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VATIKANDIPLOMATIE
Aus Nr. 05 - 2008

Russland und die russische Kirche aus nächster Nähe


Giulio Andreotti interviewt Mons. Antonio Mennini, Repräsentant des Hl. Stuhls in der Russischen Föderation.


Interview mit Antonio Mennini von Giulio Andreotti


Mons. Antonio Mennini mit Präsident Wladimir Putin in Moskau (30. Juni 2003). Mennini wurde am 6. November 2002 zum Repräsentanten des Hl. Stuhls in der Russischen Föderation ernannt.

Mons. Antonio Mennini mit Präsident Wladimir Putin in Moskau (30. Juni 2003). Mennini wurde am 6. November 2002 zum Repräsentanten des Hl. Stuhls in der Russischen Föderation ernannt.

Exzellenz, wie beurteilen Sie das heutige Klima der diplomatischen Beziehungen zwischen Russischer Föderation und Hl. Stuhl?
ANTONIO MENNINI: Ich habe den Eindruck, dass die Beziehungen zu den staatlichen Behörden in den letzten Jahren von gegenseitigem Verständnis und Achtung der grundlegenden menschlichen und christlichen Werte geprägt waren. Außerdem haben der Hl. Stuhl und die Russische Föderation auch auf internationaler Ebene im Innern wichtiger internationaler Organismen oft dieselben humanitären und ethischen Positionen vertreten.
Wie war die tatsächliche Situation in der UdSSR in Sachen Religion („Opium für das Volk“) – abgesehen von der nicht absoluten Unbeugsamkeit der Positionen?
MENNINI: Ich glaube, dass man unbedingt – was leider viel zu selten geschieht – zwischen zwei Dingen unterscheiden muss, wenn es um das Thema Religion in der Sowjetunion geht. Auf den Staat bezogen, würde ich nicht von einer „nicht absoluten Unbeugsamkeit der Positionen“ sprechen: für den sowjetischen Staat war es immer klar, dass der Glaube unterdrückt und die Kirche zum eigenen Vorteil benutzt werden muss – was bedeutete, dass man sie entweder als Klassenfeind exemplarisch an die Wand stellen oder aber auf internationalen Friedenskongressen als Aushängeschild benutzen konnte – je nach Erfordernis. Anders verhielt es sich mit der Gesellschaft, die keine Möglichkeit hatte, sich auf der Ebene einer öffentlichen Meinung auszudrücken, die sich aber sogar in einem so tragischen Moment wie 1937, in einer später rigoros archivierten und geheim gehaltenen Volkszählung als mehrheitlich (56,7%) orthodox erwies und die antireligiöse Politik der bolschewistischen Regierung Lügen strafte. Ein anderer, nicht zu vernachlässigender Faktor bezüglich der „sozialen Wahrheit“ in Religionsdingen lässt sich in dem zusammenfassen, was der Schriftsteller Nikolaj Leskov über jenes Russland gesagt hat, das „zwar auf das Christentum ‚getauft‘, nicht aber dazu erzogen worden ist.“ Daher das Phänomen einer innerlichen, intuitiven, manchmal fast schon innigen Zugehörigkeit, die zu Recht in der Orthodoxie die Grundlagen ihrer eigenen, auch nationalen und kulturellen Identität ausmachte, nicht aber zum ausschlaggebenden Element bei kulturellen, sozialen und poltischen Entscheidungen wurde. Das bewirkte, dass das Volk in der sowjetischen Epoche selbst zur Zerstörung der Kirche und dem Mord an Priestern beitrug. Nicht einmal heute ist dieser Dualismus vollkommen überwunden; er ist einer der missionarischen Aspekte, den weit blickende Priester der orthodoxen Kirche am meisten betonen.
Unterhielt die Untergrund-Kirche Kontakte zur so genannten offiziellen Kirche?
MENNINI: Natürlich bestanden die Beziehungen zwischen diesen beiden Wirklichkeiten auch weiter, trotz offizieller Spannungen und Schisma. Einem Schisma, zu dem es infolge des vom Staat auf die Hierarchie der russisch-orthodoxen Kirche ausgeübten Druckes und der daraus resultierenden Spannungen gekommen war. 1927 rang sich Metropolit Sergej dann dazu durch, eine „Treueerklärung“ an den Staat zu unterzeichnen, um wenigstens ein Minimum an kirchlicher Präsenz zu retten. Dass er damit richtig gesehen hatte, zeigte sich 1944, als die orthodoxe Kirche ihre Hierarchie kanonisch wieder herstellen konnte, tatsächlich der Großteil der Untergrund-Gemeinde wieder zum Patriarchat Moskau zurückkehrte und die Spaltung beigelegt werden konnte. Außerdem hat die russisch-orthodoxe Kirche auch erst unlängst verfügt, dass jeder, der als Märtyrer für den Glauben stirbt, heilig gesprochen werden soll, unabhängig davon, ob er oder sie nun der offiziellen Kirche oder der Untergrund-Gemeinde angehörte. Diesen Untergrund-Gemeinden verdanken wir es auch, wenn die kirchliche Erfahrung selbst in den finstersten Jahren fortdauern konnte (man denke beispielsweise an Pater Aleksandr Men’, der in eine solche Gemeinde hineingeboren worden und dort aufgewachsen war). Auch das Regime war überzeugt von der letztendlichen Einheit der Kirche und der Gefahr, die diese für die Ideologie darstellte. Und das galt sowohl für unbeugsame Gläubige als auch Amtsträger, die bereit waren, Kompromisse einzugehen. So machte das Regime 1937-38 auch keine Unterschiede und erschoss sie einfach alle: die Vertreter der offiziellen Kirche genauso wie die aus dem Untergrund.
Hatte die Einladung von zwei Moskauer Delegierten zum II. Vatikanischen Konzil irgendwelche bedeutungsvollen Auswirkungen?
MENNINI: In dieser Episode verflechten sich verschiedene Interessen und Faktoren: für den Staat war der internationale politische Faktor sicher überwiegend. Das geht eindeutig aus den Archivdokumenten hervor, die mit der Perestrojka öffentlich wurden. Es kann aber auch nicht bezweifelt werden, dass wichtige Ergebnisse kirchlicher Art erreicht werden konnten. Und das auch dank der außergewöhnlichen Persönlichkeit von Metropolit Nikodim, einem Mann des Glaubens mit großem diplomatischen und pastoralen Geschick. Er war zweifelsohne der Drahtzieher dieser Initiative, die eine Jahreszeit ökumenischer Kontakte einleitete und mehr von einer echten kirchlichen Sorge als der Notwendigkeit diktiert war, dem staatlichen Mandat Folge zu leisten. An einem derartigen Punkt war man in den Beziehungen zwischen orthodoxer und katholischer Kirche noch nie angelangt, nie zuvor hatten sich so viel versprechende Perspektiven für das Leben der Kirche in Russland eröffnet.
Ich war bei der Beisetzung Jelzins dabei, die nicht nur wegen ihrer Länge beeindruckte – ca. drei Stunden –, sondern auch wegen der Grabrede. Das war schließlich etwas Neues. Bei anderen Staatsbegräbnissen hatte es keinen religiösen Moment gegeben, sondern nur die üblichen Militärparaden.
MENNINI: Überlassen wir das definitive geschichtliche Urteil der Nachwelt – eines kann ich jedoch sicher sagen: Jelzin war in vielerlei Hinsicht „der erste“: er war der erste demokratische Staatschef des erneuerten Russland; ein Mensch, der es verstanden hat, das Regime ohne Bürgerkriege und Blutvergießen zu eliminieren; er hat die Wirtschaft in einem Land wieder auf Vordermann gebracht, das in einer tiefen Krise steckte… und er war auch der erste russische Staatschef des zwanzigsten Jahrhunderts, der kirchlich beigesetzt wurde. Ja, wir können sogar sagen, dass sich mit ihm das Problem einer Neugestaltung des Begräbnisritus gestellt hat. Immerhin hat es keine „Präzedenzfälle“ kirchlicher Begräbnisse für Staatschefs gegeben. Man ist nun wieder zu dem für Zaren üblichen Ritus zurückgekehrt, die beim Namen und Patronymikum genannt wurden, während die einfachen Bürger einfach nur mit dem Namen und der Bezeichnung „Diener Gottes“ genannt werden. Die von Ihnen angesprochene Feierlichkeit und der religiöse Charakter der Trauerfeier, wie auch die ernste Atmosphäre, die in jenen Tagen in Russland herrschte, waren zweifelsohne eine Anerkennung des menschlichen Kalibers Jelzins und der Rolle, die er im Leben Russlands gespielt hat.
Apropos Zar: Gromykow hat mir einmal scherzend gesagt, dass die Bauern auf dem Land gar nicht mitbekommen hätten, das es keine Zaren mehr gab; eines haben sie nämlich immer im Nacken gehabt: den Zar oder die „Partei.“
MENNINI: Aus dem Mund Gromykows klingt dieser Satz ließlich auch die heutige Krise der Landgebiete und die Entvölkerung ganzer russischer Regionen).
Einen residierenden Botschafter wie den Nuntius in Moskau zu haben ist auch für die kleine katholische Gemeinde in der Föderation tröstlich: Sie können ihr die Botschaft des Papstes bringen.
MENNINI: Gewiss. Ich glaube, dass – abgesehen von den diplomatischen und administrativen Aufgaben, die einem jeden Repräsentanten des Hl. Stuhls in der Welt aufgetragen sind – es der tröstlichste und schönste Aspekt der Sendung des Nuntius ist, den Menschen Hoffnung geben zu dürfen durch das Zeugnis, dass Christus auferstanden ist, dass er ihnen nahe ist und ein Antlitz hat – das der Kirche und des Papstes. Ein Zeugnis, das alle Kulturen, Nationalitäten und Traditionen umfasst. In Sachen Russland ist das Lehramt der letzten beiden Päpste besonders bedeutungsvoll, die ich im Rahmen meiner Sendung repräsentieren durfte, und ich glaube, dass es für die katholische Kirche in Russland überaus wichtig ist, dieses Lehramt immer besser zu verstehen und zu vertiefen. Ich meine damit beispielsweise die von Johannes Paul II. geprägte Definition Christi als Herrn des Kosmos und der Geschichte, Erlöser des Menschen und einzigem Mittler zwischen Gott und den Menschen. Bezüglich Benedikt XVI. kann man sagen, dass Kardinal Ratzinger schon vor seiner Wahl zum Papst die Achtung und Wertschätzung der Orthodoxen genoss. Und das nicht nur wegen seiner tiefen „Katholizität“ und Traditionsverbundenheit. Auch als Papst konnte er sich ihre Sympathie sichern – nicht zuletzt wegen seiner Risikobereitschaft in der Beziehung zur orthodoxen Kirche, seines Taktgefühls und der Achtung, die er ihr gegenüber zum Ausdruck bringt.
Benedikt XVI. mit Metropolit Kyrill am 25. April 2005 bei der Begegnung mit den Repräsentanten der christlichen Kirchen und Gemeinden und anderer nicht-christlicher Religionen, die zum letzten Konklave nach Rom gekommen waren.

Benedikt XVI. mit Metropolit Kyrill am 25. April 2005 bei der Begegnung mit den Repräsentanten der christlichen Kirchen und Gemeinden und anderer nicht-christlicher Religionen, die zum letzten Konklave nach Rom gekommen waren.

Auch wenn die derzeitigen diplomatischen Beziehungen noch keine vollen sind, machen sie doch gegenseitige Besuche, einen wichtigen Austausch seitens Diplomaten und Politikern möglich, wie auch Initiativen, die einem besseren gegenseitigen Kennenlernen zuträglich sind, auch auf Gesellschaftsebene. Kann noch mehr getan werden?
MENNINI: Die Vatikandiplomatie war schon immer ein Hilfsinstrument für eine organische Entwicklung des Lebens der katholischen Ortskirche in all ihren Komponenten. In diesem Sinne macht sich die Nuntiatur zur Trägerin der Initiativen des Hl. Stuhls im Hinblick auf einen Dialog mit der Kirche und der russischen Gesellschaft. Hier kann man beispielsweise die wichtigen katholisch-orthodoxen Studientagungen 2006 in Wien und 2007 in Moskau nennen, die dank der Zusammenarbeit des Päpstlichen Rates für die Kultur mit dem Außenamt des Moskauer Patriarchats möglich geworden sind. Diese Studientagungen haben sich vor allem darum verdient gemacht, die sowohl in Kirchenkreisen als auch bei den Laien immer größer werdenden Probleme im Bildungs- und Sozialwesen anzugehen. Themen, denen gegenüber auch das Patriarchat Moskau sehr aufgeschlossen ist. Und das ist uns ein großer Ansporn – stets in dem klaren Bewusstsein, dass die christlichen Kirchen, je mehr sie die Priorität der Verkündigung Christi wieder erlangen, die ihre grundlegende Sendung ist, umso leichter in jeder Sphäre des Lebens gemeinsame Wege und Kommunikationsmöglichkeiten finden werden.
Ein anderes interessantes und positives Beispiel scheint mir das Werk zu sein, das mit der gemischten katholisch-orthodoxen Kommission 2004 begonnen wurde. Einer Kommission, die in den vergangenen Jahren regelmäßige Treffen abgehalten und versucht hat, die Schwierigkeiten und Divergenzen konkreter Situationen anzugehen und die positiven Beispiele für Dialog und Zusammenarbeit herauszustellen. Ein erstes – alles andere als zu vernachlässigendes – Resultat ist der Umstand, dass man gelernt hat, miteinander zu sprechen und sich auszutauschen; dass sich die katholische Ortskirche auch weiterhin „russisch“ fühlt und das Gefühl hat, in das Los des Landes, in dem sie lebt, eingebunden zu sein.
Welche Resultate konnten dank der diplomatischen Beziehungen erzielt werden?
MENNINI: Ich glaube, dass das erste positive Ergebnis der möglich gewordene freundschaftliche Dialog ist, die Bereitschaft, sich den Problemen zu stellen und Lösungen dafür zu finden. Der Dialog ist meiner Meinung nach nicht nur ein Werkzeug zur Erreichung gewisser Erleichterungen und Vorteile. Er stellt auch in sich einen Wert dar, weil er eine Beziehung gegenseitiger Wertschätzung, gegenseitigen Vertrauens impliziert. Das kann ich immer wieder an den zahllosen Problematiken sehen, die sich dem Repräsentanten einer diplomatischen Sendung stellen. Beispielsweise denen, die mit der Ausstellung von Visa und Aufenthaltsbewilligungen zu tun haben – was heute, infolge der vor Kurzem zwischen Europäischer Union und Russischer Föderation eingeführten Richtlinien recht kompliziert ist –; an den persönlichen Situationen katholischer Priester und Ordensleute, die in Russland tätig sind; und auch an der Organisation von Studientagungen und kulturellen Austauschmöglichkeiten... Ein indirektes, greifbares Resultat des von mir angesprochenen Dialogs war beispielsweise die Bereitschaft des staatlichen russischen Fernsehens, zum Geburtstag von Papst Benedikt XVI. einen Dokumentarfilm über ihn auszustrahlen. Zusammengestellt hatten ihn „Aiuto alla Chiesa che soffre“ [Hilfe für die leidende Kirche] und das Vatikanische Fernsehzentrum. Das wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.
Sie wurden erst jüngst vom Patriarchat Moskaus und ganz Russlands geehrt. Wie ist Ihre Beziehung zu Alexej II.?
MENNINI: Als ich nach Russland kam, um die Sendung zu erfüllen, die mir der Heilige Vater aufgetragen hat, war mir natürlich klar, einen Boden zu betreten, der eine lange christliche Tradition hatte und den ich schon seit langer Zeit bewunderte, besser kennen lernen wollte. Das scheint mir die einzig mögliche Grundlage eines wirklichen ökumenischen Engagements zu sein, in dem ich überdies vom Päpstlichen Lehramt geführt und getröstet werde. Ich könnte diesbezüglich einige Aussagen zitieren, die Benedikt XVI. beim ad-limina-Besuch der griechisch-katholischen Bischöfe der Ukraine machte. Der Heilige Vater gemahnte beispielsweise daran, vor allem den „Ökumenismus der Liebe“ zu fördern, „der direkt aus dem neuen Gebot entsteht, das Jesus seinen Jüngern hinterlassen hat. Die von den entsprechenden Taten begleitete Liebe schafft Vertrauen, öffnet die Herzen und die Augen. Der Dialog der Liebe fördert und erhellt von seinem Wesen her den Dialog der Wahrheit: Die endgültige Begegnung, zu der der Geist Christi führt, wird nämlich in der vollen Wahrheit stattfinden.“ Ich muss sagen, dass ich trotz der unleugbaren Schwierigkeiten zwischen den Schwesterkirchen bei der russisch-orthodoxen Kirche, und insbesondere bei Patriarch Alexej, immer einen großen Respekt vor der katholischen Tradition und dem Päpstlichen Lehramt feststellen konnte. Schon bei unserer ersten Begegnung war ich tief beeindruckt von der Herzlichkeit, mit der ich empfangen wurde und von der ich mich nach wie vor geehrt fühle.
Dank Ihres Aufenthalts in Russland können Sie u.a. die herrliche Erfahrung machen, praktisch zweimal im Jahr – Schuld der unterschiedlichen liturgischen Kalender – Weihnachten und Ostern zu feiern…
MENNINI: Die östliche Liturgie übt zweifelsohne eine große Faszination aus, führt uns wieder an die Quellen des Gebets zurück, der Gemeinschaft zwischen Mensch und Gott, woran Johannes Paul II. erinnerte – beispielsweise in seinem Apostolischen Schreiben Orientale lumen, in dem er die westliche Welt aufforderte, sich wieder auf diesen oft in traurige Vergessenheit geratenen Teil der kirchlichen Tradition zu besinnen. In diesem Sinne ist es sicherlich eine Bereicherung, an beiden liturgischen Feiern teilnehmen zu dürfen. Auf der anderen Seite wird diese Freude von dem Umstand getrübt, dass gerade das Feiern dieser wichtigen Hochfeste des christlichen Kalenders an verschiedenen Tagen Zeichen der von der Spaltung zwischen den zwei Kirchen geschlagenen Wunde ist. Einer Wunde überdies, die auch im Alltag deutlich ist, beispielsweise im Falle von Familien, in denen beide Konfessionen vertreten sind… Wir können nur hoffen, dass man eine Lösung findet– beispielsweise die bereits in anderen Nationen praktizierte, die die gegenseitige liturgische Bereicherung zweier Traditionen fördern und die Daten der großen Hochfeste zusammenlegen, damit die Vorbereitungszeit gemeinsam gefeiert und das gefeierte Heilsgeheimnis einstimmig herausgestellt werden kann.
An welchem Punkt sind wir Ihrer Meinung nach auf dem Weg zur Einheit der beiden Schwesterkirchen angelangt, den Papst Benedikt schon in der Ansprache anlässlich seiner Amtseinführung herausstellte?
MENNINI: Ich würde sagen, dass man die Geschichte der Beziehungen zwischen orthodoxer und katholischer Kirche auf russischem Boden mit Sachlichkeit, ohne Vorurteile und Komplexe betrachten muss – und zwar auf beiden Seiten. Missverständnisse und ehemalige (und zum Teil noch heute bestehende) Kontraste sind Teil eines natürlichen Prozesses, der der Logik komplexer Situationen entspricht, in denen die beiden kirchlichen Gemeinschaften Jahrzehnte lang gelebt haben und heute noch leben. Und wenn die russisch-orthodoxe Kirche mit der Perestrojka eine lange Zeit der Verfolgungen und der Prüfungen erlebt hat, so dürfen wir auch nicht vergessen, dass die katholische Kirche in Russland vor der Perestrojka Jahrzehnte lang in sich selbst verschlossen gelebt hat, ohne Seelsorger vor Ort und von den zentralen kirchlichen Behörden isoliert. So konnte es dann ja auch 1991 soweit kommen, dass aus dem Ausland geschickte „Missionare“ notwendig wurden, um wenigstens die wichtigsten Strukturen ausbauen zu können. Die katholischen Gemeinschaften auf dem Territorium der Russischen Föderation konnten nur wenig wissen – beispielsweise von der intensiven Reformarbeit des II. Vatikanischen Konzils, oder von den Werkzeugen, die das kirchliche Lehramt in den letzten Jahrzehnten zur Verfügung gestellt hat, um den Anforderungen unserer Zeit gewachsen zu sein. Man muss sich auch die sprachlichen und kulturellen Probleme, die unweigerlichen Mentalitätsunterschiede der nach Russland geschickten „Missionare“ vor Augen halten – Priester und Ordensfrauen, die sich überdies mit großer Opferbereitschaft für das Wachstum der Kirche und die russische Bevölkerung eingesetzt haben. Eine Bevölkerung, auf der einerseits das schwere ideologische Erbe der Sowjetunion lastet, die andererseits aber auch eine tiefe und edle Kultur ihr eigen nennen kann – so unweigerlich „anders“ als die West- oder Mittel-Ost-Europas.
Das Aufeinanderprallen dieser beiden kirchlichen Wirklichkeiten, die im Laufe der Geschichte so viele Prüfungen über sich ergehen lassen mussten und sich ihrer eigenen Identität noch unsicher waren, bot unweigerlich schmerzliche Reibungspunkte. Ich meine aber doch, zwei Kirchen nach und nach wachsen, stärker werden zu sehen, mit einer erneuerten Fähigkeit zum Dialog und zur Kollaboration in verschiedenen Sphären. Gewiss, die Bereiche der Kultur, des Bildungs- und Sozialwesens werden vorrangig behandelt, auch weil das Bewusstsein wächst, dass man gemeinsame Antworten auf die wachsenden Anforderungen finden muss, die sich mit der säkularisierten Gesellschaft stellen. Meiner Meinung nach ist derzeit auf verschiedenen Ebenen – von der offiziellen bis zu der des akademischen und diözesanen Austausches – ein wachsendes Bemühen auf beiden Seiten erkennbar. Und eine bessere Kenntnis kann der Sache der Einheit nur gut tun.
Mennini begrüsst  Patriarch Alexej II. in Moskau (20. Februar 2003).

Mennini begrüsst Patriarch Alexej II. in Moskau (20. Februar 2003).

Wie machen Sie bei Ihren Besuchen bei der katholischen Gemeinde in Russland unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern klar, dass die katholische Kirche keine Proselytenmacherei betreiben will?
MENNINI: Sie haben vor kurzem die Ansprache angesprochen, die Benedikt XVI. kurz nach seiner Wahl hielt und in der der Papst seine Absicht erklärte, zur Anknüpfung, Entwicklung und Konsolidierung brüderlicher Beziehungen zu allen orthodoxen Kirchen beitragen zu wollen – darunter nicht zuletzt auch zur russisch-orthodoxen Kirche. Ich glaube, dass man, wenn man Misstrauen und Angst dem anderen gegenüber überwinden will, nichts anderes tun muss als diesem „Herzen“ des Heiligen Vaters zu folgen und sich immer wieder auf einen Lieblingssatz des hl. Benedikt zu besinnen: „Nihil amori Christi praeponere.“
Mit anderen Worten: die Werkzeuge sind nicht die Politiker, sondern die christlichen Tugenden, vor allem die brüderliche Liebe. Das ist das Prinzip, an das ich mich bei meiner Arbeit in Russland immer halten wollte.Ein Prinzip, das getragen ist von dem Versuch, jene gegenseitige Kenntnis und Wertschätzung wachsen zu lassen, die der gemeinsamen christlichen Berufung erwachsen. In diesem Geist wird jeder konkrete Schritt bedeutungsvoll, ohne ihn bleibt er eine reine Formalität.
Eine letzte Frage: welche Rolle können die russischen Katholiken in der russischen Gesellschaft spielen?
MENNINI: Die Kirche des Westens hat jahrelang aus dem Reichtum der Tradition des christlichen Ostens geschöpft: denken wir beispielsweise nur an die Bedeutung, die der russischen Ikonentheologie und der russischen Religionsphilosophie zukamen – Chomjakov, Solov’ëv usw, –, die ein größeres Bewusstsein unserer christlichen Identität und seiner Universalität ermöglicht haben. Dazu kommt noch das Zeugnis der russischen Märtyrer des zwanzigsten Jahrhunderts, das unserer in ihren bourgeoisen Zwängen eingefahrenen westlichen Gemeinde oft neuen Aufwind gegeben hat. Die katholische Kirche könnte heute vielleicht einen Beitrag leisten, indem sie mit der russischen Kirche und Gesellschaft ihre als christliche Präsenz gemachte Erfahrung teilt, vor allem im kulturellen und sozialen Bereich. Bereichen, die aus historischen Gründen in Russland lange Zeit ein Monopol des atheistischen Regimes waren. Mir scheint, dass die russischen Katholiken ihren Platz und ihre Sendung in der Gesellschaft in dem Maß finden können, in dem sie die Kenntnis und Erfahrung ihrer Tradition, ihrer „Katholizität“ vertiefen.


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