Christen – eines schönen Tages gar nicht mehr notwendig sein. Überlassen wir das dem lieben Gott.