Die Rosen von Kampala
In den Elendsvierteln der Hauptstadt Ugandas hat eine Gruppe AIDS-infizierter Frauen wieder Hoffnung. Die Geschichte von Rose und ihren Freundinnen.
von Gianni Valente

Hier lebt auch Agnes mit ihren Kindern. Mit einem spitzen Hammer zerschlägt sie die großen Steine, die ihr Mann aus dem Fels gehauen hat, um sie als Kies oder Schotter an die Baufirmen zu verkaufen. Normalerweise wird die Stille dieser trostlosen Gegend tagsüber nur von den Hammerschlägen der Frauen und Kinder unterbrochen, die auf den Boden gekauert für wenige Cent am Tag Steine zerschlagen – kaum genug zum Überleben. Wenn man Agnes fragt, wie es ihr geht, sagt sie mit schwacher Stimme, dass es von Tag zu Tag schlechter steht, dass die Nahrungsmittel immer teurer werden, die Steine dagegen nicht. Heute jedoch sind vom Weg, der zum Dorf hinaufführt, andere Töne zu vernehmen: ein Chor von freudigen Rufen, herzhaftem Lachen, rhythmischen Liedern. Und dann biegt die laute, fröhliche Prozession auch schon in den Steinbruch ein. Dutzende von Frauen mit selbstgemachten Trommeln beginnen zu tanzen und zu singen. Hier in diesem menschlichen Ameisenhaufen unter der brennenden Äquatorsonne. Und plötzlich lässt sich selbst Agnes von der Fröhlichkeit um sie herum anstecken: sie legt den Hammer nieder, fegt alle trüben Gedanken hinweg und beginnt ausgelassen zu tanzen. Als Massimo sie fotografiert, bricht sie in ein herzhaftes Lachen aus – bis ihr einfällt, dass ihr die Schneidezähne fehlen!
Die kleine Gruppe dieser singenden und tanzenden Frauen könnte wie eine Fata Morgana anmuten, die von wer weiß woher gekommen ist. Doch hier kennt jeder jeden: da sind Alali, Janet, Agnes, und all die anderen Frauen des „Meeting Point International“. Sie wohnen in den auf dem Hügel verteilten Hütten aus Schlamm, Ziegel und Wellblech. Und sie haben nicht nur die Armut gemeinsam, sondern auch die Tatsache, dass sie alle AIDS-infiziert sind. Der Großteil dieser Frauen war bis aufs Skelett abgemagert, ein jämmerliches Häufchen Elend von oft nur 30 Kilo – Schatten ihrer selbst, die in den Straßen und Müllhalden nach Nahrung suchten, von Infektionen gemarterte Körper, dazu verdammt, in irgendeinem stinkenden Winkel zusammengekauert und von niemandem beachtet ihr Leben auszuhauchen. Bis sie kam – „Auntie Rose“ – und die Finsternis, die sich auf das Leben dieser Frauen herabgesenkt hat, für immer vertrieb. Rose aber winkt nur ab: sie meint nicht, irgendetwas Besonderes getan zu haben.

Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie alle geheilt. Deshalb hat sie sich ja auch zur Krankenschwester und Hebamme ausbilden lassen: um die zu pflegen, die leiden, um Geburtshilfe zu leisten. Doch ihr nobles Anliegen wurde ihr wahrlich nicht leicht gemacht. „Die Kranken ließen sich gehen, weigerten sich, ihre Medikamente einzunehmen. Die Kinder, die ich retten wollte, indem ich sie zur Schule schickte, wollten sich nicht aus ihrer Melancholie reißen lassen, schienen sich nur dafür zu interessieren, sich im Schmutz zu wälzen. Zu allem Überfluss wurde ich an meinem ersten Tag im Krankenhaus auch noch ohnmächtig: ich konnte kein Blut sehen.“ Was für eine Blamage! Sie war gekommen, um die Kranken und Todgeweihten zu pflegen, und dann war sie auf einmal selbst pflegebedürftig, brauchte Ermutigung und Aufheiterung. Und da schlug ihr auf einmal eine unerwartete Welle von Zärtlichkeit entgegen. Wie damals, als sie Don Giussani aufgesucht hatte, ihren guten Freund. „Als ich zu ihm ging,“ erinnert sich Rose, „schien er schon auf mich gewartet zu haben. Ich hatte ihm eigentlich von meinen Problemen erzählen wollen. Doch schon bei seinem Anblick fielen alle düsteren Gedanken von mir ab, und am Ende sagte ich gar nichts.“ „‚Denk nur,‘ hat Don Gius einmal zu mir gesagt, ‚auch wenn du der einzige Mensch im Universum wärst, wäre Gott gekommen, um für dich zu sterben! Allein für dich! ‘. Was Comunione e liberazione war, kümmerte mich wenig. Dass Gott aber etwas annimmt und rettet, das ein Nichts ist; dass Gott auch allein für mich auf die Erde gekommen sein soll, ist etwas, das mich jedes Mal rührt, wenn ich daran denke. Als ich sein Büro verließ, ging ich wie auf Wolken. Immer wieder sagte ich mir: aber wenn mich ein menschliches Wesen – mit all seinen Grenzen, wie auch ich sie habe – so gern hat, wie gern muss mich dann erst Gott haben! Und während ich so an Gott dachte, stellte ich mir vor, mit ihm zu spielen, mit ihm zu scherzen, wie man es mit einem Großvater tut, dem man Zöpfe in den langen Bart flicht. Die anderen sagten, ich wäre unreif. Bei einem unserer Treffen sagte ich zu ihm: ‚Gius, meine Freunde sagen, dass ich einen unreifen Glauben habe.‘ Da stand er ruckartig auf, als wolle er jemandem eine Ohrfeige versetzen, und donnerte: ‚Wer war das! Sag mir, wer das sagt! Wenn sie sagen, dass du unreif bist, dann heißt das, dass sie kompliziert sind‘!“.
Auch für Rose hat nach jener Episode im Krankenhaus ein neuer Abschnitt begonnen. Unvorhersehbar wie eine neue Gnade. Wie der Himmel vom Kampala: es regnet immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

In dem Haus von Kitintare haben die größeren Kinder, die in der Mittelstufe, heute ihr Jahreszeugnis erhalten. Niemand ist sitzengeblieben. Rose geht von einem zum anderen, was ihr die kleinen Helden mit glücklich strahlenden Augen, nicht ohne einen Anflug von Stolz, danken. Als unter ihren Patienten das große Sterben begann („anfangs eine wahre Katastrophe, vier oder fünf Tote pro Woche!“) blieben ihre Kinder – darunter auch viele Neugeborene – verwaist zurück. Rose wusste nicht mehr weiter. „Am Anfang richtete sich mein Zorn auch gegen Jesus. ‚Du verbirgst dich zu sehr‘, sagte ich ihm, ‚deshalb glauben dir die Leute auch nicht. Und dann schickst du mir auch noch all diese Kinder, wo ich ihnen doch nicht einmal zu essen geben kann, was soll ich nur mit ihnen anfangen?‘.“ Inzwischen ist das zweistöckige neue Haus fertig und die Zimmer füllen sich mit Stockbetten. Finanziert von den Fonds, die – man höre und staune – die Regierung Zapatero zur Verfügung gestellt hat. Auch in Kireka wurde inzwischen der Baugrund für eine Kinderkrippe und eine kleine Schule für die Kinder von Roses Patienten von einem Amateurpolitiker ihres Viertels gespendet. „Er hat gesehen, was wir hier bewirkt haben, das ist alles. Auch im Namen Jesu kann man Geschäfte machen. Man kann auch Böses tun, indem man den Namen Jesu benutzt. Aber man kann auch ganz unbewusst etwas tun, wenn man einfach nur instinktiv seinem Herzen folgt. Das wird dann vom Herrn angenommen, und es wird eine ganz große Sache, obwohl man es ohne einen bestimmten Grund getan hat.“ Heute sind es in Kitintare die Kinder, die sie annehmen. Die kleinsten – einschließlich des eben erst dazu gekommenen neugeborenen Mädchens – sind inzwischen dreißig. Da ist Brigitte. Und Gloria. Eines der Kinder haben sie Luigi Giussani genannt, ein anderes heißt Carron. Den 1232969356640">

Auch in Uganda ist der HIV-Virus nur eine der vielen Geißeln, die unter diesen einfachen, lebenslustigen Menschen Tod und Schmerz säen. Menschen, die ohnehin schon geplagt sind von Armut und Krankheit, Krieg und Massakern, korrupten Politikern und der Angst vor bösen Geistern. Wie andere Teile Afrikas ist auch Kampala ein beliebtes Ziel für die vielen modernen Scharlatane, die ihre ethisch-spirituellen Wundermittel gegen die Übel der Zeit feilbieten wollen. Die, die mit Wundern handeln, sind schon seit geraumer Zeit hier: die Pfingstsekten haben in den Slums ihre miracle centres und ihre victory churches aufgemacht, wo sich die Prediger aus Übersee – mit den Erwartungen und der Angst der Armen spekulierend – zu postmodernen Hexenmeistern aufschwingen. Für sie ist auch das Paradies lediglich eine Frage der Methode. Man muss nur die richtige Technik haben, die Zauberformel kennen, um Gott die Wunder „herauszupressen“. Vielleicht, indem man sich in Athleten des Leidens, Rekordhalter der Opferbereitschaft verwandelt.
Rose sieht das nicht so. Das Gute wird nicht vom Schmerz hervorgebracht. „Für die Gebildeten sind wir primitive Afrikaner. Aber das menschliche Herz ersehnt nicht den Tod. Auch Jesus hatte Angst. Er hat gesagt: Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Wer leidet, kann an nichts anderes denken, als daran, wie er vom Schmerz befreit werden kann. Dass ihm jemand die Medizin gibt, die ihm Heilung bringt. Schmerz und Tod sind gegen uns.“ Und dann sollte man die Dinge Gottes ja auch nicht erzwingen wollen. Sie kommen ganz von allein. Wie die Sonnenuntergänge, die sie dann und wann mit ihren Freundinnen betrachten geht, von einem Hügel an der Straße nach Entebbe aus: „Sie dauern nicht lange, aber sie sind wunderschön. Der Himmel hat auf einmal alle Farben.“ Oder wie die abruzzesischen Lieder, die sie von ihren italienischen Freunden gehört hat, und die ihr so gut gefallen haben, dass sie nun auch die Kinder ihrer Patienten singen: So’ sajutu aju Gran Sassu, so’ remastu ammutulitu, me parea che passu passu se sajesse a j’infinitu… [Ich bin den Gran Sasso emporgestiegen, alles war so still, und auf einmal schien mir, als stiege ich Schritt für Schritt dem Unendlichen entgegen]. „Jetzt singen sie sie auch für die Frauen, die im Steinbruch arbeiten,“ erzählt Rose. „Und die legen dann den Hammer beiseite, um diesen schönen italienischen Liedern zu lauschen.“ Wie die Guaraní der Jesuitenmissionen Südamerikas, die die lateinischen Lieder gesungen haben. Da muss man nichts erklären. „Weil schöne Dinge um ihrer selbst willen beeindrucken. Sie brauchen keine Übersetzer. Das Geheimnis spricht eine Sprache, die wir alle verstehen.“
Der Chor stimmt ein anderes englisches Lied an: „Ich komme nicht voran,“ singen Roses junge Freunde, „wenn du mich nicht bei der Hand nimmst. Der Berg ist zu hoch, das Tal so tief.“ Als William gestorben ist, war er noch ein Junge. Die Krankheit hatten ihm seine Eltern vererbt. Kurz vor seinem Tod hatte er nur einen Wunsch. Er bat Rose, seine Hand zu halten, wenn seine letzte Stunde gekommen wäre. Er wollte nicht das Schicksal seines Vaters teilen, der allein gestorben war. „Es hat mich immer sehr beeindruckt,“ sagt Rose, „dass Jesus der Mutter, die untröstlich war über den Tod ihres einzigen Sohnes, nichts anderes zu sagen wusste als: ‚Frau, weine nicht!‘. Diese Reaktion schien in diesem Moment fast schon eine Grenze seiner Allmacht zu sein. Und dabei war er es, der als erster gerührt war. Gott lässt sich von uns rühren, schmilzt mehr dahin als der liebste Vater.“ Vielleicht hat auch das mit dem Umstand zu tun, dass Roses Freundinnen irgendwann den Wunsch verspürt haben, ein anderes Logo auf die T-shirts des Meeting Point drucken zu lassen. „Ich hatte mich für den Ikarus von Matisse entschieden. Ich erklärte ihnen, wer er war, was der kleine rote Punkt bedeutet, den der Maler an die Stelle seines Herzens gemalt hatte.“ Die Sehnsucht nach dem Unendlichen, der brennende Wunsch, der Sonne entgegen zu fliegen… „Aber meine Patienten haben mir gesagt, dass sie nicht wie Ikarus wären, nicht schreiend und ins Leere fallend sterben würden wie er. Sie hatten beobachtet, dass Waisenkinder auch beim Spielen immer ein wenig schüchtern sind, weniger frei und phantasievoll als Kinder, die Vater und Mutter haben. Und das konnte ich nur bestätigen. Ich habe sie gefragt, welches Bild sie vorschlügen, und sie antworteten: wir wollen Petrus und Johannes, die zum Grab des auferstandenen Christus laufen.“

Dass Gott von ihnen gerührt ist, lässt sich auch daraus erahnen, wie sehr sich die Frauen des Meeting Point von den Kindern anrühren lassen, die keine Eltern mehr haben. Rose erzählt, dass „die Leute in Kireka nie sagen: wir haben selbst nichts zu essen, wie sollen wir da anderen helfen? Wenn ein Kind verwaist ist, streiten sie sich fast darum, es zu sich nehmen zu dürfen!“. Auch in Naguru, auf der Wiese mit der Holzhütte gleich bei der Kirche „Judas Thaddäus“, wo sich die anderen Patienten des Meeting Point treffen, wird Bescheidenheit groß geschrieben. Hier will niemand den anderen belehren, über alles erhaben sein. Den Gästen aus Rom („Mein lieber Freund Don Giacomo hat sie geschickt,“ sagt Rose den anderen) legen alle – auch die vielen Musliminnen und Animistinnen der Gemeinschaft – ans Herz, den Papst zu grüßen, wenn sie wieder nach Hause fahren. Sie danken Rose für die grundlegenden und konkreten Dinge: die antiretroviralen Medikamente, die ihnen im Ambulatorium gegeben werden; das Netz von Fernadoptionen, das sie mit den Freunden vom AVSI auf die Beine gestellt hat, um den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen; die Mikrokredite, dank derer viele von ihnen kleine Läden aufmachen oder Werkzeug für ihre Werkstätten kaufen konnten. Manche sammeln das auf der Straße herumliegende Papier, schneiden es in lange, dünne Streifen, die sie um eine Nadel rollen – und mit ein bisschen Leim und Farbe werden daraus wunderschöne Ketten, die dank guter Freunde inzwischen sogar in die luxuriösen Boutiquen von Mailand gelangt sind. Dann ist da noch Agnes, die sich wieder aufs Kleidernähen verlegt hat. Oder Dorina, die mit ihren drei Kindern vor dem Krieg im Norden flüchtete und sich noch gut erinnern kann, dass sie wilde Kräuter und Abfälle essen mussten, die sie im Müll fanden. Heute jedoch fehlt es ihr wahrlich nicht an Essen und Trinken, und das sieht man auch... Und Vicky, die Schöne, sagt ohne jeden Anflug von Wut oder Stolz: „Habt ihr noch nie ein Wunder gesehen? Dann schaut mich an! Ich war tot, und bin wieder am Leben!“. Und das ist auch der Grund, warum sie, wenn sie alle zusammen sind, so ausgelassen tanzen und singen, einander necken wie übermütige Teenager. Es ist ihre afrikanische Art und Weise, zu feiern und dafür zu danken, sich mit gutem Leben „angesteckt“ zu haben, einem geheilten Leben, einem Leben, das sie wieder aufblühen ließ. In ihren improvisiert gespielten Szenen machen sie sich über den Tod lustig, der sie schon in den Klauen hatte. Sie organisieren auch spannende Fußballmatches und sehen auch selbst gern dabei zu. Die Hütte der ehemaligen Todgeweihten ist auch für jene zu einem beliebten Treffpunkt geworden, die nach einem anstrengenden Arbeitstag an einem Ort Freude tanken wollen, wo das Leben schön ist.
Die Zahl der Patienten und Kinder, um die sich Rose und ihre Freunde vom „Meeting Point International“ kümmern, beläuft sich auf mehr als 4.000. Alle sind ihr dankbar, aber Rose sagt, dass es hier „keinen Chef“ gibt. Und dass die Dinge auch ohne sie laufen würden. Ja, am liebsten würde sie den ganzen Tag den Geschichten dieser Menschen hier lauschen, ihnen zusehen, wie sie einander in den Hütten von Kireka helfen und Trost spenden, ohne sich den Kopf zu zerbrechen, mit Frieden im Herzen. Kurzum: inzwischen sind sie es, die sich nicht unterkriegen lassen, und Rose dagegen diejenige, die sich tragen, an der Hand nehmen lässt. Wie heißt es noch in diesem Lied, das die Jungen und Mädchen hier immer singen? „Schau den Himmel an, der so vielversprechend ist. Auch wenn uns der Verräter hasst, dürfen wie hoffen, nach Hause zu gelangen. Schau dir dieses Land voller Schmerz an: wir weinen, aber wir sind stark, weil Jesus aufersteht und uns in sein Haus bringen wird.“ „Was mich betrifft,“ sagt Rose über sich, „krieche ich auf allen Vieren, wie es kleine Kinder tun. Auch heute bin ich wie gestern, nein, schlimmer. Dass aber Gott trotzdem kommt, mich auffängt und mich rettet, dass er wegen mir kommt, die ich ein Nichts bin, ist etwas, das mich zum Weinen bringt. Ich habe dir nichts zu geben. Aber bediene dich trotzdem.“