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PIUS XII.
Aus Nr. 09 - 2008

ZUM FÜNFZIGSTEN TODESTAG VON PAPST PIUS XII.

Der vom II. Vatikanischen Konzil meist zitierte Papst


Am 8. Oktober 1983 sagte Kardinal Siri im Beisein von Johannes Paul II. in der Synoden-Aula: „Wenn man sich die Indices des II. Vatikanischen Konzils ansieht, kann man feststellen, dass die Schriften dieses Papstes nach der Bibel die meist zitierten Texte sind.“


von Kardinal Fiorenzo Angelini


Das Thema, über das ich hier sprechen soll, kann unter mehreren Aspekten betrachtet werden. Aspekten, die so zahlreich sind wie die Themen, die das Konzil untersucht und zu denen es sich geäußert hat. Ich will mein Augenmerk hier aber auf nur zwei davon richten: den – wie ich ihn nennen würde – historischen; und den anderen, den ich als geistlich-theologischen bezeichnen würde.
Der historische Aspekt betrifft die enge Beziehung zwischen dem II. Vatikanischen Konzil und der Rolle, die Pius XII. bei dessen Vorbereitung gespielt hat. Der geistlich-theologische Aspekt stellt meiner Meinung nach heraus, wie Pius XII. durch sein letztendliches Hinwirken auf das Konzil einen weiteren Beweis dafür geliefert hat, dass er nicht nur ein großer Papst war, sondern auch ein Mann Gottes, ein heiliger Papst.
Wie eng diese beiden Aspekte miteinander verflochten sind, zeigt auch die Tatsache, dass Paul VI. nach Eröffnung des Konzils den Selig- und Heiligsprechungsprozess für Pius XII. einleiten ließ.

Eugenio Pacelli, geb. am 2. März 1876 in Rom, am 2. März 1939 zum Papst gewählt (Pius XII.), gestorben am 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo.

Eugenio Pacelli, geb. am 2. März 1876 in Rom, am 2. März 1939 zum Papst gewählt (Pius XII.), gestorben am 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo.

Welche Rolle Pius XII. bei der Vorbereitung des II. Vatikanischen Konzils spielte
Eigentlich könnte ich meine Ausführungen zum Thema „Pius XII. und das II. Vatikanische Konzil“ mit einer einzigen Aussage von Kardinal Giuseppe Siri beginnen und beenden. Jener Feststellung nämlich, die er im Beisein von Johannes Paul II. am 8. Oktober 1983, dem 25. Todestag von Papst Pacelli, äußerte. „Wenn man sich die Indices des II. Vatikanischen Konzils ansieht, kann man feststellen, dass die Schriften dieses Papstes nach der Bibel die meist zitierten Texte sind“1, sagte der Erzbischof von Genua damals in der Synoden-Aula im Vatikan.
Die Einberufung und Abhaltung des II. Vatikanischen Konzils gilt zwar zu Recht als eine gelungene Initiative von Johannes XXIII. – ergriffen zur Erneuerung des Lebens der Kirche –, man vergisst aber leider nur allzu oft, dass es eigentlich Pius XII. war, der dem II. Vatikanischen Konzil den Weg geebnet hat. Und zwar gleich nach seiner Wahl. Weshalb in den definitiven Konzilsdokumenten auch 201 Zitate oder Bezugnahmen auf 92 lehramtliche Akte seines Pontifikats enthalten sind2. Allein in der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium kann man 58 Zitate zählen, die auf das Lehramt von Pius XII. verweisen.
Mein verstorbener Freund Pater Giovanni Caprile S.J. schrieb in seinem Monumentalwerk zum II. Vatikanischen Konzil, dass „man sich auch unter dem Pontifikat von Pius XII. mit dem Gedanken trug, ein Konzil einzuberufen, ja, sogar Maßnahmen ergriff, ein solches vorzubereiten“3. Pater Caprile zitierte auch die Dokumente, die von diesen Maßnahmen berichten. Einige davon waren zum damaligen Zeitpunkt noch unveröffentlicht4.
Daran, dass zwischen dem Lehramt von Pius XII. und den vom Konzil approbierten Dokumenten ein Zusammenhang bestand, habe ich nie gezweifelt. Und diese deutliche lehramtliche Kontinuität überraschte mich keineswegs: Immerhin hatte ich an allen Sitzungen des II. Vatikanischen Konzils teilgenommen, war unter dem Pontifikat von Pius XII. mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut worden, die mir direkte Kontakte zu ihm ermöglichten.
Auch Johannes Paul II. betonte am 40. Jahrestag der Wahl von Pius XII. diese Kontinuität. Im Angelus vom 18. März 1979 sagte er, seines Vorgängers gedenkend: „An diesem 40. Jahrestag des Beginns dieses bedeutenden Pontifikats können wir nicht vergessen, wie sehr Pius XII. zur theologischen Vorbereitung des II. Vatikanischen Konzils beigetragen hat, vor allem, was die Lehre über die Kirche angeht, die ersten liturgischen Reformen, den Impuls, der den Bibelstudien gegeben wurde, und die große Aufmerksamkeit für die Probleme der heutigen Welt“5.
Dafür legen – außer den oben genannten – noch viele Beispiele, zahlreiche andere Konzilsdokumente Zeugnis ab.
Gaudium et spes gilt gemeinhin als das Konzilsdokument mit der größten Öffnung dem Dialog mit der heutigen Welt gegenüber. Was man dabei aber übersieht oder vergisst ist, dass schon 1950 der Text einer Concilii oecumenici declaratio authentica ausgefertigt wurde, sozusagen der Vorläufer des Inhalts von Schema 13, das später zur pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute, Gaudium et spes, werden sollte6.
Man muss ihn nur lesen, um sich darüber klar zu werden7. Pius XII., der stets ein offenes Ohr für die Belange und Probleme der Gesellschaft seiner Zeit hatte, sorgte auch für die Wiederaufwertung der am 28. Oktober 1936 von Pius XI. gegründeten Päpstlichen Akademie der Wissenschaften: der einzigen Akademie der Wissenschaften der Welt, die nur eine Disziplin aufweist und internationalen Charakter hat. Ausgewählt werden die Akademiker des Papstes ohne Diskriminierung unter den bedeutendsten Gelehrten der mathematischen und empirischen Wissenschaften eines jeden Landes. Und darunter waren – schon zur Zeit von Pius XII. – auch namhafte jüdische Gelehrte.
Hinweise auf eine etwaige Unvereinbarkeit von Glaube und Wissenschaft gibt es im Lehramt von Pius XII. nicht. Er legte großen Wert darauf, bei allen wissenschaftlichen Kongressen, auf hoher und höchster Ebene, selbst eine Rede zu halten. Und diese Reden waren fachlich so kompetent und erleuchtend, dass sogar die teilnehmenden Experten nur staunen konnten. Er schrieb sie immer selbst, bereitete sie manchmal– wie im Falle der Weihnachtsansprache – schon Monate vorher vor. Natürlich ließ er sich auch das zu dem behandelnden Thema nötige bibliographische Material und alle zur Verfügung stehenden Informationen beschaffen, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Manchmal, wenn er sich mit medizinischen, physikalischen, astronomischen oder anderen hoch wissenschaftlichen Themen befassen musste, setzte er die Ansprache auf und lud dann eine Person seines Vertrauens ein, einen Experten, der den Textentwurf in einem Zimmer gleich neben seinem Büro korrigieren sollte. Und wenn dieser keine Korrekturen anbrachte, bedauerte er das zutiefst. Das habe ich selbst miterlebt.
Als ich nach seinem Tod die Ansprache an die Ärzte [Discorsi ai medici di Pio XII8] zusammengestellt und veröffentlicht habe, war der ausgesprochene Eifer, die große Weisheit und der bewundernswerte Weitblick, mit dem Pius XII. die dringlichsten medizinischen und moralischen Probleme seiner Zeit behandelt hatte, allgemein anerkannt.
den vierziger und fünfziger Jahren natürlich nicht dieselbe Resonanz hatten wie heute, sind die von Pius XII. diesbezüglich dargelegten Moralprinzipien noch heute unübertroffen10.
Zu Recht wird daher auch anerkannt, dass Pius XII. mit der Enzyklika Humani generis11 eine Brücke geschlagen hat, die für die Begegnung zwischen Wissenschaft und Glauben überaus nützlich war. In der Tat wirkte seine Enzyklika nicht nur schweren Irrtümern entgegen, sondern bekräftigte auch den Respekt vor dem Licht, das die Wahrheit aus der Offenbarung schöpft und erkannte sie als unersetzliche Stütze für den menschlichen Verstand an12. Wie Kardinal Siri schreibt, „stellt die Enzyklika Humani generis eine ‚Summa‘ dar, die man sich vor Augen halten muss“: eine „Summa“, die Johannes XXIII. zu der Aussage veranlasste, dass „Pius XII. in seinem Pontifikat eine wahre theologische Enzyklopädie geschaffen hat.“
Auch die sozialen Probleme, die in Gaudium et spes behandelt werden, fanden bereits im Lehramt und im Dienst von Pius XII. Niederschlag.
Über die Christenpflicht, sich für die soziale Frage zu engagieren, hatte Pius XII. schon zu Beginn seines Pontifikats in der Radiobotschaft vom 1. Juni 1941 gesprochen, dem 50. Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika Rerum novarum von Leo XIII.13.
Ich will mich hier nicht bei der ACLI, dem christlichen Verband italienischer Arbeiter, aufhalten, der – angefangen bei der ersten Begegnung mit Pius XII. am 11. März 1945 bis zum unvergesslichen 1. Mai 1955 auf dem Petersplatz – im Papst eine starke und aufmerksame Führung gefunden hatte. Jemanden, dem besonders die Sorge um eine solide Bildung der katholischen Arbeiter am Herzen lag14.
Eingehen will ich hier vor allem auf die Aufmerksamkeit, die Pius XII. den sozialen Problemen entgegen brachte. Lassen Sie mich das anhand von zwei Episoden erläutern15.
Als 1952 in Rom die Pfarrei San Leone Magno mit der dazugehörigen Kirche entstand, wurde uns mitgeteilt, dass der Papst den Wunsch geäußert hatte, die fleißigen „Baumeister“ kennenzulernen. Am 12. März 1952, Jahrestag seiner Krönung zum Papst, wurden wir in den Vatikan geladen. Die Bestätigung der Audienz traf uns unvorbereitet: Fast atemlos kamen wir im Thronsaal an, die Arbeiter noch in ihrer staubigen Arbeitskleidung, die Hüte aus Zeitungspapier auf dem Kopf. Der Papst war ausgesprochen liebenswert, mischte sich unter die Menge und hatte für jeden ein offenes Ohr16.
Zu der Sensibilität, die Pius XII. sozialen Belangen gegenüber zeigte, möchte ich noch eine andere Episode erzählen. Der 1962 veröffentlichte gemeinsame Hirtenbrief des chilenischen Episkopats über das soziale und politische Gebot der Stunde [Il dovere sociale e politico nell’ora presente] enthält folgende grundlegende Worte von Pius XII.: „Frieden hat nichts zu tun mit der kindischen Verbohrtheit, hartnäckig und beharrlich an etwas festhalten zu wollen, das es nicht mehr gibt… Für einen Christen, der sich der Verantwortung bewusst ist, die er auch für den geringsten seiner Brüder trägt, gibt es kein tatenloses Zusehen und keine Ausflucht, sondern nur Kampf und entschlossenes Vorgehen gegen jede Untätigkeit und Fahnenflucht bei dem großen geistlichen Streit, der den Bau, ja, die Seele der zukünftigen Gesellschaft selbst gefährdet sieht“17.
Dass Pius XII. mit großem Weitblick erkannt hatte, welche Wolken am südlichen Horizont der Welt aufzuziehen begannen, kann niemand leugnen. Nicht umsonst nehmen seine Gedanken zur sozialen Frage in den Sozialdokumenten der Päpste unserer Zeit so großen Raum ein18.
Als 1943 die Enzyklika Divino afflante Spiritu19 über die Erneuerung der Bibelstudien veröffentlicht wurde, erschienen die päpstlichen Richtlinien äußerst gewagt. Und als der Papst nur wenige Monate zuvor, am 29. Juni, die Enzyklika Mystici Corporis herausgegeben hatte, hatte sich so mancher gewundert, wie er sich mitten im Weltkrieg mit so abstrakten Problemen befassen konnte. In Wahrheit aber waren seine Enzykliken prophetisch und finden überraschend oft in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils Niederschlag.
In Sachen Ökumene gäbe es – wie Kardinal Agostino Bea im Bezug auf die Enzyklika Mystici Corporis20 und andere Dokumente von Pius XII. sagte – , „einige schöne Dinge zu sagen, die viele vielleicht nicht vermuten“21.
Erlauben Sie mir eine letzte Anmerkung zur Sorge Pius‘ XII. um die innere Struktur der Kirche.
Wenn beispielsweise vergessen wird, dass sich Pius XII. schon 10 Jahre vor Beginn des Konzils für die Schaffung einer Bischofskonferenz in Italien ausgesprochen hat, so ist das einer gewissen ungebührlichen Angewohnheit zuzuschreiben, die Verdienste dieses Papstes leugnen zu wollen. Die diesbezügliche „Verspätung“ Italiens hatte viele Gründe – aber fast alle hatten mit den Folgen des Endes des Kirchenstaates und den schwierigen Beziehungen zu tun, die vor der Aussöhnung zwischen dem Hl. Stuhl und dem italienischen Staat bestanden.
Am 20. Mai 2002 veröffentlichte der L’Osservatore Romano in einer Beilage den Vortrag, den Prof. Andrea Riccardi zum 50. Jahrestag der CEI am „Istituto Patristico Augustinianum“ hielt22. Eine Rekonstruktion, die zeigt, dass es gerade Pius XII. war, der die Schaffung der italienischen Bischofskonferenz wollte23.
Die Liturgie-Reform gilt als eine der größten Innovationen des II. Vatikanischen Konzils. Dass Pius XII. 1947 mit der Enzyklika Mediator Dei24 den Grundstein dafür legte, ist heute anerkannt. Dasselbe gilt für die Internationalisierung der Römischen Kurie und des Kardinalskollegiums sowie für die Vereinfachung der Kleidung der verschiedenen Ränge der Geistlichkeit.
Pius XII.; im Hintergrund, zwei Titelseiten des <I>L’Osservatore Romano</I> zu Enzykliken 
von Pius XII.: <I>Mystici Corporis</I> (unterzeichnet am 29. Juni 1943) und <I>Divino afflante Spiritu</I> 
(unterzeichnet am 30. September 1943).

Pius XII.; im Hintergrund, zwei Titelseiten des L’Osservatore Romano zu Enzykliken von Pius XII.: Mystici Corporis (unterzeichnet am 29. Juni 1943) und Divino afflante Spiritu (unterzeichnet am 30. September 1943).

Es wurde auch geschrieben, dass Pius XII. schon zu einer Zeit, als es Berufungen noch im Überfluss gab, die Krise der Priester- und Ordensberufungen voraussah, zu der es dann in der Nachkonzilszeit ja auch tatsächlich gekommen ist: Seit mehr als dreißig Jahren leidet die Kirche, vor allem in Ländern mit einer langen christlichen Tradition, unter einem chronischen Mangel an Priestern und Ordensleuten. Lassen Sie mich auch sagen, dass Papst Pius XII. schon 1950, mit dem Apostolischen Schreiben Menti nostrae, zwar nicht von der drohenden Berufungskrise sprach, aber unumwunden zugab, dass das Gebet keine Garantie für eine Blüte der Berufungen sei. Zu einer Zeit, in der sich Knaben- und Priesterseminare wie auch Ordenshäuser vor Anwärtern gar nicht retten konnten, beharrte der Papst – mit großem Realismus und geistiger Offenheit – auf der Notwendigkeit „besonderen Wert auf die Charakterbildung der jungen Kandidaten zu legen, ihnen Verantwortungsbewusstsein, Urteilsvermögen und Tatkraft zu vermitteln.“ Die für die Ausbildung Verantwortlichen forderte er auf, „nur selten auf Strafmaßnahmen zurückzugreifen und die strengen Erziehungsmaßnahmen der Jungen mit zunehmendem Alter zu lockern, damit diese lernen, selbstständig zu werden und eigenverantwortlich zu handeln.“ Er wollte auch, dass die Kandidaten für das Priesteramt oder das Ordensleben einen staatlichen Schulabschluss vorweisen konnten, damit sie im Falle einer ausgebliebenen Berufung nicht nur deshalb im Seminar blieben, weil sie nicht in die Lage kommen wollten, die das Lukasevangelium wie folgt beschreibt: „Fodere non valeo, mendicare erubesco“: „Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich“ (Lk 16, 3)25.
Wenn man auf diese Anweisungen gehört hätte, hätte der später eingetretene schmerzliche Berufungsnotstand vielleicht vermieden werden können26. Doch leider schenkte man ihnen so gut wie kein Gehör. Ich möchte mir auch die Anmerkung erlauben, dass dieses Dokument – das später stolze 48 der in dem Konzilsdekret Optatam totius enthaltenen Zitate über die Priesterausbildung stellen sollte – in einem Jahr erschien, das nicht nur wegen des Jubiläums und der Definition des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel erinnerungswürdig ist, sondern auch wegen einiger Ereignisse, die die Kirche in Osteuropa mitten ins Herz trafen: die Sowjetisierung läutete die „Kirche des Schweigens“ ein; Seminare und Ordenshäuser wurden geschlossen, ihr gesamtes Hab und Gut eingezogen; die unerbittliche Verfolgung der Geistlichen begann; der am 27. Dezember 1948 verhaftete Primas von Ungarn, Kardinal József Mindszenty, musste eine erbarmungslose Behandlung erdulden; ein ähnliches, noch erbarmungsloseres Schicksal ereilte den Erzbischof von Zagreb, Kardinal Alojzije Stepinac.
Obwohl im Westen der Optimismus über den in der Nachkriegszeit erfolgten Wiederaufbau überwog, erging 1952 aus Rom der – leider auch dieses Mal nicht ausreichend beachtete – Appell des Papstes um Erneuerung: Eine Sendung, die vom Zentrum der Kirche ausgehen und die ganze Kirche miteinbeziehen sollte.
Der große Papst ahnte auch schon, dass der zunehmende Laizismus, die immer mehr überhand nehmende Säkularisierung, der auf die Spitze getriebene Individualismus, der wachsende Hedonismus und der nun den Westen bedrohende Kommunismus auch die Kirche nicht verschonen würden.
Man darf auch nicht vergessen, dass Pius XII. erkannt hatte, wie wichtig die Massenmedien schon zu seiner Zeit waren, und dem auch entsprechend Rechnung trug. Und wenn man von der Vorsicht eines Pius XI. den Medien gegenüber (siehe Enzyklika Vigilanti cura, 29. Juni 1936) zu der befürwortenden und konstruktiven Haltung von Miranda prorsus (8. September 1957) übergehen konnte, das dem Konzilsdekret Inter mirifica den Weg ebnete, so war das vor allem dem Umstand zu verdanken, dass Pius XII. dem Gebrauch der Massenmedien – zum Zwecke der Evangelisierung – so große Bedeutung beimaß.
Die Radiobotschaften von Pius XII. erwiesen sich schon zu Beginn seines Pontifikats als Werkzeug seines universalen Lehramts, stellten in Kriegszeiten einen unermüdlichen Aufruf zum Frieden dar und leisteten dann später einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der modernen Demokratien. Und da damals noch keine Bischofssynoden abgehalten wurden, versteht es sich von selbst, dass diese Radiobotschaften für die Leitung der Kirche und den Dienst an der Einheit überaus wichtig waren.

Paul VI. mit dem Evangelienbuch beim II. Vaticanum.

Paul VI. mit dem Evangelienbuch beim II. Vaticanum.

Das Pontifikat eines Mannes Gottes
Es gibt da einen Faktor, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Aktivität, das Lehramt und den Dienst von Pius XII. zieht. Einen Faktor, der zeigt, warum er so nachdrücklich gegen die Irrtümer vorging, warum seine Liebe zu den Schwachen, den Verfolgten und Bedürftigen so grenzenlos war, und warum er den Problemen der modernen Gesellschaft so große Aufmerksamkeit schenkte: Das starke und zugleich quälende Bewusstsein um die geistliche Dimension seines Pontifikats.
Pius XII. muss nicht verteidigt werden: man muss ihn einfach nur kennen: Das Hauptmerkmal dieses Papstes war seine Heiligkeit.
Das würdevolle Auftreten Pius‘ XII. war der Spiegel seiner inneren und geistlichen Größe. Er war nicht nur ein großer Mann: Er war ein großer Mann Gottes.
Seine Verurteilung der Irrtümer, die Auslöser waren für politische und soziale Katastrophen, war von dem unwiderstehlichen Wunsch geleitet, auf die Gefahr des Atheismus aufmerksam zu machen. In der Überzeugung, dass es ohne Gott weder Freiheit noch Gerechtigkeit und Frieden geben kann. Am meisten schmerzte ihn an der Verfolgung, die die Kirche in der Sowjetunion und in den osteuropäischen Ländern erdulden musste, dass sie vom Atheismus inspiriert war. Wann immer er von Materialismus und Kommunismus sprach, tat er das im Zusammenhang mit dem Adjektiv atheistisch.
Ich möchte einen Umstand erwähnen, den ich für emblematisch halte. Immer wenn – besonders in der gehobenen Presse – von den auf Johannes XXIII. zurückgehenden Innovationen die Rede ist, wird vor allem die Unterscheidung genannt, die er zwischen Irrtum und Irrendem machte: Der Irrtum war zu verurteilen, der Irrende dagegen musste angenommen werden, auf Verständnis und Vergebung hoffen dürfen. Eine Einstellung, an der es natürlich nichts auszusetzen gibt. Doch auch schon 1952, als die Auseinandersetzung mit dem atheistischen Kommunismus ihren Höhepunkt erreicht hatte, veröffentlichte Pius XII. einen Hirtenbrief an das „geliebte Volk Russlands.“ Darin verwies er, bezugnehmend auf den atheistischen Kommunismus, mit der für ihn typischen Klarheit auf oben genannte Unterscheidung. In besagtem Brief heißt es: „Wie es das Bewusstsein um die Pflichten Unseres Amtes verlangt, haben Wir die Irrtümer verurteilt und zurückgewiesen, die die Befürworter des atheistischen Kommunismus begangen haben und um jeden Preis zu verbreiten suchten – zum großen Schaden der Bürger und mit dem Ergebnis der Spaltung. Was dagegen jene angeht, die diese Irrtümer begangen haben, die Wir entschieden zurückweisen, hegen Wir den brennenden Wunsch, dass besagte Personen zur Wahrheit und zum rechten Verhalten zurückfinden mögen“27.
Er war ein Mann Gottes, der sich vom Gebet nährte. Manchmal war er so vertieft in sein Gebet, dass er kein Rufen hörte, ja es nicht einmal bemerkte, wenn sich sein Kanarienvogel auf seine gefalteten Hände setzte und fröhlich zwitscherte. Diese Art zu beten zeichnete ihn schon in jungen Jahren aus, wie ein unparteiischer Zeuge wie Ernesto Buonaiuti bestätigen kann28.
Pius XII. war aber auch ein großer Asket. Der hochintelligente Mann hatte sich in den Jahren, in denen er überaus heikle, verantwortungsvolle Ämter bekleidete, ein fundiertes Wissen angeeignet. Sein inneres Gleichgewicht war zweifellos Frucht langer Lehrjahre.
Bei der Arbeit kannte Pius XII. keine Müdigkeit. Er hatte sich eine strenge Selbstdisziplin auferlegt, pflegte bis tief in die Nacht zu arbeiten. Seine Arbeitspausen waren Gebetspausen. Seine Askese zeigte sich in seiner Art zu sprechen, seinen Gesten, der Aufmerksamkeit, die er allem und allen zu widmen pflegte. Aber auch in dem Bedürfnis, in jedem Ereignis, jeder Situation, die Wahrheit zu erkennen, die es zu verteidigen und den Irrtum, den es zu bekämpfen galt.
Gereift war diese Selbstdisziplin in ihm mit der Entfaltung einer Integrität, die sich auch in seiner Seriosität und Sprachgewandtheit widerspiegelte. Jede Form von Ambiguität war ihm ein Gräuel.
Er war Asket, liebte die Buße im spirituellen und mystischen Sinne des Wortes.
Und er war Bischof, mit Leib und Seele. Sein Beichtvater, der Jesuiten-Pater Agostino Bea, der von Johannes XXIII. zum Kardinal kreiert wurde, schrieb: „Es wird wohl Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte dauern, bis man ermessen kann, welch großer Papst Pius‘ XII. war und welchen Einfluss er auf die Kirche, ja – sagen wir es ruhig – auf die Menschheitsgeschichte hatte“29. Eine sicherlich übertriebene Behauptung, was den Zeitrahmen angeht, aber doch auch eine klare Bekräftigung der Größe dieses Papstes, dessen Person und Werk eine wahre Fundgrube sind, reich an Schätzen natürlicher und übernatürlicher Art.
Pius XII. war ein hervorragender Bischof, der sich mit so bedeutenden Enzykliken wie Humani generis den Belangen der modernen Kultur öffnete und die turbulente Phase der Modernisten-Bewegung zu einem Abschluss brachte.
Dass er das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel definierte und der Marienfrömmigkeit neuen Aufschwung gab, war sein Ehrerweis an die Mariologie und die Marienverehrung.
Große Persönlichkeiten, die Pius XII. kennen gelernt haben, haben ihn mit Leo dem Großen, Gregor VII., und Leo XIII. verglichen. Sicher ist, dass er wie nur wenige dazu beigetragen hat, dem moralischen Prestige der Kirche, das nach der Französischen Revolution und dem Aufkommen der liberalen Regime des neunzehnten Jahrhunderts stark angeschlagen war, neuen Glanz zu verleihen.
Ich will hier auch nicht lange über Pius XII. – Mann der christlichen Nächstenliebe – sprechen, einer als Mitte und Stütze der Gerechtigkeit verstandenen Nächstenliebe. Ich möchte hier nur auf ein Buch – sicherlich nicht eines der bekanntesten – von Don Primo Mazzolari verweisen, der, wie einige (auch unter Pius XII.) meinten, Opfer von Missverständnissen und Feindseligkeiten wurde, die ihrer Vermutung nach vom Papst selbst ausgegangen waren30.
Don Mazzolari, der schon 1934 wegen seines Kommentars zum Gleichnis vom verlorenen Sohn, La grande avventura [Das große Abenteuer], vom Heiligen Offizium gerügt worden war, kam 1956 der Aufforderung von Msgr. Ferdinando Baldelli, Präsident des Päpstlichen Hilfswerks nach, das Wohltätigkeitswerk von Pius XII. zu beschreiben.
Pius XII. verkündet das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1. November 1950).

Pius XII. verkündet das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1. November 1950).

Das Buch La carità del Papa ist das vielleicht schönste Porträt Pius‘ XII., Papst der christlichen Nächstenliebe. Lassen Sie mich eine Stelle aus diesem Werk Don Mazzolaris zitieren: „Unsere Generation lebte eine Existenz, die ständig bedroht war. Und doch hat niemand so sehr wie wir die Gnade erfahren, miterleben zu dürfen, wie aus soviel Übel das mütterliche Erbarmen der Kirche erwuchs, so dass wir nun, während wir es hier erzählen, mit Johannes sagen können: ‚Was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens‘“31.
Zum letzten Mal bin ich Pius XII. am 6. Oktober 1958 begegnet, drei Tage vor seinem Tod. Trotz seines schlechten Gesundheitszustands hatte er darauf bestanden, zu den Teilnehmern des 10. Nationalkongresses der italienischen Gesellschaft für plastische Chirurgie zu sprechen. Mit einer fast schon modern zu nennenden Intuition bezeichnete er die plastische Chirurgie als „eine Wissenschaft und Kunst, die an sich dem Wohl der Menschheit dient“, den Beruf des Chirurgen als „einen Beruf, der wichtige ethische und psychologische Werte auf den Plan ruft“32. Und es waren wahrlich noch andere Zeiten als heute, wo der Gang zum Schönheitschirurgen fast schon Routine geworden ist!
1957 hatten Professor Luigi Gedda und ich dem Papst das Versprechen abringen können, ein Gebet für den Arzt zu schreiben. Dieses von Pius XII. handgeschriebene Gebet ist eine herrliche Verknüpfung der hippokratischen Ethik und der christlichen Lebensanschauung. Verlesen wurde es zum ersten Mal – von Padre Pio von Pietrelcina – in San Giovanni Rotondo zum Ausklang des 7. Nationalkongresses der katholischen Ärzte Italiens in Bari im Mai 1957.
Pius XII. war mehrmals, vor allem in den letzten fünf Jahren seines Pontifikats, so schwer krank, dass man um sein Leben bangte.
Zahlreich sind die Zeugnisse darüber, wie er sich auf seine Begegnung mit dem Herrn vorbereitete, nicht weniger zahlreich die Beispiele für den vorbildlichen Mut, mit dem er sein Leiden angenommen und erduldet hat.

Schlussbemerkung
Pius XII. wiederzuentdecken bedeutet nicht nur einen großen Papst wiederzuentdecken, der die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt hat, sondern einen Heiligen.
Der Jesuitenpater Burkhart Schneider, Mitherausgeber der Actes et Documents du Saint Siège relatifs à la seconde guerre mondiale, schloss seine Beschreibung Pius‘ XII. mit folgenden Worten: „Leben und Pontifikat von Pius XII. waren von einer tragischen Fatalität überschattet: der nämlich, dass er den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Schrecken nicht verhindern und auch nicht verkürzen konnte. Wer die bisher unbekannten direkten Quellen vorurteilslos studiert, wird zugeben müssen, dass Pius XII. nur das Beste wollte, alles in seiner Macht Stehende getan und all seine Kraft vollkommen in den Dienst der Kirche Christi und der Menschheit gestellt hat“33.


Anmerkungen
1 G. Siri, Pio XII a 25 anni dalla sua morte, Rom 1983, S. 10.
2 Vgl. Concilio Ecumenico Vaticano II. Costituzioni, decreti, dichiarazioni, Verlag „Edizioni Domenicane“, Alba 1996, „Indice del magistero pontificio“, SS. 608-609.
3 G. Caprile (Herausgeber), Concilio Vaticano II. Cronache del Concilio Vaticano II edite da La Civiltà Cattolica“. L’annuncio e la preparazione, 1959-1962, Bd. I, Teil I, 1959-1960, S. 15.
4 Ebd., S. 15, Anm. 1: „Nach Erhalt der entsprechenden Genehmigungen konnten wir zahlreiche Dokumente aus erster Hand einsehen, die im Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre aufliegen.“
5 L’Osservatore Romano, 19. März 1979, S. 1.
6 Ebd., SS. 30-32.
7 In den vielen Referaten und Ansprachen, die beim Welttreffen (Loreto, 9.-11. November 1995) über „Gaudium et spes. Bilancio di un trentennio“ gehalten wurden und denen dann sogar eine eigene Ausgabe der Zeitschrift des Päpstlichen Rates für die Laien, Laici oggi (Nr. 29, 1996, SS. 1-289), gewidmet wurde, findet sich kein Zitat aus diesem unter Pius XII. vorbereiteten Dokument, das nur ein einziges Mal flüchtig erwähnt wird (S. 228).
8 Pius XII., Discorsi ai medici, hrsg. von Fiorenzo Angelini, Orizzonte Medico, Rom 1961.
9 Carta degli Operatori sanitari, hrsg. vom Päpstlichen Rat für die Pastoral im Krankendienst, Rom 1994.
10 Ein Beispiel von vielen. Als Antwort auf die ihm von der italienischen Gesellschaft für Anästhesiologie unterbreitete Frage erklärte er die Verabreichung von Betäubungsmitteln, die die unerträglichen Schmerzen krebskranker oder unheilbar kranker Patienten lindern, am 28. Februar 1957 – die Position der Kirche darlegend – für legitim, auch wenn diese Betäubungsmittel das Leben dieser Patienten verkürzen können; vorausgesetzt allerdings, dass kein direkter Kausalzusammenhang besteht zwischen dem Betäubungsmittel und der Verkürzung des Lebens. Mit dieser Lehre erahnte der große Papst bereits die Entstehung des Problems der Euthanasie (vgl. Discorsi ai medici, zit., SS. 571-581).
11 Enzyklika Humani generis (12. August 1950), in Acta Apostolicae Sedis 42 (1950).
12 G. Siri, Pio XII a 25 anni dalla sua morte, zit., S. 10.
13 Vgl. F. Storchi, I documenti di Pio XII sull’ordine sociale, Ave, Rom 1944, S. 142.
14 „Es kommt nicht selten vor, dass der katholische Arbeiter, der keine solide religiöse Bildung genossen hat, hilflos ist, wenn ihm falsche Ideen über den Menschen und über die Welt, über die Geschichte, die Struktur der Gesellschaft und der Wirtschaft vorgeschlagen werden. Er kann dem nichts entgegnen, ja lässt sich manchmal sogar vom Gift des Irrtums anstecken. Die ACLI muss daher darauf bedacht sein, diese Bildung stets zu verbessern, in der ihr eigenen Überzeugung, auf diese Weise jenes Apostolat des Arbeiters unter Arbeitern zu erfüllen, das sich Unser Vorgänger Pius XI. seligen Angedenkens in seiner Enzyklika Quadragesimo anno erhofft hat“ (in I. Giordani [Herausgeber], Le encicliche sociali dei papi, Studium, Rom 1956, S. 1041).
15 Vgl. F. Angelini, La mia strada, Rizzoli, Mailand 2004, SS. 159-160.
16 Vgl. A. Bozuffi, Gli uomini hanno trent’anni, Editrice Domani, Rom 1952, SS. 243-244.
17 Zitiert nach Visión cristiana de la Revolución en América Latina, Centro Bellarmino, Santiago de Chile 1963, Sonderausgabe der Zeitschrift Mensaje, 115, 1963, S. 29.
18 Vgl. I. Giordani (Herausgeber), Le encicliche sociali dei papi, Studium, Rom 1960.
19 Enzyklika Divino afflante Spiritu (30. September 1943), in Acta Apostolicae Sedis 35 (1943).
20 Enzyklika Mystici Corporis (29. Juni 1943), in Acta Apostolicae Sedis 35 (1943).
21 A. Bea, L’unione dei cristiani, Rom 1962, S. 203.
22 Vgl. L’Osservatore Romano, 22. Mai 2002, Beilage.
23 Ebd.: „1952 berief der Papst die Präsidenten der regionalen italienischen Bischofskonferenzen ein. Diese Entscheidung von 1952 stellte eine Wende dar. Es war ein ganz besonderes Jahr. Im Februar 1952 machte Pater Lombardi für ‚eine bessere Welt‘ mobil: Das Wiedererwachen der Katholiken sollte von der Verpflichtung begleitet sein, die Kirche kompakter und präsenter zu machen. Pater Lombardi kritisierte die Fragmentierung der Initiativen und Institutionen und trug sich schon 1948 mit dem Gedanken einer Versammlung der italienischen Bischöfe. Pius XII. stimmte der Analyse des Jesuiten zwar nicht in allen Punkten zu, war aber besorgt über die Ausdauer, die die katholische Welt – vor allem nach dem 18. April 1948 – bei der Konfrontation mit dem linken Flügel des Landes und in Rom an den Tag legte (1952 war das Jahr der sogenannten ‚Operazione Sturzo‘). Er war deshalb auch umso empfänglicher für die Idee Pater Lombardis, der eine Reform der Aktivität der Bischöfe und der Diözese vorschlug. 1952, mit der ‚besseren Welt‘, hoffte Pius XII. auf ein ‚starkes Wiedererwachen‘, aber auch eine ‚kluge Strukturierung‘ und einen ‚vernünftigen Einsatz‘ der katholischen Kräfte. In diesem Klima kam es zur ersten Versammlung der CEI-Präsidenten in Florenz unter Vorsitz von Kardinal Schuster, dem Dienstältesten unter den Kardinälen. Die Bischöfe waren dort – wie Msgr. Urbani schreibt, Assistent der Katholischen Aktion und Sekretär der Versammlung – gerufen, vom ‚christlichen Leben‘, vom Weltklerus, vom Ordensklerus und von den Laiengläubigen zu sprechen. Ausgegangen war die Initiative dieser Begegnung von Kardinal E. Ruffini aus Palermo, Leiter einer überaus aktiven regionalen Versammlung. Der Kardinal hatte mit dem Papst darüber gesprochen: ‚... Warum eigentlich nicht? In Ordnung. In anderen Ländern macht man es ja auch!‘, hatte Pius XII. gesagt. Kardinal Siri hieß die Idee gut. Den Zweck der Versammlung erklärte Ruffini wie folgt: ‚Die Wünsche aller Bischöfe zu hören; in gewissen Punkten zu einer Einigung zu kommen; dem Papst die Beschlüsse zu unterbreiten. Die er ganz einfach nicht ignorieren kann. Wir sind bereit, zu gehorchen. Eine gute Gelegenheit für Initiativen, für Reformen‘. Das war der Zweck der ersten und aller nachfolgenden Versammlungen. Die Bischöfe, die nicht über eine rein beratende Funktion hinausgehen wollen, zögern. Als man ein Jahr später über die Eventualität eines gemeinsamen Schreibens des Episkopats diskutiert, ist Ruffini dagegen: ‚Ein Dokument des italienischen Episkopats ohne die Unterschrift seines Primas wäre ein unvollständiger Akt...‘. Die Situation in Italien ist – wie er bekräftigt – eine besondere. Die Bischöfe hier haben noch nie eine vom Hl. Stuhl getrennte Aktivität ausgeübt. Siri ist dafür, ebenso Lercaro und Roncalli. Die Anfangsjahre zeigen eines ganz deutlich: der Hl. Stuhl ist es, der die Notwendigkeit verspürt, den Bischöfen größere Verantwortung zu übertragen. Der vorrangigste Aspekt ist vielleicht die interne Konsultation des Episkopats. Der erste öffentliche Akt, der Brief vom 2. Februar 1954 zum Marianischen Jahr, trägt die Unterschrift der Präsidenten der regionalen Bischofskonferenzen. Die Unterschrift des Papstes fehlt. Die Unterzeichner bekräftigen, im Namen aller italienischen Bischöfe zu sprechen.“
24 Das Dokument wurde am 23. September 1950 veröffentlicht (Vgl. Acta Apostolicae Sedis 42 [1950], SS. 617-702).
25 Ebd., „Norme pratiche“.
26 Vgl. E. Colagiovanni, Crisi vere e false nel ruolo del prete, Città Nuova, Rom 1973, SS. 133ff.
27 „Utique errores – quod officii Nostri conscientia postulat – damnavimus atque reiecimus, quod athei comunismi fautores praedicant, ac summo cum civium damno summaque iactura propagare enituntur: sed errantes, nedum respuamus, ad veritatem ad frugemque bonam redire cupimus“ (Apostolisches Schreiben Carissimis Russiae populis, 7. Juli 1952, in Acta Apostolicae Sedis 44 [1952], SS. 505-511).
28 Ernesto Buonaiuti schreibt in Erinnerung an den Tag seiner Primiz-Messe in der Chiesa Nuova in Rom (19. Dezember 1903): „An eben diesem Altar des hl. Philipp hatte vor noch nicht allzu langer Zeit ein römischer Priester seine Primiz-Messe zelebriert, der ebenfalls bei der Chiesa Nuova wohnte, dem ich unter den Gewölben dieser Kirche oft begegnet bin und den ich wegen seiner tiefen Frömmigkeit bewunderte: der Priester Eugenio Pacelli“ (in Pellegrino di Roma. La generazione dell’esodo, Laterza, Bari 1964, S. 46).
29 Ebd., S. 395.
30 P. Mazzolari, La carità del papa. Pio XII e la ricostruzione dell’Italia (1943-1953), Edizioni Paoline, Cinisello Balsamo 1991.
31 Ebd., S. 134.
32 Pius XII., Ansprache an die Ärzte, zit., S. 717.
33 B. Schneider, Pio XII. Pace, opera della giustizia, Edizioni Paoline, Rom 1984, SS. 104-105.


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