KASPER. Die Beziehung zwischen Kirche von Rom und russisch-orthodoxer Kirche.
„Die Geduld ist die kleine Tochter der Hoffnung“
Interview mit Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen: „Die Hoffnung ist für uns Christen das große österliche Geschenk, und deshalb ist die Hoffnung für uns Christen auch nichts Utopisches, sondern die Folge der Wirklichkeit der Auferstehung. Die Hoffnung ist in der Bibel immer auch an die Geduld geknüpft. Die Geduld ist die kleine Tochter der Hoffnung.“
Interview mit Kardinal Walter Kasper von Giovanni Cubeddu

Der Patriarch von Moskau, Alexej II., mit Kardinal Walter Kasper, in der Himmelfahrtskathedrale, Kreml, Moskau.
WALTER KASPER: Man kann nicht von der derzeitigen Beziehung zwischen dem Patriarchat Moskau und der katholischen Kirche sprechen, ohne dabei an unsere lange gemeinsame Geschichte zu denken. Im Grunde sind wir ja doch eine einzige Kirche – wenn auch nicht in voller Gemeinschaft. Wir haben dieselben Sakramente, denselben Episkopat, und wir anerkennen auch alle Sakramente der Orthodoxen. Schon vor der Revolution gab es im russischen Mogilew einen Erzbischofssitz, und wie sollte man vergessen, dass Kaiserin Katherina die von der katholischen Kirche verstoßenen Jesuiten aufgenommen hat. Die Revolution des Jahres 1917, die für die Kirche eine große Tragödie war – und zwar sowohl für die orthodoxe als auch die katholische –, hat uns doch auch das mutige Zeugnis vieler Märtyrer geschenkt. Man hatte gehofft, dass nach der Niederlage des Kommunismus eine neue Geschichte anbrechen würde, aber das Ende der Katakombenzeit der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine, die so viel gelitten hat, ließ unglücklicherweise neue Missverständnisse entstehen. Das Dokument der Päpstlichen Kommission „Pro Russland“ des Jahres 1992 hat jedoch geklärt, dass die katholische Kirche in Russland keine Proselytenmacherei betreiben will, sondern einfach nur – in Kollaboration mit dem Patriarchat Moskau – die Seelsorge der dortigen Gläubigen gewährleisten möchte. Das auch im Einklang mit dem Dokument von Balamand von 1993, das klar fest hält, dass der Uniatismus als Methode der Vergangenheit angehört; dass er etwas ist, das weder heute noch in Zukunft einer Annäherung der Kirchen dienlich sein kann. Und das ist sehr wichtig.
Bisher haben wir viele der grundsätzlichen Probleme überwunden; haben zum Zweck der Diskussion über die konkreten Hindernisse, die sich nach und nach ergeben, in Moskau eine gemischte Kommission eingerichtet, die gute Ergebnisse erzielt hat. So konnten wir in der Zwischenzeit den Dialog mit den orthodoxen Kirchen in ihrer Gesamtheit wieder ankurbeln und sind froh, dass sich die russisch-orthodoxe Kirche, die unserer Meinung nach ein wichtiger Partner ist, daran beteiligt. Derzeit gibt es zwischen Konstantinopel und Moskau innerorthodoxe Probleme wegen der Anerkennung der Kirche in Estland. In diese Fragen wollen wir uns aber nicht einmischen, wenn wir auch darauf drängen, dass Kompromisse gefunden werden, die eine Fortführung dieses für die Zukunft der orthodoxen Kirche und der unsrigen so wichtigen Dialoges möglich machen. Es ist nicht tolerierbar, dass es in unserer globalisierten Welt noch solche Polemiken unter den Kirchen gibt, und daher muss auch, was wir bereits getan haben, ein Weg der Annäherung eingeschlagen werden. Und zwar dort, wo die Spaltung zwischen Ost und West einen langen Prozess der Entfremdung eingeleitet hat. Es ist grundlegend, dass ein theologischer Dialog zwischen den beiden Kirchen besteht, und ich habe den Eindruck, dass wir auf dem besten Weg dazu sind. Ich erwarte nicht, dass es schon morgen oder übermorgen zur vollen Einheit zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen kommen wird. Es wird ein langwieriger Prozess sein, weil es mit Begegnungen auf oberster Ebene nicht getan ist, sondern auch das Volk miteinbezogen werden muss. Und das braucht nun einmal seine Zeit.
30Giorni gegenüber sprach Seine Seligkeit Patriarch Alexej II. auch von einem Dialog „an der Basis“, der gute Hoffnungen in Aussicht stellt und gepflegt werden muss.
KASPER: Ja, damit ist das gemeint, was die praktische Kollaboration im Bereich der ethischen Werte betrifft, im Bereich der sozialen Gerechtigkeit, der Menschenrechte, der Auseinandersetzung mit dem Laizismus und mit dem Säkularisierungsprozess, der Europa in Mitleidenschaft gezogen hat. Zu diesen Punkten haben die beiden Kirchen fast dieselben Anschauungen, weshalb sie auch zusammenarbeiten können und wollen. Die ersten Schritte sind schon getan, und man wird sich noch mehr aneinander annähern, einander noch besser kennen lernen können. Nur so kann man einige der größten Hindernisse überwinden, die auf beiden Seiten bestehen: die Vorurteile, die nur durch persönliche Begegnungen ausgeräumt werden können. So hat das Patriarchat Moskau löblicherweise auch damit begonnen, Beziehungen zu den katholischen Ortskirchen in Mailand, Paris, Wien, usw. anzuknüpfen. All das ist einem besseren Kennenlernen und einer größeren gegenseitigen Wertschätzung zuträglich.
Ein weiteres Element ist unser Komitee für die Kollaboration mit den orthodoxen Kirchen, durch das wir Neupriestern auf Empfehlung des Patriarchen oder des Ortsbischofs Stipendien gewähren. Diese jungen Männer können dann ein paar Jahre in Rom oder an anderen katholischen Universitäten studieren und haben die Möglichkeit, unsere Kirche kennen zu lernen. Sie lernen dann auch eine westliche Sprache und bekleiden nach ihrer Rückkehr in die Heimat – dank ihrer guten Ausbildung – dort meist hohe Ämter. Dieser Studentenaustausch ist sicher etwas, das fortgesetzt werden muss. Wir sorgen auch für die Herausgabe theologischer Texte in zyrillischer Schrift, und auch das hilft, einander besser zu verstehen.
Ich möchte auch an einige schöne Freundschaften erinnern, die sich in der Vergangenheit entwickeln konnten! Beispielsweise die zwischen dem Patriarchen von Moskau und Kardinal Etchegaray. Eine Freundschaft, die lange vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden war. Man muss auch sagen, dass die Beziehungen zwischen der KEK [Konferenz Europäischer Kirchen, Anm.d.Red.] und der CCEE [Rat der europäischen Bischofskonferenzen, Anm.d.Red] immer intensiver werden, und dass wir heute auch zu dem von Metropolit Kyrill geleiteten Außenamt des Moskauer Patriarchats herzliche Beziehungen unterhalten. Das sind die verschiedenen Beiträge, die hoffentlich eines Tages in den großen Fluss der Wiederherstellung einer vollen Gemeinschaft unter den Kirchen mit einfließen werden.
Und wie wird das Ihrer Meinung nach aussehen?
KASPER: Volle Einheit bedeutet keine gleichmacherische Einheitlichkeit. Die orthodoxe und die lateinische Tradition haben im Grunde denselben Glauben, aber verschiedene Ausdrucksformen, und diese Verschiedenheit ist auch ein Reichtum. Daher denkt niemand daran, das lateinische System den orthodoxen Kirchen aufzuzwingen oder umgekehrt. Der Geist Gottes wird es sein, der uns dann, wenn es ihm gefällt, diese Einheit schenkt, aber es wird eine Einheit in der Vielgestaltigkeit sein, eine Vielgestaltigkeit in der Einheit. An diesem Punkt angelangt, ist das nächste Problem die Frage des Primats des Bischofs von Rom – etwas, das sich nicht von heute auf morgen lösen lässt. Lange Diskussionen werden notwendig sein, wie die schon bei unseren Begegnungen in Belgrad und Ravenna eingeleiteten. Man wird sehen...
Ich bin nicht unrealistisch optimistisch. Mich trägt die Hoffnung. Weil die Einheit für uns ein Gebot unseres Herrn ist, der versprochen hat, dass ein jedes Gebet in seinem Namen erhört werden wird. Genau deshalb hoffen wir auf die Hilfe Gottes, auf die Hilfe des Heiligen Geistes.
Welche konkreten Ergebnisse konnten in Sachen Dialog mit der Orthodoxie bisher erzielt werden?
KASPER: Wenn man die beiden Kirchen betrachtet, kann man meiner Meinung nach erkennen, dass es im vergangenen Jahrhundert zu einer patristischen Erneuerung gekommen ist, und zwar auf beiden Seiten. Wir können voneinander lernen. Das tiefgründige Verständnis, das die Ostkirche von koinonìa hat, von communio als Struktur der Kirche – in Russland Sobornost – könnte beispielsweise auch uns nützlich sein. Gewiss, auch wir kennen das Konzept der communio, aber in der Vergangenheit hat man sich manchmal auf eine einseitige Betonung seines Primat-Aspekts beschränkt, der für uns grundlegend ist. Auf der anderen Seite stehen Primat und koinonìa, Primat und Kollegialität, nicht im Widerspruch zueinander, sondern sind komplementär, stehen untereinander in einer gewissen Dialektik. Die Kirche ist kein in sich geschlossenes System – sie ist offen, und deshalb ist es ja auch so wichtig, dass es in ihrem Innern zwei „Pole“ gibt. Ich glaube zwar, dass wir bereits viel von der Auffassung gelernt haben, die die Orthodoxen von koinonìa haben, aber es gibt auch noch viel zu lernen. Ein anderer Aspekt, der mit dem von mir eben angesprochenen zusammenhängt, ist der sehr schöne und lebendige Gedanke der eucharistischen Ekklesiologie. Schon bei den Vorgesprächen zum II. Vatikanischen Konzil wurde Afanasiew zitiert, der als Vater dieser Ekklesiologie gilt. So war ihr Einfluss auch während des Konzils stark spürbar, und heute ist diese Theologie, die sich vor allem nach dem Konzil entfalten konnte, zu einem Bezugs- und Begegnungspunkt unserer Kirche und der russisch-orthodoxen Kirche geworden. Die eucharistische Ekklesiologie bekräftigt, dass dort, wo die Eucharistie gefeiert wird, die Kirche ist. Nicht ein Teil der Kirche, sondern die Kirche Jesu Christi. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, der von beiden Seiten vertieft werden muss.

Der Allherrscher, Andrej Rublëv, Tret’jakov-Galerie, Moskau.
KASPER: Kanon 34 ist von großer Wichtigkeit, weil darin bekräftigt wird, dass ein protos, ein Primas, in Einheit mit den anderen Bischöfen handeln und entscheiden muss, und umgekehrt. Diesen Kanon anzuwenden, auch auf universaler Ebene, ist meiner Meinung nach einer der möglichen Wege, eine Lösung in Sachen Primat des Bischofs von Rom zu finden. Es ist nämlich allen orthodoxen Kirchen klar, dass der Bischof von Rom der erste der Bischöfe ist, aber man muss sich darüber einigen, was dieses der-erste-Sein auf universaler Ebene konkret bedeutet. Wir stehen erst am Anfang der Diskussion. Bei der Begegnung in Ravenna im Oktober 2007 konnten wir einen gewissen Grundstein legen, aber das Gespräch ist noch offen. Wie bereits gesagt, will niemand den orthodoxen Kirchen das lateinische System aufzwingen. Wir hoffen vielmehr, dass sich im Kielwasser dieses Kanons vielleicht eines Tages mit Hilfe des Heiligen Geistes eine Lösung finden lässt, die die wesentlichen Elemente der beiden Kirchen respektiert.
Sie haben einmal vom „Realismus der Hoffnung“ gesprochen.
KASPER: Die Hoffnung ist für uns Christen das große österliche Geschenk; und genau deshalb ist die Hoffnung für uns Christen nichts Utopisches, sondern die Folge der Wirklichkeit der Auferstehung. Die Hoffnung ist in der Bibel immer auch an die Geduld geknüpft.
Die Geduld ist die kleine Tochter der Hoffnung. Aber das braucht seine Zeit, man muss die Dinge reifen lassen. Wir müssen mit Mut die schon heute möglichen Schritte tun und gleichzeitig eine respektvolle Haltung denen gegenüber bewahren, die, vor allem in der russisch-orthodoxen Kirche, dem „Ökumenismus“ noch mit Misstrauen begegnen, weil sie ihn als etwas Negatives betrachten. Es genügt, mit Vorsicht und Mut voranzugehen. Die weltweite Situation ist nämlich dergestalt, dass der Wunsch nach einer einzigen Stimme der Kirche und danach, alle Christen an demselben Kelch teilhaben zu lassen, konstant ist.
Wie kann der theologische Dialog fortgeführt werden?
KASPER: Man muss von einer genauen Vorstellung davon ausgehen, die weder Gleichgültigkeit und Relativismus noch ein Aufzwingen der eigenen Einstellung bedeutet, sondern gegenseitigen Respekt für die Verschiedenheit des anderen. Auf diesen Grundlagen ist der Dialog nicht nur ein Austausch von Gedanken, sondern ein Austausch von Gaben; eine Gelegenheit der gegenseitigen Bereicherung und ein Wachstum im Glauben. Die für unsere Kirchen bindenden Dogmen lassen Raum für eine derartige Auffassung vom Dialog, weil sie im Grunde eine Doxologie Gott gegenüber sind. Vor allem für die orthodoxen Kirchen ist das Dogma nicht nur eine Konzeptualisierung des Evangeliums. Das Evangelium ist eben auch ein Geheimnis, das nicht vollkommen in Begriffe eingezwängt werden kann. Thomas von Aquin definiert das Dogma als eine perceptio der göttlichen Wahrheit, die über sich hinausgehend Gott zeigt und auf Gott gerichtet ist. Das Dogma anerkennt, dass Gott stets größer ist als unsere Begriffe: in diesem Sinne beten wir bei der Messe ja auch das Credo. Ein System von Begriffen kann nicht gebetet werden, wir aber beten das Credo. Und das bedeutet, dass es nicht ein System von Begriffen ist, sondern ein Gebet, ein Lobpreis Gottes. Ein Lobpreis, der sich dem Geheimnis öffnet.
(Übersetzung 30Tage)